Alt-Olifant hatte zweifellos ein gutes Recht, die Haufen dürrer Reiser,
die im Osten und Süden des Moores herumlagen, wegzubrennen und damit
den alten Stachelzaundraht unterhalb der Quelle freizulegen. Aber
es war nichtsdestoweniger ein harter Schlag für Zottelohr und seine
Mutter. Die Reisighaufen waren lange Zeit ihre sicheren Wohnstätten und
Festungen gewesen und der Stachelzaun ihre Ringmauer.
Sie waren eben schon so lange Bewohner des Moores und fühlten sich
so sehr als dessen Besitzer bis in jede Ecke und das entfernteste
Winkelchen – Olifants Haus und Anwesen eingeschlossen, daß sie
gegen das Auftauchen eines fremden Hasen selbst im anschließenden
Wirtschaftshof entrüstet ihr Veto eingelegt haben würden. Ihr
Rechtsanspruch auf das Moor war die natürliche Folge langen und
glücklichen Besitzes und hatte genau die gleiche Begründung wie bei den
meisten Völkern unserer Erde.
Als der Schnee im Januar schon etwas zu schmelzen begann, hatte sich
Olifant daran gemacht, die letzten Veteranen des Hochwaldes, die um
den Teich herumstanden, zu fällen, und hatte damit das Besitztum der
Hasen auf allen Seiten beschnitten und eingeschränkt. Aber immer noch
hielten sie fest an dem langsam schwindenden Revier; denn es war ja
ihre Heimat, und sie waren nicht geneigt, aufs ungewisse in die Fremde
auszuwandern. Ihr Leben mit seinen täglichen Aufregungen und Gefahren
floß in altgewohnter Weise dahin; aber immer noch waren sie flinkfüßig,
starklungig und gewitzt, wie zuvor. Seit einiger Zeit wurden sie etwas
in Unruhe versetzt durch einen Otter, der stromaufwärts gekommen war
und es sich in dem stillen Tal wohl sein ließ; aber ein kleiner,
ganz gerechtfertigter Kniff hatte den unwillkommenen Besuch bald auf
Olifants Hühnerhaus aufmerksam gemacht. Sie waren allerdings nicht
ganz darüber beruhigt, ob der Otter einen bleibenden Wohnsitz dort
aufgeschlagen habe. So gaben sie lieber eine Zeitlang die Benützung der
Erdhöhlen auf, denn sie waren zu gefährliche Fallen, und hielten sich
zu den Rosensträuchern und Reisighaufen, die übrig geblieben waren.
[Illustration]
Der Winterschnee war ganz geschmolzen und das Wetter sonnig und warm.
Mutter Hase fühlte einen leichten Anflug von Rheumatismus und war
irgendwo im Unterholz beschäftigt, ein Heilkraut zu suchen, während
Zottelohr sich auf einer Böschung an der Ostseite sonnte. Der Rauch
des allbekannten Schornsteins von Olifants Haus kam in phantastischen
Formen durch das Holz gezogen und hob sich als ein düsteres Braun
gegen den klaren Himmel ab. Am sonnengoldenen Giebel hinauf schlangen
sich Ranken von wilden Rosen, die im purpurtiefen Schatten feurigrot
und gleich Gold im Lichte schimmerten. Der Stall hinterm Haus mit
goldübergossenem Giebel und Dach hob sich vom heiteren Himmel ab wie
Noahs Arche.
Das geschäftige Geräusch, das der Wind herübertrug, und mehr noch der
liebliche Duft, der mit dem Rauch herüberzog, gab Zottelohr kund,
daß Olifants Vieh gerade mit Kohlblättern gefüttert wurde. Der Mund
wässerte ihm beim Gedanken an dieses Göttermahl, und er blinzelte
neidisch hinüber, als diese vielverheißenden Gerüche ihm in die Nase
zogen; denn Kohl war sein Leibgericht. Aber er war gerade in der
vorhergehenden Nacht im Hofe gewesen, um einige Mundvoll Klee zu holen,
und kein kluger Hase kehrt zwei Nächte hintereinander nach dem gleichen
Futterplatz zurück.
Deshalb tat er das Klügste, was er tun konnte: er lief so weit, bis
er den verführerischen Duft des Kohls nicht mehr riechen konnte, und
wählte sich ein Bündel Heu zum Abendbrot, das der Wind von einem
Schober heruntergeblasen hatte. Später, als er sich zur Ruhe begeben
wollte, gesellte sich auch die Mutter zu ihm, die erst ihre Arznei
und dann ein kleines Mahl von süßen Birkenreisern an der Sonnenbank
eingenommen hatte.
Mittlerweile hatte sich die Sonne davongemacht, um anderswo ihren
Geschäften nachzugehen, und all ihr strahlendes Gold hatte sie mit sich
genommen. Drüben im Osten schob sich ein dicker, schwarzer Vorhang
empor und verdunkelte, langsam höher und höher steigend, den ganzen
Himmel, verbarg sorgfältig alles Licht und ließ die Welt in trauriger
Dunkelheit und Öde zurück. Dann erschien, die Abwesenheit der Sonne
schlau benützend, ein Unheilstifter auf der Szene und begann Unruhe und
Aufruhr zu brauen – der Wind. Die Luft wurde kälter und kälter, und es
war unbehaglicher, als wenn die Erde noch mit Schnee bedeckt gewesen
wäre.
»Es ist aber ungemütlich kalt heute abend,« sagte Zottel, »wenn wir
doch unseren alten Reisighaufen noch hätten.« »Ja, ja,« erwiderte die
Mutter, »das wäre eine Nacht für unsere Höhle unter der Fichtenwurzel,
aber da wir nicht wissen, ob der Otter sich noch in der Gegend
herumtreibt, ist es nicht sicher dort.«
Der ausgehöhlte Walnußbaum war verschwunden – tatsächlich beherbergte
er zur Zeit, von der wir reden, auf einem Holzhaufen in der Ecke des
Wirtschaftshofes liegend den Otter, den unsere Hasen deshalb nicht ohne
Grund fürchteten. Zottel und seine Mutter begaben sich schließlich
nach der Südseite des Teiches, wählten hier einen Reisighaufen
zum Nachtquartier, krochen darunter und ließen sich für die Nacht
häuslich nieder. Ihre Nasen richteten sich gegen den Wind, jedoch in
verschiedenen Richtungen, so daß sie im Falle einer nächtlichen Störung
nach entgegengesetzten Seiten entfliehen konnten. Der Sturm blies mit
jeder Stunde schärfer und kälter, und um Mitternacht begann ein feiner,
eisiger Schnee in den dürren Blättern zu rasseln und sich durch die
kahlen Zweige einen Weg zu bahnen. Es schien eine ungünstige Nacht für
Jagdabenteuer, aber der alte Fuchs von Springfield war los. Gerade
mit dem Winde kam er im Schutze des Dickichts daher, und das Unglück
wollte, daß er die Richtung auf den Reisighaufen zu nahm, wo er sofort
die schlafenden Hasen witterte. Einen Augenblick blieb er stehen, dann
kam er langsam und kriechend auf den Haufen zu, unter dem er Mutter und
Sohn nun sicher zu haben glaubte. Das Geräusch des Windes ermöglichte
es ihm, ganz dicht heranzukommen, bis die Mutter vom leisen Rascheln
eines trockenen Blattes unter seinem tastenden Tritte erwachte. Sofort
berührte sie Zottelohrs Schnurrhaare, und beide waren wach und munter,
gerade als der Feind sich zum Sprunge anschickte. Der alte Schlaukopf
hatte nicht berechnet, daß die Hasen immer auf ihren Läufen zum Sprung
bereit schlafen; denn sofort flogen sie hinaus in den wütenden Sturm.
Der Fuchs verfehlte die Mutter bei seinem Sprunge, aber er nahm die
Hetze hinter ihr her gleich mit dem Eifer eines ehrgeizigen Rennpferdes
auf, während Zottel nach der entgegengesetzten Seite entfloh.
[Illustration: Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang]
Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben
galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf
kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand.
Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.
Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem
Satze ins tiefe Wasser.
Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu
frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein
Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und
strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte
einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen
eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der
ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden
Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es
wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.
Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand
zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach
einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe
das Schilf des anderen Ufers erreicht, als eine feste Masse treibenden
Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte
ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses
ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde
weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis
freimachen konnte.
Wieder strich sie aus, doch langsamer – immer langsamer, und als
sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre
Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines
Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob
der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch
glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der
Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße
brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum
auftürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten
Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte
nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen
sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen
Zähnen zu zerreißen. –
Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er
sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte, kam er zurückgelaufen, um
den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutter zu helfen. Er
traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches,
lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von
einem Stacheldrahtzaun am Kopfe. Dann kam er zum Ufer, suchte und
schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die
kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und
niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief
den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers,
das nichts ausplaudert.
Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine
von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum
dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm
davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und
von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch
und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch
ihn veredelte sie ihre Rasse.
Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und
seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen
verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine
undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen,
und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und
Schlupfwinkel, die Hunde und Füchse nicht zu stürmen wagten. Und dort
lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden
und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein
eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß
nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele
Jahre hausen, und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten,
wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.
[Illustration]
Lobo.
Der König von Currumpaw.