Es gibt verschiedene Weisen, einen wilden Mustang einzufangen. Die eine
ist bekannt unter dem Fachausdruck »Kitzeln« – d. h. man streift des
Tieres Nacken mit einer Gewehrkugel, so daß es für eine Weile betäubt
ist; das erfordert jedoch einen außergewöhnlich sicheren Schützen und
wird deshalb äußerst selten mit Erfolg angewandt.
Zuweilen, wenn die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, kann man die Herde
in eine Einzäunung treiben, oft werden die Mustangs auch mit besonders
guten Pferden müde gejagt, doch für gewöhnlich pflegt man sie durch
ganz langsame, aber unausgesetzte Verfolgung zu ermatten und dann mit
der Wurfleine zu fangen.
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Der Ruf des Hengstes, den niemand je hatte galoppieren sehen,
verbreitete sich schnell über das ganze Land, und wunderbare
Geschichten waren im Umlauf über seine Gangart, seine Schnelligkeit
und Ausdauer. Als nun eines Tages Montgomery, der Besitzer der mit
einem »Triangel« gezeichneten ungeheuren Herden, in Wells Hotel in
Clayton vor vielen Zeugen erklärte, daß er tausend Dollars in bar
an denjenigen zahlen wollte, der ihm den Hengst heil und unversehrt
bringen würde, faßten wenigstens ein Dutzend junger Hirten den
Entschluß, den lockenden Preis zu gewinnen. Auch Jo Calone hatte davon
gehört und sah ein, daß keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Er brach
alle bindenden Kontrakte und arbeitete Tag und Nacht, um die zur
Verfolgung nötige Ausrüstung aufzubringen.
Unter tatkräftiger Beihilfe einiger uneigennütziger Freunde brachte er
seine Expedition zusammen, die aus zwanzig tüchtigen Reitpferden, einem
Küchenwagen und Proviant für drei Mann – Jo selbst, seinem Freund
Charley und dem Koch bestand.
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Eines schönen Tages zogen die drei von Clayton aus, in der felsenfesten
Absicht, das wunderbare, wilde Roß langsam durch hartnäckige Verfolgung
müde zu hetzen. In der Nähe der Antilopenquelle fanden sie die Pferde
mit ihrem schwarzen Führer, und Jo nahm die Fährte auf.
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In weitem Bogen ging die Reise drei Tage und drei Nächte lang vorwärts,
Jo und Charley folgten den wilden Pferden immer in Sehweite, und der
Küchenwagen fuhr langsam hinterdrein. Eine schöne schneeweiße Stute
ließ die Herde auch zur Nachtzeit beim Lichte des Mondes erkennen und
bei Tage der schwarze Teufelshengst, der seinen Harem vergeblich zu
einer schnelleren Gangart anzustacheln suchte.
Am dritten Tage war der Kampf beinahe gewonnen, die Herde war den
Verfolgern höchstens eine Meile voraus und schien sich an diese fremden
Gesellen gewöhnt zu haben.
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Der vierte und fünfte Tag ging vorüber, und die Verfolgten waren
nun beinahe zum Ausgangspunkt der unfreiwilligen, ermüdenden Reise
zurückgekehrt. Die Jagd war planmäßig vor sich gegangen und in
einem weiten Kreisbogen verlaufen, während der Küchenwagen in einem
kleineren gefolgt war. Die wilden Pferde waren wieder in der Nähe der
Antilopenquelle angelangt, zu Tode ermattet und durstig, ihre Verfolger
dagegen frisch und munter auf frischen Ponys. – Erst am späten
Nachmittag trieben sie die Verdursteten nach der Quelle, und diese
füllten ihre Leiber mit einer wahren Wasserflut. Nun war der rechte
Zeitpunkt für die geschickten Lassowerfer gekommen, um auf ihren gut
gefütterten Pferden der Herde näher zu reiten, denn ein plötzliches,
langes Trinken wirkt fast lähmend auf die Glieder und die Lungen, und
es wäre ein leichtes gewesen, in diesem Augenblick eins der Tiere nach
dem andern mit der Wurfleine einzufangen.
Doch da war ein Hinderungsgrund. Das Ziel der langen Verfolgung, der
schwarze Hengst, schien geradezu von Eisen. Schnellfüßig und kräftig
lief er auf und ab in seinem schwingenden Paßgang, wie am ersten
Morgen, als die Jagd begonnen, und bemühte sich durch lautes Wiehern
und sein glänzendes Beispiel, die Herde vorwärts zu treiben. Aber
alles war vergeblich, sie war am Ende mit ihrer Kraft. Die alte, weiße
Stute, die das Auffinden während der Nacht so erheblich erleichtert
hatte, war schon Stunden zuvor tot zu Boden gesunken, und die übrigen
schienen alle Scheu vor den Reitern verloren zu haben; die Herde war
in Jos Gewalt. Jedoch der eine, der der lockende Preis der ganzen Jagd
gewesen, schien unerreichbarer als zuvor.
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Jos Kameraden standen vor einem Rätsel. Sie kannten ihren Freund
genau und wären nicht erstaunt gewesen, hätte er in einem plötzlichen
Wutanfall den Hengst niederzuschießen versucht. Doch Jo lag dieser
Gedanke fern. Die ganze lange Woche hatte er das Pferd bei der
Verfolgung beobachtet, und nicht ein einzigesmal hatte er es
galoppieren sehen.
Des Pferdeliebhabers Bewunderung für das edle Tier war von Tag zu Tag
gewachsen, und Jo fragte sich jetzt oft, ob er die ausgesetzte Summe
annehmen oder ob er nicht lieber den Hengst zur Züchtung eines Stammes
von Paßgängern für die Rennbahn behalten sollte. Ein großes Vermögen
war ihm dann sicher.
Doch noch war der Hengst nicht in seiner Hand, aber der Zeitpunkt der
Beendigung der Jagd schien gekommen, und Jo bestieg sein bestes Pferd,
von edlem Blut, leichtfüßig und stark, zur großen Schlußjagd. Den Lasso
sorgfältig aufgerollt in der linken Hand und zum erstenmal die Sporen
benutzend, galoppierte Jo geradeswegs auf den Hengst los. Dieser trabte
davon; die müden Stuten zerstreuten sich nach allen Richtungen und
ließen die wilde Jagd an sich vorüber.
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Es war unglaublich, Jo spornte und peitschte sein Roß, das wie der Wind
über die Ebene dahinflog, aber der Raum zwischen ihm und dem Paßgänger
verringerte sich auch nicht um einen Zoll. Der Schwarze wirbelte dahin,
kreuzte ein schmales Tal, dann eine sandige, gefahrvolle Strecke,
zerwühlt von Präriehunden, verschwand hinter einem Hügel, und als Jo
ihn wieder in Sicht bekam, war die Entfernung nur größer geworden. Er
fluchte, trieb und spornte sein Roß, bis das arme, gehetzte Tier nervös
und unsicher wurde und nicht länger vorsichtig auf den Weg achtete. Es
trat plötzlich in ein Erdloch, stürzte, und Jo flog in weitem Bogen zur
Erde. Obwohl arg gequetscht und zerschunden, sprang er gleich wieder
auf die Füße, um das aufgeregte Tier wieder zu besteigen. Aber das war
unmöglich – das linke Vorderbein war gebrochen.
Jo fügte sich in das Unabwendbare, erlöste das Pferd durch einen
Revolverschuß von seiner Qual, schnallte den Sattel los und trug ihn
zum Lager zurück. Der Paßgänger rannte davon und war bald den Augen
seines Verfolgers entschwunden.
Es war eine Niederlage, jedoch keine vollkommene, denn die Stuten waren
jetzt lammfromm. Jo und Charley trieben sie nach Fosters Farm und
erhielten eine gute Belohnung. – Jo aber war mehr als zuvor von dem
Wunsche beseelt, den Paßgänger zu besitzen, nachdem er ihn längere Zeit
beobachtet hatte. Er schätzte ihn von Tag zu Tag höher und suchte nur
nach einem neuen Plan, um die Verfolgung von neuem zu beginnen.