Der goldene Sonnenschein eines Augustmorgens flutete über das Moor, und
jedes Blättchen schien sich im warmen Glanze zu baden. Ein kleiner,
brauner Sumpfsperling schaukelte auf einer langen Rute über dem Teiche.
Unter ihm spiegelte das schmutzige Wasser ein paar Streifen blauen
Himmels, und aus ihnen und den grüngelben Wasserlinsen bildete sich
das wunderbarste Mosaik mit dem Spiegelbilde des kleinen Vogels in der
Mitte. Am Ufer stand ein dichter Wald üppig wuchernder Wasserpflanzen,
die tiefe Schatten über das braune Riedgras warfen.
Die Augen des kleinen Sumpfsperlings waren nicht dazu erzogen, all
diese Farbenpracht in sich aufzunehmen; aber sie hatten etwas entdeckt,
was wir wohl übersehen hätten, nämlich daß zwei der kleinen, braunen
Höcker unter den breiten Blättern der Wasserpflanzen Lebewesen waren,
deren Nasen sich unaufhörlich auf und ab bewegten, obwohl sie sonst wie
tot dalagen.
Es waren Mutter und Sohn, die behaglich ausgestreckt unter den
schützenden Blättern lagen. Sie hatten dieses schattige Plätzchen
gewählt, weil es den lästigen Pferdefliegen dort zu langweilig war und
sie infolgedessen ungestört der Ruhe pflegen konnten.
Die Hasenkinder haben keine fest bestimmte Zeit für ihre
Unterrichtsstunden, sie lernen den ganzen Tag; denn die Wahl einer
Unterrichtsstunde hängt ganz von den Umständen ab und macht sich
oft nötig, bevor man’s ahnt. Mutter und Sohn hatten sich zu einer
gemütlichen Mittagspause nach diesem stillen Ort begeben, aber sie
waren nicht lange dort, als plötzlich des immer wachsamen Eichelhähers
Warnruf erscholl und die Hasenmutter veranlaßte, sofort Nase und Ohren
aufzurichten. Drüben über dem Moor erschien Olifants großer schwarz-
und weißgefleckter Hund und kam gerade auf sie los.
»Duck dich nieder,« rief die Alte, »und ich will den Narren schon Mores
lehren.« Davon sauste sie und kreuzte furchtlos des Hundes Weg.
»Wau, wau,« ertönte sein aufgeregtes Gebell, als er hinter Zottelohrs
Mutter dahinrannte, doch diese ließ ihn nicht in greifbare Nähe kommen
und führte ihn dorthin, wo Millionen von scharfen Stacheln ihn blutig
rissen, bis ihm das Fell von den Ohren hing. Zuletzt leitete sie die
wilde Jagd im Bogen genau auf einen dichtüberwucherten Stacheldrahtzaun
zu, wo sich der hitzige Verfolger eine derartige Wunde zuzog, daß er
heulend vor Schmerz heimwärts trottete. Nachdem die Häsin dann noch
eine doppelte Schleife und verschiedene andere kunstvolle Windungen
im Laufe beschrieben hatte, um ihre Spur möglichst zu verwischen, im
Falle der Hund zurückkehren sollte, kam sie zu ihrem Söhnchen zurück
und fand es, die großen, neugierigen Augen weit aufgerissen, aufrecht
sitzend und sich den Hals verdrehend, um diesen interessanten Sport
mitanzusehen.
Dieser Ungehorsam machte die Alte so ungehalten, daß sie ihrem
Sprößling eins mit dem Hinterlauf versetzte, worauf er kopfüber in den
Schlamm purzelte.
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Eines Tages als die Hasen sich gerade zum üppigen Mahle im Kleeacker
niedergelassen hatten, kam ein rotgeschwänzter Bussard aus den Lüften
herab auf sie zugeschossen. Die Mutter schlug hinten aus, um den
Bussard zum besten zu haben, und flüchtete dann unter die Dornen,
die längs eines alten Waldpfades standen, wohin der Räuber natürlich
nicht folgen konnte. Es war der Hauptverbindungsweg zwischen dem
Dickicht am Bache und dem sogenannten »Ofenrohr«-Reisighaufen, und da
einige Schlingpflanzen querherüber gewachsen waren, machte sich Mutter
Hase, den Bussard natürlich im Auge behaltend, daran, diese Zweige
abzubeißen. Zottelohr sah ihr eine Weile zu, dann lief er ein Stückchen
voraus und knabberte einige Ranken ab, die weiter unten den Pfad
versperrten. »Das ist recht,« sagte die Mutter, »halte die Rennwege
offen, nicht zu breit, aber laß sie ja nicht zuwachsen; denn du wirst
sie oft genug nötig haben. Beiße alle Ranken sorgfältig ab, dann wirst
du eines Tages finden, daß du Fallstricke zerschnitten hast.« »Was
bedeutet denn das?« fragte Zottelohr wißbegierig, indem er sich mit dem
linken Hinterlauf behaglich am rechten Ohr kratzte.
[Illustration]
»Ein Fallstrick oder eine Schlinge,« erklärte ihm die Mutter, dann
und wann einen raschen Blick nach dem jetzt weit entfernten Bussard
werfend, »eine Schlinge ist ein Ding, das genau so aussieht, wie eine
Schlingpflanze, aber es wächst nicht und ist gefährlicher als alle
Raubvögel der Welt; denn Tag und Nacht liegt es verborgen im Rennweg,
bis es einst die Gelegenheit wahrnimmt, dich zu fangen.«
»Du glaubst doch nicht etwa, daß es mich fangen könnte?« fragte
Zottelohr mit der ganzen Einbildung seiner jungen Jahre, indem er
sich auf die Zehenspitzen stellte, um sich hoch oben an der glatten
Rinde eines jungen Bäumchens Kinn und Schnurrbart zu reiben. Zottel
wußte nicht, warum er das tat, aber seine Mutter sah und kannte dieses
Anzeichen, ähnlich dem Stimmwechsel bei einem Knaben, und wußte,
daß ihr Kleiner nun kein Baby mehr war und bald in die Reihen der
Erwachsenen eintreten würde.