Hat irgend jemand unter uns das intime Leben und Treiben eines freien
Waldbewohners wirklich kennen gelernt? Ich meine damit nicht ein Tier,
das man ein- oder zweimal auf einsamen Spaziergängen trifft oder gar
zu Hause im Käfig hält, sondern ich denke an solche Tiere, die man
lange Zeit kennt, während sie noch wild und frei sind, und in deren
Leben und Entwicklung man einen tiefen Einblick erhalten hat. Für
gewöhnlich liegt die Schwierigkeit einer derartig nahen Bekanntschaft
darin, daß man _ein_ Tier nicht von dem andern zu unterscheiden vermag;
denn ein Fuchs oder eine Krähe sieht ihresgleichen ja so ähnlich,
daß wir nicht mit Sicherheit behaupten können, einen alten Bekannten
anzutreffen, wenn wir sie wieder einmal zu Gesicht bekommen. Von Zeit
zu Zeit jedoch erhebt sich ein Geschöpf, das stärker und klüger ist als
seine Gefährten, über diese empor und wird zum gewaltigen Tyrannen;
es ist, möchte man sagen, ein Genie, und wenn es sich durch seine
Gestalt auszeichnet oder irgendein besonderes Abzeichen trägt, wodurch
es sich von den anderen unterscheidet, so wird es leicht berühmt oder
berüchtigt im ganzen Lande. Dies beweist, daß das Leben eines Tieres
oft bei weitem interessanter sein kann als das eines menschlichen
Wesens.
Zu dieser Klasse von Tieren gehört z. B. Courtrand, der kurzgeschwänzte
Wolf, der die Stadt Paris im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zehn
Jahre lang in Schrecken und Entsetzen hielt; Clubfoot, der lahme
Grislybär, dessen man sich noch jetzt mit Grauen im San-Joaquin-Tal in
Kalifornien erinnert; Lobo, der König aller Wölfe von Neu-Mexiko, der
fünf Jahre lang jeden Tag ein Rind mordete, und der Soehnee-Panther,
dem in weniger als zwei Jahren nahezu dreihundert Menschen zum Opfer
fielen. Zu diesen Tieren zählt auch Silberfleck, dessen Geschichte ich
kurz erzählen will.
Silberfleck war ein alter, weiser Krähenvater. Er trug seinen Beinamen
wegen eines silberweißen Flecks von der Größe eines Groschens, der auf
der rechten Seite gerade zwischen Auge und Schnabel saß. Nur diesem
Fleck verdanke ich es, daß ich Silberfleck aus den übrigen Krähen mit
Leichtigkeit herausfinden konnte und daß mir seine Lebensschicksale
bekannt wurden.
Krähen sind bekanntlich hochintelligente Vögel. »Weise, wie eine alte
Krähe«, wurde nicht ohne Grund zur landläufigen Redensart. Sie wissen
den Wert einer systematischen Organisation zu schätzen und sind ebenso
gedrillt wie Soldaten, ja weit besser als gewisse Söldnerscharen; denn
sie sind immer auf der Wacht, leben immer auf Kriegsfuß und hängen um
ihrer Sicherheit und ihres Lebens willen stets voneinander ab. Ihre
Führer sind gewöhnlich nicht nur die ältesten und klügsten der Bande,
sondern auch die stärksten und tapfersten; denn sie müssen jederzeit
bereit und fähig sein, mit unwiderstehlicher Gewalt einen Aufruhr oder
eine Meuterei niederzudrücken. Die gemeinen Soldaten eines Krähenheeres
setzen sich aus den jüngsten und aus den Krähen zusammen, die mit
keinen besonders hervorragenden Gaben von der Natur beschenkt sind.
Der alte Silberfleck war kommandierender General einer Armee, deren
Hauptquartier in der Nähe von Toronto, in Kanada bei Castle Frank,
auf einem fichtenbewachsenen Hügel an der Nordostseite der Stadt lag.
Die Bande bestand aus ungefähr hundert Vögeln und schien sich aus
Gründen, die ich niemals erfuhr, nicht zu vermehren. War der Winter
mild, so hausten sie am Niagaraflusse, während sie in kalten Wintern
bedeutend weiter südlich zogen. Jedes Jahr in der letzten Woche des
Februar musterte Silberfleck seine Truppe und kreuzte kühn die vierzig
Meilen offenen Wassers zwischen Toronto und Niagara, und zwar flog
er nicht in einer geraden Linie, sondern hielt regelmäßig eine Kurve
in der Richtung nach Westen ein, wobei er in Sicht des ihm bekannten
Dunda-Berges blieb, bis das Reiseziel, der fichtenbewachsene Hügel von
Castle Frank, in der Ferne auftauchte. Jedes Jahr kam er mit seiner
Armee und hielt sich ungefähr sechs Wochen lang dort auf. Am Morgen
machten sich die Krähen in drei Abteilungen auf zum Furagieren, die
eine Bande südöstlich nach der Ashbridge-Bai, die zweite nördlich den
Don hinauf und die dritte und stärkste nordwestlich das Tal entlang;
diese letztere leitete Silberfleck persönlich; wer die anderen führte,
habe ich niemals erfahren.
Am windstillen Morgen flogen sie stets hoch oben in den Lüften in
gerader Richtung davon; wenn es windig war, hielt sich die Bande
dagegen niedrig und folgte dem schützenden Taleinschnitt. Von meinem
Fenster aus konnte ich die ganze Schlucht übersehen, und so kam es,
daß ich im Jahre 1885 die alte Krähe zum erstenmal bemerkte. Ich war
noch unbekannt in der Nachbarschaft, aber ein alter Bewohner erzählte
mir, der gewaltige Krähendespot triebe sich schon länger als zwanzig
Jahre im Tale umher. Die günstigste Gelegenheit, ihn zu beobachten, bot
sich in der Bergschlucht, und da Silberfleck seine alte Wegrichtung
gewohnheitsmäßig innehielt, obwohl die Hügel jetzt mit Häusern bebaut
waren und Brücken den Taleinschnitt überspannten, konnte ich ihn bald
zu meinen näheren Bekannten zählen. Zweimal am Tage, im März und April
und dann wieder im Spätsommer und Herbst, passierte er auf dem Hin- und
Herwege meinen Beobachtungsposten, ließ mich seine Bewegungen genau
wahrnehmen, seine Kommandos vernehmen und öffnete mir auf diese Weise
nach und nach die Augen. Ich kam zu der Überzeugung, daß die Krähen,
obschon ein kleines, unbeachtetes Völklein, große Klugheit besitzen und
einen Stamm bilden, mit einer Sprache und sozialen Einrichtungen, die
denen der Menschen in den Hauptpunkten ähneln und auf jeden Fall in
vielen Einzelheiten gewissenhafter gehandhabt werden.
[Illustration: Nr. 1.
~Caw~ ~Caw~]
An einem windigen Tage stand ich auf der hohen Brücke, als Silberfleck
an der Spitze seiner langgestreckt und zerstreut fliegenden Truppe eben
heimwärts zog. Eine halbe Meile weit von mir konnte ich das zufriedene
»Alles sicher, nur immer vorwärts«, wie wir es ausdrücken würden, oder,
wie er es ausdrückte, hören, und wie es sein Leutnant im Nachtrab
wiederholte. Sie flogen beträchtlich tiefer als sonst, um nicht in den
Wind zu kommen, und mußten sich etwas erheben, um über die Brücke
hinwegzustreichen, auf der ich stand. Silberfleck entdeckte mich dort,
beobachtete mich einige Sekunden scharf, parierte im Fluge, da ich ihm
nicht ganz geheuer schien, und rief nach rückwärts:
[Illustration: Nr. 2.
~Caw~]
»Seid auf der Hut!« und erhob sich, gehorsam von den Seinen begleitet,
hoch in die Luft. Dann, als er sah, daß ich unbewaffnet war, flog er
etwa siebzig Fuß über meinem Kopf hinweg, und auch die anderen ließen
sich wieder in die alte Fluglinie herabsinken, als sie die Brücke
passiert hatten.
Am darauffolgenden Tage befand ich mich am gleichen Platze, und als
sich die Krähen näherten, erhob ich meinen Spazierstock und drohte zu
ihnen hinauf. Der alte Schlaukopf bemerkte das sofort, krähte:
[Illustration: Nr. 3.
~Ca~]
»Gefahr« und erhob sich fünfzig Fuß höher als am Tage zuvor. Da er
jedoch sah, daß ich keine Feuerwaffe trug, flog er keck über mich
hinweg. Am dritten Tage nahm ich ein Gewehr mit, und diesmal rief er:
[Illustration: Nr. 4.
~ca ca caca Caw~]
»Höchste Gefahr, ein Gewehr!« Sein Leutnant gab den Ruf zurück, und das
ganze Regiment hob sich hoch empor und zerstreute sich, bis es weit
außer Schußweite war. Dann flog es in Sicherheit über mich hinweg und
ließ sich wieder in das schützende Tal herab, sobald es in gebührender
Entfernung war. Ein andermal, als die Vögel in wippendem Fluge die
Schlucht herabkamen, ließ sich ein rotschwänziger Habicht dicht an
ihrem gewohnten Wege nieder. Der Führer rief:
[Illustration: Nr. 5.
~Caw Caw~]
»Habicht« und hielt im Fluge inne. Jede folgende Krähe tat das gleiche,
wenn sie an ihren Vordermann herankam, bis sie alle zu einer dichten
Masse vereinigt waren. Dann flogen sie ohne Furcht vor dem Habicht
vorwärts. Eine Viertelmeile weiter unten erschien jedoch ein Mann mit
einem Gewehr, und der Ruf:
[Illustration: Nr. 6.
~cacacaca Caw~]
[Illustration: Nr. 7.
~Caw Caw cacacaca~]
»Höchste Gefahr, ein Gewehr, ein Gewehr, zerstreut euch, es gilt euer
Leben!« ließ sie hoch auf- und weit auseinander fliegen, bis sie außer
Schußweite waren. Bei längerer Bekanntschaft lernte ich nach und nach
viele andere dieser Kommandorufe kennen und verstehen und fand, daß
zuweilen eine ganz unbedeutende Veränderung der Laute eine ungemein
wichtige Änderung der Bedeutung zur Folge hatte. So z. B. bedeutet
Nr. 5 Habicht, Häher oder irgendeinen großen gefährlichen Raubvogel,
während Nr. 7 »Kehrt« bedeutet, augenscheinlich eine Verbindung von Nr.
5, dessen Grundidee Gefahr, und Nr. 4, dessen Sinn Rückzug ist. Das
nächste wieder ist ein einfaches
[Illustration: Nr. 8.
~Caw Caw~]
»Guten Tag«, während
[Illustration: Nr. 9.]
gewöhnlich an die gemeinen Soldaten gerichtet wird und »Achtung«
bedeutet.
Frühzeitig im April schien etwas Großes unter den Krähen vorzugehen.
Irgend etwas höchst Aufregendes und Wichtiges mußte sie betroffen
haben. Den halben Tag trieben sie sich zwischen den Fichten
umher, anstatt wie sonst von Sonnenaufgang bis -niedergang auf
die Nahrungssuche auszugehen. Zu zweien und dreien konnte man sie
herumjagen und -huschen und von Zeit zu Zeit die verwegensten
Flugkunststückchen ausführen sehen. Es war ein besonderer
Lieblingssport einiger, aus der blauen Höhe plötzlich auf irgendeine
friedlich ruhende Krähe herabzuschießen und gerade, ehe sie sich
berührten, zu wenden und den Flug zurück in die Luft zu nehmen, wobei
die Flügel des Künstlers ein Geräusch verursachten, das wie entfernter
Donner klang. Oft neigte auch eine Krähe den Kopf, blies die Federn
auf, daß sie wie ein Igel aussah, näherte sich einer anderen und
gurgelte ihr einen langgezogenen Ton entgegen, der klang wie
[Illustration: Nr. 10.
~C-r-r-r-a-w~]
Was dies alles zu bedeuten hatte, sollte ich bald erfahren. Die
Krähen machten sich Liebeserklärungen und begannen sich zu paaren.
Die Männchen bewiesen den Damen ihrer Wahl ihre Flügelkräfte und ihre
Geschicklichkeit und ließen ihre Stimmen gar lieblich und berückend
erschallen. Und der Erfolg dieser Bemühungen konnte nicht ausgeblieben
sein; denn Mitte April zogen sie alle auf die Hochzeitsreise,
zerstreuten sich über die ganze Gegend, und die düsteren, alten Fichten
von Castle Frank standen verlassen und einsam.