Eines Tages im Eichelmonat, das heißt ungefähr Mitte Oktober, als
sich die Fasanenfamilie mit vollen Kröpfen neben einem umgestürzten
Fichtenstamme in den wärmenden Strahlen der Mittagssonne badete,
vernahm man plötzlich den entfernten Knall eines Gewehres. Da sprang
Rotkrause, einem inneren Drange folgend, auf den Stamm, stolzierte
ein paarmal auf und ab, erhob sich dann hoch in die helle, klare und
würzige Luft und schwirrte laut und herausfordernd mit den Flügeln.
Gerade wie ein Füllen seinem Wohlbehagen durch ein helles Wiehern
Ausdruck verleiht, schwirrte er im Vollgefühle seiner Kraft lauter und
lauter, bis er schließlich, ohne es zu wollen, »trommelte«. Stolz auf
seine neue Kunst, schlug er die Luft wieder und wieder sausend mit den
mächtigen Flügeln und erfüllte die Waldung mit dem weitschallenden
Trommeln eines erwachsenen Fasanen. Seine Geschwister hörten und sahen
es mit Bewunderung und Erstaunen; auch seine Mutter gewahrte es, und
sie behandelte ihn von diesem Tage an mit einer gewissen ängstlichen
Scheu.
[Illustration]
Der Anfang des Novembers bringt einen unheimlichen Feind. Einem
seltsamen Naturgesetz folgend, verlieren alle Fasanen im November ihres
ersten Lebensjahres den Verstand. Sie sind von einem wahnsinnigen
Verlangen besessen, irgendwohin zu fliegen, ohne ein bestimmtes Ziel im
Auge zu haben, und selbst die Verständigen unter ihnen benehmen sich
in dieser Zeit albern. In Scharen durchziehen sie in schnellstem Fluge
zur Nachtzeit das Land, werden von Drähten zerrissen oder stürzen sich
in die flammenden Lichter der Leuchttürme oder in die blinkenden Augen
der Lokomotiven. Bei Tage findet man sie dann an den absonderlichsten
Orten, in Gebäuden, auf weiten Sumpfwiesen, auf den Telephondrähten
der großen Städte hängend oder sogar an Bord der Küstenschiffe.
Dieser Wahnsinn scheint das Überbleibsel einer uralten Gewohnheit des
Wohnungswechsels zu sein und hat schließlich ein Gutes, er löst die
Familien auf und verhindert das Untereinanderheiraten, das am Ende
der Rasse verhängnisvoll werden würde. Im ersten Jahre überfällt er
die Jungen immer am schlimmsten; und im zweiten Herbst können sie ihn
wieder bekommen; denn er ist sehr ansteckend, aber im dritten Jahre
sind sie erfahrungsgemäß frei davon.
Rotkrauses Mutter wußte, daß er kommen mußte, sobald sie die Weinbeeren
sich schwärzen sah und der Ahorn sein goldenes Laub fallen ließ. Doch
da war nichts zu tun, als für die Gesundheit der Kinder zu sorgen und
sie in dem stillsten Teil der Wälder zu halten.
[Illustration]
Das erste Anzeichen kam, als ein Volk wilder Gänse über ihren Köpfen
hinweg südwärts zog. Solche langhalsige Habichte hatten die Jungen
vorher nie gesehen, und sie fürchteten sich vor ihnen. Aber da sie
sahen, daß ihre Mutter keine sonderliche Angst zeigte, faßten sie Mut
und beobachteten die über sie dahinziehenden Auswanderer mit regem
Interesse. War es der wilde, kreischende Schrei, der sie erregte, oder
war es nur der innere Drang, der sich Bahn brach? – Ein heißes Sehnen,
den wilden Vögeln zu folgen, ergriff die Jungen. Sie beobachteten die
schnell im Süden verschwindenden Trompeter und suchten sich höhere
Sitze, um sie noch weiter mit den Augen zu verfolgen. Von diesem Tage
an waren sie wie umgewandelt.
Der Novembermond nahm zu, und als er voll war, brach der
Novemberwahnsinn aus. Die Schwächlinge der Brut wurden von der
Krankheit am ärgsten befallen, und die kleine Familie war bald in alle
Winde zerstreut. Selbst Rotkrause machte lange, ziellose Nachtreisen.
Es trieb ihn südwärts, doch dort glänzten ihm die tiefen Wasser des
Ontario-Sees entgegen, und er kehrte um. Ende November zog er wieder
in die Schlucht am Schlammbach ein, aber er war jetzt allein.