Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die
stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte.
Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verbleiben
und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen.
Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung
endlich den Tapezierern überlassen konnte. --
Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen liess, hatte er ein
Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner
geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt
von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Wiederschein
des bauschigen Stoffes noch zarter färbte.
Jenes Gemach, dessen grosse Spiegel sich beständig reflektierten und so
eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der
galanten Welt sehr berühmt gewesen; denn es machte ihnen grosses
Vergnügen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch
den starken Duft der Möbel einzuatmen.
So hatte er unter anderem aus Hass und Verachtung seiner Kindheit unter
dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Käfig aufgehängt, in dem ein
kleines Heimchen zirpte, wie er's oft in der Asche der hohen Kamine im
Schlosse Lourps gehört, während jener langen stillen Abende, die er bei
seiner Mutter zubringen musste; und die Erinnerung daran, wie an das
Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor
ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, welches er liebkoste, und dessen
Geschwätz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn plötzlich in die
Wirklichkeit versetzte, -- in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein
Kampf in seiner Seele, ein Bedürfnis, alle die erlittenen Trübsale
zu rächen, eine Wut, durch schändliche Gemeinheiten die
Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen
auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der
sinnlichen Verirrungen auszukosten.
Dann wieder einmal, wenn der Spleen ihn packte und wenn bei nassem
Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trüben
wolkenschweren Himmel draussen ihn erfasste, dann flüchtete er sich an
das verborgene Plätzchen, bewegte leise den Käfig und beobachtete, wie
derselbe sich rings herum unzählige Male wiederspiegelte, bis es seinen
trunkenen Augen endlich vorkam, als ob der Käfig sich nicht mehr
bewegte, dass aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in
einem sanften rosa Walzer.
Ein anderes Mal, als Jean des Esseintes sich wieder durch seine
Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Möblement nach seltsamem
Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von
Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander
vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von
freundlichen und düstern, von zarten und krassen Farben. Dann liess er
sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit
der Eigenart des Werkes, welches er gerade las, zu harmonieren schien.
Schliesslich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er
seine Lieferanten empfing. Sie mussten sich nebeneinander in eine Art
von Kirchenstühlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der
herab er ihnen eine Predigt über die Eitelkeit und das Geckentum der
Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider
feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem päpstlichen Schreiben
hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniären
Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem väterlichen
Ermahnungsschreiben und seinen Encykliken gegebenen Anweisungen
buchstäblich zur Ausführung brächten.
So erlangte er bald den Ruf eines höchst excentrischen Menschen, den er
dadurch zu krönen suchte, dass er sich Anzüge aus weissem Sammt
anfertigen liess; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der
Krawatte einfach einen grossen Veilchenstrauss in den weiten Ausschnitt
seines Hemdes steckte. Dann gab er den Litteraten oft grossartige
Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten
Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Missgeschick, das ihm
zugestossen, klassisch zu feiern.
Der Esssaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er führte nach dem völlig
umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem
Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete
Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefüllt, die Gebüsche bildeten
Fichten und Cypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch
serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkörbe, mit Veilchen und Skabiosen
gefüllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grünliche Flammen, und
Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares
Orchester spielte Trauermärsche, und die Gäste wurden von nackten
Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strümpfen aus
Silbergewebe, die mit glänzenden Kügelchen besäet waren, bedient.
Man ass von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrötensuppe, russisches
Schwarzbrot, reife türkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Süden von
Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildpret in schwarzer Sauce, so
schwarz als wär's Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trüffelpurée,
Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze
Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunklen
Gläsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peñas
und Porto und labte sich schliesslich nach dem Kaffee mit Nussschnaps,
Kwas, Porter und Stout.
Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem
Trauerrand geschrieben. -- --
Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er früher seinen Ruhm
suchte, hatten sich erschöpft.
Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindischen Albernheiten und
veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen
Ausschmückungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein
bequemes Heim zu seinem persönlichen Vergnügen zu schaffen und nicht das
Staunen anderer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige,
wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich für seine künftige
einsame Lebensweise am besten eignen sollte.
* * * * *
Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schliesslich hergestellt
und nach seinen Wünschen und Plänen eingerichtet war, und als ihm nur
noch die innere Ausschmückung zu erledigen übrig blieb, da stellten sich
ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg.
Das was er wollte, waren nämlich Farben, welche beim Lampenlichte Stich
hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschön, war ihm gleich, da er die
Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, dass man dann erst
ganz allein sei, und der Geist erst wirklich bei der näheren Berührung
der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse
Befriedigung darin, sich ganz allein in einem grossen, hell erleuchteten
Raume aufzuhalten, während alles um ihn herum wie ausgestorben war.
Sorgfältig überlegend wählte er die Farben.
Blau wird bei Licht ein ungewisses Grün; und wenn es Kobalt oder
Indigoblau ist, so wird es schwarz aussehen; ist es hell, so verändert
es sich in grau, und ist es blau wie der Türkis, so nimmt es eine trübe
eisige Färbung an, es sei denn, dass man es mit einer anderen Farbe
mischt; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andererseits
nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Färbung an;
Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges
Weiss; Braun wirkt trübe und erkaltend; und was Dunkelgrün, Kaisergrün
und Olivengrün anbelangt, so hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau
und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blassgrüneren
Farben, wie Pfauengrün, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt
das Licht das Blau und lässt das Gelb hervortreten, welches wieder einen
unnatürlich verschwommenen Ton annimmt.
Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu
nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den
Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmöglich war ebenfalls Veilchenblau,
da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends
hervortritt, doch was für ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm
ausserdem überflüssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn
wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese
Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden.
Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch
drei übrig: Orangegelb, Citronengelb und Rot.
Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die
Wahrheit einer Theorie bestätigte, welche er im Übrigen für
mathematische Richtigkeit erklärte: nämlich, dass eine Harmonie zwischen
der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Künstler ist, und der
Farbe existiert, welche sein Auge besonders lebhaft sieht.
Wenn man die grosse Menge beiseite lässt, deren grobe Netzhaut weder die
eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz
ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls
die Bürger-Philister beiseite lässt, welche unempfänglich für die Pracht
und den Sieg der starken kräftigen Nuancen sind, und um sich nur auf
diejenigen zu beschränken, deren Augen durch Litteratur und Kunst
verfeinert sind, so erscheint es zweifellos, dass das Auge desjenigen,
der Ideales träumt und der Illusionen bedarf, gewöhnlich eine Vorliebe
für Blau und dessen Abstufungen, sowie für die lila und perlgraue Farbe
habe, vorausgesetzt, dass diese Nuancen weich und verschwommen bleiben
und nicht die Grenze überschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und
scharfes Grau übergehen.
Diejenigen aber, die frei und ungebunden leben, kräftige Sanguiniker,
starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden
Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschläge des Zinnobers
und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen.
Die geschwächten und nervösen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit
nach Speisen sucht, welche scharf gewürzt sind, -- die Augen dieser
hektischen, überreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft
aufregende Farbe mit täuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem
Wechsel: das Orangegelb.
Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen würde, liess also kaum Zweifel
zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot
und Gelb sich bei Lichte glänzend bewährten, so geschieht das nicht
immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschärft und
verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot.
Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und
entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den
Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese
Vorkehrungen beendet waren, bemühte er sich, so viel es eben möglich
war, für sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu
vermeiden, die prahlend und gewöhnlich geworden sind, seit Parvenüs sie
sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht
verschaffen können.
Nach reiflicher Überlegung entschloss er sich dazu, die Wände wie seine
Bücher mit Saffian-Leder mit breitgedrückten Narben oder mit satiniertem
Kap-Leder bekleiden zu lassen.
Als das Getäfel derartig geschmückt war, liess er die Leisten und
Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen,
so, wie sie die Wagenbauer für das Äussere der Wagen verwenden; und der
etwas gewölbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, öffnete
sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem
Leder: ein kreisförmiges Himmelszelt von königsblauer Seide, in dessen
Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flügeln schwebten.
Er hatte richtig kalkuliert: Das Getäfel veränderte sein Blau nicht, es
wurde gehalten und erwärmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe
hielt, unterstützt und belebt durch den kräftigen Zug der blauen Farben.
Was die Möbel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse Mühe,
da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Büchern und seltenen Blumen
bestehen sollte; er begnügte sich damit, an den Wänden Bücher- und
Fachschränke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich für später
vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenräume mit einigen Bildern und
Zeichnungen zu schmücken. Dann liess er den getäfelten Fussboden mit
Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nähe eines grossen massiven
Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnstühle und
ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken
Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf
dem jetzt einer der schweren Folianten des ¤Glossarium mediae et infimae
latinitatis¤ von dem Gerichtsschreiber du Cange stand.
Die Fenster, mit Scheiben aus bläulichen Flaschenböden von rissigem
Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen
nur ein gedämpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorhängen
aus alten Messgewändern verhängt, deren dunkles, fast rauchiges Gold
sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor.
Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls
aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war,
zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils,
welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar
schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von ausserordentlicher
Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in
entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung
versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit
dem Titel »der Tod der Verliebten«, »der Feind« -- und in der Mitte in
Prosa: »¤Any where out of the world¤«.