Tip, der Gefangene, der einzig Überlebende von Vixens Jungen, war nun
der Erbe ihrer ganzen Liebe. Die Hunde waren losgelassen, um die Hühner
zu bewachen, die Leute hatten Anweisung, sofort zu schießen, wenn sich
die Füchsin zeigte, und auch mir war dieser Befehl zugegangen, aber ich
war entschlossen, nichts zu sehen. Die Köpfe geschlachteter Hühner,
die der Fuchs besonders liebt, und die ein Hund nicht anrührt, hatte
man vergiftet und im Walde ausgestreut, und der einzige Weg, zum Hofe
zu gelangen, wo Tip in erniedrigender Gefangenschaft lebte, war über
den Holzstoß in der Ecke. Trotz aller Maßregeln erschien Vixen in jeder
Nacht, um ihr Junges zu säugen und ihm frischgefangene Hühner oder Wild
zu bringen.
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In der zweiten Nacht von Tips Gefangenschaft vernahm ich das Rasseln
der Kette und erblickte die Füchsin, wie sie eifrig ein Loch neben des
Kleinen Hütte scharrte. Als es tief genug war, um sich selbst darin
zu begraben, packte sie die Kette hinein und füllte das Loch darüber
wieder zu. Dann ergriff sie, triumphierend bei dem Gedanken, daß sie
die Kette nun los sei, den kleinen Tip beim Genick und sprang in der
Richtung nach dem Holzhaufen davon, aber nur mit dem Erfolg, ihr Junges
mit einem Ruck von sich gerissen zu sehen.
Armer, kleiner Kerl, er wimmerte jämmerlich, als er in seine Hütte
zurückkroch. Eine halbe Stunde später hörte ich die Hunde wütend
anschlagen, und als sich das Bellen weiter und weiter entfernte, wußte
ich, daß sie auf Vixens Fährte waren. Nördlich, in der Richtung nach
der Bahnlinie, ging ihre Jagd, und das Bellen verklang in der Ferne. Am
anderen Morgen fehlte Ranger, und bald wußten wir warum. Füchse lernen
beizeiten die Vor- und Nachteile einer Eisenbahn kennen und wissen
sie sich auf verschiedene Weise zunutze zu machen. Erstlich pflegen
sie, wenn verfolgt, die Schienen entlang zu laufen, kurz bevor ein Zug
darüberfährt. Die Spur, auf Eisen sowieso schwer zu verfolgen, wird
von dem Zug ganz und gar verwischt, auch ist immer die Möglichkeit
vorhanden, daß der eifrig suchende Hund überfahren wird. Ein anderer
sicherer, aber gefährlicher Kniff besteht darin, den Hund quer über die
Schienen direkt vor einem Zuge hinwegzuführen, so daß die Lokomotive
ihn überholt und tot zur Seite schleudert.
Dieser Kunstgriff war von Vixen meisterlich ausgeführt worden, und am
Fuße des Bahndamms fanden wir die zermalmten Überreste unseres alten,
treuen Rangers, und irgendwo im Walde saß die Füchsin und lachte sich
ins Fäustchen.
Noch in derselben Nacht kam sie zum Hofe zurück, ehe der müde Jagdhund
Flick sich eingefunden hatte, mordete eine Henne, brachte sie Tip und
streckte sich außer Atem neben ihm nieder. Sie schien zu glauben, der
Gefangene bekäme keine andere Nahrung als die, die sie ihm brachte.
Diese Henne verriet meinem Onkel den nächtlichen Besuch.
Meine volle Zuneigung und Teilnahme war mit Vixen, und ich weigerte
mich, meine Hand zu neuem Morde zu bieten. In der nächsten Nacht wachte
mein Onkel in höchsteigener Person, das Gewehr im Arm, eine ganze
Stunde. Als es dann kühler wurde und der Mond sich umwölkte, fiel ihm
irgendein anderes wichtiges Geschäft ein, und er rief einen von unseren
Leuten an seine Stelle.
Doch dieser machte es sich bald bequem, als die Stille der Nacht und
das gespannte Wachen seine Nerven zu sehr anstrengten, und das laute
»Bäng! Bäng!« eine Stunde später regte uns wenig auf; denn es war nur
Pulver um nichts verschossen worden.
Am Morgen fanden wir, daß Vixen ihr Junges nicht vergessen. – Den
nächsten Abend hielt mein Onkel zum zweitenmal Wache, da wieder ein
Huhn verschwunden war. Kurz nach Eintreten der Dunkelheit ertönte ein
Schuß; Vixen ließ die Beute, die sie trug, fallen und entfloh. Ein
zweiter Versuch, den sie in der gleichen Nacht machte, ließ wieder
einen Schuß folgen. Jedoch am Morgen bewies das Glänzen der Kette, daß
sie zum drittenmal gekommen war und stundenlang vergeblich versucht
hatte, die grausamen Bande, die ihr Kleinod hielten, zu durchbeißen.
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Eine solche Tapferkeit und standhafte Treue muß Achtung, wenn nicht
gar Mitleid gewinnen. In der nächsten Nacht wachte kein Schütze, und
alles war still. Was sollte es auch nützen? Dreimal war Vixen durch
Schüsse hinweggejagt worden, würde sie nun noch einmal versuchen, ihr
gefangenes Kind zu befreien oder zu füttern?
Würde sie es tun? Ihre Liebe war die einer Mutter! Es war in der
vierten Nacht, als das klagende Wimmern des Kleinen beim Auftauchen
einer schattenhaften Gestalt auf dem Holzstoß verstummte.
Aber sie trug keinen Vogel, kein Beutestück, soviel ich erkennen
konnte. Hatte die geschickte Jägerin am Ende ihr Wild gefehlt? Brachte
sie nichts für ihren Einzigen, oder vertraute sie auf die Pflege seiner
Wächter?
Nein, gewiß nicht! Der wilden Mutter Liebe und Haß waren felsenfest,
und ihr einziger Gedanke und Wunsch war, ihren Sohn zu befreien.
Alles hatte sie versucht, und jeder Gefahr hatte sie getrotzt, um ihn
freizumachen, aber alles war vergeblich gewesen.
Wie ein Schatten war sie gekommen und im Augenblick wieder
verschwunden. Tip packte gierig etwas, was sie ihm zugeworfen, und
schlang und kaute mit Behagen. Aber noch während er fraß, entfuhr ihm
plötzlich ein Schrei voll Schmerz; dann folgte ein kurzer Todeskampf,
und Tip war nicht mehr.
Die Mutterliebe in Vixen war stark, aber ihre Überlegung war stärker.
Sie kannte des Giftes Gewalt, und als sie am Ende einsah, daß sie
für ihr Junges zu wählen hätte, zwischen dem traurigen Leben eines
Gefangenen oder dem plötzlichen Tod, unterdrückte sie die Mutter in
ihrer Brust und befreite es auf diese einzig mögliche Weise.
* * * * *
Wenn der Schnee den Boden bedeckt, pflegen wir den Waldbestand
aufzunehmen, und als der Winter kam, erzählte er mir, daß Vixen nicht
mehr in den weiten Forsten jenseits unseres Flusses hauste. Wohin sie
gezogen, habe ich nie erfahren, aber so viel war sicher, in unserer
Nachbarschaft weilte sie nicht mehr.
Vielleicht war sie nach weit entfernten Jagdgefilden ausgewandert,
um der traurigen Erinnerung an ihre gemordeten Lieben zu entfliehen.
Oder sie war freiwillig von dem Schauplatz eines traurigen Daseins
abgetreten, wie manche wilde Mutter es vor ihr getan, mit Hilfe des
gleichen Mittels, mit dem sie ihren Sohn, das letzte ihrer Kinder,
befreite.
Rotkrause.
Die Geschichte des Fasanen aus dem Don-Tale.