Mit dem Einzug des Winters war das Futter spärlich geworden, und
Rotkrause hielt sich wieder zu der alten Bergschlucht mit ihren
fichtenbewachsenen Hängen. Jedoch die alte Fasanenweisheit lehrte:
»Futter und Feinde wechseln mit dem Mond.« So hatte der Irrmonat
Wahnsinn, Einsamkeit und Weintrauben gebracht, der Schneemonat
Hagebutten, und der Sturmmonat kam mit Birkenschößlingen und
Schneestürmen, die die Wälder mit Eis überzogen und es ungemein
erschwerten, beim Abbeißen der erfrorenen Knospen einen festen
Sitz zu behalten. Rotkrauses Schnabel wurde durch die harte Arbeit
derartig abgenutzt, daß, selbst wenn er ihn geschlossen hielt, hinter
dem Haken eine Öffnung sichtbar wurde. Die Natur hatte ihn für den
glatten, schlüpfrigen Boden wohl ausgerüstet; denn seine Zehen, die
noch im September zart und weich gewesen waren, wurden nun scharf
und spornbedeckt und wuchsen mit der zunehmenden Kälte, bis ihn der
erste Schnee mit starken Schneeschuhen und Eissporen ausgerüstet fand.
Das kalte Wetter hatte die meisten Habichte und Eulen davongetrieben
und machte es den vierfüßigen Feinden der Fasanen unmöglich, sich
ungesehen zu nähern. Die Vorteile und Nachteile des Winters waren so
beinahe ausgeglichen.
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Die Suche nach Nahrung führte Rotkrause aber täglich weiter und
weiter, bis er schließlich die Rosdaleschlucht mit ihren Silberbirken
und Castle Frank mit seinen Weintrauben und Vogelbeeren entdeckte
und gründlich erforschte. Ebenso durchstreifte er die Waldungen von
Chester, wo die vollen Trauben der Waldrebe im Winde schwankten und
verlockende rote Beeren unter dem Schnee glühten.
Bald hatte er herausgefunden, daß die Menschen aus irgendeinem Grunde
in die hohe Einzäunung von Castle Frank nicht mit Schießgewehren
hineingingen, und dort brachte er nun seine Tage zu, entdeckte neue
Schlupfwinkel, neues Futter und wurde klüger und schöner von Tag zu Tag.
Zwar war er ganz allein, aber das betrachtete er als kein Unglück.
Wohin er sich wendete, überall hüpften die munteren Schwarzmeisen
umher, und er erinnerte sich der Zeit, da sie ihm noch als große,
wichtige Wesen erschienen waren. Sie waren die komischsten und
fidelsten Bewohner der Wälder: ehe noch der Herbst verflossen, hatten
sie ihren berühmten Kehrreim zu singen begonnen:
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»Bald Lenz, bald Lenz«, und sie wiederholten ihn mit frohem Mut
selbst bei den schaurigsten Stürmen den ganzen Winter hindurch, bis
schließlich das Ende des Hungermonds, unseres Februars, herannahte.
Jetzt konnten sie mit verdoppelter Kraft ihre lebensfreudige
Weltanschauung verkünden, und sie taten es mit einem Nachdruck, der
klang wie: »Ich sagt’ es euch ja!« Die Sonne gewann an Macht, schmolz
den Schnee vom südlichen Abhang und legte breite Beete voll duftenden
Wintergrüns bloß, dessen Beeren ein festliches Mahl für Rotkrauses
ausgehungerten Magen waren. Mit der harten Arbeit hatte es nun ein
Ende; Rotkrause brauchte nicht mehr die erfrorenen Schößlinge mit
vieler Mühe abzubeißen, und sein Schnabel hatte Ruhe und Zeit, seine
ursprüngliche Gestalt wiederzugewinnen. Bald kam auch die erste
Bachstelze vorübergeflogen und zwitscherte dabei: »Der Frühling
naht!« Die Sonne schien wärmer von Tag zu Tag; eines Morgens in der
Dämmerung ertönte ein lautes »Caw, Caw!«, und Silberfleck, ein alter,
weiser Rabenvater, kam an der Spitze einer Truppe schwingend daher, um
öffentlich bekanntzugeben:
»Der Frühling ist da!«
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Die ganze Natur schien darauf zu antworten. Es war die Eröffnung des
»Vogel-Neujahrs«, und der Frühling zog ein in jedes Vogelherz, die
Schwarzmeisen wurden geradezu verrückt, sie sangen ihr: »Der Lenz ist
da! der Lenz ist da!« mit einer solchen Beharrlichkeit, daß man sich
nur wundern mußte, wie sie noch Zeit zum Futtersuchen fanden.
Auch Rotkrause fühlte, wie es ihn durch und durch erschütterte. Er
sprang auf einen Stumpf und ließ mit frischer Kraft ein donnerndes:
»Dum, dum, dum, donner – rrrrr« wieder und wieder in das enge Tal
hineinschallen. Dort weckte es ein gedämpftes Echo und verbreitete
seine Freude über die Ankunft des Frühlings durch die Wälder.
Weit unten im Tale stand Cuddys Hütte. Er vernahm den Trommelruf in der
stillen Morgenluft und vermutete, daß droben ein Fasanenhahn zu holen
wäre. So kam er die Schlucht mit seiner Donnerbüchse heraufgeschlichen,
aber Rotkrause schwebte lautlos davon und ruhte nicht, bis er wieder im
Schlammbachtale anlangte.
Dort ließ er sich auf einem alten Baumstumpf nieder und trommelte
wieder und wieder seinen lauten Zapfenstreich, bis ein kleiner Junge,
der im Wald herumgebummelt war, entsetzt nach Hause lief, um seiner
Mutter zu erzählen, daß die Rothäute sicher auf dem Kriegspfade wären;
denn er hätte ihre Kriegstrommel im Tale schlagen hören.
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Warum gibt wohl ein glücklicher Junge seine Freude durch Jauchzen kund?
Warum seufzt wohl die vereinsamte Jugend? Sie wissen es ebensowenig,
wie Rotkrause es wußte, warum er jeden Tag auf einen alten,
abgestorbenen Baumstumpf kletterte und seinen Ruf trommelnd und rollend
durch die Wälder schallen, oder warum er seine prächtige, schillernde
Krause im Sonnenlicht glänzen ließ. Woher kam ihm dieses fremde Sehnen
nach einem Genossen, der seine glitzernden Federn bewundern konnte?
Und warum war ihm solch ein Wunsch nicht schon viel früher vor dem
Eintreten des Kätzchenmonds gekommen?
»Dum, dum, donner – rrrrr
dum, dum, donner – rrrrr«,
rollte er wieder und wieder.
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Tag für Tag besuchte er seinen Lieblingsplatz, und eine neue Zierde,
ein rosenroter Kamm, wuchs ihm über jedem seiner klaren, kühnblitzenden
Augen. Die alten, schwerfälligen Schneeschuhe verschwanden von seinen
Füßen, die Krause wurde majestätischer, das Auge klarer, und seine
ganze Erscheinung war ein prächtiger Anblick, wie er sich spreizte und
im Sonnengold glitzerte. Aber er war so einsam.
Doch was konnte er tun – er mußte seinem Sehnen durch tägliche
Trommelkonzerte Luft machen, bis eines Morgens früh im schönen Monat
Mai, als er sehnsüchtig getrommelt und wieder getrommelt hatte, sein
scharfes Ohr ein leises Rascheln im Gebüsch vernahm. Er erstarrte
zur Bildsäule und lauschte; er wußte nun, man hatte ihn beobachtet.
Und war es möglich? Da stand eine zarte Gestalt, ein scheues,
kleines Fasanenfräulein, das sich schämig zu verbergen suchte, und
im Augenblick war er an deren Seite. Über ihn kam ein neues, fremdes
Gefühl, wie ein brennender Durst, der nach einer kühlenden Quelle
sucht, und er stolzierte einher und trug seinen stolzen Putz gefällig
zur Schau. Woher wußte er, daß ihr das gefallen würde? Er blies seine
Federn auf und verstand es, sich so zu stellen, daß die Sonnenstrahlen
sich glitzernd darin brachen, und ließ ein sanftes Glucksen hören, das
wohl das gleiche bedeutete, wie das süße, nichtige Geplauder höherer
Wesen; denn das war offenbar: ihr Herz war gewonnen. Gewonnen, und zwar
schon lange vorher, wenn er es nur bemerkt hätte. Volle drei Tage war
sie seinem lockenden Trommeln gefolgt, hatte ihn sittsam von weitem
bewundert und sich ein wenig gekränkt gefühlt, daß er sie noch nicht
entdeckt hatte, obwohl sie doch so dicht bei ihm gewesen. So war dieses
leichte Rascheln im Gebüsch vielleicht nicht ganz Zufall gewesen.
Doch jetzt neigte sie demütig ihr Köpfchen mit süßer, hingebender
Huld – die einsame Reise durch die öde Wüste war überstanden, der
durstgequälte Wanderer hatte die kühle Quelle am Ende doch gefunden.
Das war eine glückliche, herrliche Zeit im lieblichen Tale mit dem
häßlichen Namen. Niemals hatte die Sonne so klar geschienen, und die
Luft war mit balsamisch süßem Fichtenduft erfüllt. Tag für Tag kam
der große, edle Vogel zu seinem Lieblingsplatz, zuweilen mit ihr,
zuweilen auch allein, und trommelte und rollte vor lauter Freude am
Leben. Doch warum zuweilen allein? Warum kam er nicht immer mit seiner
kleinen, braunen Gattin? Stundenlang blieb sie bei ihm zum festlichen
Mahle und süßen Liebesspiele, dann plötzlich entschlüpfte sie ihm und
war verschwunden bis zum nächsten Tage, wenn der laute Kriegsgesang
vom alten Baumstumpf herüber erschallte und ihr gebieterisch befahl,
zurückzukehren. Ein tiefes Waldgeheimnis schwebte zwischen dem
liebenden Paar, das Rotkrause nicht zu durchdringen vermochte. Was
war wohl der Grund, daß sie von Tag zu Tag länger ausblieb, bis sie
schließlich eines Morgens seinem Rufe nicht folgte? Der zweite Tag
verstrich, ein dritter ging zur Neige, doch sie war nicht gekommen, und
Rotkrause, wild vor Erregung, durchmaß sausenden Fluges die Wälder,
ließ seinen Ruf vom alten Stumpf erschallen, flog stromauf, stromab,
hinüber zum Hügel und hinunter ins Tal und trommelte und rollte voll
Sehnsucht – aber vergeblich. Als am vierten Tage sein Locken durch
die Forste klang, hörte er plötzlich wie beim ersten Zusammentreffen
ein Geräusch in den Büschen; da stand die Vermißte, und unter ihren
schützenden Flügeln und um sie herum piepsten zehn kleine niedliche
Kücken.
Rotkrause ließ sich ihr zur Seite nieder und erschreckte die
helläugigen Flaumbällchen ganz furchtbar durch sein plötzliches
Erscheinen. Die Brut scharte sich um die Mutter, um ihm zu zeigen, daß
sie nun ein größeres Anrecht hatten als er. Zuerst schien ihn das etwas
zu verwundern, aber bald gewöhnte er sich an die Veränderung, blieb von
dieser Stunde an bei den Kleinen und sorgte für sie, wie sein Vater es
niemals für ihn getan.