VIII.

Alt-Olifant hatte zweifellos ein gutes Recht, die Haufen dürrer Reiser,

die im Osten und Süden des Moores herumlagen, wegzubrennen und damit

den alten Stachelzaundraht unterhalb der Quelle freizulegen. Aber

es war nichtsdestoweniger ein harter Schlag für Zottelohr und seine

Mutter. Die Reisighaufen waren lange Zeit ihre sicheren Wohnstätten und

Festungen gewesen und der Stachelzaun ihre Ringmauer.

Sie waren eben schon so lange Bewohner des Moores und fühlten sich

so sehr als dessen Besitzer bis in jede Ecke und das entfernteste

Winkelchen – Olifants Haus und Anwesen eingeschlossen, daß sie

gegen das Auftauchen eines fremden Hasen selbst im anschließenden

Wirtschaftshof entrüstet ihr Veto eingelegt haben würden. Ihr

Rechtsanspruch auf das Moor war die natürliche Folge langen und

glücklichen Besitzes und hatte genau die gleiche Begründung wie bei den

meisten Völkern unserer Erde.

Als der Schnee im Januar schon etwas zu schmelzen begann, hatte sich

Olifant daran gemacht, die letzten Veteranen des Hochwaldes, die um

den Teich herumstanden, zu fällen, und hatte damit das Besitztum der

Hasen auf allen Seiten beschnitten und eingeschränkt. Aber immer noch

hielten sie fest an dem langsam schwindenden Revier; denn es war ja

ihre Heimat, und sie waren nicht geneigt, aufs ungewisse in die Fremde

auszuwandern. Ihr Leben mit seinen täglichen Aufregungen und Gefahren

floß in altgewohnter Weise dahin; aber immer noch waren sie flinkfüßig,

starklungig und gewitzt, wie zuvor. Seit einiger Zeit wurden sie etwas

in Unruhe versetzt durch einen Otter, der stromaufwärts gekommen war

und es sich in dem stillen Tal wohl sein ließ; aber ein kleiner,

ganz gerechtfertigter Kniff hatte den unwillkommenen Besuch bald auf

Olifants Hühnerhaus aufmerksam gemacht. Sie waren allerdings nicht

ganz darüber beruhigt, ob der Otter einen bleibenden Wohnsitz dort

aufgeschlagen habe. So gaben sie lieber eine Zeitlang die Benützung der

Erdhöhlen auf, denn sie waren zu gefährliche Fallen, und hielten sich

zu den Rosensträuchern und Reisighaufen, die übrig geblieben waren.

[Illustration]

Der Winterschnee war ganz geschmolzen und das Wetter sonnig und warm.

Mutter Hase fühlte einen leichten Anflug von Rheumatismus und war

irgendwo im Unterholz beschäftigt, ein Heilkraut zu suchen, während

Zottelohr sich auf einer Böschung an der Ostseite sonnte. Der Rauch

des allbekannten Schornsteins von Olifants Haus kam in phantastischen

Formen durch das Holz gezogen und hob sich als ein düsteres Braun

gegen den klaren Himmel ab. Am sonnengoldenen Giebel hinauf schlangen

sich Ranken von wilden Rosen, die im purpurtiefen Schatten feurigrot

und gleich Gold im Lichte schimmerten. Der Stall hinterm Haus mit

goldübergossenem Giebel und Dach hob sich vom heiteren Himmel ab wie

Noahs Arche.

Das geschäftige Geräusch, das der Wind herübertrug, und mehr noch der

liebliche Duft, der mit dem Rauch herüberzog, gab Zottelohr kund,

daß Olifants Vieh gerade mit Kohlblättern gefüttert wurde. Der Mund

wässerte ihm beim Gedanken an dieses Göttermahl, und er blinzelte

neidisch hinüber, als diese vielverheißenden Gerüche ihm in die Nase

zogen; denn Kohl war sein Leibgericht. Aber er war gerade in der

vorhergehenden Nacht im Hofe gewesen, um einige Mundvoll Klee zu holen,

und kein kluger Hase kehrt zwei Nächte hintereinander nach dem gleichen

Futterplatz zurück.

Deshalb tat er das Klügste, was er tun konnte: er lief so weit, bis

er den verführerischen Duft des Kohls nicht mehr riechen konnte, und

wählte sich ein Bündel Heu zum Abendbrot, das der Wind von einem

Schober heruntergeblasen hatte. Später, als er sich zur Ruhe begeben

wollte, gesellte sich auch die Mutter zu ihm, die erst ihre Arznei

und dann ein kleines Mahl von süßen Birkenreisern an der Sonnenbank

eingenommen hatte.

Mittlerweile hatte sich die Sonne davongemacht, um anderswo ihren

Geschäften nachzugehen, und all ihr strahlendes Gold hatte sie mit sich

genommen. Drüben im Osten schob sich ein dicker, schwarzer Vorhang

empor und verdunkelte, langsam höher und höher steigend, den ganzen

Himmel, verbarg sorgfältig alles Licht und ließ die Welt in trauriger

Dunkelheit und Öde zurück. Dann erschien, die Abwesenheit der Sonne

schlau benützend, ein Unheilstifter auf der Szene und begann Unruhe und

Aufruhr zu brauen – der Wind. Die Luft wurde kälter und kälter, und es

war unbehaglicher, als wenn die Erde noch mit Schnee bedeckt gewesen

wäre.

»Es ist aber ungemütlich kalt heute abend,« sagte Zottel, »wenn wir

doch unseren alten Reisighaufen noch hätten.« »Ja, ja,« erwiderte die

Mutter, »das wäre eine Nacht für unsere Höhle unter der Fichtenwurzel,

aber da wir nicht wissen, ob der Otter sich noch in der Gegend

herumtreibt, ist es nicht sicher dort.«

Der ausgehöhlte Walnußbaum war verschwunden – tatsächlich beherbergte

er zur Zeit, von der wir reden, auf einem Holzhaufen in der Ecke des

Wirtschaftshofes liegend den Otter, den unsere Hasen deshalb nicht ohne

Grund fürchteten. Zottel und seine Mutter begaben sich schließlich

nach der Südseite des Teiches, wählten hier einen Reisighaufen

zum Nachtquartier, krochen darunter und ließen sich für die Nacht

häuslich nieder. Ihre Nasen richteten sich gegen den Wind, jedoch in

verschiedenen Richtungen, so daß sie im Falle einer nächtlichen Störung

nach entgegengesetzten Seiten entfliehen konnten. Der Sturm blies mit

jeder Stunde schärfer und kälter, und um Mitternacht begann ein feiner,

eisiger Schnee in den dürren Blättern zu rasseln und sich durch die

kahlen Zweige einen Weg zu bahnen. Es schien eine ungünstige Nacht für

Jagdabenteuer, aber der alte Fuchs von Springfield war los. Gerade

mit dem Winde kam er im Schutze des Dickichts daher, und das Unglück

wollte, daß er die Richtung auf den Reisighaufen zu nahm, wo er sofort

die schlafenden Hasen witterte. Einen Augenblick blieb er stehen, dann

kam er langsam und kriechend auf den Haufen zu, unter dem er Mutter und

Sohn nun sicher zu haben glaubte. Das Geräusch des Windes ermöglichte

es ihm, ganz dicht heranzukommen, bis die Mutter vom leisen Rascheln

eines trockenen Blattes unter seinem tastenden Tritte erwachte. Sofort

berührte sie Zottelohrs Schnurrhaare, und beide waren wach und munter,

gerade als der Feind sich zum Sprunge anschickte. Der alte Schlaukopf

hatte nicht berechnet, daß die Hasen immer auf ihren Läufen zum Sprung

bereit schlafen; denn sofort flogen sie hinaus in den wütenden Sturm.

Der Fuchs verfehlte die Mutter bei seinem Sprunge, aber er nahm die

Hetze hinter ihr her gleich mit dem Eifer eines ehrgeizigen Rennpferdes

auf, während Zottel nach der entgegengesetzten Seite entfloh.

[Illustration: Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang]

Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben

galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf

kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand.

Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem

Satze ins tiefe Wasser.

Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu

frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein

Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und

strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte

einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen

eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der

ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden

Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es

wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.

Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand

zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach

einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe

das Schilf des anderen Ufers erreicht, als eine feste Masse treibenden

Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte

ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses

ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde

weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis

freimachen konnte.

Wieder strich sie aus, doch langsamer – immer langsamer, und als

sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre

Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines

Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob

der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch

glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der

Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße

brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum

auftürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten

Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte

nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen

sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen

Zähnen zu zerreißen. –

Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er

sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte, kam er zurückgelaufen, um

den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutter zu helfen. Er

traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches,

lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von

einem Stacheldrahtzaun am Kopfe. Dann kam er zum Ufer, suchte und

schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die

kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und

niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief

den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers,

das nichts ausplaudert.

Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine

von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum

dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm

davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und

von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch

und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch

ihn veredelte sie ihre Rasse.

Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und

seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen

verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine

undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen,

und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und

Schlupfwinkel, die Hunde und Füchse nicht zu stürmen wagten. Und dort

lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden

und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein

eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß

nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele

Jahre hausen, und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten,

wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.

[Illustration]

Lobo.

Der König von Currumpaw.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 47 / 96 题