Truthahnspur war auch auf dieser Expedition Koch. Er hatte die Hetze
mit mehr Teilnahme beobachtet, als irgendein anderer, und als sie
mißlang, schmunzelte er in seinen Topf und sagte: »Dieser Mustang ist
mein, oder Thomas Bates ist ein großer Dummkopf!«
Die unausgesetzte Verfolgung hatte den Paßgänger wilder gemacht als
zuvor, aber sie hatte ihn dennoch nicht von der Antilopenquelle
weggetrieben. Es war die einzige Tränke, die einem Feinde auch nicht
das kleinste Versteck bot, und hierher kam er jeden Tag um die
Mittagszeit und näherte sich, nachdem er vorsichtig umhergespäht hatte,
um zu trinken.
[Illustration]
Seit der Gefangennahme seines Harems hatte der schwarze Hengst ein
einsames Dasein geführt, und auf diese Tatsache gründete Truthahnspur
einen neuen Plan. Des alten Kochs Freund hatte eine kleine, hübsche
braune Stute, und mit deren Hilfe hoffte er sein Ziel zu erreichen. Er
nahm ein paar der stärksten Fußfesseln, einen Spaten, einen kräftigen
Lasso und einen dicken Pfahl, bestieg die Stute und ritt nach der
bekannten Quelle.
Ein paar schnellfüßige Antilopen sprangen vor ihm über die Ebene; das
Vieh lag in Gruppen umher, und der laute, süße Gesang der Feldlerche
erscholl aus der blauen Luft, denn der Winter war davongezogen und
hatte dem Frühling Platz gemacht. Das Gras grünte, und die ganze Natur
trieb und sproßte.
Tom prüfte den Wind und untersuchte die Gegend. Die Grube, die er einst
gegraben hatte, war mit Wasser angefüllt, obenauf schwammen ein paar
tote Feldmäuse, und daneben war der neue Pfad, den die Tiere jetzt zur
Quelle nehmen mußten. Truthahnspur begann seine Vorbereitungen. Zuerst
versenkte er den Pfosten fest in den Erdboden, grub dann ein Loch,
tief genug, um sich darin verstecken zu können, und breitete seine
Decke darin aus. Die kleine Stute band er kurz an, so daß sie sich kaum
bewegen konnte, legte den offenen Lasso dahinter auf den Erdboden,
befestigte dessen langes Ende am Pfosten und bedeckte die Leine mit
Erde und Gras. Darauf kroch er in sein Versteck.
[Illustration]
Ungefähr um die Mittagsstunde wurde das sehnsüchtige Wiehern der Stute
weit in der Ferne beantwortet, und der berühmte Mustang tauchte als
schwarzer Schattenriß im Westen auf.
[Illustration]
Langsam trabte er näher, aber argwöhnisch gemacht durch die hartnäckige
Verfolgung, hielt er öfter an, sah sich vorsichtig um, wieherte und
erhielt eine Antwort, die sein männliches Herz erzittern ließ. Wieder
kam er näher, trabte im weiten Bogen um die Stelle und schien im
Zweifel. Sein Schutzengel flüsterte: »Geh nicht weiter!«, aber die
braune Stute rief wieder. Seine Kreise wurden enger, er wieherte noch
einmal und erhielt wieder eine Antwort, die ihn alle Vorsicht vergessen
ließ.
[Illustration]
Noch ein paar Schritte, und er hielt vor der Stute, berührte liebkosend
ihre Nase und machte einige Freudensprünge um sie herum. Dabei standen
seine Hinterhufe einen Augenblick inmitten der tückischen Schlinge. Ein
kurzer, scharfer Ruck, die Schleife schloß sich und – er war gefangen.
Ein entsetzliches Stöhnen entrang sich seiner mächtigen Brust, und
ein Satz in die Luft gab Tom Gelegenheit, auch um die Vorderfüße
eine Wurfleine zu schleudern, die Schlinge zog sich zu und band
schlangengleich die gewaltigen Hufe.
Schreck und Entsetzen liehen dem Mustang für einen Augenblick doppelte
Kraft, aber das Ende des Lassos war erreicht, und er stürzte zu Boden,
ein hoffnungsloser Gefangener. Toms kleine, häßliche, verwachsene
Gestalt sprang aus dem Versteck hervor, um die Unterwerfung zu
vollenden. Die strotzende, urwüchsige Kraft dieses herrlichen Wesens
hatte sich als nichts erwiesen gegen die Schlauheit eines kleinen,
alten Mannes.
Tom stand vor seinem Opfer, beobachtete es, und ein fremdartiges Gefühl
kam über den alten Hirten. Er zitterte aufgeregt am ganzen Körper,
wie er es nicht getan seit dem Tage, als er seinen ersten Stier fing,
und eine Weile konnte er nichts tun, als seinen zitternden Gefangenen
anzustarren. Aber bald hatte er das Gefühl überwunden. Er sattelte die
Stute, schlang dem Hengst eine Leine um den Hals und befestigte die
Fußfesseln. Schnell war alles geschehen, und Tom war schon dabei, die
Reise anzutreten, als ihn ein plötzlicher Gedanke halten ließ. Etwas
ungemein Wichtiges hatte er vergessen. Nach dem Gesetz des Westens war
der Mustang Eigentum des Mannes, der ihm als erster sein Brandzeichen
aufdrückte, und wie war dies ohne ein Brandzeichen auszuführen?
Tom ging nach der Stute hinüber, hob ihr abwechselnd die Hufe und
untersuchte die Eisen. Richtig, das eine war etwas locker. Er zerrte
und riß, half mit dem Spaten nach und bekam es los. Dürres Schilf gab
es eine Menge, und ein Feuer war schnell angezündet. Bald war eine
Hälfte des Hufeisens rotglühend, und Tom drückte mit roher Hand auf
die linke Schulter des Mustangs eine Truthahnspur, sein Brandzeichen,
tatsächlich das erstemal, daß es angewendet wurde. Der Paßgänger
erbebte, als das glühende Eisen zischend in sein glänzendes Fell
drang, aber es war bald geschehen, und das edle Tier war schimpflich
gebrandmarkt für immer.
Das einzige, was noch zu tun übrigblieb, war, ihn heimzubringen. Die
Leinen wurden etwas gelöst. Der Mustang fühlte sich frei und sprang
auf die Füße, stürzte aber sofort wieder nieder, als er auszuschreiten
versuchte. Die Vorderfüße blieben gefesselt. Die einzig mögliche
Gangart war ein schleppender Schritt oder ein verzweifeltes Bäumen,
und jedesmal, wenn er versuchte, davonzurennen, stürzte er hilflos
zu Boden. Tom auf seinem leichten Pony trieb den schäumenden, wilden
Gefangenen vor sich her in der Richtung nordwärts, nach den Pinavetitos
zu. Es war ein langer, grausamer Kampf. Wutschnaubend versuchte der
Hengst, mit unsinnigen Sätzen zu entfliehen. Seine glänzenden Flanken
dick mit Schaum bedeckt und der Schaum gerötet von Blut. Jedoch sein
Meister, kühl und unbarmherzig, zwang ihn vorwärts. Die Senkung ins
Tal hinab waren sie gezogen, jeder Schritt ein Kampf, und nun standen
sie vor der einzigen Stelle, wo sie das Tal kreuzen konnten, der
nördlichsten Grenze der angestammten Gefilde des Paßgängers.
[Illustration]
Das erste Farmhaus war in Sicht. Tom atmete erleichtert auf, aber
der Mustang sammelte seine letzte Kraft und nahm einen verzweifelten
Anlauf. Aufwärts, immer aufwärts sprang er, ungeachtet der schleppenden
Leine und der Schüsse, die Tom in die Luft feuerte, um seine Richtung
zu ändern. Aufwärts, immer aufwärts, auf die steile Klippe sprang er,
machte einen wahnsinnigen Satz ins Leere, stürzte hinab – zweihundert
Fuß in die Tiefe – und schlug auf die schroffen Felsen auf –
zerschmettert – aber frei! –
Nachwort an den Leser.
Diese Erzählungen sind _wahr_. – Obwohl ich die geschichtliche
Wahrheit an manchen Stellen umgangen habe: die Tiere in diesem
Buch haben alle wirklich gelebt. Ihr Leben floß dahin, wie ich es
geschildert habe, und sie bewiesen Persönlichkeit und Heldengröße weit
nachdrücklicher, als es meine schwache Feder wiederzugeben imstande war.
Ich glaube, daß die Naturwissenschaft durch die allgemeine Behandlung,
wie sie gewöhnlich üblich, viel verloren hat. Eine zehn Seiten lange
Abhandlung über die Gewohnheiten und das Leben der Menschen gewährt
wenig Befriedigung; es ist viel wertvoller, diesen Raum dem Leben
_eines_ großen Mannes zu widmen. Unter dem Einfluß dieses Grundsatzes
sind die folgenden Geschichten entstanden. Ich habe die Persönlichkeit
des Einzelwesens und seine Lebensanschauungen den einfachen
Erzählungen zugrunde gelegt und nicht die Gewohnheiten einer Familie
im allgemeinen, gesehen durch das abwägende, feindselige Auge des
Menschen.
Man könnte mir vorwerfen, ich hätte diesen Grundsatz nicht
durchgeführt, da ich oft verschiedene Charaktere in einen vereinigt
habe. Dies machte sich jedoch infolge der oft mangelhaften Berichte
über sie nötig. Trotzdem bin ich in den Lebensgeschichten Lobos, Bingos
und des Paßgängers auch nicht einen Zoll von der Wahrheit abgewichen.
Lobo führte sein wildes, romantisches Räuberleben, dessen sich die
Ansiedler noch gut erinnern, von 1889 bis 1894 am Currumpaw, und
endete, genau wie berichtet, am 31. Januar 1894.
Bingo war mein Hund von 1882 bis 1888, trotz längerer Unterbrechungen
unseres Zusammenlebens durch größere Reisen. Und mein alter Freund, der
Besitzer von Tan, wird aus diesem Buche erfahren, wer tatsächlich der
Mörder seines treuen Hundes war.
Der Mustang lebte nicht weit von Lobos Gefilden, anfangs der neunziger
Jahre. Seine Geschichte ist genau so wiedergegeben, wie sie verlief,
nur über das Ende sind die Meinungen geteilt, denn einige behaupten,
der Mustang habe das Genick gebrochen, als man ihn gefangen auf eine
Farm brachte. Tom Truthahnspur weilt im Jenseits, kann also die
Streitfrage nicht mehr schlichten.
Wullys Lebensgeschichte ist, genau genommen, die zweier Hunde; beide
waren Mischlinge mit etwas Collieblut und wurden als Schäferhunde
erzogen. Wullys Jugend verlief genau so, wie es der erste Teil seiner
Biographie erzählt, während der zweite Teil tatsächlich das Leben
eines anderen Hundes schildert – ein treuer Schäferhund am Tage, ein
blutdürstiger Wüterich der Nacht. Derartiges ist weniger selten, als
man vermutet. Während ich diese Geschichten schrieb, erfuhr ich von
verschiedenen anderen Schäferhunden, die ein gleiches Doppelleben wie
Wully führten, und fast in jedem Falle war es ein Collie.
Rotkrause lebte im Don-Tal, nördlich von Toronto, und viele meiner
Bekannten werden sich seiner noch erinnern. Er wurde 1889 von einem
rohen Gesellen getötet, dessen wahren Namen ich nicht veröffentlicht
habe, da ich mehr eine gewisse Sorte Menschen, als den einzelnen,
bloßstellen wollte.
Silberfleck, Zottelohr und Vixen haben ebenfalls gelebt, und obwohl
ich die Abenteuer verschiedener ihrer Genossen in diesen Biographien
vereint habe, ist jede Begebenheit aus dem Leben gegriffen.
Die Tatsache, daß die Geschichten wahr sind, ist zugleich der Grund für
_das tragische Ende_ einer jeden.
Eine Sammlung, wie die vorliegende, bringt naturgemäß stets eine
Nutzanwendung, und zweifellos wird jeder Leser eine Moral nach seinem
Empfinden und seinem Geschmack darin finden; aber ich hoffe, daß einige
eine Lehre, so alt wie die Bibel, herauslesen werden – die Lehre, daß
wir und die Tiere eines Stammes sind. Dem Menschen ist nichts eigen,
wovon das Tier nicht wenigstens eine Spur in sich trüge, und die Tiere
haben keine Gewohnheit und keine Eigenschaft, die der Mensch nicht bis
zu einem gewissen Grade teilte.
Wenn demnach die Tiere erschöpft sind, deren Wünsche und Gefühle
nur in der Art des Ausdrucks und des Wertes sich von den unseren
unterscheiden, so haben sie sicher auch Rechte und wir Verpflichtungen
ihnen gegenüber. Die alte Tatsache, die man endlich in der gebildeten
Welt anzuerkennen beginnt, wurde schon von Moses ausgesprochen und
bereits vor zweitausend Jahren von Buddha gelehrt.
Dieses Buch entstand unter der tätigen Mithilfe meiner Gattin,
Grace Gallatin Thompson Seton, der besonders für die einheitliche
Ausstattung, für die Zeichnung des Titels und Umschlags und für die
literarische Durchsicht Dank gebührt.
_Neuyork_, am 31. Dezember 1899.
=Ernest Thompson Seton.=