III.

Die Häsin hatte nur diesen einzigen Sprößling, und Zottelohr

genoß infolgedessen ihre ungeteilte Liebe und Pflege. Er war ein

außergewöhnlich flinker, starker und kluger Junge, das Glück lächelte

ihm, und so entwickelte er sich zu einem wahren Prachthasen.

Die Mutter hielt ihren Sohn beständig an, die Geheimnisse der

Waldeskunde gründlich kennenzulernen, zu unterscheiden, was gut zu

essen und zu trinken und was schädlich sei. Tag für Tag mühte sie sich

ab, ihn zu belehren und zu einem tüchtigen Hasen heranzubilden, und

trichterte in seinen Kopf Hunderte von Plänen, Kniffen und Schlichen,

die ihre eigene Erfahrung und ihre gute Erziehung sie gelehrt. So

rüstete sie Zottel mit einer Bildung aus, mit der er als Mann ins Leben

treten konnte.

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Dicht neben der Alten im Kleeacker oder im Dickicht konnte man ihn

würdevoll sitzen sehen und beobachtete, wie er ihr nachahmte, wenn sie

sich die Nase putzte, oder dann und wann ein paar Hälmchen aus ihrem

Maule zupfte und an ihren Lippen leckte, um sicher zu gehen, daß er

auch das gleiche Futter bekam wie sie. Dann lernte er, wie man die

Ohren mit den Pfoten glatt streichen und den Rock ausbürsten müsse, und

wie man die Haarflocken aus Weste und Socken entfernt. Auch wußte er

bald, daß die Tautropfen der wilden Rosenblätter das einzig anständige

Getränk für Hasen sind; denn Wasser, das einmal die Erde berührt, mußte

sicherlich irgendeine schädliche Beimischung haben. Das waren die

Vorstudien zur Waldeskunde, der ältesten aller Wissenschaften.

Sobald Zottelohr groß genug war, um ohne Begleitung ausgehen zu können,

machte ihn seine Mutter mit dem Geheimnis der Telegraphie bekannt. Die

Hasen pflegen sich gegenseitig Signale zu geben, indem sie mit den

Hinterläufen auf den Erdboden klopfen, und da der Schall auf der Erde

bekanntlich sehr weit trägt, kann man einen Schlag, wenn man das Ohr

dem Grunde nähert, wenigstens hundert Meter weit vernehmen. Nun haben

die Hasen ein ungemein scharfes Gehör und sind imstande, das Klopfen

eines der Ihrigen zweihundert Meter weit zu hören, eine Entfernung von

einem Ende von Olifants Moor bis zum anderen. Ein einmaliges Klopfen

bedeutet »Paß auf« oder »Erstarre«. Ein langsames Poch-Poch »Komm«.

Ein hastiges Klopfen heißt »Gefahr« und ein rasches dreimaliges Pochen

»Lauf ums liebe Leben«.

An einem wunderschönen Morgen, als sich die Eichelhäher in den Zweigen

zankten, ein sicheres Zeichen, daß keine Gefahr zu befürchten war,

begann Zottel dieses neue Studium. Mutter Hase gab durch Anlegen

der Löffel das Zeichen zum Niederlegen, dann lief sie weit hinweg in

das Dickicht und telegraphierte »Komm«. Zottel setzte sich in Trab,

aber konnte sie nicht finden; er klopfte und wartete vergeblich auf

eine Antwort. Aufmerksam umherschnüffelnd, fand er ihre Fußspur, und

dieser Führerin folgend, die alle Tiere sicher leitet, den Menschen

jedoch unbekannt ist, arbeitete er sich vorwärts und fand die Mutter

glücklich in dem Versteck. Das war seine erste Übung im Aufspüren, und

dieses Wechselspiel von Suchen und Finden wurde zur Schulung für manch

ernsthaften Fall in seinem späteren Leben. Schon ehe man den ersten

Lehrkurs beendet hatte, war er Meister aller Kniffe und Winkelzüge,

die zum Leben eines Hasen Bedingung sind, und in vielen bewies er

außergewöhnliches Talent, in manchen sogar wirkliches Genie.

Er war Sachverständiger im Unterscheiden der Bäume und Pflanzen,

ein wahrer Künstler in Seitensprüngen und im Erstarren; er konnte

jedes Hindernis mit Eleganz nehmen, jeden Wind ausnutzen und sich so

natürlich tot stellen, daß er kaum noch neuer Kunstgriffe bedurfte.

Ohne alle Vorübung wußte er genau, wie man sich die Stacheldrahtzäune

zunutze macht; denn dies war ja ein Kniff neuester Erfindung. Seinen

Verfolgern Sand in Augen und Nase zu werfen, war sein Lieblingsspiel;

er konnte kunstgerecht ausbiegen, über Zäune setzen und Kreise

beschreiben und vor allem sich _einlochen_, ein Kunststück, das wir

noch näher beschreiben müssen. Aber bei alledem vergaß er niemals, daß

»Erstarren« und »Zusammenducken« der Anfang aller Weisheit ist, und daß

der wilde Rosenstrauch den einzigen sicheren Schutz gewährt.

Früh lehrte ihn die Mutter auch alle Feinde der Hasen kennen und

unterscheiden und brachte ihm vor allem die Art bei, sie ordentlich an

der Nase herumzuführen, denn sie alle, Bussarde, Eulen, Füchse, Hunde,

Marder, Wiesel, Katzen, Skunks, Waschbären und Menschen, haben einen

besonderen Verfolgungsplan, und für alle diese Übel wußte die kluge

Lehrmeisterin eine Abhilfe.

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Um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu entdecken, lernte er,

sich vor allem auf sich selbst und seine Mutter, dann aber auf den

Eichelhäher zu verlassen. »Niemals überhöre des Hähers Warnungsruf,«

war der weise Rat der Mutter; »zwar ist er ein Ränkeschmied, ein

Unheilstifter und ein Dieb, aber es entgeht ihm nichts. Er würde sich

zwar nichts daraus machen, uns Übles zuzufügen, aber dank dem wilden

Rosenstrauch kann er es nicht, und da seine Feinde auch die unsern

sind, mußt du ihn immer im Auge behalten. Wenn du den Warnungsruf des

Spechtes hörst, kannst du ihm trauen; denn er ist ein braver, ehrlicher

Nachbar. Aber er ist rein nichts gegen den Häher, und obwohl dieser

oftmals lügt, um Unheil anzustiften, kannst du ihm immer glauben, wenn

er böse Kunde bringt.«

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Das Springen durch Stacheldrahtzäune erfordert starke Nerven und

behende Läufe, und erst in seinen späteren Jahren versuchte sich

Zottelohr an diesem Kunststück; aber als er ausgewachsen war, wurde es

sein Lieblingssport.

»Es macht denen, die es wirklich verstehen, viel Spaß,« sagte Mutter

Hase; »zuerst läufst du vor deinem Hunde her immer gerade aus und läßt

ihn ein bißchen warm werden, indem du dich beinahe fangen läßt; dann,

in Sprungweite vor ihm, führst du ihn in weitem Bogen im vollsten

Galopp in einen brusthohen Stachelzaun. Oft hab ich’s schon mit

angesehen, daß ein Hund oder ein Fuchs fürs ganze Leben zum Krüppel

wurde, und einmal sah ich einen mächtigen Jagdrüden tot auf dem Platze

bleiben, aber noch öfter hat ein braver Hase sein Leben bei diesem

Wagestück gelassen.«

Zottelohr wurde beizeiten in das eingeweiht, was mancher Hase niemals

lernt, in das »Einlochen«, eine nicht so einfache Sache. Oft ist es

eines klugen Hasen letzte Rettung, aber früher oder später eines

tölpischen Häschens Tod. Ein junger Hase denkt an diesen Ausweg immer

zuerst, ehe er einen anderen versucht, aber ein Ausgelernter wird sich

seiner nur im höchsten Notfall bedienen. Es ist ein sicheres Entwischen

vor einem Menschen oder einem Hund, vor einem Fuchs oder einem

Raubvogel, aber es bringt sicheres Verderben, wenn der Verfolger ein

Marder, ein Skunk oder ein Wiesel ist.

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Es gab nur zwei Erdlöcher im Moor. Das eine war unter der Sonnenbank,

einem trockenen, geschützten Erdhügel auf der Südseite, offen und

langsam gegen die Sonnenseite abfallend. Hier war es, wo die Familie

Hase an schönen Tagen ihre Sonnenbäder zu nehmen pflegte. Auf einem

Bett von Fichtennadeln und Wintergrün streckten und reckten sie sich

in katzenartigen Stellungen und drehten sich langsam von einer Seite

auf die andere, wie man einen Braten auf dem Roste wendet, damit alle

Seiten gut durchbraten. Sie blinzelten, schnauften und krümmten sich

wie unter den schrecklichsten Schmerzen und Qualen, aber dabei war es

das höchste Wohlbehagen, das sie kannten.

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Quer über den Rand des Erdhügels lag ein alter Fichtenstumpf. Seine

grotesken Wurzeln schlängelten sich über die gelbe Sandbank wie

Drachenarme, und unter ihren schützenden Ausläufern hatte sich vor

Zeiten ein altes, bärbeißiges Murmeltier eine Höhle gegraben. Dieser

griesgrämige Einsiedler wurde von Tag zu Tag unliebenswürdiger

und schlechtgelaunter und ließ sich eines Tages fürwitzig in

Handgreiflichkeiten mit Olifants Hund ein, anstatt sich weise

zurückzuziehen. Infolgedessen konnte eine Stunde später Mutter Hase von

der Höhle Besitz ergreifen.

Einige Zeit darauf ging dieses Erdloch in den Besitz eines

selbstgefälligen, jungen Skunks über, der sich gewiß eines langen

Lebens erfreut hätte, wäre er weniger tollkühn und eingebildet gewesen;

denn er glaubte in seiner Vermessenheit, daß selbst der Mensch mit dem

Schießgewehr bewaffnet vor ihm die Flucht ergreifen müsse. Er mußte

diese Behausung bald aufgeben; denn seine selbstherrliche Regierung

dauerte nur vier Tage.

Die zweite Höhle, das »Farnloch«, lag, wie schon der Name verrät,

unter einem Farnstrauch dicht neben dem Kleeacker. Sie war eng, feucht

und zu nichts zu gebrauchen, es sei denn im Falle höchster Not als

letzter Zufluchtsort. Auch sie war das Werk eines Murmeltiers, eines

wohlmeinenden, freundlichen Nachbars, dessen Haut jedoch leider infolge

der Feigheit ihres Besitzers in Form einer Peitschenschnur aus Olifants

Ackerpferden erhöhte Arbeitskraft heraushieb.

»Geschieht ihm schon recht,« meinte der Alte; »denn diese Peitsche ist

bei gestohlenem Futter gewachsen!«

Zottelohr-Sohn und Mutter waren nun die alleinigen Besitzer dieser

beiden Höhlen, aber sie suchten sie so selten als möglich auf, damit

nichts einem Pfade auch nur annähernd Ähnliches das Bestehen dieser

letzten Zufluchtsstätten ihren Feinden und Widersachern verraten

sollte.

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Auch stand da ein hohler Nußbaum, der, obwohl fast verfallen, dennoch

jedes Jahr frisch grünte und unschätzbare Vorteile bot, weil er an

beiden Seiten offen war. Diese Höhle war lange die Residenz eines

alten, einsiedlerischen Waschbären, der seinen Lebensruf darin

erblickte, Frösche zu jagen, und der sich wie die alten Mönche aller

Fleischnahrung enthielt. Man argwöhnte jedoch, daß ihm nur die

Gelegenheit fehlte, einmal einen Hasen zum Frühstück zu versuchen.

Und so kam es denn, daß ihn eines Nachts ein jäher Tod von Olifants

Hand erreichte, als er gerade dabei war, dessen Hühnerhaus gründlich

auszuplündern, und die Hasenmutter konnte von seinem traurigen Heim

Besitz ergreifen, ohne die geringste Trauer um den Dahingeschiedenen,

vielmehr mit dem Gefühl wahrer Erleichterung.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 42 / 96 题