III.

Es gibt verschiedene Weisen, einen wilden Mustang einzufangen. Die eine

ist bekannt unter dem Fachausdruck »Kitzeln« – d. h. man streift des

Tieres Nacken mit einer Gewehrkugel, so daß es für eine Weile betäubt

ist; das erfordert jedoch einen außergewöhnlich sicheren Schützen und

wird deshalb äußerst selten mit Erfolg angewandt.

Zuweilen, wenn die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, kann man die Herde

in eine Einzäunung treiben, oft werden die Mustangs auch mit besonders

guten Pferden müde gejagt, doch für gewöhnlich pflegt man sie durch

ganz langsame, aber unausgesetzte Verfolgung zu ermatten und dann mit

der Wurfleine zu fangen.

[Illustration]

Der Ruf des Hengstes, den niemand je hatte galoppieren sehen,

verbreitete sich schnell über das ganze Land, und wunderbare

Geschichten waren im Umlauf über seine Gangart, seine Schnelligkeit

und Ausdauer. Als nun eines Tages Montgomery, der Besitzer der mit

einem »Triangel« gezeichneten ungeheuren Herden, in Wells Hotel in

Clayton vor vielen Zeugen erklärte, daß er tausend Dollars in bar

an denjenigen zahlen wollte, der ihm den Hengst heil und unversehrt

bringen würde, faßten wenigstens ein Dutzend junger Hirten den

Entschluß, den lockenden Preis zu gewinnen. Auch Jo Calone hatte davon

gehört und sah ein, daß keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Er brach

alle bindenden Kontrakte und arbeitete Tag und Nacht, um die zur

Verfolgung nötige Ausrüstung aufzubringen.

Unter tatkräftiger Beihilfe einiger uneigennütziger Freunde brachte er

seine Expedition zusammen, die aus zwanzig tüchtigen Reitpferden, einem

Küchenwagen und Proviant für drei Mann – Jo selbst, seinem Freund

Charley und dem Koch bestand.

[Illustration]

Eines schönen Tages zogen die drei von Clayton aus, in der felsenfesten

Absicht, das wunderbare, wilde Roß langsam durch hartnäckige Verfolgung

müde zu hetzen. In der Nähe der Antilopenquelle fanden sie die Pferde

mit ihrem schwarzen Führer, und Jo nahm die Fährte auf.

[Illustration]

In weitem Bogen ging die Reise drei Tage und drei Nächte lang vorwärts,

Jo und Charley folgten den wilden Pferden immer in Sehweite, und der

Küchenwagen fuhr langsam hinterdrein. Eine schöne schneeweiße Stute

ließ die Herde auch zur Nachtzeit beim Lichte des Mondes erkennen und

bei Tage der schwarze Teufelshengst, der seinen Harem vergeblich zu

einer schnelleren Gangart anzustacheln suchte.

Am dritten Tage war der Kampf beinahe gewonnen, die Herde war den

Verfolgern höchstens eine Meile voraus und schien sich an diese fremden

Gesellen gewöhnt zu haben.

[Illustration]

Der vierte und fünfte Tag ging vorüber, und die Verfolgten waren

nun beinahe zum Ausgangspunkt der unfreiwilligen, ermüdenden Reise

zurückgekehrt. Die Jagd war planmäßig vor sich gegangen und in

einem weiten Kreisbogen verlaufen, während der Küchenwagen in einem

kleineren gefolgt war. Die wilden Pferde waren wieder in der Nähe der

Antilopenquelle angelangt, zu Tode ermattet und durstig, ihre Verfolger

dagegen frisch und munter auf frischen Ponys. – Erst am späten

Nachmittag trieben sie die Verdursteten nach der Quelle, und diese

füllten ihre Leiber mit einer wahren Wasserflut. Nun war der rechte

Zeitpunkt für die geschickten Lassowerfer gekommen, um auf ihren gut

gefütterten Pferden der Herde näher zu reiten, denn ein plötzliches,

langes Trinken wirkt fast lähmend auf die Glieder und die Lungen, und

es wäre ein leichtes gewesen, in diesem Augenblick eins der Tiere nach

dem andern mit der Wurfleine einzufangen.

Doch da war ein Hinderungsgrund. Das Ziel der langen Verfolgung, der

schwarze Hengst, schien geradezu von Eisen. Schnellfüßig und kräftig

lief er auf und ab in seinem schwingenden Paßgang, wie am ersten

Morgen, als die Jagd begonnen, und bemühte sich durch lautes Wiehern

und sein glänzendes Beispiel, die Herde vorwärts zu treiben. Aber

alles war vergeblich, sie war am Ende mit ihrer Kraft. Die alte, weiße

Stute, die das Auffinden während der Nacht so erheblich erleichtert

hatte, war schon Stunden zuvor tot zu Boden gesunken, und die übrigen

schienen alle Scheu vor den Reitern verloren zu haben; die Herde war

in Jos Gewalt. Jedoch der eine, der der lockende Preis der ganzen Jagd

gewesen, schien unerreichbarer als zuvor.

[Illustration]

Jos Kameraden standen vor einem Rätsel. Sie kannten ihren Freund

genau und wären nicht erstaunt gewesen, hätte er in einem plötzlichen

Wutanfall den Hengst niederzuschießen versucht. Doch Jo lag dieser

Gedanke fern. Die ganze lange Woche hatte er das Pferd bei der

Verfolgung beobachtet, und nicht ein einzigesmal hatte er es

galoppieren sehen.

Des Pferdeliebhabers Bewunderung für das edle Tier war von Tag zu Tag

gewachsen, und Jo fragte sich jetzt oft, ob er die ausgesetzte Summe

annehmen oder ob er nicht lieber den Hengst zur Züchtung eines Stammes

von Paßgängern für die Rennbahn behalten sollte. Ein großes Vermögen

war ihm dann sicher.

Doch noch war der Hengst nicht in seiner Hand, aber der Zeitpunkt der

Beendigung der Jagd schien gekommen, und Jo bestieg sein bestes Pferd,

von edlem Blut, leichtfüßig und stark, zur großen Schlußjagd. Den Lasso

sorgfältig aufgerollt in der linken Hand und zum erstenmal die Sporen

benutzend, galoppierte Jo geradeswegs auf den Hengst los. Dieser trabte

davon; die müden Stuten zerstreuten sich nach allen Richtungen und

ließen die wilde Jagd an sich vorüber.

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Es war unglaublich, Jo spornte und peitschte sein Roß, das wie der Wind

über die Ebene dahinflog, aber der Raum zwischen ihm und dem Paßgänger

verringerte sich auch nicht um einen Zoll. Der Schwarze wirbelte dahin,

kreuzte ein schmales Tal, dann eine sandige, gefahrvolle Strecke,

zerwühlt von Präriehunden, verschwand hinter einem Hügel, und als Jo

ihn wieder in Sicht bekam, war die Entfernung nur größer geworden. Er

fluchte, trieb und spornte sein Roß, bis das arme, gehetzte Tier nervös

und unsicher wurde und nicht länger vorsichtig auf den Weg achtete. Es

trat plötzlich in ein Erdloch, stürzte, und Jo flog in weitem Bogen zur

Erde. Obwohl arg gequetscht und zerschunden, sprang er gleich wieder

auf die Füße, um das aufgeregte Tier wieder zu besteigen. Aber das war

unmöglich – das linke Vorderbein war gebrochen.

Jo fügte sich in das Unabwendbare, erlöste das Pferd durch einen

Revolverschuß von seiner Qual, schnallte den Sattel los und trug ihn

zum Lager zurück. Der Paßgänger rannte davon und war bald den Augen

seines Verfolgers entschwunden.

Es war eine Niederlage, jedoch keine vollkommene, denn die Stuten waren

jetzt lammfromm. Jo und Charley trieben sie nach Fosters Farm und

erhielten eine gute Belohnung. – Jo aber war mehr als zuvor von dem

Wunsche beseelt, den Paßgänger zu besitzen, nachdem er ihn längere Zeit

beobachtet hatte. Er schätzte ihn von Tag zu Tag höher und suchte nur

nach einem neuen Plan, um die Verfolgung von neuem zu beginnen.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 71 / 96 题