VI.

Gute, fürsorgende Väter sind eine große Seltenheit in der Fasanenwelt.

Die Mutter baut ihr Nest und brütet die Kleinen ohne Hilfe aus, ja

sie verbirgt sogar das Nest vor dem Vater und trifft ihn nur am

Trommelstamm und auf der Futtersuche oder vielleicht im Staubbad, das

der Versammlungsort für das Hühnergeschlecht zu sein pflegt.

Als die Kleinen ausgekrochen waren, hatte die Mutter keine Gedanken

für irgend etwas anderes; selbst den männlich schönen Vater hatte sie

darüber vergessen. Am dritten Tage aber, als die Jungen stark genug

waren, um ihre dünnen Beinchen zu gebrauchen, hatte sie die Kinder dem

Vater zugeführt.

Viele Väter zeigen nicht das geringste Interesse für ihre Kinder,

aber Rotkrause war eine rühmliche Ausnahme und half sofort die Brut

großziehen. Die Kleinen hatten genau wie vor Zeiten ihr Vater essen und

trinken gelernt und wackelten daher mit der Mutter als Führerin an der

Spitze, während Rotkrause in der Nähe umherstreifte oder den Rückzug

deckte.

[Illustration]

Eines Tages, als die Familie in langer Linie, aufgereiht wie die Perlen

an einer Kette mit einer dicken an jedem Ende, den Hügel hinab nach

dem Flusse marschierte, beobachtete ein neugieriges Eichhorn von einem

Fichtenstamm herab den feierlichen Zug mit dem hinterdreintrippelnden

Rundi, dem Jüngsten und Schwächsten. Rotkrause, der sich auf einem

hohen Stamm sein glänzendes Gefieder putzte und zurechtstrich, war

dem Auge des Eichhorns entgangen, in dessen Herz sich ein seltsamer

Durst nach Vogelblut bei dem Anblick der zarten, kleinen Dingerchen

eingeschlichen hatte. Mit der mörderischen Absicht, dem dahinwackelnden

Nachzügler den Weg abzuschneiden, sprang der rote Räuber hervor. Die

Mutter war schon zu weit, um ein Unglück verhüten zu können, aber

Rotkrause war zur Stelle. Er flog dem rothaarigen Halsabschneider

entgegen und versetzte ihm mit seinen kräftigen Flügeln einen

furchtbaren Schlag. Er traf das Eichhorn auf die zarteste Stelle,

gerade auf die Nase, und warf es in einen Reisighaufen. Dort lag es

nun, nach Luft schnappend, und rote Tropfen rannen an seiner bösen

Schnauze herab. Die Fasanen ließen es dort liegen, und von diesem Tag

an behelligte es sie niemals wieder.

Sie wanderten ihren Weg zum Wasser fürbaß; doch vor ihnen war eine Kuh

gegangen und hatte tiefe Eindrücke im sandigen Boden zurückgelassen;

in einen von diesen fiel ein unvorsichtiges Küchlein und piepste ganz

jämmerlich in seiner Bedrängnis, als es nicht wieder herauskonnte.

Das war eine ganz verzweifelte Lage. Keins der Alten schien Rat zu

wissen, und sie liefen ängstlich am Rande hin und her. Da plötzlich

gab der Sand nach und bildete eine schiefe Ebene, auf der das Kleine

heraufrannte; dann vereinigte es sich unter dem breiten Schutzdach von

seiner Mutter Schwanz wieder glücklich mit seinen Geschwistern.

Die hübsche, kleine Mutter war von zierlicher Gestalt, aber sie besaß

einen scharfen Verstand und war als echte Mutter Tag und Nacht auf das

Wohl ihrer Lieblinge bedacht. Stolz schritt und gluckste sie durch die

heimatlichen Wälder mit den zarten Kleinen hinterdrein. Ihren kleinen,

braunen Schweif spannte sie fächerförmig auf, um den Jungen möglichst

viel Schatten zu geben, und vor keinem Feind wich sie zurück, sondern

war stets bereit, zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem es ihr das

Beste für die Kleinen schien.

Ehe die Küchlein noch fliegen konnten, hatten sie schon eine Begegnung

mit Cuddy: denn obgleich es erst Juni war, war er mit seinem

mörderischen Gewehr draußen. Mit Tike, seinem Hund, kam er die Schlucht

herauf, und der Köter kam der Brut so gefährlich nahe, daß Rotkrause

ihm entgegenlief, um ihn mit Hilfe des alten, nie fehlschlagenden

Kniffes weit in das Schlammbachtal hinabzulocken.

Das Unglück wollte es, daß auch Cuddy gerade auf die Brut loskam; die

Mutter gab ihren Kindern das Zeichen »Krr, krr« (Versteckt euch!) und

lief dem Mann entgegen, wie ihr Gatte dem Hund. Erfüllt von wahrer

Mutterliebe und erfahren in der Waldeskunde, schlüpfte sie geräuschlos

dahin, bis sie dicht vor ihm stand, dann schwang sie sich mit sausendem

Flügelschlag in die Höhe, taumelte aber wieder in das Laub zurück und

stellte sich so flügellahm, daß sie den Wilddieb für einen Augenblick

irreführte. Als sie aber dann, einen Flügel hinter sich herschleifend,

langsam davonkroch, wußte er genau, was dies bedeuten sollte – er

wußte, daß es nur ein Kniff war, um ihn von den Jungen hinwegzulocken,

und holte zum furchtbaren Streiche aus. Die kleine Mutter war behend,

sie wich dem Schlage geschickt aus und hinkte hinter ein Bäumchen,

um dort das gleiche Spiel von neuem zu beginnen. Wieder versuchte

Cuddy, sie mit einem Stocke niederzuschlagen, aber noch zur rechten

Zeit sprang sie beiseite, und tapfer und standhaft kletterte sie vor

ihm her, um ihn von ihren hilflosen Kleinen hinwegzuleiten. Cuddy,

wütend gemacht durch die wiederholten verunglückten Versuche, sie zu

erschlagen, erhob sein Gewehr, feuerte eine Ladung ab, die genügt

hätte, um einen Bären zu töten, und die arme, tapfere, aufopfernde

Mutter war nicht mehr.

Der Wilddieb wußte genau, daß die Jungen irgendwo in der Nähe versteckt

sein mußten, und suchte umher, um sie zu finden, aber nicht eins regte

sich oder piepste. Er konnte sie also nicht entdecken. Aber wie er so

umhertrampelte mit seinen großen, tölpischen Füßen, kreuzte er ihr

Versteck und trat mehr als einen der stillen, kleinen Dulder zu Tode.

Doch was kümmerte es ihn?

Rotkrause hatte den gelben Köter weit hinweg stromabwärts geführt und

kehrte nun zu der Stelle zurück, wo er seine Gattin verlassen hatte.

Der Mörder war inzwischen gegangen und hatte die blutigen Überreste

der armen Mutter mitgenommen, um sie dem Hunde vorzuwerfen; Rotkrause

suchte und fand die blutbefleckte Stelle und ringsumher verstreute

Federn seiner Gattin. Nun wußte er, wem der Schuß gegolten hatte.

Wer kann sein Entsetzen und seine Trauer beschreiben? Äußerlich war

ihm nicht viel anzumerken, stumm starrte er einige Minuten lang mit

niedergeschlagenem, traurigem Blick auf die Stelle, aber bei dem

Gedanken an die hilflosen Jungen kam er schnell wieder zu sich. Er lief

hinüber nach dem Versteck und rief das bekannte »Kriet, kriet«, aber

nur sechs kleine Flaumbällchen öffneten ihre glänzenden Äuglein und

liefen ihm entgegen, denn für vier der kleinen gefiederten Körperchen

war das Versteck zum Grab geworden. Rotkrause wiederholte seinen Ruf,

bis er sicher war, daß alle, die antworten konnten, gekommen waren,

dann führte er sie von dem schrecklichen Platze weit, weit hinweg

stromaufwärts, wo Stacheldrahtzäune und Brombeerdickichte einen zwar

wenig anmutigen, aber zuverlässigen Schutz boten.

[Illustration: Vixen]

Hier wuchs die Brut auf und wurde von ihrem Vater erzogen, gerade

wie seine Mutter ihn erzogen hatte, und sein weitgehendes Wissen

und seine Erfahrung boten ihm dabei große Vorteile. Sie wuchsen und

gediehen, und als der Jägermonat kam, fand er eine stattliche Familie

von sechs erwachsenen Fasanen mit Rotkrause, strahlend in seinen

kupferschimmernden Federn, an der Spitze. Nach dem Verlust seiner

Gattin hatte er aufgehört zu trommeln; aber das Trommeln bedeutete

für den Fasan dasselbe wie der Gesang für die Lerche; es ist sein

Liebeslied und der Ausdruck strotzender Kraft und Gesundheit. Als die

Mauserzeit vorüber war und der September ihm seine prächtigen Federn

wiedergebracht und ihn gekräftigt hatte, lebte sein Geist wieder auf,

und als er sich eines Tages in der Nähe des alten Stumpfes befand,

bestieg er ihn, von einer inneren Macht getrieben, und trommelte wie in

alten Tagen.

Von jetzt an trommelte er oft und seine Kinder saßen um ihn herum,

oder eins bekundete seine edle Abstammung, schwang sich auf einen

nahen Baumstumpf oder Stein und machte die Luft von einem lauten

Zapfenstreich erzittern.

Die schwarzen Trauben und der Irrmonat kamen, aber Rotkrauses Junge

waren ihres großen Vaters würdig. In dem gesunden Körper wohnte ein

starker Geist, und obgleich sie vom Wahnsinn befallen wurden, hatten

sie ihn bereits nach einer Woche überwunden, und nur drei waren

davongeflogen auf Nimmerwiedersehen.

Als der Schnee kam, hauste Rotkrause mit seinen drei Kindern, die

ihn nicht verlassen hatten, im alten Heimatstal. Es war nur ein

leichter, flockiger Schnee, und da das Wetter nicht übermäßig kalt war,

nächtigte die Familie unter den niedrigen, flachen Zweigen einer Zeder.

Am nächsten Tage fiel der Schnee dichter, es wurde kälter und die

Schneewehen türmten sich hoch auf. Zur Nacht hörte es auf zu schneien,

aber der Frost setzte mit aller Härte ein. Rotkrause führte die Familie

zu einer Birke, vor der sich eine tiefe Schneebank erhob, kroch in die

weichen Himmelsfedern, und die andern folgten ihm. Der Wind deckte sie

mit reinen, weißen Bettüchern zu, und so schliefen sie wohlgeborgen

die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fanden sie eine Eiswand vor sich,

die vom warmen Atem zusammengefroren war, aber sie schoben sie mit

Leichtigkeit zur Seite und erhoben sich auf Rotkrauses Morgenruf

»Kriet, kriet, kwit!« (Kommt, Kinder, fliegt!).

Dies war ihre erste Nacht in einer Schneewehe, für Rotkrause war es

natürlich eine alte Geschichte, und am nächsten Abend tauchten sie

wieder vergnügt in ihr warmes Bett hinab, und der Nachtwind deckte sie

sorglich zu. Der Wind drehte sich nach Osten, und das Wetter schlug um,

der Schneefall machte einem heftigen Schloßenwetter Platz. Die weiten

Wälder wurden mit Eis überzogen, und als die Hühner erwachten, um ihre

Betten zu verlassen, waren die Eingänge verschlossen mit einer dicken,

unbarmherzigen Schicht von Eis.

Der tiefere Schnee war noch ganz weich, und Rotkrause bohrte sich einen

Weg nach oben, aber dort trotzte die harte, weiße Decke seiner Kraft.

Er konnte hämmern und sich abarbeiten, soviel er mochte, er gelangte

zu keinem Ergebnis und zerschlug sich nur Flügel und Kopf. Aus Freude

und Ungemach hatte sein Leben bestanden bis auf diesen Tag, aber dies

schien der härteste Tag von allen. Die Stunden schlichen langsam dahin,

und er schwächte seine Kräfte durch fruchtlose Bemühungen, doch dem

Ziele kam er nicht näher. Dazu mußte er das verzweifelte Kämpfen seiner

Kinder hören oder zuweilen einen langgedehnten, klagenden Hilferuf:

»Piet, piet!«

Vor ihren Verfolgern waren sie geschützt dort unten in ihrem traurigen

Gefängnis, aber nicht vor den Qualen des Hungers. Zuerst hatten sie

gefürchtet, der Fuchs würde kommen und sie, seiner Gnade preisgegeben,

dort finden. Als aber die zweite Nacht der Morgendämmerung wich, war

auch dies ihnen gleich, und sie wünschten sogar, er möchte kommen, die

Kruste brechen und ihnen wenigstens die Gelegenheit bieten, für ihr

Leben zu kämpfen.

Am Spätnachmittag des dritten Tages gelang es Rotkrause endlich,

ein Loch in die glasige Decke zu picken; neues Leben erfüllte ihn

bei diesem Erfolg, und er arbeitete und arbeitete, bis er kurz vor

Sonnenuntergang den Kopf und den Hals mit der schillernden Krause durch

das Loch stecken konnte. Die Schneekruste bröckelte von dem Druck

seiner breiten, kräftigen Schultern, und er sprang heraus, aus seinem

eisigen Kerker befreit. Doch was war aus den Jungen geworden? Rotkrause

flog zum nächsten Busche und stillte seinen nagenden Hunger mit einigen

Hagebutten, dann kehrte er hastig zur Schneewehe zurück und gluckste

und rief, aber nur einer der armen Gefangenen antwortete. Ein schwaches

»Piet, piet« spornte ihn zu wütendem Scharren mit seinen scharfen

Krallen an, und als die Eisdecke brach, kroch Grauschwanz als einziger

ans Tageslicht, doch das war alles. Als der Schnee im Frühling schmolz,

kamen zwei kleine Leichen zum Vorschein: Haut, Knochen und Federn –

weiter nichts.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 64 / 96 题