Es dauerte wohl einige Wochen, bis sich Rotkrause und Grauschwanz
vollkommen wieder erholt hatten, doch gutes Futter und Ruhe im Überfluß
sind sichere Heilmittel, und an einem schönen, klaren Tage um die
Wintersonnenwende saß Rotkrause wie in verflossenen Tagen auf seinem
Baumstumpf und machte die Luft mit majestätischem Trommeln erzittern.
War es das Trommeln, oder waren es verräterische Spuren im Schnee, die
Cuddy ihren Aufenthalt verrieten? Tag für Tag durchstreifte er mit Hund
und Gewehr die Schlucht mit der festen Absicht, die Fasanen von der
Bildfläche hinwegzufegen. _Sie_ kannten ihren beharrlichen Verfolger
schon lange, doch jetzt machte _er_ Anstalten, sie näher kennen zu
lernen. Der prächtige Fasan mit der kupferfarbenen Krause fing an,
im ganzen Tal berühmt zu werden. Manch einer versuchte während des
Jägermonds ihm das Licht auszublasen, doch Rotkrause war zu vertraut
mit den Lehren der Waldeskunde.
Cuddy aber ließ nicht ab, ihn mit seinem Gewehr zu verfolgen; manchen
Schuß verknallte er vergebens, denn wie ein Wunder fand sich stets
ein Baum, eine Moosbank oder irgendein sicherer Schutz, und Rotkrause
lebte, gedieh und trommelte.
Als der Schneemond ins Land zog, wanderte er mit Grauschwanz aus
nach dem Forste von Castle Frank, denn dort war Futter im Überfluß
und mächtige, uralte Bäume. Am Südabhang stand inmitten kriechender,
niedriger Kiefern eine schlanke Fichte. Ihr hoch über die andern Bäume
hinausragender Gipfel beherbergte im Sommer den Eichelhäher und seine
Braut. Dort oben außer Schußweite sang und tanzte der Häher an lauen
Frühlingstagen vor seiner Gespielin, ließ seine glänzenden, blauen
Federn im Sonnenlicht strahlen und wirbelte die süßeste Melodie, so süß
und schmelzend wie aus dem Märchenland.
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Nahe dieser Fichte lebte jetzt Rotkrause mit seinem einzigen noch
übriggebliebenen Jungen; doch nicht die Krone hoch droben in der klaren
Luft, sondern der Fuß des stolzen Baumes war es, der ihn interessierte.
Fasanenwein und Wintergrün wuchsen unter den niedrigen Kiefern, und
der Schnee barg körnerstrotzende Fichtenzapfen. Einen passenderen
Futterplatz gab es nicht; der starke Fichtenstamm gewährte dazu Schutz
vor dem tödlichen Blei, und wenigstens ein dutzendmal rettete er
während der Jagdzeit den Fasanen das Leben. Hier war es, wo Cuddy, mit
ihren Gewohnheiten vertraut, eine neue Falle legte. Lauernd lag er
im Versteck, während ein Genosse die Anhöhe umging, um ihm die Vögel
zuzutreiben, trampelnd kam er durch das niedrige Dickicht, wo Rotkrause
und Grauschwanz beim üppigen Mahl saßen. Lange, ehe der Schütze in
gefährlicher Nähe sich zeigte, warnte Rotkrause leise »Rrr–rrr«
(Gefahr!) und lief schnell auf die große Fichte zu. Grauschwanz befand
sich in einiger Entfernung oben auf dem Hügel und erblickte plötzlich
einen neuen Feind, den gelben Köter, der gerade auf ihn loskam.
Rotkrause hinderte das Dickicht, ihn zu sehen, und Grauschwanz geriet
infolgedessen in begreifliche Aufregung.
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»Kwit, kwit« (Flieg, flieg!) schrie er und kam den Hügel
heraufgelaufen. »Kriet, rrr« (Hierher, verstecke dich!) rief der
besonnene Vater, denn der Mann mit dem Gewehr kam jetzt in Schußweite.
Er lief hinter den dicken Stamm, und als er dort einen Augenblick
stillstand, um Grauschwanz nochmals zuzurufen »Hierher, hierher«, hörte
er plötzlich ein leises Geräusch, das ihm das Versteck des anderen
Schützen verriet. Grauschwanz erhob sich in die Luft, als der Hund auf
ihn lossprang, flog hinter den schützenden Stamm und befand sich nun in
der Gewalt des elenden Schuftes, der dort versteckt lag.
»Schwirr« und er erhob sich, ein herrliches, edles Wesen.
»Bäng« und herab stürzte er, zu Tode getroffen und blutend, in den
weißen Schnee.
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Rotkrauses Platz war gefahrvoll, denn es gab keine Möglichkeit,
ungesehen aufzufliegen, darum duckte er sich flach nieder. Der Hund
kam in gefährliche Nähe, und der Fremde ging dicht an ihm vorbei, aber
Rotkrause rührte sich nicht, bis sich Gelegenheit bot, hinter den
dicken Fichtenstamm zu schlüpfen. Dort flog er auf und schwebte lautlos
davon.
Alle seine Lieben hatte das tödliche Blei dahingerafft, und vollkommen
vereinsamt war er allein zurückgeblieben. Der Schneemond verstrich,
Rotkrause entkam seinen Feinden oft nur mit knapper Not, denn da
er der einzige Überlebende seines Geschlechts war, wurde er mit
unbarmherzigem Eifer verfolgt.
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Am Ende schien es Zeitverschwendung, ihm mit dem Gewehr nachzustellen;
Cuddy heckte daher, als der Schnee am tiefsten war und das Futter am
spärlichsten, einen neuen Anschlag aus. Über Rotkrauses Futterplatz
verteilte er eine Menge tückischer Schlingen. Ein Hase, ein alter
Freund, zernagte mehrere mit seinen scharfen Zähnen, aber einige
blieben übrig, und Rotkrause trat richtig in eine hinein. Im Augenblick
wurde er in die Luft geschleudert und baumelte hilflos an einem Bein. –
Haben die armen Tiere gar keine moralischen oder gesetzlichen Rechte?
Und welches Recht hat der Mensch, seinem Mitgeschöpf solch lange,
furchtbare Martern aufzuerlegen, nur weil dieses Geschöpf nicht seine
Sprache spricht? – Den ganzen Tag hing der bedauernswerte Rotkrause in
wachsender Pein und schlug mit seinen mächtigen, starken Schwingen in
hilflosem Bemühen, sich zu befreien. Den ganzen Tag, die ganze Nacht
schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis er sich nur noch nach dem
Tode sehnte. Aber er erlöste ihn nicht! Der Morgen brach an, der Tag
verstrich, und noch hing er, langsam sterbend. Die zweite Nacht kroch
heran, und eine große Steineule, die durch das schwache Flattern
herangelockt wurde, machte der Qual ein Ende.
Der Wind blies von Norden das Tal herab, der Sturmwind brauste über das
runzelige Eis, über das unwirtliche Marschland in der Richtung nach dem
Ontario-See und streute die zerzausten regenbogenfarben schillernden
Federn über das Land, den Stolz des letzten Fasanen vom Schlammbachtal.
Denn keiner kommt mehr nach Castle Frank. Die Waldvögel vermissen
den kriegerischen Frühlingsgruß, und der alte Fichtenstumpf im
Schlammbachtal ist verfault und zerfallen.
Wully.
Ein Schäferhund.
Wully war ein kleiner, gelber Köter. Unter der verächtlichen
Bezeichnung Köter versteht man gewöhnlich einen rasselosen Mischling
und vergißt dabei, daß dieses verachtete Wesen meistens mehr Rasse in
sich zeigt, als irgendeiner seiner aristokratischen Verwandten. Er ist
schlau, beweglich und ausdauernd und weit besser für den harten Kampf
ums Dasein ausgerüstet, als seine rasseechten Vettern.
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Setzen wir den Fall, wir würden einen ganz gewöhnlichen Dorfköter,
einen kostbaren Windhund und einen Bullenbeißer auf einer öden,
verlassenen Insel aussetzen, welcher von diesen dreien würde wohl nach
sechs Monden noch gesund am Leben sein? Zweifellos der verachtete
Dorfköter. – Er besitzt weder die Schnelligkeit des Windhundes, noch
die Kraft und die Kühnheit eines Bullenbeißers, aber etwas tausendmal
Wertvolleres, einen _gesunden Verstand_.