Zottelohr hatte außer seiner Mutter niemals einen anderen Hasen
gesehen, ja er hatte kaum an die Möglichkeit gedacht, daß noch andere
Wesen wie er in der Umgegend leben könnten. Seine Geschäfte hielten ihn
mehr und mehr von Hause fern, jedoch fühlte er sich niemals einsam;
denn Hasen tragen kein großes Verlangen nach Gesellschaft. Eines Tages
im Dezember, als er eben im Dickicht damit beschäftigt war, einen
neuen Pfad nach dem Tale anzulegen, erblickte er plötzlich oben den
Schattenriß der Löffel eines fremden Hasen. Der Eindringling trat
wie ein unternehmender Entdecker auf und kam bald in langen Sprüngen
herab auf _Zottelohrs_ Pfad, mitten in _Zottelohrs_ Revier. Ein neues,
fremdes Gefühl überkam plötzlich unser Häschen, jene kochende Mischung
von Ärger und Haß, die als Eifersucht wohlbekannt ist.
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Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem
sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es
ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das
gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und
Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits
von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht
erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht
herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte,
und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die
genaue Größe seines Vorgängers an.
Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling
einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker
Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit
einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem
unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen,
erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und
klopfte feierlich:
»Klopf – klopf – klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach’, daß
du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«
Der Fremde machte ein großes ~V~ mit seinen Ohren, saß einige Sekunden
aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das
weit vernehmliche Signal: »Klopf – klopf – klopf!«
Und der Krieg war erklärt.
In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte,
dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit
zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit
wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen
bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar,
daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch
Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf,
und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß
sprangen sie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig
aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im
Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine
Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die
Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte
schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er
zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war
seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß
er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen
überlegenen Witz retten könne.
Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling
hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden,
sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren
war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche
Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die
vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den
armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu
werden.
Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte
genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder
Menschen und anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie
er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das
wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis
er aufgespürt war, und darin, sich dann auf seine gewandten Läufe zu
verlassen.
Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn
sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken,
im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch
sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so
behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu
morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte
und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos.
Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft,
wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug
er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine
Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste
Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen
schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel
sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte,
mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein
dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stelle geschlichen,
wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das
Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben,
aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit
und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich
ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit
ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die
Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen
Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut
genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und
er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.
Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit
endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter
geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden
Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun
einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff
zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller
Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so
sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein
gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als
ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchte der
Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit
allen Mitteln ins Freie zu treiben.
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Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber
jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da
der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt
worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei,
doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz
verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich,
mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen
und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt
hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr
entdeckte den alten _Donner_, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er
sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb,
und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn
kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und
aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war,
daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind
im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er
seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg,
ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.
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»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwische ich dich aber!« Auf
sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel
und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.
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Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten
Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe
mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden.
Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und
Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt,
wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher
Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im
Moore waren dem Eindringling unbekannt.
Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der
Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere
Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die
Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige seine
zarten Ohren zerrissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der
Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert
hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein
durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.
Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm
den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuem
alleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.