V.

Es liegt ein tiefer Zauber im frischen, dahinrieselnden Wasser. Wer

weiß und fühlt das nicht stets von neuem! Eisenbahndämme baut man

furchtlos durch weite Sümpfe und Teiche, ja selbst durch Seen, aber die

schmalste Rinne laufenden Wassers behandelt man mit größter Achtung

und Vorsicht, macht ihre Richtung, Wege und Wünsche ausfindig und gibt

ihr freien Lauf. Der durstgequälte Wanderer in der giftdunstenden

Salzwüste hält sich fern von schilfbewachsenen Sümpfen, bis er endlich

eine Stelle findet, wo sich eine silberklare, dünne Linie durch die Öde

schlängelt – lebendiges Wasser – und erlöst beugt er sich nieder, um

sich zu erquicken.

Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es

bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden

bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das

freie Geschöpf des Waldes mit dem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner

Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie

versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende

ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein

guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser,

und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann

erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.

Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf

hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen

und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden

in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.

Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter

lernte – »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester

Freund«.

Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren

Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße

Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald

die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen

Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen

sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den

Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenen

Stamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad,

quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.

»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und

schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den

versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang

er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und

eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter

genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch

im Wasser – er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war,

und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das

erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem

Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten,

wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte,

erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im

Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von

diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm,

wenn in Gefahr, dann komm!«

Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter

mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches

kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 44 / 96 题