VI.

Truthahnspur war auch auf dieser Expedition Koch. Er hatte die Hetze

mit mehr Teilnahme beobachtet, als irgendein anderer, und als sie

mißlang, schmunzelte er in seinen Topf und sagte: »Dieser Mustang ist

mein, oder Thomas Bates ist ein großer Dummkopf!«

Die unausgesetzte Verfolgung hatte den Paßgänger wilder gemacht als

zuvor, aber sie hatte ihn dennoch nicht von der Antilopenquelle

weggetrieben. Es war die einzige Tränke, die einem Feinde auch nicht

das kleinste Versteck bot, und hierher kam er jeden Tag um die

Mittagszeit und näherte sich, nachdem er vorsichtig umhergespäht hatte,

um zu trinken.

[Illustration]

Seit der Gefangennahme seines Harems hatte der schwarze Hengst ein

einsames Dasein geführt, und auf diese Tatsache gründete Truthahnspur

einen neuen Plan. Des alten Kochs Freund hatte eine kleine, hübsche

braune Stute, und mit deren Hilfe hoffte er sein Ziel zu erreichen. Er

nahm ein paar der stärksten Fußfesseln, einen Spaten, einen kräftigen

Lasso und einen dicken Pfahl, bestieg die Stute und ritt nach der

bekannten Quelle.

Ein paar schnellfüßige Antilopen sprangen vor ihm über die Ebene; das

Vieh lag in Gruppen umher, und der laute, süße Gesang der Feldlerche

erscholl aus der blauen Luft, denn der Winter war davongezogen und

hatte dem Frühling Platz gemacht. Das Gras grünte, und die ganze Natur

trieb und sproßte.

Tom prüfte den Wind und untersuchte die Gegend. Die Grube, die er einst

gegraben hatte, war mit Wasser angefüllt, obenauf schwammen ein paar

tote Feldmäuse, und daneben war der neue Pfad, den die Tiere jetzt zur

Quelle nehmen mußten. Truthahnspur begann seine Vorbereitungen. Zuerst

versenkte er den Pfosten fest in den Erdboden, grub dann ein Loch,

tief genug, um sich darin verstecken zu können, und breitete seine

Decke darin aus. Die kleine Stute band er kurz an, so daß sie sich kaum

bewegen konnte, legte den offenen Lasso dahinter auf den Erdboden,

befestigte dessen langes Ende am Pfosten und bedeckte die Leine mit

Erde und Gras. Darauf kroch er in sein Versteck.

[Illustration]

Ungefähr um die Mittagsstunde wurde das sehnsüchtige Wiehern der Stute

weit in der Ferne beantwortet, und der berühmte Mustang tauchte als

schwarzer Schattenriß im Westen auf.

[Illustration]

Langsam trabte er näher, aber argwöhnisch gemacht durch die hartnäckige

Verfolgung, hielt er öfter an, sah sich vorsichtig um, wieherte und

erhielt eine Antwort, die sein männliches Herz erzittern ließ. Wieder

kam er näher, trabte im weiten Bogen um die Stelle und schien im

Zweifel. Sein Schutzengel flüsterte: »Geh nicht weiter!«, aber die

braune Stute rief wieder. Seine Kreise wurden enger, er wieherte noch

einmal und erhielt wieder eine Antwort, die ihn alle Vorsicht vergessen

ließ.

[Illustration]

Noch ein paar Schritte, und er hielt vor der Stute, berührte liebkosend

ihre Nase und machte einige Freudensprünge um sie herum. Dabei standen

seine Hinterhufe einen Augenblick inmitten der tückischen Schlinge. Ein

kurzer, scharfer Ruck, die Schleife schloß sich und – er war gefangen.

Ein entsetzliches Stöhnen entrang sich seiner mächtigen Brust, und

ein Satz in die Luft gab Tom Gelegenheit, auch um die Vorderfüße

eine Wurfleine zu schleudern, die Schlinge zog sich zu und band

schlangengleich die gewaltigen Hufe.

Schreck und Entsetzen liehen dem Mustang für einen Augenblick doppelte

Kraft, aber das Ende des Lassos war erreicht, und er stürzte zu Boden,

ein hoffnungsloser Gefangener. Toms kleine, häßliche, verwachsene

Gestalt sprang aus dem Versteck hervor, um die Unterwerfung zu

vollenden. Die strotzende, urwüchsige Kraft dieses herrlichen Wesens

hatte sich als nichts erwiesen gegen die Schlauheit eines kleinen,

alten Mannes.

Tom stand vor seinem Opfer, beobachtete es, und ein fremdartiges Gefühl

kam über den alten Hirten. Er zitterte aufgeregt am ganzen Körper,

wie er es nicht getan seit dem Tage, als er seinen ersten Stier fing,

und eine Weile konnte er nichts tun, als seinen zitternden Gefangenen

anzustarren. Aber bald hatte er das Gefühl überwunden. Er sattelte die

Stute, schlang dem Hengst eine Leine um den Hals und befestigte die

Fußfesseln. Schnell war alles geschehen, und Tom war schon dabei, die

Reise anzutreten, als ihn ein plötzlicher Gedanke halten ließ. Etwas

ungemein Wichtiges hatte er vergessen. Nach dem Gesetz des Westens war

der Mustang Eigentum des Mannes, der ihm als erster sein Brandzeichen

aufdrückte, und wie war dies ohne ein Brandzeichen auszuführen?

Tom ging nach der Stute hinüber, hob ihr abwechselnd die Hufe und

untersuchte die Eisen. Richtig, das eine war etwas locker. Er zerrte

und riß, half mit dem Spaten nach und bekam es los. Dürres Schilf gab

es eine Menge, und ein Feuer war schnell angezündet. Bald war eine

Hälfte des Hufeisens rotglühend, und Tom drückte mit roher Hand auf

die linke Schulter des Mustangs eine Truthahnspur, sein Brandzeichen,

tatsächlich das erstemal, daß es angewendet wurde. Der Paßgänger

erbebte, als das glühende Eisen zischend in sein glänzendes Fell

drang, aber es war bald geschehen, und das edle Tier war schimpflich

gebrandmarkt für immer.

Das einzige, was noch zu tun übrigblieb, war, ihn heimzubringen. Die

Leinen wurden etwas gelöst. Der Mustang fühlte sich frei und sprang

auf die Füße, stürzte aber sofort wieder nieder, als er auszuschreiten

versuchte. Die Vorderfüße blieben gefesselt. Die einzig mögliche

Gangart war ein schleppender Schritt oder ein verzweifeltes Bäumen,

und jedesmal, wenn er versuchte, davonzurennen, stürzte er hilflos

zu Boden. Tom auf seinem leichten Pony trieb den schäumenden, wilden

Gefangenen vor sich her in der Richtung nordwärts, nach den Pinavetitos

zu. Es war ein langer, grausamer Kampf. Wutschnaubend versuchte der

Hengst, mit unsinnigen Sätzen zu entfliehen. Seine glänzenden Flanken

dick mit Schaum bedeckt und der Schaum gerötet von Blut. Jedoch sein

Meister, kühl und unbarmherzig, zwang ihn vorwärts. Die Senkung ins

Tal hinab waren sie gezogen, jeder Schritt ein Kampf, und nun standen

sie vor der einzigen Stelle, wo sie das Tal kreuzen konnten, der

nördlichsten Grenze der angestammten Gefilde des Paßgängers.

[Illustration]

Das erste Farmhaus war in Sicht. Tom atmete erleichtert auf, aber

der Mustang sammelte seine letzte Kraft und nahm einen verzweifelten

Anlauf. Aufwärts, immer aufwärts sprang er, ungeachtet der schleppenden

Leine und der Schüsse, die Tom in die Luft feuerte, um seine Richtung

zu ändern. Aufwärts, immer aufwärts, auf die steile Klippe sprang er,

machte einen wahnsinnigen Satz ins Leere, stürzte hinab – zweihundert

Fuß in die Tiefe – und schlug auf die schroffen Felsen auf –

zerschmettert – aber frei! –

Nachwort an den Leser.

Diese Erzählungen sind _wahr_. – Obwohl ich die geschichtliche

Wahrheit an manchen Stellen umgangen habe: die Tiere in diesem

Buch haben alle wirklich gelebt. Ihr Leben floß dahin, wie ich es

geschildert habe, und sie bewiesen Persönlichkeit und Heldengröße weit

nachdrücklicher, als es meine schwache Feder wiederzugeben imstande war.

Ich glaube, daß die Naturwissenschaft durch die allgemeine Behandlung,

wie sie gewöhnlich üblich, viel verloren hat. Eine zehn Seiten lange

Abhandlung über die Gewohnheiten und das Leben der Menschen gewährt

wenig Befriedigung; es ist viel wertvoller, diesen Raum dem Leben

_eines_ großen Mannes zu widmen. Unter dem Einfluß dieses Grundsatzes

sind die folgenden Geschichten entstanden. Ich habe die Persönlichkeit

des Einzelwesens und seine Lebensanschauungen den einfachen

Erzählungen zugrunde gelegt und nicht die Gewohnheiten einer Familie

im allgemeinen, gesehen durch das abwägende, feindselige Auge des

Menschen.

Man könnte mir vorwerfen, ich hätte diesen Grundsatz nicht

durchgeführt, da ich oft verschiedene Charaktere in einen vereinigt

habe. Dies machte sich jedoch infolge der oft mangelhaften Berichte

über sie nötig. Trotzdem bin ich in den Lebensgeschichten Lobos, Bingos

und des Paßgängers auch nicht einen Zoll von der Wahrheit abgewichen.

Lobo führte sein wildes, romantisches Räuberleben, dessen sich die

Ansiedler noch gut erinnern, von 1889 bis 1894 am Currumpaw, und

endete, genau wie berichtet, am 31. Januar 1894.

Bingo war mein Hund von 1882 bis 1888, trotz längerer Unterbrechungen

unseres Zusammenlebens durch größere Reisen. Und mein alter Freund, der

Besitzer von Tan, wird aus diesem Buche erfahren, wer tatsächlich der

Mörder seines treuen Hundes war.

Der Mustang lebte nicht weit von Lobos Gefilden, anfangs der neunziger

Jahre. Seine Geschichte ist genau so wiedergegeben, wie sie verlief,

nur über das Ende sind die Meinungen geteilt, denn einige behaupten,

der Mustang habe das Genick gebrochen, als man ihn gefangen auf eine

Farm brachte. Tom Truthahnspur weilt im Jenseits, kann also die

Streitfrage nicht mehr schlichten.

Wullys Lebensgeschichte ist, genau genommen, die zweier Hunde; beide

waren Mischlinge mit etwas Collieblut und wurden als Schäferhunde

erzogen. Wullys Jugend verlief genau so, wie es der erste Teil seiner

Biographie erzählt, während der zweite Teil tatsächlich das Leben

eines anderen Hundes schildert – ein treuer Schäferhund am Tage, ein

blutdürstiger Wüterich der Nacht. Derartiges ist weniger selten, als

man vermutet. Während ich diese Geschichten schrieb, erfuhr ich von

verschiedenen anderen Schäferhunden, die ein gleiches Doppelleben wie

Wully führten, und fast in jedem Falle war es ein Collie.

Rotkrause lebte im Don-Tal, nördlich von Toronto, und viele meiner

Bekannten werden sich seiner noch erinnern. Er wurde 1889 von einem

rohen Gesellen getötet, dessen wahren Namen ich nicht veröffentlicht

habe, da ich mehr eine gewisse Sorte Menschen, als den einzelnen,

bloßstellen wollte.

Silberfleck, Zottelohr und Vixen haben ebenfalls gelebt, und obwohl

ich die Abenteuer verschiedener ihrer Genossen in diesen Biographien

vereint habe, ist jede Begebenheit aus dem Leben gegriffen.

Die Tatsache, daß die Geschichten wahr sind, ist zugleich der Grund für

_das tragische Ende_ einer jeden.

Eine Sammlung, wie die vorliegende, bringt naturgemäß stets eine

Nutzanwendung, und zweifellos wird jeder Leser eine Moral nach seinem

Empfinden und seinem Geschmack darin finden; aber ich hoffe, daß einige

eine Lehre, so alt wie die Bibel, herauslesen werden – die Lehre, daß

wir und die Tiere eines Stammes sind. Dem Menschen ist nichts eigen,

wovon das Tier nicht wenigstens eine Spur in sich trüge, und die Tiere

haben keine Gewohnheit und keine Eigenschaft, die der Mensch nicht bis

zu einem gewissen Grade teilte.

Wenn demnach die Tiere erschöpft sind, deren Wünsche und Gefühle

nur in der Art des Ausdrucks und des Wertes sich von den unseren

unterscheiden, so haben sie sicher auch Rechte und wir Verpflichtungen

ihnen gegenüber. Die alte Tatsache, die man endlich in der gebildeten

Welt anzuerkennen beginnt, wurde schon von Moses ausgesprochen und

bereits vor zweitausend Jahren von Buddha gelehrt.

Dieses Buch entstand unter der tätigen Mithilfe meiner Gattin,

Grace Gallatin Thompson Seton, der besonders für die einheitliche

Ausstattung, für die Zeichnung des Titels und Umschlags und für die

literarische Durchsicht Dank gebührt.

_Neuyork_, am 31. Dezember 1899.

=Ernest Thompson Seton.=

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 74 / 96 题