Im gleichen Winter fing ich eine große Anzahl Wölfe und Füchse, die
nicht so viel Glück hatten wie Bingo und den unbarmherzigen Fallen
nicht zu entrinnen vermochten. Ich ließ die Fallen draußen bis spät
ins Frühjahr; denn die Fangprämien sind hoch, auch wenn das Pelzwerk
minderwertig ist.
Kennedys Wiesen waren stets ein ergiebiger Jagdgrund, weil sie nicht
von Menschen besucht wurden und zwischen dem Forst und der Ansiedlung
lagen; hier hatte ich das meiste Glück.
Die Wolfsfallen sind von schwerem Stahl und haben zwei Federn, jede mit
einer Schlagkraft von hundert Pfund. Vier werden zusammen ausgesetzt
rund um einen vergrabenen Köder. Nachdem sie an verborgenen Holzklötzen
stark befestigt sind, bedeckt man sie sorgfältig mit Laub und Sand, um
sie vollkommen unsichtbar zu machen.
In einer solchen Falle hatte ich einen Präriewolf gefangen. Ich schlug
ihn mit einem Knüppel tot und warf ihn beiseite. Dann begann ich die
Falle wieder zu spannen, wie ich es hundertmal vorher getan. Alles
war schnell geschehen, und da ich ein Häufchen feinen Sand nahebei
erblickte, griff ich hinüber, um mit einer Handvoll die Falle gut zu
bedecken.
O welch ein unglückseliger Gedanke, welche Unvorsichtigkeit! Der Sand
lag _auf der nächsten Wolfsfalle_, und im Augenblick war ich ein
Gefangener. Zwar war ich unverletzt; denn die Fallen hatten keine
Zähne, und mein dicker Handschuh schwächte den Schlag, aber ich war
oberhalb des Knöchels fest erfaßt. Indem ich trotz des Schreckens
möglichst kühl zu bleiben trachtete, versuchte ich den Schlüssel
zum Öffnen der Fallen mit meinem rechten Fuße zu erreichen. Mich in
voller Länge ausstreckend, arbeitete ich mich, mit dem Gesicht nach
unten gekehrt, langsam darauf zu und machte meinen gefangenen Arm so
lang und gerade als möglich. Ich konnte mich nicht zur gleichen Zeit
umsehen und nach dem Schlüssel langen; aber ich rechnete auf das
Gefühl in meinen Zehen und hoffte, sofort zu bemerken, wenn ich das
kleine eiserne Werkzeug berühren würde. Mein erster Versuch mißlang.
So stark ich auch an der Kette ziehen mochte, mein Fuß traf auf kein
Metall. Dann versuchte ich es zum zweitenmal, indem ich mich immer um
meinen gefangenen Arm drehte, doch war alles umsonst. Ich entdeckte,
daß ich viel zu weit nach Westen geraten war, und so begann ich von
neuem blindlings herumzutappen, in der Hoffnung, mit meinen Zehen auf
den Schlüssel zu stoßen. Bei dem wilden Umherfahren mit meinem rechten
Fuß vergaß ich vollkommen den linken, bis sich die eisernen Klauen
von Falle Nr. 3 mit einem scharfen »Klink« über meinem linken Knöchel
schlossen.
Zuerst machte die entsetzliche Lage, in der ich mich befand, keinen
sonderlichen Eindruck auf mich; aber bald wurde mir schrecklich klar,
daß all mein Arbeiten, loszukommen, vergeblich sein mußte. Ich konnte
mich von keiner der Fallen ohne Hilfe befreien, konnte sie auch nicht
bewegen, und so lag ich denn ausgestreckt, fest und sicher an den
Erdboden gekettet.
Was sollte nun aus mir werden? Es war zwar keine Gefahr, zu erfrieren;
denn das kalte Wetter war vorüber, aber Kennedys Plan wurde von keinem
Menschen besucht, außer von den Holzfällern im Winter. Zu Haus wußte
niemand, wohin ich gegangen war, und wenn ich mich nicht selbst
befreien konnte, hatte ich keine andere Aussicht, als von den Wölfen
zerrissen zu werden oder vor Kälte und Hunger elend zu sterben.
Als ich so dalag, ging die Sonne blutigrot im Westen hinter dem
Buschmoor unter, und eine Heidelerche sang im nahen Busch ihr
Abendlied, genau wie am Abend zuvor vor der Tür unseres Häuschens.
Obwohl dumpfe Schmerzen in meinem Arm in die Höhe krochen und ein
eisiger Schüttelfrost mich erfaßte, bemerkte ich doch noch, wie
lang die kleinen Federbüschel über den Ohren der Lerche waren. Dann
wanderten meine Gedanken zum behaglichen Abendtische in Wrights Haus,
und ich dachte, jetzt wird gebraten und gekocht, und jetzt setzen
sie sich nieder. Mein Pferd stand dort, wo ich es verlassen, mit den
Zügeln auf dem Erdboden, und wartete geduldig, um mich heimzutragen. Es
verstand die lange Verzögerung nicht, und als ich es rief, hörte es auf
zu weiden und sah mich hilflos fragend an. Wenn es doch heim liefe! Der
leere Sattel würde genug erzählen und sicher Hilfe herbeirufen. Jedoch
die große Pflichttreue des Tieres hielt es wartend Stunde für Stunde
bei mir zurück, während ich vor Kälte und Hunger beinahe verging.
[Illustration]
Dann erinnerte ich mich, wie der alte Trapper Girou sich im Walde
verlaufen hatte und wie seine Kameraden im folgenden Frühjahr das
Skelett fanden, mit den Knochen des Beines in einer Bärenfalle
eingeklemmt. Ich zerbrach mir den Kopf, welcher Teil meiner Kleidung
mich wohl erkennbar machen würde. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Das
gleiche Gefühl hatte doch auch der Wolf, wenn er sich in einer Falle
fing. O für welches Elend war ich schon verantwortlich! Nun mußte ich
dafür büßen.
Die Nacht sank langsam hernieder. Ein Präriewolf heulte. Das Pferd
spitzte die Ohren und kam näher an mich heran, schnaufend und den Kopf
tief am Boden. Dann heulte ein zweiter Wolf und noch einer, und ich
konnte vernehmen, wie sie sich in der Nähe zusammenscharten. Da lag ich
nun hilflos, mit dem Gesicht am Boden, und wunderte mich nur, daß die
gierigen Bestien nicht gleich auf mich losstürzten und mich in Stücke
zerrissen. Lange hörte ich sie heulen, bevor ich gewahr wurde, daß
undeutliche, schattenhafte Gestalten um mich herumhuschten. Das Pferd
bemerkte sie, und sein entsetztes Schnaufen trieb sie erst zurück,
aber das nächstemal kamen sie schon näher, saßen um mich herum und
gafften mich an. Bald wurden sie frecher, krochen heran und rissen an
dem Kadaver ihres toten Genossen. Ich schrie, und die Wölfe zogen sich
knurrend zurück, während das Pferd entsetzt davonlief.
Wieder kamen sie heran, und nach zwei oder drei derartigen Rückzügen
und Angriffen zerrten sie den Leichnam davon und verschlangen ihn in
wenigen Minuten.
Danach kamen sie wieder näher, umringten mich und starrten mich frech
an. Der Unverschämteste von ihnen beroch mein Gewehr und bewarf es mit
Schmutz. Zwar zog er sich zurück, als ich mit meinem freien Fuße nach
ihm stieß und ihn anschrie, aber je schwächer ich wurde, desto frecher
wurden die Bestien, und ihr Führer kam ganz nahe und fauchte mir direkt
ins Gesicht. Dann heulten auch die übrigen und scharten sich dicht um
mich, und ich glaubte schon, daß das verhaßte Pack mich zerreißen und
verschlingen würde, als plötzlich aus dem Dunkel mit heiserem Geheul
ein großes, schwarzes Tier heraussprang. Die Scheusäler zerstoben wie
Spreu vor dem Winde, nur ihr Führer blieb, der von dem Ankömmling
gepackt wurde und in einigen Minuten als verstümmelter Leichnam dalag.
Und dann – Entsetzen packte mich – das mächtige Ungetüm sprang auf
mich los und – Bingo, mein treuer Bingo rieb atemlos seinen zottigen
Kopf an meiner Schulter und leckte mein eiskaltes Gesicht.
»Bingo – Bingo, alter Junge, hol mir den Fallenschlüssel!«
Davon sprang er und kam zurück, aber er zerrte mein Gewehr hinter sich
her; denn er wußte nur, daß ich irgend etwas haben wollte.
»Nein, Bingo, den Fallenschlüssel!« Diesmal brachte er meine Säge,
aber schließlich kam er mit dem Schlüssel und wedelte freudig mit
dem Schwanze, als er sah, daß er diesmal das Richtige getroffen. Mit
meiner freien Hand öffnete ich mühselig die Schrauben, die Falle fiel
auseinander, meine Hand war frei, und eine Minute später war ich ganz
erlöst. Bingo brachte das Pferd, und nachdem ich einige Male langsam
auf und ab gegangen, um das erstarrte Blut in Umlauf zu bringen, war
ich fähig, aufzusteigen. Dann ging es heimwärts, langsam zuerst,
schließlich im Galopp, und Bingo sprang wie ein Herold bellend vor ihm
her. Als wir die Ansiedelung erreichten, erfuhr ich, daß der treue Hund
sich am Abend ganz auffällig benommen hatte; winselnd und heulend war
er die Straße auf und ab gelaufen, und als schließlich die Dunkelheit
kam, hatte er sich, allen Versuchen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz,
davongemacht und war, geleitet von einem Instinkt, den wir nicht
erklären können, gerade im rechten Moment bei mir angelangt, um mich zu
rächen und zu befreien.
[Illustration: Bingo hält die Wölfe fern, während Curley sich vollfrißt]
Treuer, alter Bingo – du warst ein rätselhafter Hund. Obwohl er mich
liebte, lief er am nächsten Tage an mir vorüber, ohne mir nur einen
Blick zu schenken, folgte aber mit Feuereifer Wrights kleinem Sohn, der
ihn zur Jagd mitrief. So blieb er bis ans Ende, und bis ans Ende führte
er auch sein geliebtes wölfisches Leben und konnte es nicht lassen,
auf die Suche nach gefallenen Pferden zu gehen. So fand er einmal
auch eins mit einem vergifteten Köder und verschlang diesen wie ein
Wolf. Als er die furchtbare Wirkung fühlte, machte er sich auf, nicht
nach Haus, sondern um mich zu suchen, und erreichte die Tür der kleinen
Hütte, in der er mich vermutete. Als ich am andern Tag nach Hause kam,
fand ich ihn tot im Schnee, mit dem Kopf auf der Schwelle der Tür –
der Tür, vor der er seine Jugendtage verlebt. Er war verendet – _mein_
Hund bis zum letzten Atemzug – und es war meine Hilfe, die er gesucht
hatte, vergeblich gesucht in der Stunde bitterer Todesschmerzen und
tiefer Verzweiflung.
Silberfleck.
Die Geschichte einer Krähe.