Am dritten Tag waren die Küchlein schon fester auf den Füßen. Sie
brauchten nicht länger ängstlich um eine Eichel herumzulaufen, sie
konnten schon über Tannenzapfen klettern, und aus dem weichen Flaum
guckten die ersten Ansätze von dicken Schwungfedern hervor.
Sie hatten ihr Leben unter der Pflege einer treubesorgten Mutter
begonnen, ausgerüstet mit gesunden Beinchen, einem zuverlässigen
Naturtrieb und einer Portion Vernunft. Es war Naturtrieb, d. h. ererbte
Gewohnheit, die sie hieß, sich aufs Wort ihrer Mutter zu verbergen; es
war Naturtrieb, der sie lehrte, ihr zu folgen; aber es war Vernunft,
die sie unter dem Schatten ihrer Flügel hielt, wenn die Sonne stechend
niederbrannte, und von diesem Tage an leitete die Vernunft mehr und
mehr all ihr Tun und Lassen.
Am nächsten Tage zeigten die Schwungfedern schon zarte Federspitzen, am
folgenden waren die Federn ganz heraus, und eine Woche später konnten
die flaumbedeckten Jungen fliegen wie die Alten.
Doch nicht alle – das Jüngste war schwächlich gewesen von Anfang
an. Es trug seine halbe Eierschale noch stundenlang, nachdem es
ausgekrochen war, es war weniger flink und piepste mehr als seine
Geschwister. Als eines Abends beim Angriff eines Skunks die Mutter
»Kwit! kwit!« (Flieht! flieht!) rief, war es zurückgeblieben, und als
sich die Familie auf dem fichtenbewachsenen Hügel wieder sammelte,
fehlte es, und nie sah man es wieder.
[Illustration]
Die Ausbildung der Jungen hatte mittlerweile bedeutende Fortschritte
gemacht, sie wußten, daß die wohlgenährten Grashüpfer in dem langen
Grase am Bach im Überfluß hausten, daß die Johannisbeerbüsche in
Gestalt von glatten, grünen Würmern fette Nahrung gaben; auch war
ihnen wohlbekannt, daß ein Ameisenhaufen, der sich am Waldsaum gegen
den Himmel erhob, stets eine gefüllte Vorratskammer für sie bedeutete,
und daß Erdbeeren, obgleich eigentlich keine Insekten, beinahe ebenso
köstlich mundeten. Dann wußten sie ganz genau, daß die ungeheuren
bunten Schmetterlinge ein guter Braten waren, wenn sie sich nur fangen
ließen, und daß ein abgefallenes, halb verfaultes Stück Baumrinde voll
von Leckerbissen aller Art war. Aber auch Vorsicht hatten sie gelernt,
nämlich daß man Hornisse, Wespen und Tausendfüßler besser im Frieden
läßt.
[Illustration]
Der Juli war angebrochen – der Beerenmond. Die Küchlein waren im
letzten Monat erstaunlich gewachsen und gediehen und waren nun so
groß, daß die gute Mutter die ganze Nacht aufrecht stehen mußte, um
ihre Kinder mit den Flügeln zuzudecken.
Ihr Staubbad nahmen sie täglich wie zuvor, nur waren sie kürzlich nach
einem anderen gezogen, das höher oben auf dem Hügel lag. Er wurde
von vielen anderen Vögeln besucht, und zuerst mißfiel der Mutter der
Gedanke an ein schon benutztes Bad sehr. Aber der Staub war von solch
einer feinen und weißen Sorte, und die Kinder gingen mit solcher
Begeisterung voran, daß sie ihr Mißtrauen vergaß.
Nach vierzehn Tagen fingen die Kleinen an, sichtlich abzumagern, und
die Mutter selbst fühlte sich nicht wohl. Sie waren beständig hungrig,
und obgleich sie ungewöhnlich viel fraßen, wurden sie immer dünner
und dünner. Die Mutter war die letzte, die davon befallen wurde, aber
als es kam, wurde sie bös mitgenommen, ein furchtbarer Heißhunger,
ein fieberisches Kopfweh und verzehrende Schwäche kamen über sie. Die
Ursache konnte sie nicht ergründen; denn sie wußte ja nicht, daß der
Staub des vielbenutzten Bades, gegen den der angeborene Naturtrieb ihr
von Anfang an Mißtrauen eingeflößt hatte, von Schmarotzerwürmern voll
war, die sich im warmen, weichen Federkleid der armen Tiere häuslich
niedergelassen hatten.
[Illustration]
Jede natürliche Regung hat ihren Grund. Der Vogelmutter Heilkunde
war nur darauf gegründet, ihrem Naturtrieb zu folgen. Das heftige,
glühende Verlangen nach einem Etwas, das sie nicht kannte, ließ sie
alles versuchen, was nur eßbar aussah, und führte sie in die kühlsten
Wälder. Und dort fand sie den todbringenden Sumach, den Färberbaum,
beladen mit giftigen Früchten. Vor einem Monat würde sie daran
vorübergegangen sein, aber jetzt versuchte sie die bitteren Beeren. Der
herbe, brennende Saft schien einem sonderbaren Verlangen ihres Körpers
zu entsprechen; sie aß und aß, und die ganze Familie gesellte sich zu
dem wunderbaren Arzneimahl. Kein Arzt hätte es besser treffen können,
es erwies sich als ein scharfes, wirksames Abführmittel; der geheime
furchtbare Feind war geschlagen, die Gefahr vorüber. Doch nicht für
alle – die Natur, die alte Pflegerin, war für zwei zu spät gekommen;
denn für ihre zarten, durch die Krankheit geschwächten Körper war das
Mittel zu stark gewesen. Sie tranken und tranken am Bach, und als am
andern Morgen die anderen der Mutter folgten, blieben sie still und
unbeweglich. Doch eins war ihnen noch vergönnt im Tode: sie durften
Rache nehmen an einem Skunk, demselben, der Auskunft darüber geben
konnte, wo das Jüngste geblieben war. Er fand und verschlang sie und
starb eines jämmerlichen Todes an dem Gift, das die kleinen Körper
durchdrungen.
Nur noch neun kleine Fasanen folgten dem Rufe der Mutter. Ihre
persönlichen Eigenschaften hatten sich schon früher gezeigt und
entwickelten sich nun schnell. Die Schwächlinge waren nicht mehr, nur
ein törichtes und träges Küchlein war noch da. Das größte, dasselbe,
das einst auf dem gelben Blatt gesessen hatte, anstatt sich zu
verkriechen, war der ausgesprochene Liebling der Mutter, es war nicht
nur das größte, stärkste und schönste der Brut, sondern vor allem das
gehorsamste. Der Mutter warnendes »Rrrrr« (Gefahr) bewahrte die anderen
nicht immer vor einem gefahrvollen Pfad oder einem verdächtigen Futter,
doch ihm schien Folgsamkeit ganz natürlich, es versäumte nie, auf ihr
sanftes »K–riet« (Kommt) zu antworten, und für diesen Gehorsam erntete
es später den verdienten Lohn; denn es lebte länger als die anderen auf
dieser Erde.
August, der Mausermonat, ging vorüber. Die Jungen waren um zwei Drittel
gewachsen und wußten gerade genug, um sich erstaunlich weise zu dünken.
Als sie klein waren, mußten sie auf dem Boden schlafen, damit ihre
Mutter sie zudecken konnte, aber jetzt waren sie zu groß dazu, und die
Alte begann, die Lebensweise Erwachsener einzuführen. Zurzeit war es
sicherer, in den Bäumen zu nächtigen; denn die jungen Wiesel, Füchse,
Skunks und Sumpfottern fingen an, im Wald umherzulaufen, und auf der
Erde wurde es mit jeder Nacht gefährlicher. Mutter Fasan rief darum bei
Sonnenuntergang »K–riet« und schwang sich auf einen dichten, niedrigen
Baum.
Die Kleinen folgten, ausgenommen eins, ein eigensinniges Närrchen,
das darauf bestand, wie zuvor auf der Erde zu schlafen. Alles ging
gut in dieser Nacht, aber in der nächsten weckte die Geschwister ein
klägliches Schreien. Dann folgte Totenstille, die nur unterbrochen
wurde durch das nervenerschütternde Knacken von Knochen und das
wollüstige Schmatzen von Lippen. Sie starrten hinab in das grauenhafte
Dunkel unter ihnen, und das grünliche Glänzen von zwei dichtstehenden
Augen, ein eigenartig muffiger Geruch verriet ihnen, daß ein Sumpfotter
der Mörder ihres törichten Bruders gewesen war.
Acht kleine Fasanen saßen nun des Nachts aufgereiht neben ihrer Mutter,
doch oft ließ sich eins der Kleinen, wenn es kalte Füße hatte, auch auf
dem Rücken der Alten nieder.
Ihre Bildung machte gewaltige Fortschritte, und die Mutter begann nun,
ihnen ein neues Kunststück beizubringen, das »Schwirren«. Wenn ein
Fasan will, kann er sich ganz leise auf seinen Schwingen erheben,
aber zuzeiten ist das Schwirren so wichtig, daß es alle lernen müssen,
wie und wann man sich mit sausendem Flügelschlag erheben muß. Mancher
Erfolg wird durch das Schwirren gesichert. Es warnt alle Fasanen vor
nahender Gefahr, es macht des Schützen Hund unsicher, oder es zieht
die Aufmerksamkeit des Feindes auf den Schwirrer, während sich die
übrigen still davonmachen oder der Beachtung entziehen, indem sie sich
zusammenducken.
Ein altes Fasanensprichwort sagt: »Die Feinde und das Futter wechseln
mit dem Mond.« – Der September kam mit kräftigen Samen und Körnern
an Stelle der köstlichen Beeren und Ameiseneier, und mit gefährlichen
Jägern an Stelle der schleichenden Skunks und Sumpfottern.
Die Fasanen wußten recht gut, wie ein Fuchs aussah, und daß er leicht
zu prellen war, indem man sich in den nächsten Baum flüchtete; doch
einen Hund hatten sie nie gesehen. Als nun im Jägermonat Alt-Cuddy
mit seinem schmutziggelben, kurzschwänzigen Köter die Bergschlucht
durchstreifte, erspähte ihn die Mutter und rief ihren Kindern ein
lautes »Kwit, kwit« (Flieht, flieht) zu. Zwei der Hühnchen konnten
nicht begreifen, weshalb die Mutter so ängstlich zur Flucht mahnte, und
glaubten ihren Mut dadurch beweisen zu müssen, daß sie ungeachtet des
ängstlich wiederholten »Kwit, kwit« sich im nächsten Baum niederließen.
Inzwischen war der kurzgeschwänzte Hund bis unter den Baum gekommen
und kläffte sie an. Dies sowohl als auch das sonderbare Benehmen ihrer
Mutter und Geschwister belustigte sie derartig, daß sie ein Rascheln in
den Büschen gar nicht bemerkten, bis ein lautes »Bäng, bäng« erscholl
und zwei kleine, blutige, flatternde Fasanen herabfielen, um von dem
gelben Köter ergriffen und hin und her gezerrt zu werden, bis der
Schütze aus dem Gebüsch heraussprang und sich die traurigen Überreste
sicherte.