I.

Im Anfang November des Jahres 1882 war es, und ein richtiger

Manitoba-Winter setzte gerade mit aller Härte ein. Ich hatte mich

nach dem Frühstück auf einige Minuten behaglich in meinen Armstuhl

ausgestreckt und vertrieb mir die Zeit damit, durch ein kleines Fenster

zu schauen, das die Aussicht auf ein Stück Prärie und das Ende unseres

Kuhstalles gefällig einrahmte. Dann fiel mein Blick wieder auf den

alten Reim vom »Franzosenhund Bingo«, der auf den Wandbalken neben

mir aufgeklebt war. Da wurde das träumerische Anschauen von Reim

und Aussicht plötzlich durch den Anblick eines großen grauen Tieres

gestört, das über die Prärie herüber und gerade in unseren Kuhstall

hineinraste, hitzig verfolgt von einem kleineren schwarzweißen Wesen.

»Ein Wolf,« rief ich, ergriff meine Büchse und sprang hinaus, um dem

Hunde beizustehen. Aber ehe ich zum Stall gelangen konnte, waren sie

wieder auf und davon. Nach einer kurzen Strecke Laufs über den Schnee

beschrieb der Wolf einen Bogen, und der Hund, unseres Nachbars Collie,

umkreiste ihn, auf eine günstige Gelegenheit zum Zufahren lauernd.

Ich feuerte einige Schüsse aus beträchtlicher Entfernung ab, die aber

nur bezweckten, sie zu erneuter Hetze über die Prärie anzustacheln.

Nach kurzer Zeit hatte der Hund den Wolf eingeholt und packte ihn am

Schenkel, zog sich aber wieder zurück, um dem Ansprung des wütenden

Wolfes zu entgehen. Dann begann von neuem ein kurzes Scharmützel, das

in einer wilden Jagd endete, und diese Szene wiederholte sich beinahe

alle hundert Meter. Der Hund versuchte, den Wolf bei jedem frischen

Ansturm nach der Ansiedlung zu treiben, während dieser sich vergeblich

abmühte, nach dem dunklen Streifen des Waldes im fernen Osten zu

entweichen. Zuletzt, nach einer Meile hitzigen Laufes, die sie kämpfend

und rennend zurücklegten, überholte ich sie, und der Hund, der nun

wußte, daß er im Rücken gedeckt war, griff zum Entscheidungskampf an.

Nach einigen Sekunden löste sich das rollende Knäuel der zappelnden

Tiere auf, und man konnte einen Wolf erkennen, auf dessen Rücken sich

ein blutender Collie fest in den Nacken verbissen hatte. Es war mir

nun leicht, heranzutreten und dem Kampf durch einen wohlgezielten

Büchsenschuß in den Kopf des Wolfes ein Ende zu machen.

Als dieser Hund mit den beneidenswerten Lungen dann sah, daß sein

Gegner nicht mehr zuckte, würdigte er ihn keines Blickes, sondern

machte sich auf den Weg nach einer Farm, vier Meilen über der Prärie,

wo er wahrscheinlich seinen Gebieter verlassen hatte, als er den Wolf

aufspürte. Es war ein wunderbares Tier, das zweifellos dem Wolf auch

den Garaus gemacht hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre, denn

ich erfuhr später, daß er das bereits vorher noch mit anderen dieses

Gesindels getan hatte, obwohl die Wölfe, trotzdem sie der kleineren

Prärierasse angehörten, beträchtlich größer waren als er selbst.

[Illustration]

Bewunderung für den Heldenmut dieses Hundes erfüllte mich, und ich

versuchte sofort, ihn um jeden Preis zu erwerben. Jedoch bei meiner

Anfrage erhielt ich von seinem Besitzer nur die spöttische Antwort:

»Warum kauft Ihr nicht einen seiner Nachkommen?«

[Illustration]

Als ich so erfuhr, daß Frank, dies war der Name des Collies, nicht

feil war, mußte ich mich notgedrungen mit dem Nächstbesten, d. h. einem

seiner Sprößlinge oder besser einem Sohne seiner Gattin, begnügen.

Dieser nachgewiesene Abkomme einer edlen Familie war ein kleiner

rundlicher Ball, bedeckt mit schwarzen, weichem Fell, und sah mehr wie

ein langschwänziges Bärenjunges aus, als wie ein junger Hund. Dabei

trug er aber einige braune Abzeichen wie sein Vater und einen höchst

charakteristischen, weißen Ring, der wie ein Maulkorb um die Schnauze

lag. Diese einzige Ähnlichkeit mit seinem großen Erzeuger ließ mich von

künftigen Heldentaten träumen.

Nachdem ich ihn glücklich hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn

nennen sollte. Diese Frage war schnell gelöst, denn der Reim von des

»Franzosen Hund Bingo« war so eng mit unserer Bekanntschaft verknüpft,

daß wir ihn mit der nötigen Feierlichkeit »Bingo« tauften.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 29 / 96 题