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Als der Schnee endlich kam, spät im Dezember, zahlten die
Monsaldale-Bauern wie zuvor ihren nächtlichen Tribut an den gierigen
Fuchs. Die Witwe Gelt verlor ihren einzigen Besitz, eine Herde von
zwanzig Schafen, und am nächsten Tage beim Morgengrauen zogen die
männlichen Bewohner des Dorfes aus, auf die Suche nach dem Wüterich.
Die Gewehre offen zur Schau tragend, folgten sie den verräterischen
Spuren im Schnee, den Spuren eines außergewöhnlich großen Fuchses,
zweifellos die des mörderischen Gesellen. Eine Zeitlang war die
Spur leicht zu erkennen, bis sie im Flusse verschwand und die
angeborene Schlauheit des Fuchses bewies. Das Tier war in der Richtung
stromabwärts auf das Wasser zugelaufen und dann in den seichten Fluß
hineingesprungen. Doch auf der andern Seite führte keine Spur heraus,
und nach langem Suchen fanden die Bauern endlich eine Viertelmeile
stromaufwärts die Stelle, wo er das Wasser verlassen hatte. Dann
führte die Fährte nach einem hohen Steinwall, von dem der Sturm den
Schnee heruntergefegt hatte und wo folglich keine Spuren zu erkennen
waren. Die beharrlichen Jäger ließen sich nicht irreleiten, aber als
die Spuren den weichen Schnee zwischen der Mauer und der Fahrstraße
gekreuzt hatten, war die Meinung geteilt; einige behaupteten, der Fuchs
sei nach links, andere wieder, er sei nach rechts gelaufen. Doch Jo,
der Führer, entschied die Streitfrage, und nach langem, erfolglosem
Suchen fanden sie schließlich die gleiche Spur, die von der Straße in
einen Schafstall hineinführte. Ohne den Bewohnern ein Leid zuzufügen,
hatte der Fuchs das Gehöft wieder verlassen, war genau in die
Fußtapfen eines Bauern hineingetreten und geradeswegs auf Dorleys Farm
zugetrottet.
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Wegen des Schneefalls hatte Dorley die Herde an jenem Tage nicht
hinausgetrieben, und Wully lag unbeschäftigt in der Sonne. Als die
Jäger sich dem Hause näherten, knurrte er wütend und lief um die
Ecke herum nach dem Schafstall. Jo Greatorex kreuzte den Hof, warf
einen Blick auf Wullys Spur im frischen Schnee und rief, auf den sich
entfernenden Schäferhund zeigend:
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»Jungens, den Fuchs haben wir nicht, aber dort läuft der Schafmörder.«
Einige stimmten Jo bei, andere äußerten Zweifel und meinten, man solle
zurückgehen und die Fährte von neuem verfolgen. Im selben Augenblick
trat Dorley aus dem Hause.
»Tom,« sagte Jo, »dein Köter hat vergangene Nacht der Witwe Gelt Schafe
gemordet, und ich glaube kaum, daß dies sein erster Mord war.«
»Was?« sagte Tom, »bist du verrückt? Ich habe niemals einen besseren
Hund gehabt – er geht für die Schafe durchs Feuer.«
»Ja, ja,« meinte Jo, »das hat er letzte Nacht gründlich bewiesen.«
Die Bauern erzählten ihm ausführlich von ihrer Suche am Morgen, doch
alles war vergeblich, Tom schwur, daß das ganze eine eifersüchtige
Verschwörung sei, ihn seines treuen Hundes zu berauben.
»Wully schläft jede Nacht in der Küche und kommt nicht heraus, bis er
die Herde auf die Weide treibt. Es ist alles Unsinn. Das ganze Jahr
hindurch ist er bei den Schafen, und nicht einen Huf habe ich verloren.«
Tom ereiferte sich über diese ungeheuerliche Verschwörung gegen Wullys
Ruf und Leben. Jo und seine Anhänger wurden schließlich aufgeregt, und
es war ein Glück, daß Hulda aus dem Hause trat und sie beruhigte.
»Vater,« sagte sie, als man ihr alles erzählt hatte, »ich will
heute nacht in der Küche schlafen. Wenn Wully den Versuch macht,
davonzuschleichen, werde ich es bemerken, und wenn er ruhig bei mir
bleibt und dennoch Schafe gemordet werden, so haben wir den Beweis von
Wullys Unschuld.«
Hulda streckte sich am Abend auf einer Bank in der Küche aus, und Wully
schlief wie gewöhnlich unter dem Tisch. Einige Stunden verrannen, und
der Hund wurde unruhig, er wälzte sich auf seinem Lager, stand auf,
streckte sich, beobachtete Hulda und legte sich wieder nieder. Ungefähr
um zwei Uhr schien er einem innern Drängen nicht mehr widerstehen
zu können. Er erhob sich leise, schaute nach dem niedrigen Fenster
und dann auf das scheinbar schlafende Mädchen. Hulda lag still und
atmete ruhig, wie im Schlafe. Wully kam langsam näher und schnaufte
ihr direkt ins Gesicht, doch sie rührte sich nicht. Er leckte ihr
vorsichtig die Wange und beobachtete dann, seine spitzen Ohren aufrecht
und seinen Kopf zur Seite geneigt, ihr unbewegliches Antlitz, aber
sie schien ruhig zu schlafen. Da lief der Hund nach dem Fenster,
sprang geräuschlos auf den Tisch, schob seine Nase unter den Rahmen
und hob das Fenster so hoch, daß er durch die Öffnung hinauskriechen
konnte. Darauf ließ er es leise über seinen Rücken und Schwanz
herniedergleiten, und seine Gewandtheit dabei verriet eine lange Übung.
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Hulda hatte den ganzen Vorgang mit Erstaunen beobachtet, und nachdem
sie eine Zeitlang gewartet hatte, um sicher zu sein, daß der Hund nicht
mehr in der Nähe wäre, erhob sie sich in der Absicht, ihren Vater zu
rufen. Jedoch nach einigem Überlegen beschloß sie weiteres abzuwarten.
Sie warf Holz aufs Feuer und legte sich wieder nieder. Über eine
Stunde lag sie ganz munter, dem Ticken der alten Wanduhr lauschend und
beim geringsten Geräusch zusammenfahrend. Was mochte der Hund jetzt
anstellen? Hatte er wirklich der Witwe Schafe gemordet? Die Erinnerung
an seine aufopfernde Anhänglichkeit an ihre eigene Herde ließ es ihr
unglaublich erscheinen.
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Eine zweite Stunde ticktackte langsam vorüber. Da vernahm Hulda
plötzlich ein leises Geräusch am Fenster, und ihr Herz klopfte in
gespannter Erwartung. Das Fenster öffnete sich, und Wully sprang in die
Küche zurück.
Beim flackernden Lichte konnte Hulda einen fremdartigen, wilden Glanz
in seinen Augen erkennen, und seine schneeweiße Brust war mit frischem
Blut besudelt. Der Hund hörte auf zu schnaufen und beobachtete das
Mädchen. Dann, als er sah, daß sie sich nicht regte, legte er sich
nieder, leckte seine Pfoten und seine Brust und knurrte einigemal
leise, wie in der Erinnerung an ein jüngst vergangenes Abenteuer.
Hulda hatte genug gesehen, da war kein Zweifel mehr, Jo hatte recht,
und der gefürchtete Fuchs von Monsaldale lag vor ihr. Sie erhob sich,
sah Wully in die Augen und rief: »Wully! Wully! So ist’s doch wahr? Du
entsetzlicher Wüterich!«
Ihre Stimme zitterte durch den stillen Raum, und Wully erstarrte,
wie vom Blitz getroffen. Er warf einen verzweifelten Blick auf das
geschlossene Fenster, seine Augen glitzerten, und seine Mähne sträubte
sich, aber er kauerte sich unter dem festen Blick Huldas zusammen und
kroch auf dem Boden auf sie zu, als ob er um Gnade betteln wollte.
Langsam kam er näher und näher, wie um ihre Füße zu lecken. Als er aber
dicht vor ihr war, sprang er mit der Wut eines Tigers, aber ohne einen
Laut von sich zu geben, nach ihrem Halse.
Der Angriff kam dem Mädchen unerwartet, aber noch zur rechten Zeit hob
sie ihren Arm empor, und Wullys lange, weiße Zähne bohrten sich in ihr
Fleisch und knirschten auf den Knochen.
»Hilfe! Hilfe! Vater! Vater!« schrie sie.
Wully war eine leichte Last, und für einen Augenblick schleuderte sie
ihn weg, aber seine Absicht war nicht mißzuverstehen. Der Kampf hatte
begonnen, es galt sein Leben oder das ihre.
»Vater! Vater!« gellte es durch die Stille der Nacht, als die gelbe
Furie, in der Absicht, Hulda zu morden, die Hände, die sie so oft
gefüttert, zerbiß und zerfleischte.
Vergeblich suchte das Mädchen den Hund von sich abzuwehren, und eben
wollte er sie am Hals packen, als Dorley noch im rechten Augenblick
herbeigeeilt kam.
Gerade auf ihn los, lautlos wie zuvor, sprang Wully und biß und
zerfleischte ihn, bis ein tödlicher Schlag mit der Axt ihn kampfunfähig
machte. Ein zweiter Hieb schleuderte ihn mit zerschmettertem Schädel
vor den Herd, wo er so lange geehrt und geachtet mit Dorley gehaust
hatte – und Wully, der kluge, tapfere, treue und – verräterische
Wully tat einen tiefen Atemzug, streckte sich und lag still für immer.
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Der Paßgänger.