VII.

Es dauerte wohl einige Wochen, bis sich Rotkrause und Grauschwanz

vollkommen wieder erholt hatten, doch gutes Futter und Ruhe im Überfluß

sind sichere Heilmittel, und an einem schönen, klaren Tage um die

Wintersonnenwende saß Rotkrause wie in verflossenen Tagen auf seinem

Baumstumpf und machte die Luft mit majestätischem Trommeln erzittern.

War es das Trommeln, oder waren es verräterische Spuren im Schnee, die

Cuddy ihren Aufenthalt verrieten? Tag für Tag durchstreifte er mit Hund

und Gewehr die Schlucht mit der festen Absicht, die Fasanen von der

Bildfläche hinwegzufegen. _Sie_ kannten ihren beharrlichen Verfolger

schon lange, doch jetzt machte _er_ Anstalten, sie näher kennen zu

lernen. Der prächtige Fasan mit der kupferfarbenen Krause fing an,

im ganzen Tal berühmt zu werden. Manch einer versuchte während des

Jägermonds ihm das Licht auszublasen, doch Rotkrause war zu vertraut

mit den Lehren der Waldeskunde.

Cuddy aber ließ nicht ab, ihn mit seinem Gewehr zu verfolgen; manchen

Schuß verknallte er vergebens, denn wie ein Wunder fand sich stets

ein Baum, eine Moosbank oder irgendein sicherer Schutz, und Rotkrause

lebte, gedieh und trommelte.

Als der Schneemond ins Land zog, wanderte er mit Grauschwanz aus

nach dem Forste von Castle Frank, denn dort war Futter im Überfluß

und mächtige, uralte Bäume. Am Südabhang stand inmitten kriechender,

niedriger Kiefern eine schlanke Fichte. Ihr hoch über die andern Bäume

hinausragender Gipfel beherbergte im Sommer den Eichelhäher und seine

Braut. Dort oben außer Schußweite sang und tanzte der Häher an lauen

Frühlingstagen vor seiner Gespielin, ließ seine glänzenden, blauen

Federn im Sonnenlicht strahlen und wirbelte die süßeste Melodie, so süß

und schmelzend wie aus dem Märchenland.

[Illustration]

Nahe dieser Fichte lebte jetzt Rotkrause mit seinem einzigen noch

übriggebliebenen Jungen; doch nicht die Krone hoch droben in der klaren

Luft, sondern der Fuß des stolzen Baumes war es, der ihn interessierte.

Fasanenwein und Wintergrün wuchsen unter den niedrigen Kiefern, und

der Schnee barg körnerstrotzende Fichtenzapfen. Einen passenderen

Futterplatz gab es nicht; der starke Fichtenstamm gewährte dazu Schutz

vor dem tödlichen Blei, und wenigstens ein dutzendmal rettete er

während der Jagdzeit den Fasanen das Leben. Hier war es, wo Cuddy, mit

ihren Gewohnheiten vertraut, eine neue Falle legte. Lauernd lag er

im Versteck, während ein Genosse die Anhöhe umging, um ihm die Vögel

zuzutreiben, trampelnd kam er durch das niedrige Dickicht, wo Rotkrause

und Grauschwanz beim üppigen Mahl saßen. Lange, ehe der Schütze in

gefährlicher Nähe sich zeigte, warnte Rotkrause leise »Rrr–rrr«

(Gefahr!) und lief schnell auf die große Fichte zu. Grauschwanz befand

sich in einiger Entfernung oben auf dem Hügel und erblickte plötzlich

einen neuen Feind, den gelben Köter, der gerade auf ihn loskam.

Rotkrause hinderte das Dickicht, ihn zu sehen, und Grauschwanz geriet

infolgedessen in begreifliche Aufregung.

[Illustration]

»Kwit, kwit« (Flieg, flieg!) schrie er und kam den Hügel

heraufgelaufen. »Kriet, rrr« (Hierher, verstecke dich!) rief der

besonnene Vater, denn der Mann mit dem Gewehr kam jetzt in Schußweite.

Er lief hinter den dicken Stamm, und als er dort einen Augenblick

stillstand, um Grauschwanz nochmals zuzurufen »Hierher, hierher«, hörte

er plötzlich ein leises Geräusch, das ihm das Versteck des anderen

Schützen verriet. Grauschwanz erhob sich in die Luft, als der Hund auf

ihn lossprang, flog hinter den schützenden Stamm und befand sich nun in

der Gewalt des elenden Schuftes, der dort versteckt lag.

»Schwirr« und er erhob sich, ein herrliches, edles Wesen.

»Bäng« und herab stürzte er, zu Tode getroffen und blutend, in den

weißen Schnee.

[Illustration]

Rotkrauses Platz war gefahrvoll, denn es gab keine Möglichkeit,

ungesehen aufzufliegen, darum duckte er sich flach nieder. Der Hund

kam in gefährliche Nähe, und der Fremde ging dicht an ihm vorbei, aber

Rotkrause rührte sich nicht, bis sich Gelegenheit bot, hinter den

dicken Fichtenstamm zu schlüpfen. Dort flog er auf und schwebte lautlos

davon.

Alle seine Lieben hatte das tödliche Blei dahingerafft, und vollkommen

vereinsamt war er allein zurückgeblieben. Der Schneemond verstrich,

Rotkrause entkam seinen Feinden oft nur mit knapper Not, denn da

er der einzige Überlebende seines Geschlechts war, wurde er mit

unbarmherzigem Eifer verfolgt.

[Illustration]

Am Ende schien es Zeitverschwendung, ihm mit dem Gewehr nachzustellen;

Cuddy heckte daher, als der Schnee am tiefsten war und das Futter am

spärlichsten, einen neuen Anschlag aus. Über Rotkrauses Futterplatz

verteilte er eine Menge tückischer Schlingen. Ein Hase, ein alter

Freund, zernagte mehrere mit seinen scharfen Zähnen, aber einige

blieben übrig, und Rotkrause trat richtig in eine hinein. Im Augenblick

wurde er in die Luft geschleudert und baumelte hilflos an einem Bein. –

Haben die armen Tiere gar keine moralischen oder gesetzlichen Rechte?

Und welches Recht hat der Mensch, seinem Mitgeschöpf solch lange,

furchtbare Martern aufzuerlegen, nur weil dieses Geschöpf nicht seine

Sprache spricht? – Den ganzen Tag hing der bedauernswerte Rotkrause in

wachsender Pein und schlug mit seinen mächtigen, starken Schwingen in

hilflosem Bemühen, sich zu befreien. Den ganzen Tag, die ganze Nacht

schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis er sich nur noch nach dem

Tode sehnte. Aber er erlöste ihn nicht! Der Morgen brach an, der Tag

verstrich, und noch hing er, langsam sterbend. Die zweite Nacht kroch

heran, und eine große Steineule, die durch das schwache Flattern

herangelockt wurde, machte der Qual ein Ende.

Der Wind blies von Norden das Tal herab, der Sturmwind brauste über das

runzelige Eis, über das unwirtliche Marschland in der Richtung nach dem

Ontario-See und streute die zerzausten regenbogenfarben schillernden

Federn über das Land, den Stolz des letzten Fasanen vom Schlammbachtal.

Denn keiner kommt mehr nach Castle Frank. Die Waldvögel vermissen

den kriegerischen Frühlingsgruß, und der alte Fichtenstumpf im

Schlammbachtal ist verfault und zerfallen.

Wully.

Ein Schäferhund.

Wully war ein kleiner, gelber Köter. Unter der verächtlichen

Bezeichnung Köter versteht man gewöhnlich einen rasselosen Mischling

und vergißt dabei, daß dieses verachtete Wesen meistens mehr Rasse in

sich zeigt, als irgendeiner seiner aristokratischen Verwandten. Er ist

schlau, beweglich und ausdauernd und weit besser für den harten Kampf

ums Dasein ausgerüstet, als seine rasseechten Vettern.

[Illustration]

Setzen wir den Fall, wir würden einen ganz gewöhnlichen Dorfköter,

einen kostbaren Windhund und einen Bullenbeißer auf einer öden,

verlassenen Insel aussetzen, welcher von diesen dreien würde wohl nach

sechs Monden noch gesund am Leben sein? Zweifellos der verachtete

Dorfköter. – Er besitzt weder die Schnelligkeit des Windhundes, noch

die Kraft und die Kühnheit eines Bullenbeißers, aber etwas tausendmal

Wertvolleres, einen _gesunden Verstand_.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 65 / 96 题