I.

Durch eine bewaldete Schlucht zwischen zwei Hügeln führte Mutter Fasan

ihre Familie hinab zum kristallklaren Bache, den der Volksmund, ich

weiß nicht warum, Schlammbach getauft hatte. Die Kleinen waren einen

Tag alt, bereits flink auf den Füßen und wurden zum erstenmal zum

Trinken geführt.

Langsam zog die Mutter vorwärts, gleichsam am Boden kriechend; denn

der Feinde waren viele in den Wäldern. Ein sanftes Glucksen lockte die

kleinen erdfarbenen Knäuel, die auf ihren winzigen, rosigen Beinchen

hinterher gewackelt kamen und ängstlich zu piepsen begannen, wenn

sie nur wenige Finger breit zurückblieben, und die so zart und klein

aussahen, daß selbst die Graspferde neben ihnen riesengroß erschienen.

Im ganzen waren es zwölf, und die Mutter hütete sie alle. Argwöhnisch

beobachtete sie jeden Busch, jeden Baum und jedes Dickicht, den ganzen

Wald und selbst den Himmel und schien nur nach Feinden zu suchen; denn

nach den wenigen Freunden lohnte es sich nicht, Ausschau zu halten. Und

richtig entdeckte sie einen Feind! Drüben über der Wiese erschien ein

großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in

wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine

Zeit zu verlieren!

[Illustration]

»Krr! Krr!« (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise,

aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln

und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das

eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln,

ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes

in ein Erdloch usw., bis alle verborgen waren. Nur eins konnte keinen

Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes

Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemandem

gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein,

und alles war still.

[Illustration: Lobo und Blanca]

Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich

dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln

zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre, und jammerte

wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade – Gnade

von einem blutdürstigen, grausamen Feind? O nein, so töricht war

sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch

ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hoch erfreut,

bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase,

drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte – doch nein, ganz

erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen

Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satz war er hinterdrein und würde ihn

diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische

Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon,

kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine

sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen

ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte.

Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber

sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch

noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht

begegnet. Ein flügellahmer Fasan, und er, Reineke, der Schnellfüßler,

konnte ihn in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war

eine Schande. Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch

der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zu gewinnen, und nach

einem Wettlauf von ein paar hundert Metern war der Vogel auf

unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe

verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den

Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der

niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.

Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der

Stelle zurück, an der die Kleinen im Unterholz versteckt waren.

Mit dem feinen Ortssinn des wilden Vogels ließ sie sich auf demselben

Fleck nieder, von dem sie aufgeflogen, und stand einen Augenblick

still, um voll Mutterstolz die vollständige Ruhe ihrer Kinder zu

bewundern. Selbst bei ihrem Nahen rührte sich keins, auch der kleine

Bursche auf dem gelben Blatt, der schließlich gar nicht so schlecht

verborgen war, regte sich nicht, sondern schloß die Augen nur ein klein

wenig fester, bis die Mutter rief:

»Kr–iet!« (Kommt, Kinder!) und wie in einem Märchen schlüpfte aus

jedem Loch ein Fasanenjunges heraus. Der winzige Geselle auf dem Blatt,

der dickste von allen, öffnete seine großen Augen und flüchtete mit

einem zarten »Piep, piep« unter den Schutz der mütterlichen Flügel. Ein

Feind hätte es drei Schritte weit nicht vernehmen können, der Mutter

feines Ohr jedoch hätte es in einer dreimal größeren Entfernung gehört.

Die Mittagssonne brannte heiß. – Durch eine Lichtung führte der Weg

gerade zum Wasser hinab, und nachdem die Mutter ängstlich nach Feinden

ausgespäht hatte, sammelte sie die Kleinen unter dem Schatten ihres

ausgebreiteten Flügelschwanzes, um sie vor der Gefahr des Sonnenstiches

zu beschirmen, und wandelte langsam den Pfad hinab, bis sie den Schutz

des wilden Rosenstrauches am Flusse erreichten.

Ein Hase sprang aus dem Busch hervor und jagte ihnen einen gewaltigen

Schreck ein. Doch er trug ja die weiße Friedensfahne und war ein alter

Freund, und die Mutter belehrte die Kleinen, daß der Hase immer unter

der Flagge des Friedens segelt und ein harmloser, friedliebender

Nachbar ist.

Dann kam der Trank vom reinsten, fließenden Wasser, obgleich es

einfältige Menschen den Schlammbach nannten.

Zuerst wußten die kleinen Kerle nicht, wie sie sich anstellen sollten,

doch sie ahmten einfach ihrer Mutter nach, und bald hatten sie gelernt

zu trinken wie sie und dankten ihrem Schöpfer bei jedem Schluck mit

einem Blick gen Himmel. In einer Reihe standen sie am Ufer entlang,

zwölf goldbraune, flaumige Knäulchen auf vierundzwanzig rosenroten

Beinchen, mit einwärts gestellten Watschelfüßchen, mit zwölf süßen,

goldenen Köpfchen, die sie ernsthaft niederbeugten, um zu trinken, und

erhoben, um zu danken, gerade wie die Mutter.

[Illustration]

Dann führte sie die Kleinen nach kurzem Aufenthalt auf eine entfernte

Wiese, wo sich ein mit Gras bewachsener Erdhügel erhob, den sie vor

einigen Tagen entdeckt hatte. Eine ganze Anzahl solcher Erdhügel

sind nötig, um eine Fasanenbrut großzuziehen, und ihre Erbauer sind

die Ameisen. Die Alte sprang auf die Spitze des Haufens, sah sich

vorsichtig einen Augenblick um und scharrte dann einigemal kräftig

mit den Krallen. Der lockere Ameisenhügel war aufgebrochen, und die

kunstvoll erbauten Gänge rollten als Ruinen herab. Sofort begannen die

Ameisen zu schwärmen und planlos durcheinanderzurennen, einige liefen

mit großer Kraftanstrengung und wenig Zweck immerfort um den Hügel

herum, während andere, und dies waren die Vernünftigeren, ihre fetten,

weißen Eier fortschleppten.

Der alte Fasan pickte eines von diesen saftig aussehenden Beutelchen

auf, gluckste und ließ es fallen, pickte es wieder auf, gluckste und

verschluckte es dann. Die Jungen standen herum und sahen verwundert

zu. Ein kleiner, gelber Kerl, derselbe, der auf dem Blatt gesessen,

pickte auch ein Ameisenei auf, ließ es mehrere Male fallen, dann einer

plötzlichen Eingebung folgend, schluckte er und konnte fressen. Nach

zwanzig Minuten verstand es selbst das Kleinste, nach den köstlichen

Eiern zu haschen. Die Mutter öffnete noch mehr Ameisengänge, und die

Hühnchen fraßen, bis jedes seinen kleinen Kropf so vollgepfropft hatte,

daß es tatsächlich mißgestaltet war.

[Illustration]

Dann wanderten sie langsam und bedächtig stromaufwärts nach einer mit

Dornbüschen bewachsenen Sandbank, lagen dort den ganzen Nachmittag und

ließen sich den feinen, kühlen Sand durch die heißen Zehen rieseln.

Mit ihrem ausgesprochenen Nachahmungstrieb lagen sie auf der Seite

wie ihre Mutter, scharrten mit ihren kleinen Füßen und schlugen mit

den Flügeln; das heißt, eigentlich besaßen sie noch gar keine Flügel,

sondern versteckt unter dem weißen Flaum saßen nur kleine Anhängsel,

um zu zeigen, wo die Flügel einst wachsen sollten. Am Abend führte die

Alte ihre Kinder nach einem nahen trockenen Dickicht. Dort, zwischen

raschelnden, abgestorbenen Blättern, die das lautlose Heranschleichen

eines Feindes zu Fuß verhinderten, und unter den dichten, stachligen

Zweigen eines wilden Rosenbusches, der alle fliegenden Feinde abhielt,

bettete sie die Kleinen unter dem Federdach ihrer Kinderstube und

erfreute sich, das Herz erfüllt von treuer Mutterliebe, an den kleinen

zusammengekauerten Dingerchen, die im Schlaf piepsten und sich

vertrauensvoll an ihren warmen Körper schmiegten.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 59 / 96 题