IV.

Die Hühner verschwanden jedoch wie zuvor. Mein Onkel schäumte vor Wut

und beschloß, den Vernichtungskrieg nun selbst zu leiten. Er besäte

die Wälder förmlich mit vergifteten Ködern, dabei auf sein gutes Glück

vertrauend, daß unsere Hunde sich nicht daran machten. Sooft er mich

sah, erging er sich in wenig liebenswürdigen Bemerkungen über seinen

Glauben an meine Weidmannskunst, und Abend für Abend trieb es ihn

hinaus mit seiner Büchse und zwei Hunden, in der Hoffnung, den Räuber

zu erwischen.

[Illustration]

Vixen war nicht so dumm, sie wußte ganz genau, was ein vergifteter

Köder war, sie lief an ihnen vorüber und behandelte sie mit Verachtung.

Nur einmal nahm sie einen auf, warf ihn in die Höhle eines alten

Feindes, eines Skunks, und vom selbigen Tage an ward dieser nicht mehr

gesehen. Früher hatte der alte Reineke die Hunde auf sich genommen und

sie von der Behausung ferngehalten. Jetzt lag auf Vixen die ganze Last

der Erziehung und Ernährung der Jungen allein, sie konnte nicht viel

Zeit damit verschwenden, jede Fährte, die nach der Höhle führte, zu

verwischen, und war auch nicht immer zur Hand, um Feinde irrezuführen.

Das Ende war leicht vorauszusehen. Ranger folgte eines Tages einer

frischen Fährte nach der Höhle, und kurz darauf verkündete Flick, der

englische Jagdhund, ein Foxterrier, daß die ganze Familie zu Hause sei.

Das Geheimnis war nun heraus und die Stunden der Füchse gezählt;

Arbeiter wurden herbeigerufen und begannen sie herauszuschaufeln,

während wir mit den Hunden dabeistanden. Noch ehe das Werk vollendet

war, zeigte sich Vixen am nahen Waldsaum und führte die Hunde davon,

hinab nach dem Flusse. Dort schüttelte sie ihre Verfolger durch

einen schlauen Kunstgriff ab, indem sie einfach auf den Rücken eines

friedlich weidenden Schafes sprang. Das geängstigte Tier raste mit

seiner Reiterin davon, die – sicher, daß die Hunde ihrer Spur nicht

mehr folgen konnten – nach einigen hundert Metern herabsprang und

nach der Höhle zurückkehrte. Aber die Verfolger, stutzig gemacht durch

das Verschwinden der Fährte, taten dasselbe und fanden Vixen, sich

vergeblich abmühend, auch uns von ihren Schätzen hinwegzulocken.

Inzwischen hatte mein Onkel Hacke und Schaufel mit Kraft und Erfolg

gebraucht. Der gelbe, grobe Sand häufte sich zu beiden Seiten, und der

rüstige Schatzgräber verschwand bald in der Tiefe. Nach einer Stunde

harter Arbeit rief der Alte:

»Da haben wir das Gesindel!«

[Illustration]

Die Höhle am Ende des Tunnels war bloßgelegt, und in einer Ecke

zusammengeduckt saßen die vier Jungen.

Ehe ich Einspruch erheben konnte, hatte ein mörderischer Schlag mit der

Schaufel und ein plötzliches Zufahren des Foxterriers das Leben von

dreien beendet. Das vierte und kleinste wurde am Schwanze herausgezogen

und den Hunden nur mit Mühe entrissen.

Es gab einen kurzen, quiekenden Schrei von sich; und die arme Mutter,

dadurch herbeigelockt, kreiste so nahe um uns herum, daß sie sicher

niedergeschossen worden wäre, hätten die Hunde sie nicht in ihrem

Übereifer beschützt; denn sie liefen immer in die Schußlinie. Zuletzt

führte sie sie zu einer erfolglosen Jagd davon.

Der kleine lebende Fuchs wurde in einen Sack gesteckt, wo er ganz ruhig

lag, und seine unglücklichen Geschwister wurden in ihre Kinderstube

zurückgeworfen und unter einigen Schaufeln voll Erde begraben.

Wir Mörder begaben uns nach dieser Hinrichtung nach Hause, und der

Kleine wurde im Hofe angekettet. Niemand wußte recht, warum man ihn am

Leben gelassen, aber bei uns allen machte sich eine Gefühlsänderung

bemerkbar, und keiner kam auf den Gedanken, auch ihn zu töten.

[Illustration]

Es war ein hübscher, kleiner Kerl, der aussah wie eine Kreuzung

zwischen Fuchs und Lamm. Seine wollige Gestalt und sein Gesicht

ähnelten merkwürdig einem Schaf, und sein Ausdruck war unschuldig, wie

der eines Lammes. Bei scharfem Beobachten jedoch konnte man in seinen

Augen ein Aufleuchten von Schlauheit und Wildheit erkennen, das ihn

einem Lamm so unähnlich wie möglich machte.

Solange jemand in seiner Nähe war, verkroch er sich furchtsam in der

Hütte, und es dauerte eine volle Stunde, bis er es wagte, wieder

herauszuschauen.

Mein Fenster mußte jetzt die Stelle des hohlen Weidenstammes vertreten.

Eine Anzahl Hühner von der Rasse, die dem Füchschen nur zu gut bekannt

war, trieben sich in der Nähe auf dem Hofe herum. Am späten Nachmittag,

als sie sich zu nahe an den Gefangenen herangewagt hatten, wurde

ich durch das plötzliche Rasseln der Kette ans Fenster gelockt und

erblickte den kleinen Burschen, der auf das nächste Huhn zusprang und

nur von einem heftigen Ruck der Kette zurückgehalten wurde, es zu

packen. Reineke junior krabbelte wieder auf die Füße und kroch zurück

in seine Hütte. Er versuchte dasselbe Manöver noch verschiedene Male,

wurde aber immer wieder von der grausamen Kette zu Boden geschleudert.

[Illustration]

Als die Dämmerung hereinbrach, begann er unruhig zu werden. Er

schlüpfte aus seiner Hütte heraus, verkroch sich aber beim leisesten

Geräusch wieder, nagte an seiner Kette oder biß wütend darauf herum.

Plötzlich hielt er inne, als ob er lauschte, erhob dann seine kleine

schwarze Nase in die Luft und gab einen kurzen zitternden Schrei von

sich.

Dies wiederholte er einige Male, die Pause durch Knabbern an der

Kette und ruheloses Umherlaufen ausfüllend. Da plötzlich ertönte eine

Antwort, das ferne »Japp-Jurr« der alten Füchsin, und einige Minuten

später erschien eine schattenhafte Form auf einem Holzhaufen in der

Ecke des Hofes. Der Kleine kroch in seine Hütte, kam aber sofort wieder

heraus und sprang der Alten entgegen, mit all der Freude, die nur ein

Kind seiner Mutter zu zeigen imstande ist. Schnell wie der Blitz packte

sie ihn, um ihn auf demselben Wege davonzutragen, den sie gekommen.

Jedoch in dem Augenblick, als das Ende der Kette erreicht war, wurde

der Kleine der Mutter mit einem Ruck entrissen, und erschreckt durch

das Öffnen eines Fensters, entfloh sie über den Holzhaufen.

Eine Stunde später hatte das Junge aufgehört, ruhelos hin und her zu

laufen und zu schreien. Ich schaute hinaus und sah beim fahlen Licht

des Mondes die Mutter lang ausgestreckt neben ihrem Söhnchen liegen

und an etwas knabbern – das Klirren von Eisen verriet mir, an was –,

es war die grausame Kette. Tip, das Söhnchen, bekam inzwischen einen

warmen Trank.

[Illustration]

Als ich heraustrat, entfloh Vixen in den dunklen Forst. Neben der Hütte

hatte sie zwei kleine Mäuse zurückgelassen, blutig und noch warm –

Futter für das Junge.

Am folgenden Morgen fand ich bei einem Gang durch den Wald nach

der zerstörten Höhle neue Zeichen von Vixen. Die arme, unglückliche

Mutter war gekommen und hatte die Leichen ihrer erschlagenen Kinder

ausgegraben.

[Illustration]

Da lagen die drei kleinen Füchse, glatt geleckt, und daneben zwei von

unseren Hühnern, eben erst getötet. Auf der frisch aufgeworfenen Erde

waren überall Spuren, Spuren, die erzählten, daß hier die Mutter an der

Seite ihrer Toten gewacht. Neben ihnen hatte sie sich hingestreckt,

ihnen vergeblich Nahrung angeboten und versucht, sie zu füttern und

zu wärmen wie früher. Aber nur kleine, steife Leichen hatte sie

unter ihrem weichen Fell gefühlt und kleine, kalte Nasen, still und

unbeweglich. Der tiefe Eindruck von Ellbogen, Brust und Läufen zeigte,

wo Vixen gelegen in ihrer stummen Verzweiflung und gewacht stundenlang

und getrauert – eine Mutter um ihre Kinder. Nach dieser Nacht kam sie

nicht wieder nach dem zerstörten Heim; denn sie wußte jetzt gewiß, daß

ihre Kleinen tot blieben für immer.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 57 / 96 题