Nur zu einer Zeit benimmt sich die Krähe dumm und albern, das ist
während der Nacht. Und nur ein Vogel vermag sie in lähmende Todesangst
zu versetzen, das ist die Eule. Deshalb hat, wenn diese zwei Dinge
zusammentreffen, die Eule leichtes Spiel. Ertönt nach Eintreten der
Dunkelheit ihr fernes Geschrei, so ziehen die geängstigten Krähen die
Köpfe unter den Flügeln hervor und sitzen zitternd und elend bis zum
Morgengrauen. Oft hat dies bei sehr kaltem Wetter zur Folge, daß einer
Krähe ein oder beide Augen erfrieren, und Blindheit und Tod sind dann
das Ende; denn Hospitäler für kranke Krähen gibt es noch nicht.
Doch mit dem dämmernden Morgen kehrt auch ihre Tapferkeit zurück, und
sich aufraffend durchstöbern sie die Waldungen wenigstens eine Meile im
Umkreis, bis der nächtliche Ruhestörer gefunden ist, und wenn sie ihm
nicht den Garaus machen, ängstigen sie ihn halb zu Tode und jagen ihn
mindestens zwanzig Meilen davon.
Im Jahre 1893 waren die Krähen wie gewöhnlich in Castle Frank
erschienen. Einige Tage nach ihrer Ankunft machte ich einen Spaziergang
durch den Wald und stieß zufällig auf die Spur eines Hasen, der in
vollem Lauf durch den Schnee gerannt war und dessen verzweifelte
Seitensprünge bewiesen, daß er verfolgt worden war. Doch höchst
sonderbar, die Spur des Verfolgers war nicht zu finden. Ich ging der
Fährte nach und traf bald auf einen Tropfen Blut im Schnee, und einige
Schritte weiter fand ich die halbaufgezehrten Überreste eines armen
kleinen Häschens. Wer der Mörder war, blieb mir ein Rätsel, bis ich
bei sorgfältiger Untersuchung einen großen, doppelzehigen Eindruck im
Schnee und eine wunderbar gezeichnete braune Feder fand. Nun war mir
alles klar – es war _eine Steineule_.
Eine halbe Stunde später kam ich wieder am gleichen Fleck vorüber und
entdeckte auf einem Baume, kaum zehn Schritte von den Knochen ihres
Opfers entfernt, die augenrollende Eule. Die Mörderin konnte sich vom
Schauplatz ihres Verbrechens nicht trennen, und die unbedeutenden
Beweisstücke, die Feder und der Eindruck im Schnee, hatten nicht
gelogen. Bei meiner Annäherung ließ sie ein krächzendes »_Grrr – ooh_«
hören und flog mit langsamen, fauchenden Flügelschlägen den fernen,
düsteren Forsten zu.
Zwei Tage später beim Morgengrauen war eine ungewöhnliche Aufregung
unter den Krähen bemerkbar, und als ich ausging, um die Ursache zu
ergründen, sah ich einige schwarze Federn über den Schnee flattern. Ich
ging dem Wind entgegen in der Richtung, aus der die Federn kamen, und
stand bald vor den blutigen Überresten einer Krähe. Daneben verriet
wieder die große Doppelspur die Mörderin – die Eule. Im Umkreise
konnte man alle Anzeichen eines hitzigen Kampfes erkennen, aber die
Hasenverfolgerin war die stärkere gewesen, und die arme Krähe war von
ihrem sicheren Zweig herabgerissen worden, als das Dunkel der Nacht ihr
keine Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung bot.
Ich wendete den Leichnam auf die andere Seite und brachte dabei
zufällig den Kopf zum Vorschein – ein Ausruf tiefsten Mitleids entfuhr
mir. Es war Silberflecks kluges Köpfchen. Sein langes, arbeitsreiches
Dasein, das seinem Volke zu unschätzbarem Nutzen geworden, war beendet
– er war dahingemordet von der gleichen Eule, gegen die er seinen
Schülern Hunderte von Schutzmaßregeln beigebracht hatte.
Das alte Nest am Zuckerhut-Hügel ist nun vollkommen verlassen und
zerfallen. Die Krähen kommen im Frühjahr zwar noch nach Castle Frank,
aber ohne ihren berühmten General. Ihre Zahl schwindet, und bald wird
man sie zwischen den alten Fichten vergebens suchen, wo sie und ihre
Voreltern seit Jahrzehnten gelebt, geliebt und gelernt haben.
Zottelohr.
Die Geschichte eines Hasen.
Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte
diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten
Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants
Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und
hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben
zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.
Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht
eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel
Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt
leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden
Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.
Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen,
aber sie haben eine bestimmte Weise, ihre Gedanken durch ein System
von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden
kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich
diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage,
wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase
wirklich abgelauscht hätte.
[Illustration]