Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus
Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein
tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit,
wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann.
Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins
Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines
Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.
Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war
eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen
sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks,
Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst
giftige Insekten schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie
waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am
Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die
Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.
[Illustration: Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung ...]
Mehr als zweimal zwang sie der böse Fuchs von Springfield, Zuflucht
unter den Ruinen eines verfallenen, mit Stacheldraht überspannten
Schweinekofens nahe an der Quelle zu nehmen; doch wenn sie einmal dort
geborgen waren, durften sie ihm ruhig zusehen, wie er sich die Beine
in vergeblichen Versuchen, die Hasen zu erreichen, blutig riß.
Einige Male lenkte Zottel auch die Aufmerksamkeit eines ihn
verfolgenden Hundes von sich ab und auf einen Skunk, der fast ebenso
gefährlich war, wie der Rüde.
Einmal wurde Zottel sogar von einem Jäger, dem ein guter Hund und ein
Frettchen helfend zur Seite standen, eingefangen, aber er hatte das
Glück, am nächsten Tage zu entwischen, und von da war er vom tiefsten
Mißtrauen gegen die Sicherheit der Erdlöcher erfüllt. Verschiedene
Male wurde er von einer Katze ins Wasser gejagt, und oft stellten ihm
Bussarde und Eulen nach, jedoch für jede noch so große Gefahr gab es
einen rettenden Ausweg. Die Mutter lehrte ihn all die Winkelzüge und
Kniffe, die ihr bekannt waren, und Zottelohr verbesserte sie und erfand
sogar neue, als er älter wurde. Je gesetzter und weiser er wurde, desto
weniger verließ er sich auf seine Läufe, aber mehr und mehr auf seinen
Witz und seine Erfahrung.
[Illustration]
»Ranger« hieß ein junger Hund aus der Nachbarschaft, den sein Meister
zu seiner Ausbildung und Erziehung des öfteren auf die Fährte eines
Hasen brachte. Fast in jedem Falle war es Zottelohr, dem die Jagd galt,
und er ergötzte sich bei diesen Hetzen mindestens ebenso sehr wie seine
Verfolger; denn der Beigeschmack von Gefahr gab der Sache den nötigen
Reiz. Gewöhnlich pflegte er zu sagen:
[Illustration]
»O Mutter, da ist dieser Hund schon wieder, jetzt muß ich mich einmal
ordentlich auslaufen!«
»Du bist zu frech, Zottel, mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »und mir
ahnt, daß du noch einmal in dein Verderben rennen wirst.«
»Aber, Mutter, das ist doch solch ein herrlicher Spaß, diesen dummen
Hund zu necken, und dabei ist’s eine gesunde Übung. Wenn er mir zu hart
zusetzen sollte, werde ich schon klopfen, und dann kannst du kommen und
ihn etwas auf Seitenwege führen, während ich für ein neues Rennen Luft
schnappe.«
Dann hopste er hervor und mitten in _Rangers_ Weg, der sofort die
Verfolgung aufnahm und Zottelohr nachsetzte, bis dieser müde wurde und
der Mutter ein Klopftelegramm um Hilfe sandte, das sie veranlaßte,
sofort zum Entsatz herbeizueilen. Oft wußte er sich den Hund auch
durch irgendeinen anderen schlauen Winkelzug vom Halse zu halten. Die
Beschreibung eines solchen wird den Beweis liefern, wie gründlich
Zottel mit den Lehren der Waldeskunde und der Geographie vertraut war.
Er wußte genau, daß der Hund seiner Fährte am leichtesten folgen
konnte, wenn sie direkt auf dem Waldesboden hinführte und wenn er sich
warm gelaufen hatte. Konnte Zottel es nun ermöglichen, einen erhöhten
Punkt zu erreichen, wo er sich eine halbe Stunde ungestört abkühlen
durfte, und hatte die Fährte Zeit, den Geruch zu verlieren, so wußte
er, daß er dann in Sicherheit war.
Wurde er der Jagd müde, so wendete er sich einer wilden Rosenhecke
am Talabhang zu und beschrieb einen Zickzackweg, bis er eine so
verzwickte Spur hinter sich ließ, daß sie dem Hund auf eine gute Weile
zu tun gab. Dann lief er in gerader Linie mitten in den Wald auf ~D~
zu und passierte mit einem Sprunge südlich den Baumstumpf ~E~. Bei
~D~ umwendend, verfolgte er den gleichen Weg bis ~F~, sprang hier
seitlich und lief nach ~G~, von dort zurück nach ~H~ und wartete hier,
bis der Hund bei ~I~ vorüberkam. Dann begab er sich gemächlich auf
seinem alten Weg zurück nach ~E~, wo er mit einem mächtigen Satze den
hohen Baumstumpf erreichte, um dort, zur Bildsäule erstarrt, ruhig das
Weitere abzuwarten.
[Illustration]
Ranger verlor viel Zeit in dem unwegsamen Dornendickicht, und es
wurde ihm unendlich schwer, die unregelmäßige und beinahe schon
verwischte Fährte zu finden; jedoch nach vielen Mühen langte er bei
~D~ an. Hier begann er Kreise zu beschreiben, um auf diese Weise die
Spur zu kreuzen, und nachdem er wieder viel kostbare Zeit beim Suchen
vergeudet, kam er auf den richtigen Weg, der aber plötzlich bei ~G~ ein
Ende fand. Zum zweitenmal stand er vor einem Rätsel und war gezwungen,
wie vorher geschäftig hin und her zu laufen, um auf den richtigen Pfad
zu kommen. Größer und größer wurden seine Kreise, bis er schließlich
gerade unter dem Baumstumpf vorbeikam, auf dem Zottelohr sich
niedergelassen hatte. Aber da war keine Gefahr; denn an einem kalten,
windstillen Tage wird die Witterung kaum nach unten getrieben, und da
Zottel sich nicht muckste und mit keiner Wimper zuckte, lief der Hund
arglos vorüber.
Wieder näherte sich der Verfolger dem Baumstumpf, und zwar diesmal
dem tieferen Ende. Er hielt an, beschnüffelte es und dachte bei sich:
»Wahrhaftig, das riecht nach Hase!« Die Witterung war schon kalt und
halb verweht, aber nichtsdestoweniger bestieg er den Stamm.
Es war eine harte Probe für Zottelohr, den mächtigen Hund schnüffelnd
den Baumstamm entlang kommen zu sehen, aber seine starken Nerven ließen
ihn nicht im Stich. Der Wind war günstig, und er hatte den festen
Vorsatz gefaßt, mit einem kühnen Satze das Weite zu suchen, sobald
Ranger den halben Weg nach oben zurückgelegt haben würde. Aber so weit
kam es nicht. Ein gewöhnlicher, schmutziger Dorfköter würde den Hasen
sofort entdeckt haben, doch nicht der edle Jagdhund; er sprang vom
Baumstumpf herab, und Zottel war Sieger.