»Das wollen wir einmal gleich feststellen,« erwiderte ich und wendete
mich zur Seite. Aber sobald ich einen Schritt vom Wege gemacht, sprang
richtig der alte Schlauberger auf und rannte davon. Ein Präriefeuer
hatte das Gras in der Mitte der Weide verbrannt und einen breiten,
schwarzen Gürtel zurückgelassen; darauf lief er entlang, bis er an
frisches Grün kam, duckte sich und verschwand. Die ganze Zeit hatte er
uns beobachtet und würde sich nicht geregt haben, hätten wir uns auf
dem Wege gehalten. Das Wunderbarste bei der Sache war nicht, daß er
genau so aussah, wie einer der runden Feldsteine und wie das trockene
Gras, sondern _daß er es wußte_ und es sich zunutze machte.
Bald kam es zutage, daß es mein alter Bekannter, der Fuchs mit der
weißen Narbe, und seine Gattin Vixen waren, die sich in unseren
Wäldern heimisch niedergelassen hatten und unseren Hühnerhof als
Verpflegungskammer betrachteten.
Am nächsten Morgen nahmen wir eine sorgfältige Untersuchung der Stelle
unter den Fichten vor und fanden einen großen Erdhügel, den die Füchse
innerhalb weniger Monate aufgeworfen hatten. Bei dieser Arbeit mußten
sie ein Loch nötig gehabt haben, jedoch war nichts davon zu entdecken.
Nun ist es allgemein bekannt, daß ein wirklich geriebener Fuchs, sobald
er eine neue Höhle gräbt, die Erde aus dem ersten Loch herauswirft,
aber dabei einen Tunnel nach irgendeinem entfernten Dickicht führt.
Dann schließt er das erste wieder, da es zu leicht entdeckt werden
könnte, und benutzt nur den verborgenen zweiten Eingang unter dem
Buschwerk.
So fand ich denn auch auf der anderen Seite unter einer Baumwurzel den
wirklichen Eingang und sichere Beweise, daß drinnen ein Volk junger
Füchse hauste.
Über die Büsche auf der abfallenden Hügelseite erhob sich ein hohler
Lindenbaum. Er lehnte etwas über und hatte ein großes Loch dicht am
Erdboden ein kleineres etwas höher.
Dieser Baum war in meinen Knabenjahren oft der Mittelpunkt unserer
Robinsonspiele gewesen. In die weichen, morschen Wände hatten wir
Stufen geschnitten und so ein Auf- und Absteigen in der Höhlung
ermöglicht. Dies kam mir jetzt zustatten. Am nächsten Tage, als
die Sonne höher stieg, begab ich mich dorthin und konnte von dem
erhöhten Aussichtspunkt die interessante Familie unter mir gemütlich
beobachten. Vier junge Füchschen konnte ich zählen. Sie sahen aus
wie etwas mißratene kleine Schafe, mit ihren wolligen Pelzen, ihren
langen, dicken Beinchen und ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck.
Jedoch bei näherer Betrachtung konnten die breiten, scharfnasigen und
scharfäugigen Gesichter ihre Abstammung von einem schlauen Fuchs nicht
verleugnen.
Sie spielten umher, wärmten sich in der Sonne oder balgten sich
miteinander, bis ein leises Geräusch sie entsetzt in der Höhle
verschwinden ließ. Jedoch die Aufregung war unnötig gewesen; denn
die Urheberin war die Mutter; sie kam langsam aus den Büschen
hervorgeschlichen und trug in ihrem Maul ein Huhn – Nummer siebzehn,
wie ich mich entsinne. Ein leiser Ruf, und die Kleinen kamen
hervorgepurzelt, und nun begann ein Schauspiel, das ich reizend fand,
über das jedoch mein Onkel in helle Wut geraten wäre.
Die Jungen stürzten sich auf die Henne, rissen und balgten sich darum
und knurrten vor Behagen, während die Alte Wache hielt. Der Ausdruck
auf ihrem Gesicht war bezeichnend. Es war ein vergnügtes Grinsen, aber
weder der gewöhnliche wilde und schlaue Blick fehlte, noch Grausamkeit
und Nervosität, doch mehr als alles andere war es der Mutter Stolz und
Liebe, die sich in ihrem Gesicht aussprachen.
Der Fuß meines Baumes war in den Büschen verborgen und lag bedeutend
tiefer als der Erdhügel, in dem die Füchse hausten. Infolgedessen
konnte ich kommen und gehen, ohne sie aufzustören.
Immer und immer wieder kehrte ich nach dem Baume zurück, um die
Erziehung der jungen Füchse zu beobachten. Schon zeitig lernten sie,
bei irgendeinem Geräusch mäuschenstill zu sitzen, und wenn sie es dann
zum zweitenmal vernahmen, nach einer sicheren Deckung zu suchen.
Einige Tiere besitzen so viel Mutterliebe, daß sie, davon überwältigt,
sie auch auf Fernerstehende ausdehnen. Mutter Vixen schien nicht so
geartet. Ihre Liebe zu den Jungen verleitete sie zu übertriebenster
Grausamkeit. Oft brachte sie Mäuse oder Vögel lebend nach Haus und
vermied mit teuflischer Vorsicht, sie ernstlich zu verletzen, damit die
Füchschen sich länger daran belustigen könnten, die armen Opfer zu Tode
zu quälen.
[Illustration]
Oben auf dem Hügel in einer Obstpflanzung lebte ein Murmeltier. Es
war weder hübsch von Aussehen, noch interessant, aber es wußte ein
bequemes Dasein zu führen. Zwischen den zähen Wurzeln eines alten
Fichtenstumpfes hatte es sich eine Höhle gewühlt, damit die Füchse ihm
nicht durch Graben folgen könnten; denn anstrengende Arbeit ist nicht
nach Reinekes Geschmack, und er erreicht seine Ziele lieber durch Witz
und Schlauheit. Dieses Murmeltier nun pflegte sich jeden Morgen auf
dem Stumpf zu sonnen, und sobald es einen Fuchs erblickte, schlüpfte
es hinunter in die Tür seiner Höhle, oder wenn der Feind in zu
gefährlicher Nähe schien, kroch es tiefer hinein und wartete so lange,
bis die Gefahr vorüber war.
Eines Morgens beschlossen Vixen und ihr Gemahl, die Kenntnisse ihrer
Kinder durch eine Lehrstunde über das Murmeltier zu bereichern, und als
Versuchsgegenstand hatten sie sich das Murmeltier in der Obstpflanzung
als besonders passend ausgewählt. So zogen sie denn zusammen bis an
den Zaun, der die Pflanzung einschloß, ohne vom alten Einsiedler auf
seinem Fichtenstumpf bemerkt zu werden. Vater Fuchs schlenderte dann in
einiger Entfernung an dem Stumpf vorüber, mitten durch den Obstgarten,
ohne dabei den Kopf zur Seite zu wenden, um das stets wachsame
Murmeltier mißtrauisch zu machen. Als der Fuchs auf der Bildfläche
erschien, verschwand das Murmeltier im Eingang seiner Höhle und blieb
dort ruhig sitzen, wohl wissend, daß Vorsicht die Mutter aller Weisheit
sei.
Das war es, was die Füchse gewollt. Vixen hatte sich bis dahin
versteckt gehalten, jetzt aber lief sie schnell nach dem Stumpf hinüber
und versteckte sich dahinter. Der Alte hatte inzwischen langsam seinen
Weg verfolgt. Da das Murmeltier durch das Erscheinen des Fuchses
keineswegs in große Angst versetzt worden war, steckte es bald seinen
Kopf zwischen den Wurzeln heraus und sah sich neugierig um. Weit
in der Ferne gewahrte es den Fuchs, seine alte Richtung immer noch
einhaltend. Je weiter der Feind sich entfernte, desto dreister wurde
das Murmeltier, kam weiter heraus, und als die Luft vollkommen rein
schien, kletterte es wieder auf den Stumpf. Mit einem Sprunge saß ihm
Vixen im Genick und schüttelte es, bis es besinnungslos dalag. Der alte
Fuchs hatte mit einem Auge das ganze Manöver beobachtet und kam schnell
herbeigelaufen. Aber Vixen nahm das Murmeltier zwischen die Zähne, lief
nach der Behausung, und der Alte wußte nun, daß man seiner nicht mehr
benötigte.
Als Vixen vor der Höhle anlangte, war das Murmeltier wieder so weit
bei Sinnen, daß es etwas zappelte. Ein unterdrücktes »Wuf« der Alten
brachte die Kleinen aus der Höhle heraus, wie Schuljungen zum Spielen.
Sie warf ihnen das verwundete Tier vor, und wie vier kleine Teufel
stürzten sie sich darauf, schwache Freudenschreie ausstoßend und mit
aller Kraft ihrer kleinen Kinderzähne zubeißend. Jedoch das Murmeltier
kämpfte für sein Leben, und die Quälgeister abschüttelnd, hinkte es
langsam nach dem schützenden Dickicht davon. Die Füchschen verfolgten
es wie eine Meute Hunde und zogen es am Schwanz und Fell, konnten es
aber nicht zurückhalten. Da kam die Mutter zu Hilfe, mit einigen
Sätzen hatte sie es überholt und zog es wieder ins freie Feld zurück,
zur Belustigung der Kinder. Dieses grausame Schauspiel wiederholte
sich einigemal, bis einer der Kleinen jämmerlich zerbissen war und
sein Schmerzensgeschrei die Mutter bewog, dem jammervollen Dasein des
Murmeltieres ein schnelles Ende zu bereiten. –
Nicht weit vom Neste entfernt war eine mit hohem Gras überwucherte
Talsenkung, der Spielplatz einer ganzen Ansiedlung von Feldmäusen.
Die erste Unterweisung in der edlen Weidmannskunst, die die Kleinen,
entfernt von ihrer Behausung, erhielten, war in dieser Niederung. Hier
hatten sie ihre erste Übungsstunde in der Mäusejagd, der leichtesten
Jagd von allen. Bei der Belehrung war die Hauptsache das Beispiel der
Mutter und der angeborene Instinkt. Die Alte bediente sich einiger
Zeichen und Winke, die z. B. bedeuteten »Liegt still und paßt auf« oder
»Kommt und macht mir alles genau nach« usw.
An einem stillen Abend zog die ganze Familie vergnügt nach der
Niederung, und Mutter Fuchs hieß die Jungen im Gras stilliegen. Ein
leises Quieken bewies die Anwesenheit des gesuchten Wildes. Vixen erhob
sich und lief auf den Zehenspitzen in das hohe Gras; sie kroch nicht,
sondern machte sich so hoch, als sie konnte, und stand zuweilen auf den
Hinterfüßen, um besser Umschau halten zu können. Die Pfade, welche die
Mäuse zu nehmen pflegen, sind unter dem Gewirr des Grases verborgen,
und das einzige, wodurch sich der Aufenthaltsort der Mäuse feststellen
läßt, ist das leichte Bewegen der Halme; das ist der Grund dafür, daß
man dieser Jagd nur an windstillen Tagen obliegen kann.
Die Kunst dabei ist nun, den Ort zu bestimmen, an dem die Maus
krabbelt, und sie mit einem Satze zu packen, ohne sie vorher gesehen zu
haben. Nach einigen Sekunden Wartens tat Vixen einen Sprung, und mitten
in dem Büschel vertrockneten Grases, das sie packte, quiekte eine
Feldmaus zum letztenmal.
Sofort war sie verschlungen, und die vier häßlichen kleinen Füchse
versuchten nun, es ihrer Mutter nachzutun. Als der Älteste zum
erstenmal in seinem Leben solch ein zappelndes Wesen erwischte,
zitterte er vor Erregung und grub seine perlenweißen, kleinen
Milchzähne in die arme Maus mit einer angeborenen Wildheit, die ihn
selbst zu überraschen schien.
Eine weitere Lehrstunde wurde an einem Eichhorn erteilt. Eines von
diesen lärmenden, sehr nervösen Geschöpfen wohnte dicht neben der
Behausung der Füchse und pflegte den halben Tag damit zuzubringen, die
ehrenwerte Familie von irgendeinem sicheren Zweige aus zu beschimpfen.
Die Jungen machten viele vergebliche Versuche, es zu erwischen, wenn
es von einem Baum zum anderen über die Lichtung rannte oder sie
aus nächster Nähe mit den gemeinsten Schimpfreden überschüttete.
Alt-Vixen war sachverständig in der Naturgeschichte; genau kannte sie
die Gepflogenheiten eines Eichkätzchens und nahm die Sache in die
Hand, sobald es ihr angemessen erschien. Sie versteckte die Kinder und
legte sich flach mitten in der Lichtung nieder. Das freche, niedrig
denkende Eichhorn kam und begann wie gewöhnlich zu schimpfen. Jedoch
die Füchsin zuckte mit keiner Wimper. Das Eichkätzchen kam näher und
schrie schließlich von einem Zweig über ihr herunter: »Du Lump du, du
Lump du.« Aber Vixen lag da wie tot. Das schien dem Eichhorn höchst
merkwürdig. Sich ängstlich umschauend, kam es den Baumstamm herab und
lief mit einem kräftigen Anlauf über den Rasen hinüber nach einem
anderen Baum, um dort seine Schimpferei von neuem zu beginnen.
»Du Lump du, du trauriger Lump du, Skrrr – skrrr.«
Aber unbeweglich und leblos lag Vixen im Grase. Das war dem Eichhorn
denn doch zu viel. Es war von Natur aus neugierig und abenteuersüchtig.
Wieder kam es von seinem Baum herunter und eilte über die Lichtung,
diesmal näher als zuvor.
Wie tot lag Vixen, »sicherlich, sie war tot«. Die kleinen Füchse fingen
an zu glauben, ihre Mutter sei eingeschlafen.
[Illustration]
Das Eichhorn arbeitete sich mehr und mehr in einen Anfall von
närrischer Neugier hinein. Ein Stück Baumrinde hatte es gerade auf
Vixens Kopf geworfen, seine Liste von gemeinen Schimpfworten hatte
es aufgebraucht und sie bereits wiederholt, aber auf nichts eine
Antwort erhalten. Nachdem es noch einige Male die Lichtung gekreuzt
hatte, wagte es sich in die nächste Nähe der in Wirklichkeit lauernden
Füchsin, die sofort aufsprang und das dumme Eichhorn im Nu beim Genick
packte.
Und die Kleinen knabberten die Knochen, oh!
So wurden nach und nach die Anfangsgründe zur Erziehung der Jungen
gelegt, und als sie stärker wurden, nahm man sie weiter hinaus und
begann die höhere Unterweisung im Fährtensuchen und Fährtenfinden.
Jedes Wesen hat eine besondere Art zu jagen; denn ein jedes Tier hat
irgendeine große Stärke, sonst könnte es nicht leben, und irgendeine
große Schwäche, sonst könnten die anderen nicht leben. Des Eichhorns
Schwäche ist alberne Neugier, die des Fuchses, daß er keinen Baum
ersteigen kann. Die Erziehung der kleinen Füchse war auf dem Grundsatze
aufgebaut, sich die Schwächen anderer Tiere zunutze zu machen oder ihre
Stärke durch Schlauheit zu überbieten.
[Illustration]
Von ihren Eltern lernten sie die Hauptlehrsätze der Fuchsweisheit.
Das Wie ist nicht so leicht zu erklären, aber daß sie diese unter der
Leitung der Alten lernten, bewiesen sie bald. Folgendes sind einige
Regeln, die sie den Füchsen beibrachten und die ich ihnen ablauschte:
»Schlafe niemals auf deiner Fährte!
Deine Nase sitzt vor den Augen, darum traue ihr zuerst!
Nur ein Narr läuft mit dem Wind!
Ein laufender Bach heilt manch Ungemach!
Gehe niemals den geraden Weg, wenn du einen krummen findest!
Ist dir etwas fremd, so ist’s dir auch feindlich!
Staub und Wasser verderben den Geruch!
Jage niemals Mäuse in einem Walde, wo Hasen sind, oder Hasen im
Hühnerhof!