I.

Currumpaw ist eine unermeßlich große Rinderfarm im nördlichen

Neu-Mexiko, ein Land mit saftigen, grünen Weiden, bevölkert mit

kräftigen, fruchtbaren Herden und durchquert von ausgiebigen, frisch

dahineilenden Bächen, die sich schließlich zum Currumpaw-Flusse

vereinigen, nach dem die Gegend benannt ist. Und der Herrscher, vor

dessen despotischer Macht das ganze Land zitterte, war ein alter

Grau-Wolf. Alt-Lobo oder der König, wie die Mexikaner ihn kurzweg

zu nennen pflegten, war der gigantische Führer einer berüchtigten

Bande von Grau-Wölfen, jahrelang der Schrecken des Currumpaw-Tales.

Hirten und Farmer kannten ihn nur zu gut, und wo immer er mit

seinen Getreuen erschien, erfaßte Entsetzen die Herden, ohnmächtige

Wut und Verzweiflung deren Besitzer. Alt-Lobo war ein Riese unter

seinesgleichen, und Schlauheit und Stärke standen im Verhältnis zu

seiner Größe. Seine gebieterische Stimme, die oft durch die Nacht

erschallte, war wohlbekannt und leicht von den Stimmen seines Gefolges

zu unterscheiden. Ein gewöhnlicher Wolf mochte die halbe Nacht nahe am

Lager der Hirten heulen, ohne mehr als vorübergehende Aufmerksamkeit zu

erregen, doch wenn das tiefe grollende Brüllen des alten Königs das Tal

heraufhallte, dann mußte der Lauscher gefaßt sein, am anderen Morgen

von neuen blutigen Einfällen in die Herde zu hören.

Alt-Lobos Bande war nur klein, eine Tatsache, die ich niemals ganz

verstehen konnte; denn wenn sich ein Wolf zu der Stellung und Macht

Lobos erhebt, so zieht er gewöhnlich ein zahlreiches Gefolge an sich.

Es mag sein, daß er so viele um sich hatte, wie er wünschte, oder

vielleicht verhinderte sein wildes Temperament ein Anwachsen der Bande.

Gewiß ist, daß gegen das Ende seiner Regierung das Gefolge nur fünf

Köpfe zählte. Immerhin war jeder ein Wolf von Ruf, der seinesgleichen

an Gestalt überragte, besonders der zweite im Kommando war ein

wahrhafter Riese, aber auch der stand weit hinter seinem Führer an

Größe und Tapferkeit zurück. Noch verschiedene andere Glieder der Bande

taten sich besonders hervor, darunter eine schöne weiße Wölfin, die

die Mexikaner Blanca nannten, wahrscheinlich Lobos Geliebte. Dann war

ein gelber Wolf von hervorragender Geschwindigkeit dabei, der nach

umlaufenden Gerüchten verschiedene Male eine schnellfüßige Antilope

überholte und für die Bande fing.

Oft wurden die Bestien von Rinder- und Schafhirten gesehen, und fast

Unglaubliches wurde über sie berichtet. Ihr Leben war mit dem der

Viehzüchter eng verknüpft, die sie nur zu gern aus der Welt geschafft

hätten, und da war nicht ein einziger am Currumpaw, der nicht

bereitwilligst den Erlös einer beträchtlichen Anzahl Stiere für den

Skalp Lobos dahingegeben hätte. Doch das Leben jener schien gefeit, sie

entwischten jedem noch so sinnreichen Anschlag, verhöhnten die Jäger,

verachteten die Fallen und Gifte und nahmen fast fünf Jahre lang von

den Currumpaw-Züchtern ihren Tribut, d. h. jeden Tag mindestens eine

Kuh.

Nach dieser Schätzung zerriß die Bande mehr als 2000 Stück der

ausgewähltesten Zucht; denn nur das Allerbeste befriedigte ihre Gier.

Der uralte Volksglaube, daß der Wolf sich stets im Zustande des

Verhungerns befände, traf bei dieser Bande Freischärler sicher nicht

zu. Sie waren wohlgenährt und fett und höchst wählerisch in ihrer

Nahrung. Ein Tier, das eines natürlichen Todes gestorben oder mit

einer ansteckenden Krankheit behaftet war, verschmähten sie und ließen

es ruhig liegen. Gewöhnlich bestand ihre Mahlzeit aus den zartesten

Stücken eines Jährlings, während sie einen alten Bullen oder eine

alte Kuh nicht berührten. Auch Hammelfleisch war nicht nach ihrem

Geschmack, obwohl sie sich oft damit begnügten, Schafherden aus

purer Mordlust anzufallen. So erwürgten Blanca und der gelbe Wolf in

einer Novembernacht des Jahres 1893 zweihundertfünfundfünfzig Schafe,

sichtlich nur zur Belustigung; denn sie fraßen nicht einen einzigen

Bissen vom Fleisch ihrer Opfer.

Dieses Beispiel beweist die Mordlust der Räuberbande zur Genüge. Jedes

Jahr wurden unzählige neue Mittel zu ihrer Ausrottung vorgeschlagen und

versucht, jedoch lebte und verwüstete sie ruhig weiter, den eifrigen

Bemühungen ihrer Verfolger zum Trotz. Eine hohe Prämie war auf Lobos

Kopf gesetzt, und Gift wurde in allen erdenklichen Formen und Arten

ausgelegt, doch Lobo verfehlte nie, es augenblicklich zu entdecken und

zu vermeiden. Nur eins fürchtete er, das waren Feuerwaffen. Da er wohl

wußte, daß jedermann in dieser Gegend solche mit sich führte, griff er

nie ein menschliches Wesen an, und es war die gewohnte Praktik seiner

Bande, sich sofort zur Flucht zu wenden, wenn sie zur Tageszeit einen

Menschen auch in noch so großer Entfernung entdeckte. In zahllosen

Fällen rettete Lobos große Vorsicht das Leben seiner Gefolgschaft; denn

er ließ sie nur das fressen, was sie selbst getötet hatten, und die

Feinheit seines Geruchssinnes, mit dem er die Berührung menschlicher

Hände oder das Vorhandensein von Gift sofort entdeckte, machte sie

gegen alle Nachstellungen gefeit.

[Illustration]

Eines Tages vernahm ein Kuhhirt den berüchtigten Kriegsruf des Königs.

Er näherte sich Schritt für Schritt und fand in einer Talniederung

die ganze Gesellschaft, die eben eine kleine Rinderherde umzingelt

hatte. Lobo saß zur Seite auf einem Erdhügel, während Blanca sich mit

den übrigen bemühte, das auserwählte Opfer, eine junge Kuh, von der

Herde abzusondern. Aber die Rinder standen in einer dichtgeschlossenen

Masse und wiesen ihren Angreifern eine Schutzwehr starker und spitzer

Hörner, die nur unterbrochen wurde, wenn eine Kuh, entsetzt durch einen

frischen Angriff der Wölfe, nach der Mitte zurückzuweichen versuchte.

Dieser Umstand ermöglichte es den Wölfen, die dem Tode Geweihte zwar zu

verwunden, aber nicht kampfunfähig zu machen. Lobo schien die Geduld zu

verlieren, denn er verließ plötzlich seinen Posten auf dem Hügel, stieß

ein tiefes Gebrüll aus und raste auf die Herde los. Die entsetzten

Rinder stoben vor diesem Anprall auseinander wie die Sprengstücke

einer geplatzten Granate, und Lobo sprang mitten unter sie. Dahin flog

das Schlachtopfer, vom Werwolf verfolgt. Binnen kurzem saß er ihm im

Genick, biß sich dort fest, riß es plötzlich mit aller Kraft zurück und

brachte es so zu Fall. Der Ruck mußte furchtbar gewesen sein; denn die

Kuh überschlug sich und riß dabei Lobo mit sich. Der Riese erholte sich

jedoch sofort von dem Sturze, sein Gefolge fiel über das arme Tier her

und zerriß es in wenigen Sekunden. Der Alte beteiligte sich nicht an

dieser Schlächterarbeit. Nachdem er die Kuh niedergeworfen, ließ er

sich wieder auf seinem Beobachtungsposten nieder und schien zu sagen:

»Warum konnte einer von euch das nicht längst getan haben, ohne so viel

kostbare Zeit zu verschwenden?«

Der Kuhhirt ritt, seinen Revolver abfeuernd, heran, und die Wölfe

suchten wie gewöhnlich ihr Heil in schneller Flucht. Er vergiftete

den Kadaver an drei verschiedenen Stellen mit Strychnin und verließ

den Schauplatz des Kampfes, da er wohl wußte, daß die Bande zum Fraß

zurückkehren würde, da sie das Tier ja selbst getötet hatte. Aber am

nächsten Morgen, als er nach den erhofften Opfern Umschau hielt, fand

er, daß die Wölfe die Kuh zwar verschlungen, jedoch sorgfältig alle

vergifteten Teile herausgerissen und beiseite geworfen hatten.

[Illustration]

Die Furcht vor diesem Riesenwolf wuchs von Jahr zu Jahr, und jährlich

wurde ein größerer Preis auf seinen Kopf gesetzt, der schließlich die

Höhe von 1000 Dollar erreichte, gewiß eine nie dagewesene Prämie für

einen Wolf. – Manch braver Mann wurde für weniger zu Tode gejagt.

– Angelockt durch die hohe Belohnung kam eines Tages ein Mann aus

Texas, namens Tannery, das Currumpawtal herabgesprengt. Er besaß eine

unübertreffliche Ausrüstung für die Wolfsjagd, die aus den modernsten

Feuerwaffen, den ausdauerndsten Pferden und einer Meute ungeheurer

Wolfshunde bestand. Draußen auf den weiten Gefilden von Texas hatte er

mit seinen Hunden der Laufbahn vieler Wölfe ein jähes Ende gesetzt, und

er zweifelte nicht daran, daß Alt-Lobos Skalp innerhalb weniger Tage an

seinem Sattelknopf baumeln würde.

Dahin stob die tapfere Schar auf ihrer Hetze, hinein in die

Morgendämmerung eines schönen Sommertages, und bald gaben die Rüden

freudig Laut, um zu melden, daß sie die Fährten ihrer Opfer gefunden

hatten. Nach einem Ritt von zwei Meilen kam ihnen die graue Bande von

Currumpaw zu Gesicht, und jetzt begann die Jagd hitzig zu werden. Die

Aufgabe der Wolfshunde bestand darin, die Wölfe aufzuhalten, bis der

Jäger heranreiten und sie niederschießen konnte. Dies war auf den

offenen Gefilden von Texas leicht getan, jedoch hier kam eine durchaus

fremde und ungünstig gestaltete Gegend in Betracht. Lobo hatte sein

Revier klug gewählt; denn die felsigen Seitentäler des Currumpaw und

ihre Ausläufer durchschnitten die Prärie nach allen Richtungen. Der

alte Wolf, der die Gefahr sofort überblickte, beeilte sich, einen

dieser Einschnitte zu erreichen, und entledigte sich dadurch der Hunde.

Seine Bande zerstreute sich und zerteilte dadurch auch die Schar ihrer

Verfolger; denn als sich die Wölfe in der Ferne wieder vereinigten,

waren die Hunde bedeutend in der Minderzahl. Die Grauröcke wendeten

sich nun zum Angriff und zerrissen oder verwundeten die Rüden nach

kurzem Kampfe. Als Tannery am Abend seine Meute musterte, waren nur

sechs zurückgekehrt, und zwei davon waren bis zur Unbrauchbarkeit

verstümmelt. Er machte noch zwei weitere Versuche, den königlichen

Skalp zu erbeuten, war jedoch genau so erfolglos wie das erstemal,

und bei der letzten Jagd stürzte sein bestes Pferd und brach das

Genick. Dies war Tannerys letzter Versuch, erbittert und entmutigt

gab er die Jagd auf und kehrte zurück nach Texas. Lobo aber blieb als

unumschränkter Herrscher zurück.

[Illustration]

Im nächsten Jahre tauchten zwei andere Jäger auf, die mit dem

unumstößlichen Entschluß kamen, die ausgesetzte Prämie zu erringen.

Jeder von ihnen war sicher, er würde den berüchtigten Wolf vernichten,

der eine mit Hilfe eines neu entdeckten Giftes, der andere, ein

Kanadier französischer Abstammung, durch Gift in Verbindung mit

gewissen Besprechungen und Amuletten; denn er hielt Lobo für einen

richtigen »~loup-garou~«, einen Werwolf, den man nicht mit gewöhnlichen

Mitteln aus der Welt schaffen könne. Aber weder die schlau ausgesetzten

Giftköder noch die wunderkräftigen Amulette und Beschwörungsformeln

hatten bei dem grauen Verwüster Erfolg. Er machte seine wöchentlichen

Rundreisen, hielt seine Gastereien ab wie zuvor, und ehe einige Wochen

ins Land gegangen waren, gaben Calone und Laloche die erfolglose Jagd

in Verzweiflung auf, um ihr Glück anderswo zu versuchen.

Im Frühjahr 1893 machte Joe Calone nach seinem erfolglosen Versuch,

Lobo zu übertölpeln, eine Erfahrung, die höchst demütigend für ihn

war und die bewies, daß der Alte vom Berge seine Nachsteller einfach

verachtete und unfehlbar an sich selbst glaubte. Calones Farm lag

an einem kleinen Nebenfluß des Currumpaw in einem malerischen Tale,

und höchstens eine Meile vom Hause entfernt hatten Lobo und seine

Gattin sich ihren Wohnsitz errichtet, um dort ihre Nachkommenschaft

zu erziehen. Hier lebten sie den ganzen Sommer, fielen allen

Nachstellungen zum Trotz Joes Schafe und Rinder an und verbrachten ihre

Tage im Frieden des höhlenreichen Tales. Joe zermarterte vergeblich sein

Hirn nach irgendeinem Mittel, um die Gesellschaft auszuräuchern. Er

versuchte sogar, sie mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Immer aber

entkamen sie unversehrt und setzten ihre Raubzüge fort wie zuvor. »Dort

drüben hausten sie im letzten Sommer,« erzählte mir Joe, auf einen

alleinstehenden Felsen deutend, »und ich konnte ihnen nichts anhaben.

Wie ein Narr stand ich da.«

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 48 / 96 题