V.

Jo Calone war tatkräftig und ausdauernd. Er hatte nun einmal den

Entschluß gefaßt, den Mustang zu fangen, und als er ahnte, daß andere

ihm den Rang abzulaufen suchten, machte er sich daran, einen bisher

unversuchten guten Plan auszuführen – den Plan, durch den der

Präriewolf den schnelleren Feldhasen fängt und der berittene Indianer

die bei weitem flinkere Antilope: den alten Plan der Stafettenjagd.

Der kanadische Fluß im Süden, sein Seitenfluß, der Arroya, im Nordosten

und die Don Carlos-Hügel mit dem Utebachtale im Westen bilden ein

sechzig Meilen weites Dreieck, das die Gefilde des Paßgängers umfaßte.

Man wußte, daß er die Grenzen niemals überschritt, und die Weiden an

der Antilopenquelle waren stets sein Hauptquartier. Jo aber kannte

jedes Wasserloch und alle Quertäler ebensogut wie der Paßgänger.

[Illustration]

Zwanzig Pferde und fünf tüchtige Reiter hatte er zusammengebracht.

Die Rosse, seit zwei Wochen mit kräftigem Hafer gefüttert, wurden

vorausgesandt. Jedermann wußte genau, welche Rolle er bei der Jagd

zu spielen hatte, und am Tage vor dem Beginn des Rennens war jeder

auf seinem Posten. Am Morgen des ereignisvollen Tages erschien Jo mit

seinem Wagen auf der Ebene an der Antilopenquelle, schlug in einer

kleinen Niederung sein Lager auf und wartete.

Endlich kam er, der kohlschwarze Hengst, vom Süden herauf, allein wie

jetzt immer, schritt ruhig nach der Quelle hinunter und trank.

Im Augenblick, als er den Kopf erhob und sich umwendete, spornte Jo

seinen Renner. Der Paßgänger hörte das Klappern der Hufe, sah das Pferd

auf sich zugaloppieren, und da er nicht den Wunsch hatte, es näher zu

betrachten, trabte er davon. Quer über die Ebene mit der Nase nach

Süden nahm er seinen Weg, und sein wunderbarer Paßgang wurde länger und

länger. In den Sanddünen gewann er beträchtlich an Vorsprung, denn Jos

beladenes Pferd sank bis über die Fessel in den losen Sand.

Aber vorwärts, immer vorwärts ging es, und Jo sparte weder Sporen noch

Peitsche. Eine Meile – und noch eine Meile – und eine dritte Meile

und in der Ferne tauchten die Felsenspitzen des Arriba auf.

[Illustration: Immer vorwärts im Trab!]

Jo wußte, daß dort frische Pferde seiner warteten, und er trieb

seinen Renner mitleidslos vorwärts, aber die nachtschwarze Mähne, die

im Winde vor ihm herflatterte, rückte weiter und weiter von ihm fort.

Endlich war das Arriba-Tal erreicht. Der dort wartende Posten

versteckte sich, um nicht vom Paßgänger gesehen zu werden und damit dem

Rennen eine andere Richtung zu geben, und der Hengst sauste vorüber.

In mächtigen Sätzen kam Jo auf seinem schaumbedeckten Renner

hinterdrein, sprang auf das bereitgehaltene Roß und zwang es mit Sporen

und Peitsche zur rasenden Verfolgung, aber er gewann nicht einen Zoll.

Ga–lopp, ga–lopp, ga–lopp sauste der Renner in mächtigen Sätzen

dahin, die Stunden verrannen, frische Reiter auf frischen Rossen lösten

Jo ab, aber alles erfolglos. –

[Illustration]

Carrington, der jüngste unter den Hirten, hatte seine Mähre durch allzu

hitziges Galoppieren beim Beginn der Verfolgung verdorben, und als die

Hetze nun durch Kaktussträucher und über die Erdlöcher von Präriehunden

hinwegging, wurde das nervöse Tier aufgeregt, trat fehl, stürzte und

brach das Genick.

Carrington kam mit dem Leben davon, aber das Gerippe des Ponys liegt

heute noch dort, und der schwarze Hengst trabte davon.

Es war nahe der Stelle, wo Jo selbst, erholt und auf einem frischen

Rosse, wartete, und binnen dreißig Minuten war er wieder auf der

Verfolgung des Paßgängers.

[Illustration]

Jetzt begann der wildeste und anstrengendste Teil des Rennens. Jo,

grausam und unerbittlich gegen den Mustang, war noch mitleidloser

gegen sein Roß und gegen sich selbst. Die Sonne brannte glühend heiß.

Über der ausgedorrten Ebene flimmerte die heiße, drückende Luft, die

von keinem Hauch bewegt wurde. Augen und Lippen waren verbrannt von

Sand und Salz, aber das verzweifelte Rennen nahm seinen Fortgang. Die

einzige Aussicht zu gewinnen war für Jo, wenn er den Mustang zurück

nach dem Arroyo treiben konnte. Seit dem Beginn der Jagd konnte er

an dem Schwarzen jetzt zum ersten Male Anzeichen von Müdigkeit und

Schwäche bemerken. Mähne und Schweif waren gesenkt, und die halbe Meile

Entfernung zwischen Jo und ihm war auf die Hälfte herabgesunken. Aber

noch ging es vorwärts, im Trabe, immer im Trabe. Stunde auf Stunde

verrann, und die Nacht zog herauf, als sie die Arroyo-Furt erreichten.

Jo hatte gehofft, der schaumbedeckte Hengst würde trinken, aber er

war zu klug dazu. Er steckte nur die Nase ins Wasser, platschte durch

die Flut und trabte vorwärts mit dem Verfolger hinter sich. Dann

verschwanden sie in der Dunkelheit.

Am Morgen kam Jo nach dem Lager zurück – zu Fuß. Er hatte nicht viel

zu berichten: Acht Pferde gestürzt, fünf Mann zu Tode ermattet und der

Paßgänger in Sicherheit und frei.

»Für Menschen ist er unerreichbar, und es tut mir nur leid, daß ich ihm

nicht eine Kugel in die Teufelsknochen gejagt habe,« sagte Jo und gab

die Jagd auf.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 73 / 96 题