Die Hühner verschwanden jedoch wie zuvor. Mein Onkel schäumte vor Wut
und beschloß, den Vernichtungskrieg nun selbst zu leiten. Er besäte
die Wälder förmlich mit vergifteten Ködern, dabei auf sein gutes Glück
vertrauend, daß unsere Hunde sich nicht daran machten. Sooft er mich
sah, erging er sich in wenig liebenswürdigen Bemerkungen über seinen
Glauben an meine Weidmannskunst, und Abend für Abend trieb es ihn
hinaus mit seiner Büchse und zwei Hunden, in der Hoffnung, den Räuber
zu erwischen.
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Vixen war nicht so dumm, sie wußte ganz genau, was ein vergifteter
Köder war, sie lief an ihnen vorüber und behandelte sie mit Verachtung.
Nur einmal nahm sie einen auf, warf ihn in die Höhle eines alten
Feindes, eines Skunks, und vom selbigen Tage an ward dieser nicht mehr
gesehen. Früher hatte der alte Reineke die Hunde auf sich genommen und
sie von der Behausung ferngehalten. Jetzt lag auf Vixen die ganze Last
der Erziehung und Ernährung der Jungen allein, sie konnte nicht viel
Zeit damit verschwenden, jede Fährte, die nach der Höhle führte, zu
verwischen, und war auch nicht immer zur Hand, um Feinde irrezuführen.
Das Ende war leicht vorauszusehen. Ranger folgte eines Tages einer
frischen Fährte nach der Höhle, und kurz darauf verkündete Flick, der
englische Jagdhund, ein Foxterrier, daß die ganze Familie zu Hause sei.
Das Geheimnis war nun heraus und die Stunden der Füchse gezählt;
Arbeiter wurden herbeigerufen und begannen sie herauszuschaufeln,
während wir mit den Hunden dabeistanden. Noch ehe das Werk vollendet
war, zeigte sich Vixen am nahen Waldsaum und führte die Hunde davon,
hinab nach dem Flusse. Dort schüttelte sie ihre Verfolger durch
einen schlauen Kunstgriff ab, indem sie einfach auf den Rücken eines
friedlich weidenden Schafes sprang. Das geängstigte Tier raste mit
seiner Reiterin davon, die – sicher, daß die Hunde ihrer Spur nicht
mehr folgen konnten – nach einigen hundert Metern herabsprang und
nach der Höhle zurückkehrte. Aber die Verfolger, stutzig gemacht durch
das Verschwinden der Fährte, taten dasselbe und fanden Vixen, sich
vergeblich abmühend, auch uns von ihren Schätzen hinwegzulocken.
Inzwischen hatte mein Onkel Hacke und Schaufel mit Kraft und Erfolg
gebraucht. Der gelbe, grobe Sand häufte sich zu beiden Seiten, und der
rüstige Schatzgräber verschwand bald in der Tiefe. Nach einer Stunde
harter Arbeit rief der Alte:
»Da haben wir das Gesindel!«
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Die Höhle am Ende des Tunnels war bloßgelegt, und in einer Ecke
zusammengeduckt saßen die vier Jungen.
Ehe ich Einspruch erheben konnte, hatte ein mörderischer Schlag mit der
Schaufel und ein plötzliches Zufahren des Foxterriers das Leben von
dreien beendet. Das vierte und kleinste wurde am Schwanze herausgezogen
und den Hunden nur mit Mühe entrissen.
Es gab einen kurzen, quiekenden Schrei von sich; und die arme Mutter,
dadurch herbeigelockt, kreiste so nahe um uns herum, daß sie sicher
niedergeschossen worden wäre, hätten die Hunde sie nicht in ihrem
Übereifer beschützt; denn sie liefen immer in die Schußlinie. Zuletzt
führte sie sie zu einer erfolglosen Jagd davon.
Der kleine lebende Fuchs wurde in einen Sack gesteckt, wo er ganz ruhig
lag, und seine unglücklichen Geschwister wurden in ihre Kinderstube
zurückgeworfen und unter einigen Schaufeln voll Erde begraben.
Wir Mörder begaben uns nach dieser Hinrichtung nach Hause, und der
Kleine wurde im Hofe angekettet. Niemand wußte recht, warum man ihn am
Leben gelassen, aber bei uns allen machte sich eine Gefühlsänderung
bemerkbar, und keiner kam auf den Gedanken, auch ihn zu töten.
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Es war ein hübscher, kleiner Kerl, der aussah wie eine Kreuzung
zwischen Fuchs und Lamm. Seine wollige Gestalt und sein Gesicht
ähnelten merkwürdig einem Schaf, und sein Ausdruck war unschuldig, wie
der eines Lammes. Bei scharfem Beobachten jedoch konnte man in seinen
Augen ein Aufleuchten von Schlauheit und Wildheit erkennen, das ihn
einem Lamm so unähnlich wie möglich machte.
Solange jemand in seiner Nähe war, verkroch er sich furchtsam in der
Hütte, und es dauerte eine volle Stunde, bis er es wagte, wieder
herauszuschauen.
Mein Fenster mußte jetzt die Stelle des hohlen Weidenstammes vertreten.
Eine Anzahl Hühner von der Rasse, die dem Füchschen nur zu gut bekannt
war, trieben sich in der Nähe auf dem Hofe herum. Am späten Nachmittag,
als sie sich zu nahe an den Gefangenen herangewagt hatten, wurde
ich durch das plötzliche Rasseln der Kette ans Fenster gelockt und
erblickte den kleinen Burschen, der auf das nächste Huhn zusprang und
nur von einem heftigen Ruck der Kette zurückgehalten wurde, es zu
packen. Reineke junior krabbelte wieder auf die Füße und kroch zurück
in seine Hütte. Er versuchte dasselbe Manöver noch verschiedene Male,
wurde aber immer wieder von der grausamen Kette zu Boden geschleudert.
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Als die Dämmerung hereinbrach, begann er unruhig zu werden. Er
schlüpfte aus seiner Hütte heraus, verkroch sich aber beim leisesten
Geräusch wieder, nagte an seiner Kette oder biß wütend darauf herum.
Plötzlich hielt er inne, als ob er lauschte, erhob dann seine kleine
schwarze Nase in die Luft und gab einen kurzen zitternden Schrei von
sich.
Dies wiederholte er einige Male, die Pause durch Knabbern an der
Kette und ruheloses Umherlaufen ausfüllend. Da plötzlich ertönte eine
Antwort, das ferne »Japp-Jurr« der alten Füchsin, und einige Minuten
später erschien eine schattenhafte Form auf einem Holzhaufen in der
Ecke des Hofes. Der Kleine kroch in seine Hütte, kam aber sofort wieder
heraus und sprang der Alten entgegen, mit all der Freude, die nur ein
Kind seiner Mutter zu zeigen imstande ist. Schnell wie der Blitz packte
sie ihn, um ihn auf demselben Wege davonzutragen, den sie gekommen.
Jedoch in dem Augenblick, als das Ende der Kette erreicht war, wurde
der Kleine der Mutter mit einem Ruck entrissen, und erschreckt durch
das Öffnen eines Fensters, entfloh sie über den Holzhaufen.
Eine Stunde später hatte das Junge aufgehört, ruhelos hin und her zu
laufen und zu schreien. Ich schaute hinaus und sah beim fahlen Licht
des Mondes die Mutter lang ausgestreckt neben ihrem Söhnchen liegen
und an etwas knabbern – das Klirren von Eisen verriet mir, an was –,
es war die grausame Kette. Tip, das Söhnchen, bekam inzwischen einen
warmen Trank.
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Als ich heraustrat, entfloh Vixen in den dunklen Forst. Neben der Hütte
hatte sie zwei kleine Mäuse zurückgelassen, blutig und noch warm –
Futter für das Junge.
Am folgenden Morgen fand ich bei einem Gang durch den Wald nach
der zerstörten Höhle neue Zeichen von Vixen. Die arme, unglückliche
Mutter war gekommen und hatte die Leichen ihrer erschlagenen Kinder
ausgegraben.
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Da lagen die drei kleinen Füchse, glatt geleckt, und daneben zwei von
unseren Hühnern, eben erst getötet. Auf der frisch aufgeworfenen Erde
waren überall Spuren, Spuren, die erzählten, daß hier die Mutter an der
Seite ihrer Toten gewacht. Neben ihnen hatte sie sich hingestreckt,
ihnen vergeblich Nahrung angeboten und versucht, sie zu füttern und
zu wärmen wie früher. Aber nur kleine, steife Leichen hatte sie
unter ihrem weichen Fell gefühlt und kleine, kalte Nasen, still und
unbeweglich. Der tiefe Eindruck von Ellbogen, Brust und Läufen zeigte,
wo Vixen gelegen in ihrer stummen Verzweiflung und gewacht stundenlang
und getrauert – eine Mutter um ihre Kinder. Nach dieser Nacht kam sie
nicht wieder nach dem zerstörten Heim; denn sie wußte jetzt gewiß, daß
ihre Kleinen tot blieben für immer.