VI.

Es ist wunderbar, wie Mensch und Hund zusammenhalten und wie sie sich

in Not und Gefahr nie verlassen. Butler erzählte von einem alten

Indianerstamm im fernen Norden, der sich in blutiger Familienfehde

aufrieb, und zwar einzig und allein um eines treuen Hundes willen, der

einem Krieger des Stammes gehörte und von einem Nachbarn getötet wurde.

Ja selbst unter uns hört man oft genug von Gerichtsverhandlungen,

ernsten Streitigkeiten und Fehden, die alle von dem alten Satze

ausgingen: »Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!«

Einer unserer Nachbarn besaß eine kostbare Rüde, die er für die beste

und wertvollste auf der Welt hielt. Der Mann war mein Freund, und

folglich war ich auch seinem Hunde zugetan. Als daher eines Tages der

arme Tan furchtbar verstümmelt heimgekrochen kam, vor der Tür liegen

blieb und verendete, schwor ich im Verein mit seinem Herrn furchtbare

Rache, und ließ nichts unversucht, den Mörder zu entdecken.

Ich setzte Belohnungen aus und suchte eifrig nach Beweismaterial zur

Überführung des Verbrechers. Schließlich kam es zutage, daß wohl drei

Männer, die südlich von uns wohnten, bei dieser blutigen Affäre ihre

Hand im Spiel gehabt haben mußten. Die Beweise häuften sich, und

beinahe waren wir so weit, die Angelegenheit der Gerechtigkeit zu

übergeben, die das Urteil über die Mörder des armen Tan sprechen sollte.

Da ereignete sich etwas, was meine Ansicht sofort änderte und mich

glauben machte, daß die Verstümmelung des alten Köters doch kein so

unentschuldbares Verbrechen gewesen sei; jedoch mußte ich mir diese

Sinnesänderung ziemlich gewaltsam aufdrängen.

Gordon Wrights Farm lag südlich von der unseren, und als ich jene eines

Tages besuchte, nahm mich Gordon jun., der wußte, daß ich Tans Mörder

nachspürte, beiseite und wisperte, sich ängstlich dabei umsehend:

»Bingo war der Mörder.«

Von diesem Augenblicke an ließ ich die Angelegenheit fallen, und

ich bekenne, daß ich mit dem gleichen Eifer nun die Nachforschungen

irrezuleiten suchte, mit dem ich vorher zur Aufdeckung des Verbrechens

angestachelt hatte.

Schon lange vor dieser Begebenheit hatte ich Bingo weggeschenkt; aber

noch fühlte ich mich im Herzen als sein Besitzer, und diese unlösliche

Kameradschaft zwischen Bingo und mir sollte sich bald bei einer anderen

Gelegenheit überraschend beweisen.

Gordon und Oliver waren nahe Nachbarn und gute Freunde. Sie hatten

zusammen einen Kontrakt übernommen, Holz zu schlagen, und arbeiteten

einträchtig miteinander bis spät in den Winter. Da verendete Olivers

alte Mähre, und um noch möglichst viel Nutzen aus diesem Verlust

herauszuschlagen, schleifte er den Kadaver hinaus in die Prärie und

streute vergiftete Köder für die Wölfe daneben aus. Der arme Bingo! Er

konnte von seinen wölfischen Gewohnheiten nicht lassen, obwohl sie ihn

schon oft ins Unglück gestürzt hatten.

Er war ein großer Freund von Pferdefleisch, wie alle Angehörigen dieser

wilden Rasse, und noch in der gleichen Nacht stattete er dem Kadaver

in Begleitung von Wrights Hund Curley einen Besuch ab. Es schien, als

ob Bingo in der Hauptsache nur die Wölfe ferngehalten und Curley sich

vollgefressen hätte. An den Spuren im Schnee konnte man die ganze

Geschichte des Festmahles ablesen, von der Störung, als das Gift zu

wirken begann, und von dem rasenden Laufe Curleys heimwärts, der, von

wütenden Schmerzen gepeinigt, zu Gordons Füßen in Krämpfe verfiel und

dann vollkommen gelähmt verendete.

»Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!« Keinerlei

Aufklärungen und Entschuldigungen wurden angenommen. Es war nutzlos, zu

behaupten, die ganze Sache sei zufällig; die langvergessene Feindschaft

zwischen Bingo und Oliver warf ein starkes Licht auf die Begebenheit.

Der Holzkontrakt wurde gebrochen, alle freundschaftlichen Verbindungen

gelöst, und noch bis heute besteht die bittere Feindschaft, die durch

Curleys Todesschrei ins Leben gerufen wurde.

Es währte Monate, bis Bingo sich vom Genuß des Giftes erholte, und

wir glaubten sicher, daß er niemals wieder der starke, lustige Bingo

von früher werden würde. Doch als der Frühling kam, fing sein Zustand

an, sich merklich zu bessern, und als das Gras wuchs, war er wieder

bei vollster Gesundheit und Kraft, der Stolz seiner Freunde und der

Quälgeist der Nachbarn.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 34 / 96 题