Gute, fürsorgende Väter sind eine große Seltenheit in der Fasanenwelt.
Die Mutter baut ihr Nest und brütet die Kleinen ohne Hilfe aus, ja
sie verbirgt sogar das Nest vor dem Vater und trifft ihn nur am
Trommelstamm und auf der Futtersuche oder vielleicht im Staubbad, das
der Versammlungsort für das Hühnergeschlecht zu sein pflegt.
Als die Kleinen ausgekrochen waren, hatte die Mutter keine Gedanken
für irgend etwas anderes; selbst den männlich schönen Vater hatte sie
darüber vergessen. Am dritten Tage aber, als die Jungen stark genug
waren, um ihre dünnen Beinchen zu gebrauchen, hatte sie die Kinder dem
Vater zugeführt.
Viele Väter zeigen nicht das geringste Interesse für ihre Kinder,
aber Rotkrause war eine rühmliche Ausnahme und half sofort die Brut
großziehen. Die Kleinen hatten genau wie vor Zeiten ihr Vater essen und
trinken gelernt und wackelten daher mit der Mutter als Führerin an der
Spitze, während Rotkrause in der Nähe umherstreifte oder den Rückzug
deckte.
[Illustration]
Eines Tages, als die Familie in langer Linie, aufgereiht wie die Perlen
an einer Kette mit einer dicken an jedem Ende, den Hügel hinab nach
dem Flusse marschierte, beobachtete ein neugieriges Eichhorn von einem
Fichtenstamm herab den feierlichen Zug mit dem hinterdreintrippelnden
Rundi, dem Jüngsten und Schwächsten. Rotkrause, der sich auf einem
hohen Stamm sein glänzendes Gefieder putzte und zurechtstrich, war
dem Auge des Eichhorns entgangen, in dessen Herz sich ein seltsamer
Durst nach Vogelblut bei dem Anblick der zarten, kleinen Dingerchen
eingeschlichen hatte. Mit der mörderischen Absicht, dem dahinwackelnden
Nachzügler den Weg abzuschneiden, sprang der rote Räuber hervor. Die
Mutter war schon zu weit, um ein Unglück verhüten zu können, aber
Rotkrause war zur Stelle. Er flog dem rothaarigen Halsabschneider
entgegen und versetzte ihm mit seinen kräftigen Flügeln einen
furchtbaren Schlag. Er traf das Eichhorn auf die zarteste Stelle,
gerade auf die Nase, und warf es in einen Reisighaufen. Dort lag es
nun, nach Luft schnappend, und rote Tropfen rannen an seiner bösen
Schnauze herab. Die Fasanen ließen es dort liegen, und von diesem Tag
an behelligte es sie niemals wieder.
Sie wanderten ihren Weg zum Wasser fürbaß; doch vor ihnen war eine Kuh
gegangen und hatte tiefe Eindrücke im sandigen Boden zurückgelassen;
in einen von diesen fiel ein unvorsichtiges Küchlein und piepste ganz
jämmerlich in seiner Bedrängnis, als es nicht wieder herauskonnte.
Das war eine ganz verzweifelte Lage. Keins der Alten schien Rat zu
wissen, und sie liefen ängstlich am Rande hin und her. Da plötzlich
gab der Sand nach und bildete eine schiefe Ebene, auf der das Kleine
heraufrannte; dann vereinigte es sich unter dem breiten Schutzdach von
seiner Mutter Schwanz wieder glücklich mit seinen Geschwistern.
Die hübsche, kleine Mutter war von zierlicher Gestalt, aber sie besaß
einen scharfen Verstand und war als echte Mutter Tag und Nacht auf das
Wohl ihrer Lieblinge bedacht. Stolz schritt und gluckste sie durch die
heimatlichen Wälder mit den zarten Kleinen hinterdrein. Ihren kleinen,
braunen Schweif spannte sie fächerförmig auf, um den Jungen möglichst
viel Schatten zu geben, und vor keinem Feind wich sie zurück, sondern
war stets bereit, zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem es ihr das
Beste für die Kleinen schien.
Ehe die Küchlein noch fliegen konnten, hatten sie schon eine Begegnung
mit Cuddy: denn obgleich es erst Juni war, war er mit seinem
mörderischen Gewehr draußen. Mit Tike, seinem Hund, kam er die Schlucht
herauf, und der Köter kam der Brut so gefährlich nahe, daß Rotkrause
ihm entgegenlief, um ihn mit Hilfe des alten, nie fehlschlagenden
Kniffes weit in das Schlammbachtal hinabzulocken.
Das Unglück wollte es, daß auch Cuddy gerade auf die Brut loskam; die
Mutter gab ihren Kindern das Zeichen »Krr, krr« (Versteckt euch!) und
lief dem Mann entgegen, wie ihr Gatte dem Hund. Erfüllt von wahrer
Mutterliebe und erfahren in der Waldeskunde, schlüpfte sie geräuschlos
dahin, bis sie dicht vor ihm stand, dann schwang sie sich mit sausendem
Flügelschlag in die Höhe, taumelte aber wieder in das Laub zurück und
stellte sich so flügellahm, daß sie den Wilddieb für einen Augenblick
irreführte. Als sie aber dann, einen Flügel hinter sich herschleifend,
langsam davonkroch, wußte er genau, was dies bedeuten sollte – er
wußte, daß es nur ein Kniff war, um ihn von den Jungen hinwegzulocken,
und holte zum furchtbaren Streiche aus. Die kleine Mutter war behend,
sie wich dem Schlage geschickt aus und hinkte hinter ein Bäumchen,
um dort das gleiche Spiel von neuem zu beginnen. Wieder versuchte
Cuddy, sie mit einem Stocke niederzuschlagen, aber noch zur rechten
Zeit sprang sie beiseite, und tapfer und standhaft kletterte sie vor
ihm her, um ihn von ihren hilflosen Kleinen hinwegzuleiten. Cuddy,
wütend gemacht durch die wiederholten verunglückten Versuche, sie zu
erschlagen, erhob sein Gewehr, feuerte eine Ladung ab, die genügt
hätte, um einen Bären zu töten, und die arme, tapfere, aufopfernde
Mutter war nicht mehr.
Der Wilddieb wußte genau, daß die Jungen irgendwo in der Nähe versteckt
sein mußten, und suchte umher, um sie zu finden, aber nicht eins regte
sich oder piepste. Er konnte sie also nicht entdecken. Aber wie er so
umhertrampelte mit seinen großen, tölpischen Füßen, kreuzte er ihr
Versteck und trat mehr als einen der stillen, kleinen Dulder zu Tode.
Doch was kümmerte es ihn?
Rotkrause hatte den gelben Köter weit hinweg stromabwärts geführt und
kehrte nun zu der Stelle zurück, wo er seine Gattin verlassen hatte.
Der Mörder war inzwischen gegangen und hatte die blutigen Überreste
der armen Mutter mitgenommen, um sie dem Hunde vorzuwerfen; Rotkrause
suchte und fand die blutbefleckte Stelle und ringsumher verstreute
Federn seiner Gattin. Nun wußte er, wem der Schuß gegolten hatte.
Wer kann sein Entsetzen und seine Trauer beschreiben? Äußerlich war
ihm nicht viel anzumerken, stumm starrte er einige Minuten lang mit
niedergeschlagenem, traurigem Blick auf die Stelle, aber bei dem
Gedanken an die hilflosen Jungen kam er schnell wieder zu sich. Er lief
hinüber nach dem Versteck und rief das bekannte »Kriet, kriet«, aber
nur sechs kleine Flaumbällchen öffneten ihre glänzenden Äuglein und
liefen ihm entgegen, denn für vier der kleinen gefiederten Körperchen
war das Versteck zum Grab geworden. Rotkrause wiederholte seinen Ruf,
bis er sicher war, daß alle, die antworten konnten, gekommen waren,
dann führte er sie von dem schrecklichen Platze weit, weit hinweg
stromaufwärts, wo Stacheldrahtzäune und Brombeerdickichte einen zwar
wenig anmutigen, aber zuverlässigen Schutz boten.
[Illustration: Vixen]
Hier wuchs die Brut auf und wurde von ihrem Vater erzogen, gerade
wie seine Mutter ihn erzogen hatte, und sein weitgehendes Wissen
und seine Erfahrung boten ihm dabei große Vorteile. Sie wuchsen und
gediehen, und als der Jägermonat kam, fand er eine stattliche Familie
von sechs erwachsenen Fasanen mit Rotkrause, strahlend in seinen
kupferschimmernden Federn, an der Spitze. Nach dem Verlust seiner
Gattin hatte er aufgehört zu trommeln; aber das Trommeln bedeutete
für den Fasan dasselbe wie der Gesang für die Lerche; es ist sein
Liebeslied und der Ausdruck strotzender Kraft und Gesundheit. Als die
Mauserzeit vorüber war und der September ihm seine prächtigen Federn
wiedergebracht und ihn gekräftigt hatte, lebte sein Geist wieder auf,
und als er sich eines Tages in der Nähe des alten Stumpfes befand,
bestieg er ihn, von einer inneren Macht getrieben, und trommelte wie in
alten Tagen.
Von jetzt an trommelte er oft und seine Kinder saßen um ihn herum,
oder eins bekundete seine edle Abstammung, schwang sich auf einen
nahen Baumstumpf oder Stein und machte die Luft von einem lauten
Zapfenstreich erzittern.
Die schwarzen Trauben und der Irrmonat kamen, aber Rotkrauses Junge
waren ihres großen Vaters würdig. In dem gesunden Körper wohnte ein
starker Geist, und obgleich sie vom Wahnsinn befallen wurden, hatten
sie ihn bereits nach einer Woche überwunden, und nur drei waren
davongeflogen auf Nimmerwiedersehen.
Als der Schnee kam, hauste Rotkrause mit seinen drei Kindern, die
ihn nicht verlassen hatten, im alten Heimatstal. Es war nur ein
leichter, flockiger Schnee, und da das Wetter nicht übermäßig kalt war,
nächtigte die Familie unter den niedrigen, flachen Zweigen einer Zeder.
Am nächsten Tage fiel der Schnee dichter, es wurde kälter und die
Schneewehen türmten sich hoch auf. Zur Nacht hörte es auf zu schneien,
aber der Frost setzte mit aller Härte ein. Rotkrause führte die Familie
zu einer Birke, vor der sich eine tiefe Schneebank erhob, kroch in die
weichen Himmelsfedern, und die andern folgten ihm. Der Wind deckte sie
mit reinen, weißen Bettüchern zu, und so schliefen sie wohlgeborgen
die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fanden sie eine Eiswand vor sich,
die vom warmen Atem zusammengefroren war, aber sie schoben sie mit
Leichtigkeit zur Seite und erhoben sich auf Rotkrauses Morgenruf
»Kriet, kriet, kwit!« (Kommt, Kinder, fliegt!).
Dies war ihre erste Nacht in einer Schneewehe, für Rotkrause war es
natürlich eine alte Geschichte, und am nächsten Abend tauchten sie
wieder vergnügt in ihr warmes Bett hinab, und der Nachtwind deckte sie
sorglich zu. Der Wind drehte sich nach Osten, und das Wetter schlug um,
der Schneefall machte einem heftigen Schloßenwetter Platz. Die weiten
Wälder wurden mit Eis überzogen, und als die Hühner erwachten, um ihre
Betten zu verlassen, waren die Eingänge verschlossen mit einer dicken,
unbarmherzigen Schicht von Eis.
Der tiefere Schnee war noch ganz weich, und Rotkrause bohrte sich einen
Weg nach oben, aber dort trotzte die harte, weiße Decke seiner Kraft.
Er konnte hämmern und sich abarbeiten, soviel er mochte, er gelangte
zu keinem Ergebnis und zerschlug sich nur Flügel und Kopf. Aus Freude
und Ungemach hatte sein Leben bestanden bis auf diesen Tag, aber dies
schien der härteste Tag von allen. Die Stunden schlichen langsam dahin,
und er schwächte seine Kräfte durch fruchtlose Bemühungen, doch dem
Ziele kam er nicht näher. Dazu mußte er das verzweifelte Kämpfen seiner
Kinder hören oder zuweilen einen langgedehnten, klagenden Hilferuf:
»Piet, piet!«
Vor ihren Verfolgern waren sie geschützt dort unten in ihrem traurigen
Gefängnis, aber nicht vor den Qualen des Hungers. Zuerst hatten sie
gefürchtet, der Fuchs würde kommen und sie, seiner Gnade preisgegeben,
dort finden. Als aber die zweite Nacht der Morgendämmerung wich, war
auch dies ihnen gleich, und sie wünschten sogar, er möchte kommen, die
Kruste brechen und ihnen wenigstens die Gelegenheit bieten, für ihr
Leben zu kämpfen.
Am Spätnachmittag des dritten Tages gelang es Rotkrause endlich,
ein Loch in die glasige Decke zu picken; neues Leben erfüllte ihn
bei diesem Erfolg, und er arbeitete und arbeitete, bis er kurz vor
Sonnenuntergang den Kopf und den Hals mit der schillernden Krause durch
das Loch stecken konnte. Die Schneekruste bröckelte von dem Druck
seiner breiten, kräftigen Schultern, und er sprang heraus, aus seinem
eisigen Kerker befreit. Doch was war aus den Jungen geworden? Rotkrause
flog zum nächsten Busche und stillte seinen nagenden Hunger mit einigen
Hagebutten, dann kehrte er hastig zur Schneewehe zurück und gluckste
und rief, aber nur einer der armen Gefangenen antwortete. Ein schwaches
»Piet, piet« spornte ihn zu wütendem Scharren mit seinen scharfen
Krallen an, und als die Eisdecke brach, kroch Grauschwanz als einziger
ans Tageslicht, doch das war alles. Als der Schnee im Frühling schmolz,
kamen zwei kleine Leichen zum Vorschein: Haut, Knochen und Federn –
weiter nichts.