I.

Auf den Bergen, hoch droben in Schottland, auf den Cheviots, war Wully

geboren. Ihn und einen seiner Brüder hatte man am Leben gelassen;

den Bruder, weil er eine große Ähnlichkeit mit dem besten Hund der

Nachbarschaft aufwies, und ihn selbst, weil er ein niedlicher, kleiner,

gelber Kerl war.

Seine Jugend verbrachte er wie ein richtiger Schäferhund in

Gemeinschaft eines erfahrenen Collies, der ihn ausbildete, und eines

alten Schafhirten, der fast ebensoviel Erfahrung besaß, wie sein

gelehriger Hund. Mit zwei Jahren war Wully vollkommen ausgewachsen

und er wußte mit den Schafen ebensogut umzugehen, wie Alt-Robin, sein

Meister, der ein solches Vertrauen in seine Zuverlässigkeit besaß,

daß er meistens die ganze Nacht im Wirtshaus saß, während Wully die

wolligen Dummköpfe in den Hügeln bewachte. Der alte, einfältige

Schafhirt, mit allen seinen Fehlern und dem fortwährenden Sehnen nach

seinem Idealzustand – der Benebelung – behandelte Wully selten roh,

und dieser vergalt ihm das durch abgöttische Verehrung, um die mancher

Große und Weise im Lande den Alten beneidet hätte.

Wully konnte sich kein höheres Wesen vorstellen als Robin, und doch

standen dieses Abgottes körperliche und geistige Kräfte für nur

fünf Schilling die Woche im Dienst eines kleinen Viehhändlers, des

eigentlichen Besitzers von Wullys Schutzbefohlenen. Als dieser Mann nun

Robin befahl, seine Herde in Tagereisen nach den Yorkshire-Märkten zu

treiben, war Wully von all den dreihundertsechsundsiebzig Wesen, die

dabei in Frage kamen, der am meisten Betroffene.

Die Reise nach Northumberland war für ihn bedeutungsvoll. Am Tynefluß

wurden die Schafe auf ein Fährboot getrieben und am andern Ufer im

rußigen Southshields gelandet. Die hohen Fabrikschornsteine kündeten

den Beginn der Tagesarbeit an und hüllten die Stadt in schwere

Nebel und bleigraue Rauchwolken ein, die die Sonne verdunkelten und

wie Sturmwolken über den Straßen hingen. Die Schafe vermuteten das

Heranziehen eines außergewöhnlich schweren Sturms, wurden aufgeregt und

rasten ihren Hütern zum Trotz in 374 verschiedenen Richtungen durch die

Stadt.

[Illustration]

Das war für Robins schwachen Geist zu viel. Er starrte den Schafen

einige Augenblicke lang stumpfsinnig nach und gab dann den Befehl:

»Wully, bring’ sie!« Nach dieser Anstrengung setzte er sich nieder,

zündete seine Pfeife an und begann an einem halbvollendeten Strumpfe zu

stricken.

[Illustration]

Robins Stimme war für Wully die Stimme Gottes. Davon lief er in 374

verschiedene Richtungen und brachte nach langen Mühen die 374 Ausreißer

nach dem Fährhause zu Robin, der des Hundes Arbeit interesselos zusah.

Zum Schluß gab Wully – nicht Robin – das Zeichen, daß alle beisammen

wären. Der alte Schäfer begann zu zählen: 370, 371, 372, 373. »Wully,«

sagte er vorwurfsvoll, »da fehlt ja eins,« Wully sprang vor Scham

zitternd davon, um die ganze Stadt nach dem Vermißten abzusuchen. Aber

er war noch nicht lange fort, als ein kleiner Junge Robin bedeutete,

daß alle 374 Schafe bereits zur Stelle seien. Der Alte befand sich in

größter Verlegenheit. Sein Herr hatte ihm befohlen, so schnell als

möglich Yorkshire zu erreichen, und anderseits wußte er, daß Wully

nicht ohne ein Schaf zurückkommen würde, selbst wenn er es zu stehlen

hätte. Derartiges war schon früher vorgekommen und hatte zu höchst

unangenehmen Auseinandersetzungen geführt. Was sollte er nun tun? Fünf

Schilling wöchentlich standen auf dem Spiele. Wully war ein guter,

treuer Hund, und es war jammerschade, ihn zu verlieren; aber wenn er

nun, um die Zahl vollzumachen, ein Extraschaf stahl, was dann? Robin

entschied sich endlich, Wully im Stich zu lassen, und zog mit seinen

Schafen von dannen. Wie er allein sein Ziel erreichte, das wissen wir

nicht, und es kann uns auch gleich sein.

[Illustration]

Inzwischen hatte Wully auf der vergeblichen Suche nach dem verlorenen

Schafe die Stadt nach allen Richtungen durchkreuzt. Den ganzen Tag

und die folgende Nacht suchte er, bis er schließlich ausgehungert

und müde mit eingezogenem Schwanze nach dem Fährhause zurückkam, um

dort zu entdecken, daß sein Herr mit den Schafen bereits seiner Wege

gegangen war. Es war wirklich jammervoll, die Trauer und Verzweiflung

des Hundes mit anzusehen. Wimmernd und heulend lief er umher, fuhr dann

mit der Fähre nach dem anderen Ufer hinüber und suchte überall nach

Robin. Später kehrte er wieder nach Southshields zurück und verbrachte

die Nacht auf der Suche nach seinem Abgott. Auch den nächsten Tag

setzte er das Suchen fort, beobachtete und beroch jedermann, der den

Fluß kreuzte, und suchte mit großer Schlauheit unablässig in den

umliegenden Wirtshäusern nach seinem Herrn. Am folgenden Tage begann er

systematisch alle Leute zu beschnüffeln, die mit der Fähre herüberkamen.

Das Fährboot machte fünfzig Überfahrten an jedem Tag und beförderte

durchschnittlich jedesmal hundert Personen. Wully war am Anlegeplatz

stets zur Stelle und beroch jedes Bein, das herüberkam – zehntausend

mochte er an diesem Tage auf seine eigene Weise untersucht haben. Den

nächsten Tag und den übernächsten, die ganze Woche hielt er auf seinem

Posten aus, und bald begannen mangelhafte Ernährung und Sorge ihre

Wirkung zu zeigen; er wurde magerer und schlechtgelaunter von Tag zu

Tag. Niemand durfte ihn berühren, und jeder Versuch, ihn von seiner

täglichen Beschäftigung abzubringen, reizte ihn zur höchsten Wut.

Tag für Tag, Woche für Woche wartete Wully auf seinen Herrn, aber er

kam nicht. Die Fährleute achteten des Hundes Anhänglichkeit und Treue,

und obwohl dieser im Anfang das dargebotene Futter und eine Unterkunft

verschmähte, nahm er schließlich ihre Gaben an. – Wenn er auch

verbittert war gegen alle Welt, so hing sein Herz doch wie zuvor an

seinem treulosen Herrn und Meister.

[Illustration]

Vierzehn Monate nach Wullys Ankunft in Southshields machte ich seine

Bekanntschaft, und immer noch war er auf dem Posten. Sein gutes

Aussehen hatte er zurückerlangt; sein scharfgeschnittener, kluger Kopf,

von einer weißen Halskrause eingerahmt, und seine spitzen, lauschenden

Ohren machten einen auffallend hübschen Hund aus ihm, der jedes Auge

auf sich zog. Nachdem er meine Beine beschnüffelt und entdeckt hatte,

daß es nicht die waren, die er suchte, beachtete er mich nicht weiter,

und trotz meiner Versuche, seine Freundschaft zu gewinnen, schenkte er

mir nicht mehr Vertrauen, als irgendeinem anderen.

Zwei volle Jahre hielt dieses treue Tier an der Fähre aus. Es war

nicht die große Entfernung oder die Furcht, sich zu verlaufen, die

ihn davon zurückhielt, nach Hause in die Hügel zurückzukehren, es war

die Überzeugung, daß Robin, sein Abgott, sein Bleiben beim Fährboot

wünschte, und er blieb.

So oft Wully es für nötig hielt, kreuzte er den Fluß. Der

Überfahrtspreis für einen Hund betrug einen Penny, und man hat

ausgerechnet, daß er der Gesellschaft Hunderte von Pfunden schuldete,

bis er seinen Platz aufgab.

[Illustration]

Von Robin hatte man niemals mehr auch nur das geringste vernommen, aber

eines Tages betrat ein rüstiger Viehtreiber die Fähre, und Wully, der

ihn seiner Gewohnheit gemäß beschnüffelte, wurde plötzlich aufgeregt,

seine Mähne sträubte sich, er zitterte, und ein leises Knurren entfuhr

ihm.

Einer von den Fährleuten, der nicht verstand, was vorging, rief dem

Fremden zu: »Paß auf, Mann, daß du unserem Hunde nichts zuleide tust!«

[Illustration: Rotkrause rettet das Jüngste]

»Was soll ich ihm zuleide tun, ehe könnte der Köter mir etwas anhaben.«

Irgendwelche weitere Aufklärung war unnötig. Wully war wie

ausgewechselt, er schmiegte sich dicht an den Fremden, und sein Schwanz

wedelte leidenschaftlich, zum erstenmal seit Jahren.

Einige Worte machten alles klar. Dorley, der Viehtreiber, hatte Robin

gut gekannt. Seine Handschuhe und sein Halstuch waren von Robins

eigener Hand gestrickt und früher in dessen Besitz gewesen. Wully

zweifelte, daß er je seinen verlorenen Abgott wiederfinden würde,

verließ seinen Posten an der Fähre und gab deutlich die Absicht kund,

dem Eigentümer von Robins Halstuch zu folgen. Dorley hatte nichts

dagegen, nahm ihn mit heim in die Berge von Derbyshire, und Wully wurde

zum zweiten Male ein Schäferhund.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 66 / 96 题