Inzwischen verschwanden unsere Hühner, eins nach dem andern. Noch
hatte ich das Nest mit den Jungen nicht verraten; denn ich hielt von
diesen kleinen Räubern mehr als von unseren langweiligen Hühnern. Mein
Onkel war natürlich höchst aufgebracht und machte die verächtlichsten
Bemerkungen über meine Tüchtigkeit als Jäger. Um ihm gefällig zu sein,
nahm ich eines Tages den Hund mit auf einem Wege durch den Wald, und
während ich mich auf einem Baumstumpf an der unbewachsenen Hügelseite
niederließ, lief der Hund suchend umher. In weniger als drei Minuten
gab er den allen Jägern so wohlbekannten Laut: »Fuchs! Fuchs! Fuchs!«
und hinab ging die Hetze ins Tal.
[Illustration]
Nach einer Weile hörte ich sie zurückkommen. Voran mein alter
Bekannter, der Fuchs, der in leichten Sprüngen die Uferböschung hinab
auf den Fluß zulief. Dann trottete er in dem seichten Wasser einige
hundert Meter am Ufer entlang und kam gerade mir gegenüber heraus.
Obwohl ich ohne Deckung saß, sah er mich nicht, sondern kam den Hügel
hinauf, über die Schulter hinweg den Hund beobachtend. Ungefähr vier
Schritte vor mir drehte er um, ließ sich nieder, verdrehte den Hals,
mit gespannter Aufmerksamkeit dem vergeblichen Suchen des Hundes
zusehend. Ranger kam bellend die Fährte entlang, bis er am laufenden
Wasser anlangte. Dort verlor er die Spur und suchte ratlos hin und her.
Da gab es nur einen Ausweg, er mußte den Fluß an beiden Ufern so lange
auf und nieder laufen, bis er die Stelle gefunden hatte, wo der Fuchs
das Land betreten.
[Illustration]
Der alte Schlaumeier vor mir änderte seine Stellung etwas, um
besser Umschau halten zu können, und beobachtete mit einem geradezu
menschlichen Interesse das Hin- und Hersuchen des Hundes. Er saß so
nahe bei mir, daß ich sehen konnte, wie sich die Haare auf seiner
Schulter sträubten, als der Hund näherkam. Das vor Erregung klopfende
Herz konnte ich an die Rippen schlagen sehen, ebenso das Aufleuchten
seiner gelben Augen. Als der Hund die Fährte am Wasser verloren
hatte und vollkommen verwirrt umherlief, war es einfach komisch zu
beobachten, wie Meister Reineke nicht mehr stillsitzen konnte, sondern
vor Freude hin und her sprang und sich auf den Hinterfüßen erhob,
um eine bessere Aussicht auf seinen langsam sich zurechtfindenden
Verfolger zu bekommen. Mit beinahe bis an die Ohren aufgerissenem Maule
atmete er geräuschvoll einige Male oder, besser, lachte er belustigt,
wie es Hunde zuweilen zu tun pflegen.
Als Ranger dann langsam den Hügel hinaufkam, drückte sich der alte
Fuchs gemächlich in den Wald. – Nur vier Schritte vor mir war er
gesessen, aber ich hatte den Wind gegen mich und war mäuschenstill
sitzen geblieben, und er hatte nicht bemerkt, daß sein Leben zehn
Minuten lang in der Hand seines bestgehaßten Feindes lag. Auch Ranger
würde an mir vorbeigelaufen sein, hätte ich ihn nicht angerufen. Mit
einem kleinen, aufgeregten Schreck verließ er die Fährte und warf sich
schnaufend und außer Atem zu meinen Füßen nieder.
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Diese Komödie wiederholte sich mit einigen kleinen Veränderungen
mehrere Tage hintereinander. Mein Onkel verlor endlich bei dem
täglichen Verlust seiner Hühner die Geduld und begab sich in
höchsteigener Person hinaus, ließ sich auf dem Hügel nieder, und als
der alte Reineke nach seinem Beobachtungsposten getrottet kam, schoß er
ihn erbarmungslos nieder, gerade als sich das schlaue Füchslein über
eine neue Nasführung des Hundes gebührend belustigte.