VII.

Zottelohr hatte außer seiner Mutter niemals einen anderen Hasen

gesehen, ja er hatte kaum an die Möglichkeit gedacht, daß noch andere

Wesen wie er in der Umgegend leben könnten. Seine Geschäfte hielten ihn

mehr und mehr von Hause fern, jedoch fühlte er sich niemals einsam;

denn Hasen tragen kein großes Verlangen nach Gesellschaft. Eines Tages

im Dezember, als er eben im Dickicht damit beschäftigt war, einen

neuen Pfad nach dem Tale anzulegen, erblickte er plötzlich oben den

Schattenriß der Löffel eines fremden Hasen. Der Eindringling trat

wie ein unternehmender Entdecker auf und kam bald in langen Sprüngen

herab auf _Zottelohrs_ Pfad, mitten in _Zottelohrs_ Revier. Ein neues,

fremdes Gefühl überkam plötzlich unser Häschen, jene kochende Mischung

von Ärger und Haß, die als Eifersucht wohlbekannt ist.

[Illustration]

Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem

sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es

ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das

gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und

Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits

von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht

erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht

herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte,

und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die

genaue Größe seines Vorgängers an.

Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling

einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker

Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit

einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem

unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen,

erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und

klopfte feierlich:

»Klopf – klopf – klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach’, daß

du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«

Der Fremde machte ein großes ~V~ mit seinen Ohren, saß einige Sekunden

aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das

weit vernehmliche Signal: »Klopf – klopf – klopf!«

Und der Krieg war erklärt.

In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte,

dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit

zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit

wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen

bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar,

daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch

Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf,

und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß

sprangen sie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig

aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im

Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine

Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die

Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte

schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er

zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war

seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß

er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen

überlegenen Witz retten könne.

Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling

hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden,

sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren

war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche

Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die

vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den

armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu

werden.

Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte

genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder

Menschen und anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie

er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das

wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis

er aufgespürt war, und darin, sich dann auf seine gewandten Läufe zu

verlassen.

Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn

sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken,

im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch

sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so

behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu

morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte

und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos.

Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft,

wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug

er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine

Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste

Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen

schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel

sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte,

mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein

dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stelle geschlichen,

wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das

Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben,

aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit

und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich

ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit

ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die

Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen

Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut

genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und

er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.

Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit

endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter

geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden

Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun

einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff

zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller

Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so

sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein

gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als

ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchte der

Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit

allen Mitteln ins Freie zu treiben.

[Illustration]

Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber

jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da

der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt

worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei,

doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz

verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich,

mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen

und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt

hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr

entdeckte den alten _Donner_, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er

sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb,

und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn

kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und

aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war,

daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind

im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er

seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg,

ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.

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»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwische ich dich aber!« Auf

sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel

und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.

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Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten

Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe

mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden.

Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und

Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt,

wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher

Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im

Moore waren dem Eindringling unbekannt.

Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der

Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere

Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die

Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige seine

zarten Ohren zerrissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der

Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert

hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein

durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.

Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm

den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuem

alleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 46 / 96 题