Jo Calone war tatkräftig und ausdauernd. Er hatte nun einmal den
Entschluß gefaßt, den Mustang zu fangen, und als er ahnte, daß andere
ihm den Rang abzulaufen suchten, machte er sich daran, einen bisher
unversuchten guten Plan auszuführen – den Plan, durch den der
Präriewolf den schnelleren Feldhasen fängt und der berittene Indianer
die bei weitem flinkere Antilope: den alten Plan der Stafettenjagd.
Der kanadische Fluß im Süden, sein Seitenfluß, der Arroya, im Nordosten
und die Don Carlos-Hügel mit dem Utebachtale im Westen bilden ein
sechzig Meilen weites Dreieck, das die Gefilde des Paßgängers umfaßte.
Man wußte, daß er die Grenzen niemals überschritt, und die Weiden an
der Antilopenquelle waren stets sein Hauptquartier. Jo aber kannte
jedes Wasserloch und alle Quertäler ebensogut wie der Paßgänger.
[Illustration]
Zwanzig Pferde und fünf tüchtige Reiter hatte er zusammengebracht.
Die Rosse, seit zwei Wochen mit kräftigem Hafer gefüttert, wurden
vorausgesandt. Jedermann wußte genau, welche Rolle er bei der Jagd
zu spielen hatte, und am Tage vor dem Beginn des Rennens war jeder
auf seinem Posten. Am Morgen des ereignisvollen Tages erschien Jo mit
seinem Wagen auf der Ebene an der Antilopenquelle, schlug in einer
kleinen Niederung sein Lager auf und wartete.
Endlich kam er, der kohlschwarze Hengst, vom Süden herauf, allein wie
jetzt immer, schritt ruhig nach der Quelle hinunter und trank.
Im Augenblick, als er den Kopf erhob und sich umwendete, spornte Jo
seinen Renner. Der Paßgänger hörte das Klappern der Hufe, sah das Pferd
auf sich zugaloppieren, und da er nicht den Wunsch hatte, es näher zu
betrachten, trabte er davon. Quer über die Ebene mit der Nase nach
Süden nahm er seinen Weg, und sein wunderbarer Paßgang wurde länger und
länger. In den Sanddünen gewann er beträchtlich an Vorsprung, denn Jos
beladenes Pferd sank bis über die Fessel in den losen Sand.
Aber vorwärts, immer vorwärts ging es, und Jo sparte weder Sporen noch
Peitsche. Eine Meile – und noch eine Meile – und eine dritte Meile
und in der Ferne tauchten die Felsenspitzen des Arriba auf.
[Illustration: Immer vorwärts im Trab!]
Jo wußte, daß dort frische Pferde seiner warteten, und er trieb
seinen Renner mitleidslos vorwärts, aber die nachtschwarze Mähne, die
im Winde vor ihm herflatterte, rückte weiter und weiter von ihm fort.
Endlich war das Arriba-Tal erreicht. Der dort wartende Posten
versteckte sich, um nicht vom Paßgänger gesehen zu werden und damit dem
Rennen eine andere Richtung zu geben, und der Hengst sauste vorüber.
In mächtigen Sätzen kam Jo auf seinem schaumbedeckten Renner
hinterdrein, sprang auf das bereitgehaltene Roß und zwang es mit Sporen
und Peitsche zur rasenden Verfolgung, aber er gewann nicht einen Zoll.
Ga–lopp, ga–lopp, ga–lopp sauste der Renner in mächtigen Sätzen
dahin, die Stunden verrannen, frische Reiter auf frischen Rossen lösten
Jo ab, aber alles erfolglos. –
[Illustration]
Carrington, der jüngste unter den Hirten, hatte seine Mähre durch allzu
hitziges Galoppieren beim Beginn der Verfolgung verdorben, und als die
Hetze nun durch Kaktussträucher und über die Erdlöcher von Präriehunden
hinwegging, wurde das nervöse Tier aufgeregt, trat fehl, stürzte und
brach das Genick.
Carrington kam mit dem Leben davon, aber das Gerippe des Ponys liegt
heute noch dort, und der schwarze Hengst trabte davon.
Es war nahe der Stelle, wo Jo selbst, erholt und auf einem frischen
Rosse, wartete, und binnen dreißig Minuten war er wieder auf der
Verfolgung des Paßgängers.
[Illustration]
Jetzt begann der wildeste und anstrengendste Teil des Rennens. Jo,
grausam und unerbittlich gegen den Mustang, war noch mitleidloser
gegen sein Roß und gegen sich selbst. Die Sonne brannte glühend heiß.
Über der ausgedorrten Ebene flimmerte die heiße, drückende Luft, die
von keinem Hauch bewegt wurde. Augen und Lippen waren verbrannt von
Sand und Salz, aber das verzweifelte Rennen nahm seinen Fortgang. Die
einzige Aussicht zu gewinnen war für Jo, wenn er den Mustang zurück
nach dem Arroyo treiben konnte. Seit dem Beginn der Jagd konnte er
an dem Schwarzen jetzt zum ersten Male Anzeichen von Müdigkeit und
Schwäche bemerken. Mähne und Schweif waren gesenkt, und die halbe Meile
Entfernung zwischen Jo und ihm war auf die Hälfte herabgesunken. Aber
noch ging es vorwärts, im Trabe, immer im Trabe. Stunde auf Stunde
verrann, und die Nacht zog herauf, als sie die Arroyo-Furt erreichten.
Jo hatte gehofft, der schaumbedeckte Hengst würde trinken, aber er
war zu klug dazu. Er steckte nur die Nase ins Wasser, platschte durch
die Flut und trabte vorwärts mit dem Verfolger hinter sich. Dann
verschwanden sie in der Dunkelheit.
Am Morgen kam Jo nach dem Lager zurück – zu Fuß. Er hatte nicht viel
zu berichten: Acht Pferde gestürzt, fünf Mann zu Tode ermattet und der
Paßgänger in Sicherheit und frei.
»Für Menschen ist er unerreichbar, und es tut mir nur leid, daß ich ihm
nicht eine Kugel in die Teufelsknochen gejagt habe,« sagte Jo und gab
die Jagd auf.