II.

[Illustration]

Den Rest des Winters verbrachte Bingo in unserem Schuppen. Er lebte

hier wie ein spieliger, fetter, wohlmeinender, aber stets verkannter

junger Hund, der sich gewöhnlich überfrißt, dabei aber von Tag zu Tag

größer und schwerer wird. Neugierig war er über alle Maßen, und selbst

eine höchst traurige Erfahrung vermochte es nicht, ihn zu überzeugen,

daß man die Nase nicht in eine Rattenfalle hineinstecken dürfe. Seine

Versuche, mit der Katze freundschaftlich anzubändeln, wurden von dieser

vollkommen mißverstanden und hatten nach einigen Scharmützeln zwar

einen Waffenstillstand zur Folge, der aber gar oft schnell gebrochen

wurde. Nach einigen Monaten zeigte Bingo, der schon früh seinen

Kopf für sich hatte, Neigung, im Pferdestall zu übernachten und mied

schließlich die Scheune ganz und gar.

[Illustration: Frank entzieht sich des wütenden Wolfes Ansprung]

Als das Frühjahr kam, befaßte ich mich ernstlich mit seiner Erziehung,

und nach mancher traurigen Erfahrung meiner- und seinerseits brachte

ich ihn so weit, daß er auf mein Geheiß auf die Suche nach unserer

alten gelben Kuh ging, die frei, auf einer uneingezäunten Wiese weidete.

Nachdem er dieses Geschäft einmal verstand, konnte man ihm mit nichts

eine größere Freude bereiten, als mit dem Befehl, hinauszulaufen und

die Kuh heranzutreiben, dann sauste er davon, bellte vor Vergnügen und

machte hohe Sprünge, um die weite Fläche auf der Suche nach seinem

Opfer besser übersehen zu können. Kurz darauf kehrte er dann zurück,

jagte die Kuh in tollem Galopp vor sich her, und gab ihr keine Ruhe,

bis sie pustend und völlig außer Atem in den äußersten Winkel ihres

Stalles getrieben war.

Etwas weniger Eifer von seiten Bingos würde gewiß befriedigender

gewesen sein, aber wir ließen ihn gewähren, bis die Sache anfing, ihm

zu viel Spaß zu machen und er die alte Kuh nach Hause brachte, ohne daß

es ihm geheißen war. Schließlich geschah es nicht nur ein- oder zweimal

des Tages, sondern wenigstens ein dutzendmal, daß dieser übereifrige

Kuhhirt davonlief und auf seine eigene Verantwortung hin das arme

Geschöpf heimjagte.

Zum Schluß artete Bingos Liebhaberei derartig aus, daß er, wenn er

sich nach etwas Körperbewegung sehnte oder einige Minuten Zeit finden

konnte, oder auch nur zufällig daran dachte, in vollster Karriere über

die Wiesen davonraste und wenige Minuten später zurückkehrte, dabei die

unglückliche gelbe Kuh im Kavalleriegalopp vor sich herjagend.

Zuerst maßen wir dieser Liebhaberei Bingos keinerlei Bedeutung bei, da

sie die Kuh hinderte, sich zu weit von der Ansiedelung zu entfernen,

aber bald kam es so, daß sie nicht mehr genügend fressen konnte; sie

wurde mager und elend und gab von Tag zu Tag weniger Milch. Sogar

auf ihr Gemüt schien die Hetze verderblichen Einfluß zu haben; denn

fortwährend beobachtete sie nervös und argwöhnisch den gehaßten Hund,

und am Morgen hielt sie sich ängstlich in der Nähe des Stalles, als ob

sie nicht wagte, sich davon zu machen und damit sofort das Opfer einer

hitzigen Jagd zu werden.

Das ging nun doch zu weit! Alle Versuche, Bingos Eifer zu mäßigen,

waren umsonst, und da nichts half, wurde er gezwungen, dieses Spiel

ganz aufzugeben. Auch dann noch fuhr er fort, sein Interesse an der

Kuh zu bezeigen, indem er stets vor der Stalltür lag, wenn sie gemelkt

wurde, obschon er nicht mehr wagte, sie heimzubringen.

[Illustration]

Der Sommer kam und brachte eine furchtbare Plage mit sich – die

Moskitos. Doch beinahe noch unerträglicher als die Quälgeister waren

die fortwährenden Pendelbewegungen des Kuhschwanzes beim Melken.

Mein Bruder Fred, der das Melken zu besorgen pflegte, war ebenso

unduldsam als erfinderisch und hatte eine höchst originelle und

einfache Idee, die Kuh am Peitschen mit dem Schwanze zu hindern. Er

befestigte einfach am Ende einen Ziegelstein und begann befriedigt und

mit erlöstem Behagen seine Arbeit, während wir anderen der Sache mit

zweifelhaften Blicken zusahen.

Plötzlich ertönte aus einer Wolke von Moskitos heraus ein dumpfer

Schlag und ein Ausbruch wenig salonfähiger, aber höchst angebrachter

Kraftausdrücke. Die Kuh fuhr ruhig fort, wiederzukäuen, bis Fred wieder

auf den Beinen war und sie wütend mit dem Melkschemel angriff. Es ist

gewiß schon schlimm genug, von einer dummen Kuh mit einem Ziegelstein

eine Kopfnuß zu bekommen, aber die schadenfrohe Freude und das

Gelächter der Zuschauer machte es einfach unerträglich.

[Illustration]

Als Bingo den Aufruhr im Stall vernahm und natürlich glaubte, daß man

seiner dabei benötigte, kam er hereingesaust und griff die Kuh von

der anderen Seite an. Nachdem zum Schluß alles wieder in Ordnung und

jedermann beruhigt war, war die Milch verschüttet, der Eimer und der

Schemel zerbrochen und der Hund und die Kuh jämmerlich geprügelt.

Dem armen Bingo war die ganze Sache vollständig unklar. Schon lange

hatte er die Kuh verachtet, aber jetzt beschloß er im höchsten

Unwillen, auch die Stalltür zu meiden, und hielt sich von diesem Tag an

ausschließlich zu den Pferden und deren Behausung.

Die Kühe auf unserer Farm gehörten mir, und die Pferde waren meines

Bruders Eigentum. Als nun Bingo seine Zuneigung und seinen Wohnsitz vom

Kuh- nach dem Pferdestall verlegte, schien er auch mich aufzugeben, und

mit unserer alten Kameradschaft hatte es ein Ende. Aber im Falle der

Not hielt er doch stets zu mir und ich zu ihm, und wir beide fühlten,

daß eine einmal gefaßte und tief gewurzelte Zuneigung zwischen Mensch

und Hund lebenslänglich ist.

Nur einmal noch war Bingo als Kuhhirt tätig, im Herbste des gleichen

Jahres auf dem Jahrmarkt von Carberry. Unter den Zugnummern befand

sich außer einer Viehschau auch die lockende Aussicht auf eine

hohe Ehrenauszeichnung und einen Barpreis von zwei Dollars für den

bestgezogenen Collie.

Durch einen falschen Freund überredet, ließ ich Bingo mit auf die Liste

setzen, und früh am festgesetzten Tage wurde die Kuh auf eine Wiese

außerhalb des Dorfes getrieben. Als der Zeitpunkt kam, an dem Bingo

seine Künste zeigen sollte, wurde ihm die in der Ferne friedlich

weidende Kuh gezeigt und ihm der Befehl erteilt, sie zu bringen,

natürlich in der Meinung, daß er sie nach dem Stande der Preisrichter

treiben sollte.

Aber die beiden Tiere wußten es besser, und nicht umsonst hatten sie

den ganzen Sommer über geprobt. Als die Kuh Bingo in Karriere auf sich

zukommen sah, wußte sie, daß ihre einzige Rettung war, sofort in den

Stall zu gelangen, und der Hund war ebenso überzeugt, daß seine einzige

Aufgabe darin bestände, ihr Tempo in dieser Richtung möglichst zu

beschleunigen. So rasten sie über die Prärie wie der Wolf hinter dem

Reh, und entschwanden in der Richtung nach der zwei Meilen entfernten

Farm unseren Blicken.

[Illustration]

Es war das letztemal, daß Preisgericht und Richter jemals Hund und

Kuh zu sehen bekamen, und der Preis wurde gerechtermaßen der einzigen

anderen Anmeldung zugesprochen.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 30 / 96 题