II.

Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp

und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse

durchquert. Ein paar alte Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen

geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher

wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der

weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde

vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren

überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste

Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus

schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne

Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft

zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus

dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch

das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.

Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen

Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz

gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches

Raubschloß nur allzunahe lag.

Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr mit seiner Mutter, deren

nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon

längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war

ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier

war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen

Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.

Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut

sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen

und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe

Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und

handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich

in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.

Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von

selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen

konnte, in der Praxis beigebracht.

»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur leblosen

Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind

ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist, und vermeidet

ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich; denn die Bewohner des

Waldes, die von der gleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind,

ziehen nur dann das Auge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren.

Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden,

so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich

durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt

für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und

Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung

des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und

jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu

einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase

gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das

weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug,

durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er

konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter

plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten

Nachahmungstrieb, genau das gleiche.

Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam,

war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte

Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum

der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.

[Illustration]

In alten, alten Zeiten blühten die Rosen auf Sträuchern ohne Dornen.

Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen, und die Kuh

stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem

langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen

nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln,

um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen

ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als

der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder

Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen

bezeichnen konnte.

Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid

zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen

zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er

zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn

mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.

[Illustration: Der Tod Silberflecks]

Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft

des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. – Die Hasenmutter war klug genug,

ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit

der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer-

und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so

gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause

finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten, wilden

Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.

[Illustration]

Nicht lange ist’s her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem

Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden

hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese

Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so

scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr

erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien

Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung

nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen

aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst

Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und

je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch

ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und desto

ruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des – Stacheldrahtzauns.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 41 / 96 题