Es liegt ein tiefer Zauber im frischen, dahinrieselnden Wasser. Wer
weiß und fühlt das nicht stets von neuem! Eisenbahndämme baut man
furchtlos durch weite Sümpfe und Teiche, ja selbst durch Seen, aber die
schmalste Rinne laufenden Wassers behandelt man mit größter Achtung
und Vorsicht, macht ihre Richtung, Wege und Wünsche ausfindig und gibt
ihr freien Lauf. Der durstgequälte Wanderer in der giftdunstenden
Salzwüste hält sich fern von schilfbewachsenen Sümpfen, bis er endlich
eine Stelle findet, wo sich eine silberklare, dünne Linie durch die Öde
schlängelt – lebendiges Wasser – und erlöst beugt er sich nieder, um
sich zu erquicken.
Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es
bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden
bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das
freie Geschöpf des Waldes mit dem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner
Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie
versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende
ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein
guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser,
und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann
erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.
Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf
hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen
und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden
in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.
Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter
lernte – »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester
Freund«.
Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren
Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße
Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald
die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen
Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen
sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den
Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenen
Stamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad,
quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.
»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und
schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den
versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang
er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und
eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter
genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch
im Wasser – er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war,
und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das
erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem
Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten,
wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte,
erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im
Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von
diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm,
wenn in Gefahr, dann komm!«
Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter
mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches
kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.