II.

Am dritten Tag waren die Küchlein schon fester auf den Füßen. Sie

brauchten nicht länger ängstlich um eine Eichel herumzulaufen, sie

konnten schon über Tannenzapfen klettern, und aus dem weichen Flaum

guckten die ersten Ansätze von dicken Schwungfedern hervor.

Sie hatten ihr Leben unter der Pflege einer treubesorgten Mutter

begonnen, ausgerüstet mit gesunden Beinchen, einem zuverlässigen

Naturtrieb und einer Portion Vernunft. Es war Naturtrieb, d. h. ererbte

Gewohnheit, die sie hieß, sich aufs Wort ihrer Mutter zu verbergen; es

war Naturtrieb, der sie lehrte, ihr zu folgen; aber es war Vernunft,

die sie unter dem Schatten ihrer Flügel hielt, wenn die Sonne stechend

niederbrannte, und von diesem Tage an leitete die Vernunft mehr und

mehr all ihr Tun und Lassen.

Am nächsten Tage zeigten die Schwungfedern schon zarte Federspitzen, am

folgenden waren die Federn ganz heraus, und eine Woche später konnten

die flaumbedeckten Jungen fliegen wie die Alten.

Doch nicht alle – das Jüngste war schwächlich gewesen von Anfang

an. Es trug seine halbe Eierschale noch stundenlang, nachdem es

ausgekrochen war, es war weniger flink und piepste mehr als seine

Geschwister. Als eines Abends beim Angriff eines Skunks die Mutter

»Kwit! kwit!« (Flieht! flieht!) rief, war es zurückgeblieben, und als

sich die Familie auf dem fichtenbewachsenen Hügel wieder sammelte,

fehlte es, und nie sah man es wieder.

[Illustration]

Die Ausbildung der Jungen hatte mittlerweile bedeutende Fortschritte

gemacht, sie wußten, daß die wohlgenährten Grashüpfer in dem langen

Grase am Bach im Überfluß hausten, daß die Johannisbeerbüsche in

Gestalt von glatten, grünen Würmern fette Nahrung gaben; auch war

ihnen wohlbekannt, daß ein Ameisenhaufen, der sich am Waldsaum gegen

den Himmel erhob, stets eine gefüllte Vorratskammer für sie bedeutete,

und daß Erdbeeren, obgleich eigentlich keine Insekten, beinahe ebenso

köstlich mundeten. Dann wußten sie ganz genau, daß die ungeheuren

bunten Schmetterlinge ein guter Braten waren, wenn sie sich nur fangen

ließen, und daß ein abgefallenes, halb verfaultes Stück Baumrinde voll

von Leckerbissen aller Art war. Aber auch Vorsicht hatten sie gelernt,

nämlich daß man Hornisse, Wespen und Tausendfüßler besser im Frieden

läßt.

[Illustration]

Der Juli war angebrochen – der Beerenmond. Die Küchlein waren im

letzten Monat erstaunlich gewachsen und gediehen und waren nun so

groß, daß die gute Mutter die ganze Nacht aufrecht stehen mußte, um

ihre Kinder mit den Flügeln zuzudecken.

Ihr Staubbad nahmen sie täglich wie zuvor, nur waren sie kürzlich nach

einem anderen gezogen, das höher oben auf dem Hügel lag. Er wurde

von vielen anderen Vögeln besucht, und zuerst mißfiel der Mutter der

Gedanke an ein schon benutztes Bad sehr. Aber der Staub war von solch

einer feinen und weißen Sorte, und die Kinder gingen mit solcher

Begeisterung voran, daß sie ihr Mißtrauen vergaß.

Nach vierzehn Tagen fingen die Kleinen an, sichtlich abzumagern, und

die Mutter selbst fühlte sich nicht wohl. Sie waren beständig hungrig,

und obgleich sie ungewöhnlich viel fraßen, wurden sie immer dünner

und dünner. Die Mutter war die letzte, die davon befallen wurde, aber

als es kam, wurde sie bös mitgenommen, ein furchtbarer Heißhunger,

ein fieberisches Kopfweh und verzehrende Schwäche kamen über sie. Die

Ursache konnte sie nicht ergründen; denn sie wußte ja nicht, daß der

Staub des vielbenutzten Bades, gegen den der angeborene Naturtrieb ihr

von Anfang an Mißtrauen eingeflößt hatte, von Schmarotzerwürmern voll

war, die sich im warmen, weichen Federkleid der armen Tiere häuslich

niedergelassen hatten.

[Illustration]

Jede natürliche Regung hat ihren Grund. Der Vogelmutter Heilkunde

war nur darauf gegründet, ihrem Naturtrieb zu folgen. Das heftige,

glühende Verlangen nach einem Etwas, das sie nicht kannte, ließ sie

alles versuchen, was nur eßbar aussah, und führte sie in die kühlsten

Wälder. Und dort fand sie den todbringenden Sumach, den Färberbaum,

beladen mit giftigen Früchten. Vor einem Monat würde sie daran

vorübergegangen sein, aber jetzt versuchte sie die bitteren Beeren. Der

herbe, brennende Saft schien einem sonderbaren Verlangen ihres Körpers

zu entsprechen; sie aß und aß, und die ganze Familie gesellte sich zu

dem wunderbaren Arzneimahl. Kein Arzt hätte es besser treffen können,

es erwies sich als ein scharfes, wirksames Abführmittel; der geheime

furchtbare Feind war geschlagen, die Gefahr vorüber. Doch nicht für

alle – die Natur, die alte Pflegerin, war für zwei zu spät gekommen;

denn für ihre zarten, durch die Krankheit geschwächten Körper war das

Mittel zu stark gewesen. Sie tranken und tranken am Bach, und als am

andern Morgen die anderen der Mutter folgten, blieben sie still und

unbeweglich. Doch eins war ihnen noch vergönnt im Tode: sie durften

Rache nehmen an einem Skunk, demselben, der Auskunft darüber geben

konnte, wo das Jüngste geblieben war. Er fand und verschlang sie und

starb eines jämmerlichen Todes an dem Gift, das die kleinen Körper

durchdrungen.

Nur noch neun kleine Fasanen folgten dem Rufe der Mutter. Ihre

persönlichen Eigenschaften hatten sich schon früher gezeigt und

entwickelten sich nun schnell. Die Schwächlinge waren nicht mehr, nur

ein törichtes und träges Küchlein war noch da. Das größte, dasselbe,

das einst auf dem gelben Blatt gesessen hatte, anstatt sich zu

verkriechen, war der ausgesprochene Liebling der Mutter, es war nicht

nur das größte, stärkste und schönste der Brut, sondern vor allem das

gehorsamste. Der Mutter warnendes »Rrrrr« (Gefahr) bewahrte die anderen

nicht immer vor einem gefahrvollen Pfad oder einem verdächtigen Futter,

doch ihm schien Folgsamkeit ganz natürlich, es versäumte nie, auf ihr

sanftes »K–riet« (Kommt) zu antworten, und für diesen Gehorsam erntete

es später den verdienten Lohn; denn es lebte länger als die anderen auf

dieser Erde.

August, der Mausermonat, ging vorüber. Die Jungen waren um zwei Drittel

gewachsen und wußten gerade genug, um sich erstaunlich weise zu dünken.

Als sie klein waren, mußten sie auf dem Boden schlafen, damit ihre

Mutter sie zudecken konnte, aber jetzt waren sie zu groß dazu, und die

Alte begann, die Lebensweise Erwachsener einzuführen. Zurzeit war es

sicherer, in den Bäumen zu nächtigen; denn die jungen Wiesel, Füchse,

Skunks und Sumpfottern fingen an, im Wald umherzulaufen, und auf der

Erde wurde es mit jeder Nacht gefährlicher. Mutter Fasan rief darum bei

Sonnenuntergang »K–riet« und schwang sich auf einen dichten, niedrigen

Baum.

Die Kleinen folgten, ausgenommen eins, ein eigensinniges Närrchen,

das darauf bestand, wie zuvor auf der Erde zu schlafen. Alles ging

gut in dieser Nacht, aber in der nächsten weckte die Geschwister ein

klägliches Schreien. Dann folgte Totenstille, die nur unterbrochen

wurde durch das nervenerschütternde Knacken von Knochen und das

wollüstige Schmatzen von Lippen. Sie starrten hinab in das grauenhafte

Dunkel unter ihnen, und das grünliche Glänzen von zwei dichtstehenden

Augen, ein eigenartig muffiger Geruch verriet ihnen, daß ein Sumpfotter

der Mörder ihres törichten Bruders gewesen war.

Acht kleine Fasanen saßen nun des Nachts aufgereiht neben ihrer Mutter,

doch oft ließ sich eins der Kleinen, wenn es kalte Füße hatte, auch auf

dem Rücken der Alten nieder.

Ihre Bildung machte gewaltige Fortschritte, und die Mutter begann nun,

ihnen ein neues Kunststück beizubringen, das »Schwirren«. Wenn ein

Fasan will, kann er sich ganz leise auf seinen Schwingen erheben,

aber zuzeiten ist das Schwirren so wichtig, daß es alle lernen müssen,

wie und wann man sich mit sausendem Flügelschlag erheben muß. Mancher

Erfolg wird durch das Schwirren gesichert. Es warnt alle Fasanen vor

nahender Gefahr, es macht des Schützen Hund unsicher, oder es zieht

die Aufmerksamkeit des Feindes auf den Schwirrer, während sich die

übrigen still davonmachen oder der Beachtung entziehen, indem sie sich

zusammenducken.

Ein altes Fasanensprichwort sagt: »Die Feinde und das Futter wechseln

mit dem Mond.« – Der September kam mit kräftigen Samen und Körnern

an Stelle der köstlichen Beeren und Ameiseneier, und mit gefährlichen

Jägern an Stelle der schleichenden Skunks und Sumpfottern.

Die Fasanen wußten recht gut, wie ein Fuchs aussah, und daß er leicht

zu prellen war, indem man sich in den nächsten Baum flüchtete; doch

einen Hund hatten sie nie gesehen. Als nun im Jägermonat Alt-Cuddy

mit seinem schmutziggelben, kurzschwänzigen Köter die Bergschlucht

durchstreifte, erspähte ihn die Mutter und rief ihren Kindern ein

lautes »Kwit, kwit« (Flieht, flieht) zu. Zwei der Hühnchen konnten

nicht begreifen, weshalb die Mutter so ängstlich zur Flucht mahnte, und

glaubten ihren Mut dadurch beweisen zu müssen, daß sie ungeachtet des

ängstlich wiederholten »Kwit, kwit« sich im nächsten Baum niederließen.

Inzwischen war der kurzgeschwänzte Hund bis unter den Baum gekommen

und kläffte sie an. Dies sowohl als auch das sonderbare Benehmen ihrer

Mutter und Geschwister belustigte sie derartig, daß sie ein Rascheln in

den Büschen gar nicht bemerkten, bis ein lautes »Bäng, bäng« erscholl

und zwei kleine, blutige, flatternde Fasanen herabfielen, um von dem

gelben Köter ergriffen und hin und her gezerrt zu werden, bis der

Schütze aus dem Gebüsch heraussprang und sich die traurigen Überreste

sicherte.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 60 / 96 题