[Illustration]
Cuddy wohnte in einer armseligen Hütte in der Nähe des
Schlammbachtales, nördlich von der kanadischen Stadt Toronto, und lebte
so, daß griechische Weltweisheit es ein vollkommenes, beneidenswertes
Dasein genannt haben würde. Er hatte weder Eigentum, noch eine
gesellschaftliche Stellung, bezahlte keine Steuern und machte keinerlei
Ansprüche ans Leben. Er brachte seine Tage dahin in Spielerei und
Nichtstun und möglichst wenig Arbeit und hielt sich die meiste Zeit
im Walde auf. Er glaubte, ein wahrer Sportsmann zu sein, weil er ein
Freund vom Jagen war, und weil es ihm Freude bereitete, wenn das Wild,
auf das er es abgesehen, sich, zu Tode getroffen, am Boden wälzte. Die
Nachbarn behandelten ihn als rechtlosen und vogelfreien Eindringling
und sahen in ihm weiter nichts als einen Landstreicher. Er schoß und
stellte Fallen das ganze Jahr hindurch, und man hatte ihn sagen hören,
daß er die Monate am Geschmack der Fasanen erkennen könnte, wenn er
sie nicht zufällig aus dem Kalender wüßte. Dies bewies ohne Zweifel
eine scharfe Beobachtungsgabe, war aber leider auch zugleich der Beweis
für etwas, das ihm weniger Ehre machte. Die gesetzmäßige Schußzeit für
Fasanen begann am 15. September; es war jedoch nicht zu verwundern,
wenn Cuddy schon vierzehn Tage vor der Zeit dieser Jagd oblag. Dennoch
wußte er sich Jahr für Jahr der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen.
Selten schoß Cuddy einen Vogel flügellahm; er zog es vor, sein Wild
sicher zu erlegen. Dies war nicht leicht, wenn das Laub noch auf den
Bäumen hing und mag auch der Grund gewesen sein, daß unsere Familie in
der Bergschlucht solange unbehelligt umhergelaufen war. Jedoch es gab
noch andere Schützen in der Umgegend, und aus Furcht, daß ihm diese
zuvorkommen könnten, hatte er sich nach einem Fasanenbraten auf den Weg
gemacht. Er hatte kein Flügelrauschen vernommen, als die Vogelmutter
mit ihren sechs überlebenden Kindern davongeflogen war, er steckte
seine zwei kleinen Opfer in die Tasche und kehrte nach seiner Hütte
zurück.
[Illustration]
So lernten die kleinen Hühner, daß ein Hund kein Fuchs ist, und daß man
ihn anders zu behandeln hat, und die uralte Weisheit prägte sich ihnen
tief ein: »Gehorsam bringt langes Leben.«
Den Rest des Septembers hatten sie genug damit zu tun, umherstreifenden
Jägern sowohl als auch alten Feinden aus dem Wege zu gehen. Wie zuvor
nächtigten sie auf den langen, dünnen Zweigen zwischen den dichtesten
Blättern, die sie vor Gefahren aus der Luft beschirmten, während die
Höhe der Bäume sie vor Feinden von unten beschützte und ihnen nichts
zu fürchten übrigließ als Waschbären, deren langsamer, schwerer Tritt
auf den biegsamen Zweigen sie stets zur rechten Zeit warnte. Aber die
Blätter begannen nun zu fallen, und »die Feinde und das Futter wechseln
mit dem Mond«. Es war die Zeit der Nüsse, aber auch die Zeit der Eule.
Die Steineule kam von Norden und verdoppelte oder verdreifachte die
Gefahren. Die Nächte wurden kälter und die Waschbären ungefährlicher;
deshalb verlegte die Mutter das Nachtquartier in das dichte Nadelgewirr
einer Tanne.
Nur eines der Jungen mißachtete der Mutter warnendes »Kriet, kriet«;
es blieb auf seinem schwankenden, nun nahezu blätterlosen Ulmenzweige
sitzen, und eine große Eule mit gelbglitzernden Augen trug es davon,
noch ehe der Morgen graute.
[Illustration: Vixen nimmt die Kinder mit auf die Mäusejagd]
Mutter und fünf Kinder waren nun übriggeblieben, doch die Kleinen waren
ebenso groß wie die Alte, ja, der Älteste, der auf dem Blatt gesessen
hatte, war sogar größer. Ihre Halskrausen fingen an sich zu zeigen,
zunächst nur die Spitzen, um anzudeuten, wo sie einst prangen sollten,
wenn sie ausgewachsen wären, und man glaubt nicht, wie stolz sie darauf
waren. Die Krause bedeutet für den Fasan dasselbe, wie der Schweif für
den Pfau – seine Schönheit, seinen Stolz. Die Krause einer Henne ist
schwarz mit einem leichten, grünen Schimmer, die eines Hahnes bedeutend
dunkler und schwärzer und glänzt in lebhaftem Grün. Zuweilen taucht ein
Fasan von ungewöhnlicher Größe und Kraft auf, dessen Krause nicht nur
üppiger ist, sondern auch durch ein wunderbares Naturspiel ein tiefes
Kupferrot aufweist, schillernd in violetten, grünen und goldenen Tönen.
Ein solcher Vogel ist sicher ein Wunder, und der kleine, der auf dem
Blatt gekauert hatte und stets getan, was ihm befohlen, prangte, noch
bevor der Eichelmonat begonnen, in der vollen Pracht einer golden- und
kupfernschillernden Krause – das war Rotkrause, der berühmte Fasan
aus dem Schlammbach-Tal.