Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp
und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse
durchquert. Ein paar alte Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen
geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher
wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der
weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde
vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren
überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste
Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus
schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne
Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft
zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus
dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch
das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.
Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen
Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz
gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches
Raubschloß nur allzunahe lag.
Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr mit seiner Mutter, deren
nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon
längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war
ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier
war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen
Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.
Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut
sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen
und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe
Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und
handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich
in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.
Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von
selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen
konnte, in der Praxis beigebracht.
»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur leblosen
Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind
ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist, und vermeidet
ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich; denn die Bewohner des
Waldes, die von der gleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind,
ziehen nur dann das Auge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren.
Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden,
so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich
durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt
für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und
Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung
des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und
jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu
einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase
gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das
weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug,
durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er
konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter
plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten
Nachahmungstrieb, genau das gleiche.
Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam,
war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte
Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum
der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.
[Illustration]
In alten, alten Zeiten blühten die Rosen auf Sträuchern ohne Dornen.
Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen, und die Kuh
stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem
langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen
nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln,
um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen
ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als
der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder
Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen
bezeichnen konnte.
Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid
zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen
zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er
zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn
mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.
[Illustration: Der Tod Silberflecks]
Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft
des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. – Die Hasenmutter war klug genug,
ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit
der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer-
und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so
gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause
finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten, wilden
Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.
[Illustration]
Nicht lange ist’s her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem
Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden
hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese
Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so
scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr
erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien
Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung
nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen
aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst
Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und
je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch
ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und desto
ruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des – Stacheldrahtzauns.