Ein Teil der Büchergestelle, die an den Wänden seines orangegelben und
blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich
lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne
gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen »Dekadenten« abgethan
werden.
War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit,
welche die Gelehrten hartnäckig als das grosse Jahrhundert zu bezeichnen
belieben, in der That wenig dazu angethan, ihn zu reizen. Jene lackierte
Sprache mit ihren berechneten, fast unveränderlichen Wendungen, ohne
irgend eine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne
Unterscheidungen. Jene an allen Nähten abgetragene, von holperigen
Ausdrücken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag
allenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinplätze
amtlicher Perrückenstöcke und Laureat-Poeten auszudrücken, erzeugt aber
eine solche Langeweile, dass man sich beim Studium ihres Stils fast ins
grosse Jahrhundert des französischen Sonnengottes -- Ludwigs XIV. --
versetzt wähnen dürfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und
Entmannung begegnet.
Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfüchse gern den Schwan
von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt
geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und
unausstehlich langweiligsten Schwätzer vor, den jemals das Altertum
erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten
Schäfer, die sich der Reihe nach ganze Töpfe voll gezierter, eiskalter
Verse über den Kopf schütten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit
einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein
jammernder Bienenzüchter, während sein Aeneas, eine überaus verwaschene
schmächtige Persönlichkeit, die mit steifen Gebärden wie ein
Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und öligen Gedichte
umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natürlich ausser sich.
Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Coulissen
austauschen, würde er wie die unverschämten Entlehnungen, welche bei
Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem
Plagiat, das uns Makrobius als fast wörtliche Abschrift eines Gedichtes
von Pisander nachweist, -- kurz, all die unaussprechliche Leere seiner
als klassisch geltenden Gesänge noch allenfalls ruhig hingenommen haben.
Wobei ihn aber wirklich die Gänsehaut überlief, das waren seine
sechsfüssigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend.
Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen,
phantasiearm, einförmig, vollgestopft mit unnützen Wörtern und
Lückenbüssern, eine Anhäufung feststehender Wendungen und dem Homer
sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schliesslich nichts bezeichnen
und nichts zeigen -- dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter
Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter.
Es muss noch hinzugefügt werden, dass, wenn seine Bewunderung für Virgil
schon mehr als mässig war, der offene Unflat des Ovid noch geringere
Anziehungskraft für ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die
ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwätz des Horaz, jenes trostlosen
Tölpels, der sich mit übertüncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr
als grenzenlos war.
Auch Ciceros und Cäsars berühmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu
begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine
Armut des Gedächtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit.
Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den
Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in
den Himmel gehoben wurden, wie bei den übrigen allen: Sallust, der
weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und
schwülstig; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und
fiebernd; Tacitus, der nervöseste, obgleich in seiner Kürze der
schärfste und der muskulöseste von Allen.
In der Poesie liessen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten
und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen
Zuflüsterungen völlig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und
Plinius, Statius und Martial gern überging, vermochte ihm Terenz und
selbst Plautus, deren Kauderwälsch von neugebildeten Wörtern und
zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die
niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an.
Herzog Jean fing erst beim Lucan an sich für die lateinische Sprache zu
interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine
sorgfältig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten
Verse fesselten ihn; aber diese ausschliessliche Pflege der leidigen
Form, dieser Klang hellschreiender Töne, dieser metallische Glanz
verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollene und
Aufgeblasene.
Der Schriftsteller aber, welchen er wirklich gern hatte und der ihn für
immer vom Lesen der tönenden Schriften eines Lucan entfernte, war
Petronius.
Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker,
ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefasste Meinung und ohne Hass
beschreibt er das tägliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als
munterer satirischer Erzähler.
Er zeichnet Thatsachen im richtigen Licht und Verhältnis, er stellt sie
in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthüllt das Kleinleben des
Volkes, seine Erlebnisse, seine Rohheiten wie sein sinnliches Treiben.
Hier ist es ein Inspektor, der im Hôtel garni die Namen der kürzlich
angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufene Häuser,
in denen Männer um nackte Weiber herumschleichen, während man durch die
schlecht schliessenden Thüren der Kammern den Belustigungen der Paare
zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen
Pracht übermütigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren
durchwühlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der
Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem
unverhofften Fund; alte Knabenschänder im aufgeschürzten Kleide mit
weiss und rot bemalten Backen; sechzehnjährige Liederlinge, feist mit
gekräuseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anfälle
werden; Erbschaftsjäger, die ihre Knaben und Mädchen den Ausschweifungen
der Erblasser überliefern -- alle diese Typen folgen einander auf der
Strasse streitend, die Bäder besuchend, sich krumm und lahm schlagend,
wie solches wohl in einer Pantomime zu geschehen pflegt.
Und dies mit einer Frische erzählt, in schönstem Kolorit und kräftigem
Stil aller Mundarten, die Ausdrücke allen in Rom untergegangenen
Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten grossen
Jahrhunderts überschreitend. Er lässt jeden seinen Jargon reden: die
Freigelassenen und jeglicher Bildung baren das Pöbellatein und gemeine
Kauderwälsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit
Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummköpfe, wie
jenen Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben.
Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um
einen Tisch, tauschen den abgestandenen Ideenbrei Trunkener aus und
überbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundsätze und
alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der
sich in den Zähnen stochert, über die Gesundheit seines Innern und seine
Blähungen spricht, indem er die Gäste einladet, es sich bequem zu machen
und sich ja keinen Zwang anzuthun.
Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des römischen
Lebens geschnittene Stück, ohne ängstliche Sorge, wie man darüber
urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte
noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrigue, fast ohne Handlung, welche
dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltener Feinheit die
Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprächtiger Sprache malt,
ohne dass der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt --
sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils,
in der Schärfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine
eigentümliche Ähnlichkeit mit den wenigen modernen französischen
Romanen, die er erträglich fand.
Ernstlich bedauerte er, »Eustion« und »Albutia« nicht zu besitzen, jene
beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der
Bücherliebhaber in ihm tröstete den Gelehrten, besass er doch die
prächtige Ausgabe in Oktav des »Satyricon« mit der Jahresziffer 1585 und
dem Drucker J. Dousa, Leyden.
Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung über, zu dem schwülstigen
Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nächten des Aulus Gellius,
seinem Schüler und Freund, den er ebenfalls überging, um Halt zu machen
bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte,
gedruckt zu Rom 1469.
Dieser Afrikaner machte ihm Vergnügen. Die lateinische Sprache zeigte
sich in seinen »Metamorphosen« in ihrem vollen Glanze.
Er öffnete nur noch selten Tertullians »Schutzrede der Christen« und die
»Abhandlung über die Geduld«; höchstens las er einige Seiten aus »De
cultu feminarum«, worin Tertullian die Frauen rügt, die sich mit
Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen und ihnen den Gebrauch von
Schönheitsmitteln verbietet, weil sie zu täuschen versuchen, indem sie
die Natur zu verbessern und zu verschönern sich bemühen.
Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn
lächeln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischöflichen Residenz
Karthago spielte, schien ihn zu süssen Träumereien zu verleiten; mehr
als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an.
Hatte er doch während der aufrührerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von
schrecklichen Aufständen unter Caracalla, unter Macrin, unter dem
sonderbaren Hohenpriester Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen
Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszüge aus den Homilien der
Kirchenväter er verfasste, während das Kaiserreich in all seinen Fugen
krachte. Mit grösster Kaltblütigkeit lehrt er die fleischliche
Enthaltsamkeit, Genügsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung,
während zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand
herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache päpstliche Krone trug, seine
Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich
mit weiblichen Handarbeiten beschäftigte, sich Kaiserin nennen liess und
jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Köchen und
Zirkusleuten auswählte, wechselte.
Dieser Gegensatz entzückte den Herzog; denn die lateinische Litteratur,
unter Petronius zur höchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulösen. Die
christliche Litteratur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie
gebrauchte Ausdrücke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte
Zeit- und Eigenschaftswörter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte
Begriffe, die in der römischen Sprache selten angewendet und von denen
Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte.
Alles was nach dem Tode Tertullians von seinen Schülern, dem heiligen
Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfasst wurde, war
ohne Reiz für ihn. Jene unvollkommene schwerfällige Mache war ein
linkischer Rückschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte
jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener
Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des
Wildprets verliehen hatte, der aber mit der Civilisation der alten Welt
gleichzeitig aufhörte.
Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek
die Kunst des dritten Jahrhunderts.
Das »Carmen apologeticum«, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung
von Sprüchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind
und schon an das Kirchenlatein späterer Zeiten erinnern.
Seine überspannt dunklen Verse, voll von Ausdrücken der Tagessprache,
von Wörtern ursprünglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als
der reife gesättigte Stil der Geschichtsschreiber: Ammianus Marcellinus
und Aurelian Victor, der berühmte Briefschreiber Symmachus und der
Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich
skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie
Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen.
Waren jene doch damals die Meister der Kunst. Sie erfüllten das
untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit
seinem Cento nuptialis und seiner üppigen Dichtung von der Mosella;
Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden
und Mönche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es
ihm gelingt, bestimmte Eindrücke des Gesehenen gut wiederzugeben:
Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel,
schwere Wolken, die um die Berge brauen.
Endlich im fünften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen
kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehenste
Schriftsteller der Kirche, der Gründer der christlichen Orthodoxie, der
den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen.
Diesen öffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen
»Bekenntnissen« den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen
und in seiner »Gottesstadt« versucht hatte, das entsetzliche Elend des
Jahrhunderts durch Vertröstung auf eine bessere Zukunft zu besänftigen.
Die zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts war gekommen, die
entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stösse die Erde
erschütterten.
Die Barbaren verwüsteten Gallien; Rom, der Plünderung der Westgoten
preisgegeben, fühlte sein Leben erstarren, sah seine äussersten Grenzen,
den Occident und den Orient, sich im Blute wälzend von Tag zu Tag mehr
erschöpfen und dem Untergange verfallen.
In dieser allgemeinen Auflösung, diesem Meuchelmorde der Cäsaren, welche
rasch aufeinander folgten, in diesem Lärm bluttriefenden Gemetzels,
welches sich von einem Ende Europas zum andern wälzte, ertönte ein
fürchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum
Schweigen brachte.
An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Männern auf kleinen
Pferden, eingehüllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheussliche
Tartaren mit enormen Köpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und
Narben entstellt, bartlose, citronengelbe Gesichter stürzten sich
vorwärts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen
Wirbelwind einhüllend und niederreissend.
Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch
von Feuerbrünsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestürzten
Völker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem
Getöse des Donners vorübersausen hörten. Jene Hunnenherde machte
Ost-Europa dem Erdboden gleich, stürzte sich auf Gallien, wo sie in den
Ebenen von Châlons durch den römischen General Aetius niedergeworfen und
im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut überschwemmten Wiesen kräuselten
sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg
und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die
wie mit Donnerschlägen in Italien einfiel, wo die zerstörten Städte
gleich Heuschobern brannten.
Das weströmische Reich brach unter dem Stoss zusammen; sein mit dem Tode
ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hinschleppte, erlosch; es
schien überdies das Ende der Welt nahe; die Städte, welche von Attila
vergessen, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein
schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken.
Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an sich zu regeln und
wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das während der allgemeinen
Zerrüttung in die Klöster geflüchtet war, verblieb dort, wie in den
Pfarrhäusern; hier und da erstanden einige Poeten frostig und träge: der
Afrikaner Dracontius mit seinem »Hexameron«; Claudius Mamertius mit
seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie
Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzählt, jenes
scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biederen und umsichtigen
Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des
heiligen Severinus wieder vor Augen führt, diesen geheimnisvollen
Einsiedler und demütigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und
Schmerz wahnsinnigen Völkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien;
Schriftsteller wie Veranius du Gévaudan, der eine kleine Abhandlung über
die Enthaltsamkeit verfasste; wie Aurelian und Ferreolus, die die
kirchlichen Satzungen zusammengestellt; Geschichtsschreiber wie
Rotherius, berühmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen
ist.
Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des
Herzogs Jean spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch
Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Boëthius, den alten Gregor von
Tours, und Jornandes vertreten.
Wenig entzückt von der Schwerfälligkeit der karolingischen Lateiner, wie
Eginhart und Alcuin, begnügte er sich als Sprachprobe des neunten
Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf
und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfasst
von Abbo le Courbé, mit dem »Hortulus«, mit der Dichtung von Ermold le
Noir, die Thaten Ludwigs des Frommen preisend, und einigen nicht zu
klassificierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der
Geheimlehre, der Arzeneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bänden der
Kirchenväterkunde von Migne, welche nirgends mehr zu findende
christliche Poesieen enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen
lateinischen Poeten von Wernsdorff.
Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hörte seine lateinische
Bibliothek auf.
Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfältig gesammelt hatte, waren
hiermit erschöpft, und mit einem jähen Sprunge über Jahrhunderte hinweg
leiteten seine Bücher direkt zu der französischen Sprache des jetzigen
Jahrhunderts über.