I.

Jo Calone warf seinen Sattel auf den staubigen Boden, koppelte

die Pferde los und schritt sporenklirrend in das Farmhaus. »Bald

Essenszeit?« fragte er.

»Siebzehn Minuten,« antwortete der Koch nach einem Blick auf seine

dicke Tombakuhr mit der Würde und Sicherheit eines Zugführers, obwohl

er diese noch niemals durch Beweise gerechtfertigt hatte.

»Wie steht’s am Perico?« fragte er dann.

»Das Vieh ist in bestem Zustand, und Kälber gibt’s die Fülle.«

* * * * *

»An der Antilopenquelle kam uns eine Herde Mustangs in den Weg, mit

einigen Füllen, darunter ein kleiner, schwarzer Teufel, ein geborener

Paßgänger. Eine Meile oder zwei folgte ich ihnen; der Schwarze leitete

und immer im Trab. Dann ließ ich mein Pferd ausgreifen und jagte sie

nur zum Spaß vor mir her, und kein Tropfen soll wieder über meine

Lippen gehen, wenn der Kleine nur einmal seinen Trott gebrochen hat.«

So erzählte Jo, und die anderen lachten ihn aus.

Am Tage darauf waren die Hirten in einer anderen Gegend und die

Mustangs vergessen.

Im nächsten Jahr kam man bei der Viehzählung wieder in jene Ecke von

Neu-Mexiko, und wieder wurden die Mustangs gesehen. Das dunkle Füllen

war jetzt zum schwarzen Jährling herangewachsen, mit dünnen, zarten

Beinen und glatten Flanken, und mehr als einer von den Hirten sah mit

eigenen Augen dieses wunderbare Naturspiel – der Mustang war ein

geborener Paßgänger.

Jo war dabei, und der Gedanke kam ihm, daß es wohl der Mühe wert wäre,

das Füllen einzufangen. Einem, der im Osten aufgewachsen ist, mag diese

Idee nicht so originell und außergewöhnlich erscheinen; aber im Westen,

wo ein rohes Pferd zwanzig Mark wert ist und ein gewöhnliches Reitpferd

sechzig bis achtzig Mark kostet, kommt einem Hirten schwerlich der

Wunsch, einen wilden Mustang als Eigentum zu besitzen. Mustangs sind

ungewöhnlich schwer einzufangen, und wenn man sie schließlich doch

erwischt, sind sie ungebärdige, wilde Gefangene, nicht zu zähmen, und

daher selten brauchbar. Die meisten Besitzer von Viehherden pflegen

alle Mustangs, die in ihr Gebiet kommen, abzuschießen, denn sie fressen

nicht nur dem Vieh das Futter weg, sondern verwirren auch die Herden

der zahmen Pferde, führen sie hinweg und bringen folglich nur Schaden.

Jo Calone kannte die wilden Pferde von den Ohren bis zur Spitze des

Schweifes. »Niemals habe ich ein weißes gesehen,« meinte er, »das nicht

leicht zu ziehen, noch ein braunes, das nicht nervös war, keinen Fuchs,

der unbrauchbar, wenn gut gezogen, und niemals einen Rappen, der nicht

hart war, wie Stahl, und den Teufel in sich hatte.«

Wenn nun schon ein gewöhnlicher Mustang ein wertloser Kadaver ist, so

ist ein schwarzer zehnmal schlimmer als wertlos. Jos Freunde hielten

seine fixe Idee, den Jährling zu fangen, deshalb einfach für Blödsinn;

doch er schien entschlossen zu sein, es jedenfalls zu versuchen, wenn

sich ihm auch im selben Jahr keine Gelegenheit bot.

[Illustration]

Jo war nur ein einfacher Kuhhirt, mit einem kleinen Gehalt. Wie die

meisten anderen, hatte er den sehnlichsten Wunsch, einst eine eigene

Farm zu besitzen. Sein Brandzeichen, von guten Freunden gewöhnlich der

»Schweinekofen« genannt, war dunklen Ursprungs und bereits in Santa Fé

im Register eingetragen, obwohl es nur von einer alten Kuh getragen

wurde.

Im Herbst, wenn Jo ausgezahlt wurde, konnte er der Versuchung nicht

widerstehen, mit seinen Kameraden zur Stadt zu gehen und sich dort zu

vergnügen, so lange eben das Geld reichte. Infolgedessen bestand sein

ganzes Eigentum aus wenig mehr als aus einem Sattel, seinem Bett und

der alten Kuh. Jedoch er baute Luftschlösser wie zuvor, hoffte auf

irgendeinen glücklichen Zufall, der es ihm möglich machen sollte, als

kleiner Farmer zu beginnen, und als er nun den Paßgänger zum ersten

Male gesehen, hegte er die unbestimmte Hoffnung, sein Fang würde ihn

sofort zum reichen Manne machen.

[Illustration]

Die Hirten zogen hinab zum kanadischen Flusse und im Herbst zurück über

den Don-Carlos-Hügel, und Jo sah nichts mehr vom Paßgänger, obwohl er

des öfteren von ihm erzählen hörte, denn das Füllen, jetzt ein starkes

junges Pferd, fing an, bekannt, ja beinahe berühmt zu werden.

[Illustration: Wully beobachtet Hulda]

Die Antilopenquelle liegt mitten in einer weiten, grasbewachsenen

Ebene. Kein Baum und kein Strauch steht ringsumher. Ist das Wasser

hoch, so dehnt es sich aus zu einem kleinen See, umgürtet von einem

Kranz dürftigen Schilfes; tritt es zurück, so hinterläßt es ein weites

schwarzes Moor, das stellenweise glitzert von weißem Salz und in dem

die Quelle in der Mitte als ein Wasserloch erscheint. Sie hat keinen

Abfluß, aber dennoch ziemlich klares Wasser und ist für viele Meilen im

Umkreis die einzige Tränke.

[Illustration]

Diese Ebene war der Lieblingsfutterplatz des schwarzen Hengstes, aber

auch die Weide zahlreicher Herden von zahmen Pferden und Rindern, und

besonders Fosters, eines unternehmenden Mannes Vieh, das mit einem

~L~ und gekreuztem ~F~ gezeichnet war, hielt sich dort auf. Foster

hatte, um seine Pferde zu veredeln, zehn Halbblutstuten eingeführt,

und neben diesen schlanken, zartfüßigen, rehäugigen Wesen nahmen sich

die struppigen Ponys aus, wie erbärmliche, verhungerte Glieder einer

entarteten Rasse.

Eine dieser Stuten wurde zum Gebrauch im Stall gehalten, während die

neun anderen sich auf der Prärie herumtummelten. Pferde haben eine

feine Nase, die besten Futterplätze zu finden, und die neun Stuten

zogen denn auch zwanzig Meilen nach Süden, nach der Antilopenquelle.

Als Foster im Spätsommer die edlen Tiere heimwärts treiben wollte,

fand er sie richtig, aber mit ihnen, und sie mit etwas mehr als nur

Kameradschaft bewachend, den kohlschwarzen Hengst. Stampfend trabte

er um sie herum, wie ein Schäferhund, und sein schwarzes Fell bildete

einen lebhaften Gegensatz zu den goldenen Häuten seines Harems.

Die Stuten waren lammfromm, und leicht hätten sie sich heimwärts

treiben lassen, doch da trat ein unerwartetes Hindernis ein. Der

glänzende Rappe wurde erregt, er schien seinem Gefolge seine eigene

Wildheit einzuflößen und trieb die ganze Herde im Galopp dahin, wo

es ihm beliebte. Davon flogen sie, und die kleinen Kuhponys, die die

Reiter trugen, blieben weit zurück.

Die Verfolger waren wütend und zogen schließlich ihre Revolver, in

der Absicht, den Teufelshengst niederzuschießen. Aber da war neun

gegen eins zu wetten, daß nicht der Hengst, sondern eine der Stuten

fallen würde. Den ganzen langen Tag verfolgten sie die Herde, aber

der Paßgänger hielt seine Familie dicht beisammen und verschwand

schließlich zwischen den Hügeln im Süden. Die Reiter auf ihren

abgejagten Ponys aber mußten rachebrütend ohne die Stuten nach der Farm

zurückkehren.

Die Gelehrten sind sich nicht einig über die Ursache der

Anziehungskraft, die Schönheit und Tapferkeit auf die Weibchen unter

den Tieren auszuüben pflegen, aber es steht fest, daß ein Tier von

ungewöhnlichen Gaben bald ein großes Gefolge aus den Harems seiner

Nebenbuhler nach sich zieht. Der gewaltige Rappe mit der pechschwarzen

Mähne, dem stolzen Schweif und den grün leuchtenden Augen durchzog die

ganze Gegend, und sein Gefolge wuchs von Tag zu Tag. Die meisten waren

nur einfache Kuhponys, die von der Weide davongelaufen waren, und die

neun goldglänzenden Stuten blieben der Stolz seiner Herde. Ein Pferd,

das sich einmal in diesem Haufen befand, war verloren, und die Züchter

sahen bald ein, daß der Hengst ihnen mehr Schaden brachte, als alle

anderen Unfälle und Verluste zusammengenommen.

[Illustration]

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 69 / 96 题