II.

[Illustration]

Der Zuckerhut-Hügel steht allein im Dontal, bedeckt mit Waldungen, die

sich mit denen von Castle Frank vereinigen. Mitten in diesen Forsten

steht ein Fichtenbaum, in dessen Gipfel ein verlassener Habichtshorst

hängt. Jeder Schuljunge von Toronto kennt dieses Nest; aber weder ich

noch irgend jemand sonst hatte je ein lebendes Wesen darin gesehen,

ausgenommen das einemal, als ich ein schwarzes Eichhorn vom Rande

herunterschoß. Hoch oben hing das Nest, jahraus, jahrein, alt und

struppig, und schien nur auf einen tüchtigen Sturm zu warten, der es

vollkommen herunterreißen sollte. Jedoch, so wunderbar es auch klingen

mag, es zerfiel nicht ganz in Stücke.

Eines Morgens im Mai ging ich früh beim Morgengrauen aus und schlüpfte

geräuschlos durch den Wald, dessen welke Blätter noch zu feucht waren,

um zu rascheln. Zufällig kam ich an dem alten Nest vorüber und war

höchst erstaunt, einen schwarzen Schwanz über den Rand hinausgucken

zu sehen. Ich gab dem Baum einen tüchtigen Schlag, und eine Krähe

flog auf. Das Rätsel war gelöst. Lange hatte ich schon den Verdacht

gehegt, daß ein Krähenpaar jedes Jahr zwischen den Fichten nistet,

und nun entdeckte ich, daß es Silberfleck mit seiner Gattin war.

Das alte Nest war ihre Hochburg, und sie waren zu klug, ihr durch

Frühjahrsreinemachen und unnötige Reparaturen ein freundliches Aussehen

zu verleihen. Hier hatten sie schon lange Jahre gehaust, obwohl Jäger

und Jungen, die leidenschaftlich der Krähenjagd oblagen, tagtäglich mit

gefährlichen Feuerwaffen unter ihrer Wohnung vorüberkamen. Nach dieser

Entdeckung störte ich den alten Gesellen nicht zum zweitenmal, aber ich

beobachtete ihn oft durch mein Fernrohr.

Eines Tages bekam ich eine Krähe zu Gesicht, die mit etwas Weißem

im Schnabel das Tal kreuzte. Sie flog in der Richtung nach dem

Rosedale-Bache und landete bei einer hohen Ulme. Dort ließ sie einen

blanken Gegenstand fallen, und als sie sich darauf schnell und

vorsichtig umsah, erkannte ich sie als meinen alten Freund Silberfleck

wieder. Nach einer Weile nahm er das weiße Ding – eine Muschelschale

– wieder auf und lief gravitätisch zur Quelle hinüber, die mit

Sauerampfer und großblätterigen Sumpfgewächsen überwuchert war.

Dort machte er sich eifrig an die Arbeit, einen Haufen von Muscheln

und anderen glänzenden Gegenständen aus der Erde hervorzuwühlen. Er

breitete sie in der Sonne aus, drehte sie von einer Seite auf die

andere, hob sie der Reihe nach auf, ließ sie wieder fallen, behandelte

sie aber dabei wie rohe Eier und wühlte mit gierigen Augen darin, wie

ein alter Geizhals in seinen Schätzen. Das war sein Steckenpferd, seine

einzige Schwäche. Hätte man ihn gefragt, er hätte kaum eine Erklärung

geben können, _warum_ er es tat, ebensowenig wie ein Schuljunge weiß,

warum er Briefmarken sammelt, oder ein Mädchen erklären kann, warum sie

Perlen Rubinen vorzieht. Nach einer halben Stunde harmlosen Spielens

mit seinem Schatze bedeckte er alles, auch den neuen Zuwachs der

Sammlung, sorgfältig mit Blättern und Erde und flog davon. Sofort ging

ich nach dem Fleck und machte Ausgrabungen. Da fand ich denn einen

ganzen Haufen weißer Kieselsteine, glänzender Muscheln, Zinkstückchen

und mitten darunter den Henkel einer kostbaren Porzellantasse, der

gewiß das Glanzstück der Sammlung war. An diesem Tage sah ich den

Schatz zum ersten- und letztenmal; Silberfleck wußte, daß jemand seine

Kostbarkeiten gefunden hatte, und entfernte sie sofort; wohin er sie

brachte, weiß ich bis heute nicht.

In den Monaten, während deren ich ihn so genau beobachten konnte, hatte

er viele kleine Abenteuer, und gar oft entschlüpfte er dem Verderben

nur mit knapper Not. Einmal wurde er von einem Sperber böse zugerichtet

und oft von Königsvögeln geängstigt und verfolgt. Sie konnten ihm zwar

nichts zuleide tun, aber sie vollführten einen derartigen Lärm um ihn

herum, daß er sie soviel als möglich mied, gerade wie ein erwachsener,

verständiger Mann einem Zusammenstoß mit lärmenden, unverschämten

Gassenjungen aus dem Wege geht. Aber auch Silberfleck hatte leider

einige grausame Liebhabereien. An jedem Morgen pflegte er die Runde

durch die Nester der kleinen Vögel in der Nachbarschaft zu machen und

den ängstlich flatternden und piepsenden Müttern die frischgelegten

Eier vor der Nase wegzufressen. Dieser höchst verwerflichen Gewohnheit

lag er mit der Pflichttreue und Regelmäßigkeit eines Doktors ob, der

seine Patienten besucht. Aber wir dürfen ihn deshalb nicht richten;

denn wir selbst machen es ja mit den Hennen im Hühnerhof nicht anders.

[Illustration]

Gar oft bewies er eine geradezu verblüffende Geistesgegenwart und

Schlauheit. So beobachtete ich ihn einmal, als er mit einem großen

Stück Brot im Schnabel das Tal entlang flog. Der Bach auf der Talsohle

wurde damals gerade wie eine Schleuse übermauert, und es waren ungefähr

siebenhundert Meter vollendet. Als Silberfleck über das noch offene

Wasser vor dem Eingang in den Tunnel hinwegflog, verlor er das Brot aus

dem Schnabel, das von der Strömung mitgerissen wurde und sofort in der

Höhlung verschwand. Er ließ sich herab und lugte vergebens in das tiefe

Dunkel hinein. Dann flog er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt,

stromabwärts nach dem Ende des Tunnels und erwartete das Auftauchen des

treibenden Brotes. Als es die Strömung denn auch richtig ans Tageslicht

brachte, packte er es und trug es im Triumph davon.

[Illustration]

Silberfleck war eine Krähe von Welt. Sein Leben war an Erfolgen

reich, und er lebte in einer Gegend, die, obwohl voll von Gefahren,

Nahrungsmittel die Fülle bot. Jedes Jahr wuchs in seinem alten,

verwitterten Nest eine junge, kräftige Brut heran, und dort verlebte

er glückliche Zeiten mit seiner Gattin, die ich leider von den anderen

Krähen nicht zu unterscheiden vermochte. Wenn dann die Krähen sich

wieder versammelten, wurde er stets einstimmig zum unbeschränkten

Führer und Herrscher erwählt. Die große Versammlung findet ungefähr

Ende Juni statt. Die jungen Krähen mit ihren kurzen Schwingen, ihren

flaumigen Flügeln und ihren Falsettstimmen werden dann mit Stolz von

den Eltern herbeigebracht, denen sie fast an Größe gleichen, und

im alten Fichtenholz, ihrer Festung und Bildungsstätte zugleich,

der Gesellschaft vorgestellt. Hier finden sie luftige, sichere

Schlupfwinkel ohne Zahl, hier beginnt ihre Erziehung, und alle

die wichtigen Geheimnisse und Regeln des Krähenlebens werden ihnen

beigebracht. Und diese sind von größter Wichtigkeit; denn ein einziger

Mißerfolg im Krähenleben bedeutet – Tod.

Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft werden die Jungen sich selbst

überlassen, um miteinander bekannt zu werden; denn jede Krähe muß alle

anderen, die zum Heere gehören, persönlich kennen. Ihre Eltern ruhen

sich inzwischen etwas aus von der Arbeit, die ihnen das Aufziehen und

Großfüttern ihrer Kinder gemacht; denn sie können jetzt ihrer Nahrung

selbst nachgehen und unbehütet in einer Linie aufgereiht auf einem Aste

sitzen wie die Alten.

[Illustration: Silberfleck]

Nach einer Woche oder zwei beginnt dann die Zeit der Mauserung. Die

Alten sind während dieser Periode meistens recht unberechenbar und

nervös, aber das hält sie nicht ab, die Erziehung der Jungen zu

beginnen, die natürlich nicht besonders entzückt von den Strafpredigten

und Maßregelungen sind, die sie über sich ergehen lassen müssen, da

sie bis dahin noch Mamas Lieblinge waren. Aber es geschieht alles nur

zu ihrem Besten, wie die alte Dame sagte, als sie einen Aal abzog, und

Meister Silberfleck ist ein ausgezeichneter Lehrer. Zuweilen scheint

er einen ausführlichen Vortrag an sie zu richten. Was er sagt, kann

ich leider nicht verstehen, aber nach dem durchschlagenden Erfolg

und dem Eindruck, den er auf seine Zuhörer macht, zu schließen, muß er

äußerst witzig sein. Jeden Morgen ist Kompagnie-Exerzieren, und die

Jungen üben in zwei oder drei Abteilungen, die nach Alter und Stärke

geordnet sind. Den Rest des Tages tummeln sie sich mit den Eltern auf

der Futtersuche herum.

[Illustration]

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Wenn später der September anbricht, geht eine große Veränderung mit

ihnen vor. Der Schwarm der albernen kleinen Krähen fängt an, verständig

zu werden, und das zarte Blau der Iris ihrer Kinderaugen macht dem

Dunkelbraun des Auges eines alten, gewiegten Praktikers Platz. Sie

sind jetzt tadellos einexerziert und können Vorpostendienste tun, sie

wissen, was ein Gewehr ist, und haben einen erfolgreichen Spezialkurs

in Insektenkunde und Botanik hinter sich. Sie wissen ganz genau, daß

eine dicke, alte Bauersfrau, wenn auch massiger und größer, bei weitem

harmloser ist, als ihr 15 Jahre alter Tunichtgut von Sohn, und sie

können einen Knaben von einem Mädchen unterscheiden. Auch ist es ihnen

bekannt, daß ein Regenschirm keine Feuerwaffe ist, und sie können

schon bis sechs zählen, gewiß nicht übel für junge Krähen, obwohl

Silberfleck die Zahlen fast bis dreißig meistert. Sie kennen den Geruch

von Schießpulver und die Tollkirsche und fangen bereits an, sich auf

ihre Weltweisheit etwas zugute zu tun. Auch legen sie ihre Flügel nach

dem Niedersetzen stets dreimal zusammen, um sicher zu sein, daß es

sorgfältig geschehen ist. Sie wissen, wie man einen Fuchs ängstigt,

damit er die Hälfte seiner Beute aufgibt, und daß es das beste ist,

sich in den nächsten Busch zu stürzen, wenn eine Schar von Königsvögeln

oder anderen lärmenden Sängern des Waldes sie angreift; denn es ist

ebenso unmöglich für sie, diese kleinen Quälgeister zu bekämpfen, wie

für die dicke Äpfelhökerin, die kleinen, unnützen Jungen einzufangen,

die ihre Körbe plündern. In allen diesen Dingen sind die jungen Krähen

schon bewandert; nur fehlt ihnen noch die Unterweisung im Eiersammeln;

denn dafür ist jetzt nicht die Jahreszeit. Auch sind sie noch nicht

mit Muscheln bekannt und haben weder Pferdeaugen gegessen, noch das

Getreide wachsen sehen, und der bedeutendste Erziehungsfaktor, das

Reisen, ist ihnen bis dahin unbekannt geblieben. Vor zwei Monaten haben

sie noch gar nicht an die Möglichkeit des Vorhandenseins einer anderen

Gegend als der lieben Heimat gedacht, aber seitdem ist ihnen zuweilen

der Gedanke daran gekommen. Aber sie haben warten gelernt, bis ihre

Führer reisefertig sind.

[Illustration]

Auch mit den alten Krähen ist im September eine wichtige Veränderung

vorgegangen – sie haben sich gemausert. Doch jetzt prangen sie wieder

in voller Federnpracht und sind stolz auf ihre neuen, kleidsamen

Röcke. Ihre Gesundheit ist vorzüglich und damit auch ihre Laune

gebessert. Selbst Alt-Silberfleck, der eiserne Lehrmeister, wird

beinahe lustig, und seine Schüler, die ihn schon seit langem achteten,

fangen an, ihn wirklich zu lieben und zu verehren.

Alle die langen Wochen hat er sie in harter Schule gehabt, sie alle

gebräuchlichen Signale und Kommandoworte gelehrt, und jetzt ist

es geradezu eine Lust, sie am frühen Morgen bei ihren Übungen zu

beobachten.

»_Erste Kompagnie_,« ruft der alte General auf Krähisch, und die

Kompagnie antwortet mit lautem Geschrei.

»_Fliegt_,« und mit dem Führer an der Spitze fliegen sie in gerader

Linie davon.

»_Steigt_,« und im Augenblick wenden sie sich kerzengerade aufwärts.

»_Zusammen_,« und alle bilden eine undurchdringliche, schwarze Masse.

»_Schwärmt_,« und sie zerstreuen sich wie welke Blätter vor dem Wind.

»_Formiert Linie_,« und sie dehnen sich wieder aus zur langen Linie

ihrer gewöhnlichen Flugordnung.

»_Nieder_,« und alle lassen sich herab fast bis zum Erdboden.

»_Furagieren_,« und sie verteilen sich zum Futtersuchen, während zwei

Sicherheitsposten, der eine auf einem Baum zur Rechten, der andere auf

einer Vogelscheuche zur äußersten Linken, ausgestellt bleiben.

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Ein oder zwei Minuten später ruft Silberfleck: »_Ein Mann mit

einem Gewehr!_« Die Wachtposten wiederholen den Ruf, und die ganze

Kompagnie fliegt so schnell wie möglich nach den Bäumen. Einmal dort

in Sicherheit, formieren sie sich in Flugordnung und kehren in die

heimatlichen Fichten zurück.

Der Vorpostendienst wird nicht der Reihe nach von allen Krähen

bezogen, sondern eine gewisse Anzahl, deren Wachsamkeit oft erprobt

ist, bilden regelmäßig die Sicherheitsposten, und man sieht es als

selbstverständlich an, daß sie zu gleicher Zeit wachen und furagieren.

Dies erscheint uns etwas hart, aber es macht sich ganz gut, und die

Organisation der Krähen ist die anerkannt beste unter allen Vögeln.

Endlich im November kann man die Krähen südwärts ziehen sehen, um

neue Lebenseinrichtungen, unbekannte Gegenden und fremde Sorten von

Futter kennenzulernen, und alles dies unter der umsichtigen Leitung des

weltweisen Silberflecks.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 38 / 96 题