IV.

Im Frühjahr hatte ich Bingos Erziehung begonnen. Kurz darauf begann er

die meine.

Mitten auf dem zwei Meilen langen Stück Prärie zwischen unserem

Häuschen und Carberry stand der Grenzpfahl der Farm, ein starker

Pfosten, eingerammt in einen Erdhügel und weithin sichtbar.

Ich bemerkte, daß Bingo niemals an diesem geheimnisvollen Pfahl

vorüberlief, ohne ihn sorgfältig zu untersuchen. Dann sah ich, daß die

Präriewölfe ebenso wie auch alle Hunde der Nachbarschaft dieses Merkmal

besuchten, und schließlich halfen mir Beobachtungen mit dem Fernrohr,

das Dunkel aufzuklären und mir einen Einblick in Bingos Privatleben zu

verschaffen.

[Illustration]

Der Pfahl war nach Übereinkommen ein Signalpfosten für die Glieder der

großen Hundefamilie der Umgegend, und der ausgezeichnete Geruchssinn

der Hunde machte es ihnen möglich, zu erkennen, welcher ihrer Genossen

zuletzt auf diesem Platze gewesen war. Als der Schnee kam, enthüllte

sich noch mehr. Ich entdeckte nämlich, daß dieser Pfahl nur ein Punkt

war, der zu einem ganzen System gehörte, das sich weit über das Land

verbreitete. Kurzum, die Gegend war nach Bedarf in Signalstationen

eingeteilt. Diese waren durch irgendeinen unauffälligen Gegenstand,

durch einen Pfahl, einen Stein oder einen Büffelschädel, der zufällig

auf dem gewünschten Platz lag, gekennzeichnet, und ausgedehnte

Untersuchungen bewiesen, daß es eine sinnreiche Einrichtung war, um

Nachrichten zu verbreiten und zu erhalten.

[Illustration: Bingo und die Wölfin]

Jeder Hund oder Wolf hält es für seine Pflicht, alle Stationen, die in

der Nähe seines Reiseweges liegen, zu besuchen, um zu erfahren, wer

kürzlich vorübergekommen ist.

Ich beobachtete, daß Bingo sich dem Pfahle näherte, schnüffelte, den

Erdboden rundherum genau untersuchte, dann knurrte und mit zu Berge

stehender Mähne und glühenden Augen wütend zu kratzen begann. Zum

Schluß ging er steifbeinig davon, sah sich dabei aber von Zeit zu Zeit

um. Alles dies bedeutete übertragen:

»Grrh! wuf! das war dieser dreckige Köter von Mc Carthys. Wuf! dem

werde ich schon heute abend heimleuchten. Wuf! wuf!«

Ein andermal wieder vertiefte er sich in die Spur eines Präriewolfs,

die herüber- und hinüberführte, und murmelte dabei:

»Die Spur eines Präriewolfs, von Norden kommend und nach einer toten

Kuh riechend. Das ist höchst interessant! Da muß Pollworths alte Blesse

doch verendet sein. Das ist wert, näher untersucht zu werden.«

Bei anderen Gelegenheiten wedelte er mit dem Schwanze, lief in der

Nachbarschaft umher und kreuz und quer um den Pfahl herum, um seinen

Besuch möglichst deutlich erkennbar zu machen, wahrscheinlich zur

Benachrichtigung seines Bruders Bill, der in Brandon lebte. Deshalb

war es auch gewiß kein Zufall, daß Bill eines Nachts bei uns

auftauchte und von Bingo mit in die Hügel genommen wurde, wo ein höchst

wohlschmeckendes, totes Pferd einen feinen Braten zur Verherrlichung

des Besuches abgab.

Zuweilen wurde Bingo plötzlich durch die erhaltenen Neuigkeiten so

aufgeregt, daß er die Spur aufnahm und im Galopp nach der nächsten

Station lief, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Oft rief die Untersuchung auch nur ein würdevolles Kopfschütteln

hervor, das sich ungefähr aussprach wie: »O du meine Güte, wer

zum Kuckuck war denn das?« Oder: »Ich glaube fast, ich machte die

Bekanntschaft dieses Herrn schon im vorigen Sommer.«

Als Bingo sich eines Morgens dem Grenzpfahl näherte, sträubten sich

seine Haare, er kniff den Schwanz ein, zitterte am ganzen Leibe, und

man konnte erkennen, daß ihm plötzlich übel wurde, alles sichere

Zeichen von Angst und Schrecken. Auch schien er keine Lust zu fühlen,

der Spur zu folgen, sondern kehrte nach dem Hause zurück, und noch

eine halbe Stunde danach standen seine Haare zu Berge, und sein

Gesichtsausdruck zeigte Haß und Furcht.

Bei näherer Untersuchung der gemiedenen Fährte entdeckte ich, daß das

entsetzte, tief gegurgelte »Grrhwuf« »Waldwolf« bedeutete.

Dies ist einiges von dem, was Bingo mich lehrte. Wenn ich ihn dann

später sah, wie er sich von seinem kalten, ungemütlichen Lager vor der

Stalltür erhob und sich streckte, den Schnee aus seinem zottigen Fell

schüttelte und in einem steten Trott in der Dämmerung verschwand, dann

pflegte ich zu denken:

»Aha, du alter Schwede, ich weiß schon, wo du hin willst, und warum

du den Schutz des Stalles verschmähst. Ich weiß auch, warum deine

nächtlichen Streifzüge so genau an bestimmte Zeiten gebunden sind und

woher du es weißt, wohin dich zu wenden, um den zu finden, den du

suchst.«

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 32 / 96 题