Im Frühjahr hatte ich Bingos Erziehung begonnen. Kurz darauf begann er
die meine.
Mitten auf dem zwei Meilen langen Stück Prärie zwischen unserem
Häuschen und Carberry stand der Grenzpfahl der Farm, ein starker
Pfosten, eingerammt in einen Erdhügel und weithin sichtbar.
Ich bemerkte, daß Bingo niemals an diesem geheimnisvollen Pfahl
vorüberlief, ohne ihn sorgfältig zu untersuchen. Dann sah ich, daß die
Präriewölfe ebenso wie auch alle Hunde der Nachbarschaft dieses Merkmal
besuchten, und schließlich halfen mir Beobachtungen mit dem Fernrohr,
das Dunkel aufzuklären und mir einen Einblick in Bingos Privatleben zu
verschaffen.
[Illustration]
Der Pfahl war nach Übereinkommen ein Signalpfosten für die Glieder der
großen Hundefamilie der Umgegend, und der ausgezeichnete Geruchssinn
der Hunde machte es ihnen möglich, zu erkennen, welcher ihrer Genossen
zuletzt auf diesem Platze gewesen war. Als der Schnee kam, enthüllte
sich noch mehr. Ich entdeckte nämlich, daß dieser Pfahl nur ein Punkt
war, der zu einem ganzen System gehörte, das sich weit über das Land
verbreitete. Kurzum, die Gegend war nach Bedarf in Signalstationen
eingeteilt. Diese waren durch irgendeinen unauffälligen Gegenstand,
durch einen Pfahl, einen Stein oder einen Büffelschädel, der zufällig
auf dem gewünschten Platz lag, gekennzeichnet, und ausgedehnte
Untersuchungen bewiesen, daß es eine sinnreiche Einrichtung war, um
Nachrichten zu verbreiten und zu erhalten.
[Illustration: Bingo und die Wölfin]
Jeder Hund oder Wolf hält es für seine Pflicht, alle Stationen, die in
der Nähe seines Reiseweges liegen, zu besuchen, um zu erfahren, wer
kürzlich vorübergekommen ist.
Ich beobachtete, daß Bingo sich dem Pfahle näherte, schnüffelte, den
Erdboden rundherum genau untersuchte, dann knurrte und mit zu Berge
stehender Mähne und glühenden Augen wütend zu kratzen begann. Zum
Schluß ging er steifbeinig davon, sah sich dabei aber von Zeit zu Zeit
um. Alles dies bedeutete übertragen:
»Grrh! wuf! das war dieser dreckige Köter von Mc Carthys. Wuf! dem
werde ich schon heute abend heimleuchten. Wuf! wuf!«
Ein andermal wieder vertiefte er sich in die Spur eines Präriewolfs,
die herüber- und hinüberführte, und murmelte dabei:
»Die Spur eines Präriewolfs, von Norden kommend und nach einer toten
Kuh riechend. Das ist höchst interessant! Da muß Pollworths alte Blesse
doch verendet sein. Das ist wert, näher untersucht zu werden.«
Bei anderen Gelegenheiten wedelte er mit dem Schwanze, lief in der
Nachbarschaft umher und kreuz und quer um den Pfahl herum, um seinen
Besuch möglichst deutlich erkennbar zu machen, wahrscheinlich zur
Benachrichtigung seines Bruders Bill, der in Brandon lebte. Deshalb
war es auch gewiß kein Zufall, daß Bill eines Nachts bei uns
auftauchte und von Bingo mit in die Hügel genommen wurde, wo ein höchst
wohlschmeckendes, totes Pferd einen feinen Braten zur Verherrlichung
des Besuches abgab.
Zuweilen wurde Bingo plötzlich durch die erhaltenen Neuigkeiten so
aufgeregt, daß er die Spur aufnahm und im Galopp nach der nächsten
Station lief, um nähere Erkundigungen einzuziehen.
Oft rief die Untersuchung auch nur ein würdevolles Kopfschütteln
hervor, das sich ungefähr aussprach wie: »O du meine Güte, wer
zum Kuckuck war denn das?« Oder: »Ich glaube fast, ich machte die
Bekanntschaft dieses Herrn schon im vorigen Sommer.«
Als Bingo sich eines Morgens dem Grenzpfahl näherte, sträubten sich
seine Haare, er kniff den Schwanz ein, zitterte am ganzen Leibe, und
man konnte erkennen, daß ihm plötzlich übel wurde, alles sichere
Zeichen von Angst und Schrecken. Auch schien er keine Lust zu fühlen,
der Spur zu folgen, sondern kehrte nach dem Hause zurück, und noch
eine halbe Stunde danach standen seine Haare zu Berge, und sein
Gesichtsausdruck zeigte Haß und Furcht.
Bei näherer Untersuchung der gemiedenen Fährte entdeckte ich, daß das
entsetzte, tief gegurgelte »Grrhwuf« »Waldwolf« bedeutete.
Dies ist einiges von dem, was Bingo mich lehrte. Wenn ich ihn dann
später sah, wie er sich von seinem kalten, ungemütlichen Lager vor der
Stalltür erhob und sich streckte, den Schnee aus seinem zottigen Fell
schüttelte und in einem steten Trott in der Dämmerung verschwand, dann
pflegte ich zu denken:
»Aha, du alter Schwede, ich weiß schon, wo du hin willst, und warum
du den Schutz des Stalles verschmähst. Ich weiß auch, warum deine
nächtlichen Streifzüge so genau an bestimmte Zeiten gebunden sind und
woher du es weißt, wohin dich zu wenden, um den zu finden, den du
suchst.«