Die Häsin hatte nur diesen einzigen Sprößling, und Zottelohr
genoß infolgedessen ihre ungeteilte Liebe und Pflege. Er war ein
außergewöhnlich flinker, starker und kluger Junge, das Glück lächelte
ihm, und so entwickelte er sich zu einem wahren Prachthasen.
Die Mutter hielt ihren Sohn beständig an, die Geheimnisse der
Waldeskunde gründlich kennenzulernen, zu unterscheiden, was gut zu
essen und zu trinken und was schädlich sei. Tag für Tag mühte sie sich
ab, ihn zu belehren und zu einem tüchtigen Hasen heranzubilden, und
trichterte in seinen Kopf Hunderte von Plänen, Kniffen und Schlichen,
die ihre eigene Erfahrung und ihre gute Erziehung sie gelehrt. So
rüstete sie Zottel mit einer Bildung aus, mit der er als Mann ins Leben
treten konnte.
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Dicht neben der Alten im Kleeacker oder im Dickicht konnte man ihn
würdevoll sitzen sehen und beobachtete, wie er ihr nachahmte, wenn sie
sich die Nase putzte, oder dann und wann ein paar Hälmchen aus ihrem
Maule zupfte und an ihren Lippen leckte, um sicher zu gehen, daß er
auch das gleiche Futter bekam wie sie. Dann lernte er, wie man die
Ohren mit den Pfoten glatt streichen und den Rock ausbürsten müsse, und
wie man die Haarflocken aus Weste und Socken entfernt. Auch wußte er
bald, daß die Tautropfen der wilden Rosenblätter das einzig anständige
Getränk für Hasen sind; denn Wasser, das einmal die Erde berührt, mußte
sicherlich irgendeine schädliche Beimischung haben. Das waren die
Vorstudien zur Waldeskunde, der ältesten aller Wissenschaften.
Sobald Zottelohr groß genug war, um ohne Begleitung ausgehen zu können,
machte ihn seine Mutter mit dem Geheimnis der Telegraphie bekannt. Die
Hasen pflegen sich gegenseitig Signale zu geben, indem sie mit den
Hinterläufen auf den Erdboden klopfen, und da der Schall auf der Erde
bekanntlich sehr weit trägt, kann man einen Schlag, wenn man das Ohr
dem Grunde nähert, wenigstens hundert Meter weit vernehmen. Nun haben
die Hasen ein ungemein scharfes Gehör und sind imstande, das Klopfen
eines der Ihrigen zweihundert Meter weit zu hören, eine Entfernung von
einem Ende von Olifants Moor bis zum anderen. Ein einmaliges Klopfen
bedeutet »Paß auf« oder »Erstarre«. Ein langsames Poch-Poch »Komm«.
Ein hastiges Klopfen heißt »Gefahr« und ein rasches dreimaliges Pochen
»Lauf ums liebe Leben«.
An einem wunderschönen Morgen, als sich die Eichelhäher in den Zweigen
zankten, ein sicheres Zeichen, daß keine Gefahr zu befürchten war,
begann Zottel dieses neue Studium. Mutter Hase gab durch Anlegen
der Löffel das Zeichen zum Niederlegen, dann lief sie weit hinweg in
das Dickicht und telegraphierte »Komm«. Zottel setzte sich in Trab,
aber konnte sie nicht finden; er klopfte und wartete vergeblich auf
eine Antwort. Aufmerksam umherschnüffelnd, fand er ihre Fußspur, und
dieser Führerin folgend, die alle Tiere sicher leitet, den Menschen
jedoch unbekannt ist, arbeitete er sich vorwärts und fand die Mutter
glücklich in dem Versteck. Das war seine erste Übung im Aufspüren, und
dieses Wechselspiel von Suchen und Finden wurde zur Schulung für manch
ernsthaften Fall in seinem späteren Leben. Schon ehe man den ersten
Lehrkurs beendet hatte, war er Meister aller Kniffe und Winkelzüge,
die zum Leben eines Hasen Bedingung sind, und in vielen bewies er
außergewöhnliches Talent, in manchen sogar wirkliches Genie.
Er war Sachverständiger im Unterscheiden der Bäume und Pflanzen,
ein wahrer Künstler in Seitensprüngen und im Erstarren; er konnte
jedes Hindernis mit Eleganz nehmen, jeden Wind ausnutzen und sich so
natürlich tot stellen, daß er kaum noch neuer Kunstgriffe bedurfte.
Ohne alle Vorübung wußte er genau, wie man sich die Stacheldrahtzäune
zunutze macht; denn dies war ja ein Kniff neuester Erfindung. Seinen
Verfolgern Sand in Augen und Nase zu werfen, war sein Lieblingsspiel;
er konnte kunstgerecht ausbiegen, über Zäune setzen und Kreise
beschreiben und vor allem sich _einlochen_, ein Kunststück, das wir
noch näher beschreiben müssen. Aber bei alledem vergaß er niemals, daß
»Erstarren« und »Zusammenducken« der Anfang aller Weisheit ist, und daß
der wilde Rosenstrauch den einzigen sicheren Schutz gewährt.
Früh lehrte ihn die Mutter auch alle Feinde der Hasen kennen und
unterscheiden und brachte ihm vor allem die Art bei, sie ordentlich an
der Nase herumzuführen, denn sie alle, Bussarde, Eulen, Füchse, Hunde,
Marder, Wiesel, Katzen, Skunks, Waschbären und Menschen, haben einen
besonderen Verfolgungsplan, und für alle diese Übel wußte die kluge
Lehrmeisterin eine Abhilfe.
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Um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu entdecken, lernte er,
sich vor allem auf sich selbst und seine Mutter, dann aber auf den
Eichelhäher zu verlassen. »Niemals überhöre des Hähers Warnungsruf,«
war der weise Rat der Mutter; »zwar ist er ein Ränkeschmied, ein
Unheilstifter und ein Dieb, aber es entgeht ihm nichts. Er würde sich
zwar nichts daraus machen, uns Übles zuzufügen, aber dank dem wilden
Rosenstrauch kann er es nicht, und da seine Feinde auch die unsern
sind, mußt du ihn immer im Auge behalten. Wenn du den Warnungsruf des
Spechtes hörst, kannst du ihm trauen; denn er ist ein braver, ehrlicher
Nachbar. Aber er ist rein nichts gegen den Häher, und obwohl dieser
oftmals lügt, um Unheil anzustiften, kannst du ihm immer glauben, wenn
er böse Kunde bringt.«
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Das Springen durch Stacheldrahtzäune erfordert starke Nerven und
behende Läufe, und erst in seinen späteren Jahren versuchte sich
Zottelohr an diesem Kunststück; aber als er ausgewachsen war, wurde es
sein Lieblingssport.
»Es macht denen, die es wirklich verstehen, viel Spaß,« sagte Mutter
Hase; »zuerst läufst du vor deinem Hunde her immer gerade aus und läßt
ihn ein bißchen warm werden, indem du dich beinahe fangen läßt; dann,
in Sprungweite vor ihm, führst du ihn in weitem Bogen im vollsten
Galopp in einen brusthohen Stachelzaun. Oft hab ich’s schon mit
angesehen, daß ein Hund oder ein Fuchs fürs ganze Leben zum Krüppel
wurde, und einmal sah ich einen mächtigen Jagdrüden tot auf dem Platze
bleiben, aber noch öfter hat ein braver Hase sein Leben bei diesem
Wagestück gelassen.«
Zottelohr wurde beizeiten in das eingeweiht, was mancher Hase niemals
lernt, in das »Einlochen«, eine nicht so einfache Sache. Oft ist es
eines klugen Hasen letzte Rettung, aber früher oder später eines
tölpischen Häschens Tod. Ein junger Hase denkt an diesen Ausweg immer
zuerst, ehe er einen anderen versucht, aber ein Ausgelernter wird sich
seiner nur im höchsten Notfall bedienen. Es ist ein sicheres Entwischen
vor einem Menschen oder einem Hund, vor einem Fuchs oder einem
Raubvogel, aber es bringt sicheres Verderben, wenn der Verfolger ein
Marder, ein Skunk oder ein Wiesel ist.
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Es gab nur zwei Erdlöcher im Moor. Das eine war unter der Sonnenbank,
einem trockenen, geschützten Erdhügel auf der Südseite, offen und
langsam gegen die Sonnenseite abfallend. Hier war es, wo die Familie
Hase an schönen Tagen ihre Sonnenbäder zu nehmen pflegte. Auf einem
Bett von Fichtennadeln und Wintergrün streckten und reckten sie sich
in katzenartigen Stellungen und drehten sich langsam von einer Seite
auf die andere, wie man einen Braten auf dem Roste wendet, damit alle
Seiten gut durchbraten. Sie blinzelten, schnauften und krümmten sich
wie unter den schrecklichsten Schmerzen und Qualen, aber dabei war es
das höchste Wohlbehagen, das sie kannten.
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Quer über den Rand des Erdhügels lag ein alter Fichtenstumpf. Seine
grotesken Wurzeln schlängelten sich über die gelbe Sandbank wie
Drachenarme, und unter ihren schützenden Ausläufern hatte sich vor
Zeiten ein altes, bärbeißiges Murmeltier eine Höhle gegraben. Dieser
griesgrämige Einsiedler wurde von Tag zu Tag unliebenswürdiger
und schlechtgelaunter und ließ sich eines Tages fürwitzig in
Handgreiflichkeiten mit Olifants Hund ein, anstatt sich weise
zurückzuziehen. Infolgedessen konnte eine Stunde später Mutter Hase von
der Höhle Besitz ergreifen.
Einige Zeit darauf ging dieses Erdloch in den Besitz eines
selbstgefälligen, jungen Skunks über, der sich gewiß eines langen
Lebens erfreut hätte, wäre er weniger tollkühn und eingebildet gewesen;
denn er glaubte in seiner Vermessenheit, daß selbst der Mensch mit dem
Schießgewehr bewaffnet vor ihm die Flucht ergreifen müsse. Er mußte
diese Behausung bald aufgeben; denn seine selbstherrliche Regierung
dauerte nur vier Tage.
Die zweite Höhle, das »Farnloch«, lag, wie schon der Name verrät,
unter einem Farnstrauch dicht neben dem Kleeacker. Sie war eng, feucht
und zu nichts zu gebrauchen, es sei denn im Falle höchster Not als
letzter Zufluchtsort. Auch sie war das Werk eines Murmeltiers, eines
wohlmeinenden, freundlichen Nachbars, dessen Haut jedoch leider infolge
der Feigheit ihres Besitzers in Form einer Peitschenschnur aus Olifants
Ackerpferden erhöhte Arbeitskraft heraushieb.
»Geschieht ihm schon recht,« meinte der Alte; »denn diese Peitsche ist
bei gestohlenem Futter gewachsen!«
Zottelohr-Sohn und Mutter waren nun die alleinigen Besitzer dieser
beiden Höhlen, aber sie suchten sie so selten als möglich auf, damit
nichts einem Pfade auch nur annähernd Ähnliches das Bestehen dieser
letzten Zufluchtsstätten ihren Feinden und Widersachern verraten
sollte.
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Auch stand da ein hohler Nußbaum, der, obwohl fast verfallen, dennoch
jedes Jahr frisch grünte und unschätzbare Vorteile bot, weil er an
beiden Seiten offen war. Diese Höhle war lange die Residenz eines
alten, einsiedlerischen Waschbären, der seinen Lebensruf darin
erblickte, Frösche zu jagen, und der sich wie die alten Mönche aller
Fleischnahrung enthielt. Man argwöhnte jedoch, daß ihm nur die
Gelegenheit fehlte, einmal einen Hasen zum Frühstück zu versuchen.
Und so kam es denn, daß ihn eines Nachts ein jäher Tod von Olifants
Hand erreichte, als er gerade dabei war, dessen Hühnerhaus gründlich
auszuplündern, und die Hasenmutter konnte von seinem traurigen Heim
Besitz ergreifen, ohne die geringste Trauer um den Dahingeschiedenen,
vielmehr mit dem Gefühl wahrer Erleichterung.