~Die Entstehung des Abendmahlsberichtes des Cod. D. beruht auf

Reflexion.~ Ueberhaupt bricht sich die Ueberzeugung immer mehr

Bahn, dass seine Abweichungen durchweg diesen Charakter tragen.

Eine originelle Vorstellung der historischen Feier schwebt dieser

Berichtform gar nicht vor. Daher betrifft die Grundfrage der Textform

des Lukas gar nicht Cod. D, sondern die gewöhnliche Lesart. Wie kommt

Lukas dazu, den Bericht ~so ins Doppelte sich spiegeln zu lassen~,

dass der Versuch, diese Doppelheit als auf ein Versehen zurückgehend

zu korrigieren, sich in Cod. D notwendig einstellen musste? Diese

Frage ist aber gar keine textkritische mehr, sondern sie hängt mit

der Entwicklung der Feier im Urchristentum und der damit gegebenen

Verschiebung des Bildes des historischen Mahles zusammen.[14]

=2. Abweichende Lesarten.=

Die Frage, ob in den einzelnen Fällen εὐλογήσας oder εὐχαριστήσας

zu lesen ist, hat keine Bedeutung. Die beiden älteren Synoptiker

gebrauchen den ersteren, Paulus, Lukas und Justin den letzteren

Ausdruck.

Der Grund der verschiedenen Lesarten in Mt 26 _26_ ist leicht

einzusehen. Partizipien und erzählende Verben häufen sich in einer

Weise, dass man in keinem Falle eine schwerfällige und ungriechische

Konstruktion vermeiden kann. Ob man nun liest: λαβὼν ὁ Ἰησοῦς ἄρτον καὶ

εὐλογήσας ἔκλασεν καὶ δοὺς τοῖς μαθηταῖς καὶ εἶπεν,[15] oder ob man

eines der Partizipien auflöst und die Lesart erhält: λαβὼν ὁ Ἰησοῦς

ἄρτον καὶ εὐλογήσας ἔκλασεν καὶ ἐδίδου τοῖς μαθηταῖς καὶ εἶπεν[16]

bleibt sich gleich. Der Satz ist in jedem Falle formlos, weil er eine

Häufung von Handlungen auf einen Moment enthält, deren zeitlicher und

logischer Zusammenhang sich sprachlich gar nicht wiedergeben lässt. Die

Varianten beruhen auf der empfundenen darstellerischen Schwierigkeit,

die jeder auf eine andere Weise zu überwinden suchte.

Bei Markus treten die stilistischen Schwierigkeiten nicht so sehr

hervor. Er vermeidet nämlich die namentliche Nennung des Spenders

und der Empfänger, wodurch die matthäische Konstruktion so besonders

ungelenk wird.

Der paulinische und der justinische Bericht sind von dieser

Schwierigkeit befreit: sie vereinfachen die Situation, indem sie die

Darreichung (ἔδωκεν) und die Aufforderung zum Genuss (λάβετε) auslassen.

Das φάγετε in Mk 14 _22_[17] ist naive matthäische Nachbildung. Die

alten Zeugen bieten nur λάβετε.

Der Zusatz καινῆς, den einige Lesarten bei dem Wort über dem Becher in

Mk 14 _24_[18] bieten, beruht auf naiver Nachbildung der paulinischen

Version.

=3. Das Ergebnis der Textkritik.=

Die Verschiedenheit der Lesarten ist nicht darin begründet, dass

die eine mit ihren Wurzeln historisch höher hinaufreicht als die

andere. Sie gehen zum Teil aus der Schwierigkeit hervor, welche die

betreffenden Auffassungen haben, sich ~stilistisch darzustellen.~

Zum Teil entspringen sie der Tendenz, die Berichte einander

~gleichzubilden.~ Dazu war es aber schon zu spät: die verschiedenen

Typen hatten schon eine zu scharfe historische Ausprägung erhalten,

als dass es den nachbessernden Versuchen hätte gelingen können, den

Einheitstypus herzustellen, an dem die vorhergehende geschichtliche

Epoche sich vergebens abgearbeitet hatte.

Den letzten Versuch dieser Gleichbildung bietet der textus receptus,

sofern er den ersten Akt bei Paulus nach Analogie mit dem matthäischen

darstellt und dadurch eine Aufforderung zum Genuss einträgt (nehmet,

esset), die in I Kor 11 _24_ ursprünglich fehlt.

Die Aufgabe der Textkritik in der Abendmahlsfrage besteht darin, dass

sie jeden der Berichte in seiner charakteristischen Eigentümlichkeit

darstellt, indem sie ihn von den Spuren der versuchten litterarischen

Gleichbildung mit andern befreit. Diese Aufgabe, so bescheiden sie

scheint, ist von eminenter Tragweite. ~Hätte sich die Gleichbildung der

Berichte wirklich durchgesetzt, so wäre das Abendmahlsproblem unlösbar.~

Fussnoten:

[12] D, a, ff². Die Ausgabe von WESTCOTT und HORT hat diese Lesart

adoptiert.

[13] In derselben Absicht lässt syr^{cu} Vers _20_ aus und setzt dafür

Vers _17_ und _18_ ein.

[14] Eine eingehende Darlegung der Textfragen, welche den Lukasbericht

betreffen, findet sich in der Abhandlung von ERICH HAUPT.

[15] So א (sed δούς ex ἐδίδου korrigiert ab אª) BDLZ.

[16] ΑϹΓΔ.

[17] Mk 14 _22_: zu λάβετε zugesetzt φάγετε (EFHM²).

[18] Mk 14 _24_: τῆς διαθήκης (אBCDL).

Elftes Kapitel.

=Die Eigenart des Markusberichts= (Mk 14 _22-26_).

Der erste Akt besteht einzig darin, dass Jesus unter Gebet das Brot

bricht und es herumreicht; zugleich spricht er das Gleichniswort von

seinem Leib. Es fehlt, wie bei Matthäus, das uns aus Paulus gewohnte

ὑπὲρ ὑμῶν und über Matthäus hinaus das φάγετε.

Ist so im ersten Akt die ~Aufforderung zum Genuss~ in Hinsicht auf das

Gleichnis nicht ausdrücklich ausgesprochen, ~so fehlt sie im zweiten

vollständig.~ Es wird zuerst berichtet, dass Jesus allen den Kelch nach

dem Gebetswort herumgereicht habe und alle daraus getrunken haben (Mk

14 _23_). ~Darauf erst~ spricht er das Gleichniswort von dem für viele

vergossenen Blut (Mk 14 24).

BRUNO BAUER war meines Wissens der erste, der darauf hingewiesen, dass

Markus statt der Aufforderung zum Trinken die ~Konstatierung~ bietet,

dass alle getrunken haben. Er sieht darin nur eine Abschwächung gegen

Matthäus, da Markus sich scheue, die Aufforderung Jesu in vollem Umfang

aufrecht zu erhalten.

Dabei hat aber BRUNO BAUER nicht bemerkt, dass mit dieser Konstatierung

auch die gewöhnliche chronologische Folge vom Gleichnis zum Genuss

sich verschiebt, wodurch zugleich das uns geläufige kausale Verhältnis

zwischen Gleichnis und Genuss aufgehoben wird. Diesem Bericht zufolge

ist es unmöglich, dass Jesus oder die Jünger die Bedeutung des Trinkens

~aus dem Gleichnis herleiten~, weil dieses ja erst ~auf das Trinken

folgt~!

Zu beachten ist ferner, wie das weihevoll (ἀμήν) und nachdrücklich

gesprochene eschatologische Schlusswort von dem Neutrinken in dem Reich

des Vaters sich eng an das Gleichniswort anschliesst! Es bildet den

Höhepunkt der Feier (V. _25_), worauf alsbald der Aufbruch erfolgt.

~Diese eigenartigen Züge des Markusberichts sind bisher nicht

herausgearbeitet worden.~ Man hat ihn einfach nach den andern gedeutet.

Alle Berichte, so nahm man ohne weiteres an, bieten dieselbe Thatsache.

Beim letzten Mahl hat Jesus den Jüngern Brot und Wein so dargereicht,

dass sie die Elemente irgendwie als seinen Leib und sein Blut assen und

tranken. Das Fehlen des φάγετε bei Markus erklärte man daraus, dass

es sich von selbst verstehe. Die Eigentümlichkeit des zweiten Akts hob

man nicht einmal hervor, weil man sie — ohne sich davon Rechenschaft

zu geben — nach Matthäus und den andern interpretierte.

Diese Annahme, dass der Markusbericht im Grunde dasselbe besage wie

die andern, ist ~eine der unbewiesenen Voraussetzungen~, mit denen die

bisherigen Abendmahlsauffassungen operierten. Wenn wir nämlich nur den

Markusbericht hätten, käme niemand auf den Gedanken, dass Jesus seinen

Jüngern Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut ausgeteilt und sie

zum Genuss in diesem Sinne aufgefordert habe. Man würde die zeitliche

Folge im ersten Akt nach der des zweiten auffassen und als Thatbestand

feststellen, dass Jesus ~im Verlauf der Austeilung des Brotes das

Gleichnis von seinem Leib und =nach= der Herumreichung des Bechers

das Gleichnis von seinem Blut gesprochen habe.~ Wenn wir aber einen

Bericht haben, wo Jesus dem strikten Wortlaut zufolge weder seinen

Leib noch sein Blut zum Genuss ausgeteilt hat, so dürfen wir ihn nicht,

als handle es sich um eine gewisse Nachlässigkeit und Sparsamkeit im

Ausdruck, nach den andern auslegen, sondern wir müssen ihn mit ihnen

vergleichen und eine Auseinandersetzung herbeiführen. Daraus ergibt

sich dann die Tragweite der Abweichungen. Entweder handelt es sich

um eine absolut ~unverständliche Schilderung~, die man, weil sie mit

dem feststehenden Thatbestand absolut keine Verwandtschaft hat, als

Kuriosum nicht weiter zu beachten braucht, oder — ~wir haben den

authentischen Bericht vor uns, von dem die Untersuchung ausgehen muss.~

Diese Alternative ist nicht zu umgehen, sobald man sich die Eigenart

des Markusberichts klar gemacht hat.

Zwölftes Kapitel.

=Der Vergleich der Berichte.=

=1. Das Prinzip der Gleichbildung.=

Aeusserlich betrachtet zeigt sich die Eigenart des Markusberichts

darin, dass die beiden Akte an Umfang und Gesichtspunkten verschieden

sind. Der erste ist ganz kurz; er beschränkt sich auf das Gebetswort,

das Brechen zum Austeilen und die Gleichnisrede; der zweite enthält

das Gebetswort, die Austeilung, die Erwähnung des Genusses, die

Gleichnisrede, den Hinweis auf die Heilsbedeutung des Todes und

das eschatologische Schlusswort. Der Vergleich zeigt, dass bei

den andern Berichten die beiden Akte in steigendem Masse einander

~gleichgebildet werden~, sowohl dem Umfang nach, als auch hinsichtlich

der Gesichtspunkte, die sie enthalten. Wir erhalten zwei Parallelakte,

indem die Handlungen und Worte beim Wein genau denen beim Brot

entsprechen.

Diese Gleichbildung erfolgt entweder so, dass die Momente des zweiten

Akts in den ersten eingetragen werden (Matthäus, Paulus, Lukas), oder

so, dass der zweite Akt nach Analogie des ersten zusammengezogen wird

(Justin).

=2. Der matthäische Bericht= (Mt 26 _26-29_).

Matthäus befindet sich auf dem Wege zur Gleichbildung. Durch das φάγετε

ist die ausdrückliche Erwähnung des Genussmoments in den ersten Akt

aufgenommen. Da im zweiten an Stelle der Konstatierung ebenfalls die

Aufforderung zum Genuss getreten ist, so entsprechen sich beide Akte

in diesem Punkte vollkommen. λάβετε, φάγετε· τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου.

πίετε ἐξ αὐτοῦ πάντες· τοῦτο γάρ ἐστιν τὸ αἷμά μου. Die Gleichbildung

ist aber noch nicht vollständig vollzogen. Dem ersten Akt fehlt ein dem

Wort über die Bedeutung des vergossenen Bluts entsprechender Hinweis

(τὸ περὶ πολλῶν). Auch das eschatologische Wort, welches das Gleichnis

über dem Wein beschliesst, ist beim Brot noch nicht vertreten.

Zudem zeigt das im zweiten Akt stehen gebliebene πάντες, dass hier

eine Konstatierung in eine Aufforderung umgesetzt worden ist. Bei

der Konstatierung muss ja notwendig erwähnt werden, dass sie alle

davon getrunken haben. Bei der Aufforderung aber ist das πάντες

selbstverständlich, oder — wenn es die Weihe der Aufforderung

nachdrücklich hervorheben soll — wie kann es dann beim Brot fehlen?

Hier wäre es wirklich gefordert, da Jesus nicht ohne weiteres annehmen

kann, dass alle das Stückchen Brot, das er ihnen darbietet, auch

wirklich essen, während er dem Herumgehen des Kelches mit dem Auge

folgt. Bei Paulus, Lukas und Justin ist dann das πάντες, als nicht mehr

von Belang, auch wirklich ausgefallen.

Die Verbindung des eschatologischen Schlussworts mit dem Kelchwort nach

rückwärts, dem Aufbruch zum Leidensweg nach vorwärts ist bei Matthäus

noch gewahrt. Jedoch ist es mit dem Kelchwort nicht mehr durch das

gewaltige ἀμήν in Steigerung verbunden, so dass es, wie bei Markus, den

~Höhepunkt~ der ganzen Feier bildet, sondern es ist nur mehr eine mit

δέ ~beigeordnete Schlussbemerkung~ (Markus ἀμήν λέγω ὑμῖν, Matthäus

λέγω δέ ὑμῖν).

So befindet sich die Gleichbildung bei Matthäus noch im Fluss. Bei

Paulus ist sie schon viel weiter fortgeschritten.

=3. Der paulinische Bericht= (I Kor 11 _23-26_).

Hinter jedem Akt ist abschliessend angefügt: τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν

ἐμὴν ἀνάμνησιν. Durch Uebernahme eines auf die Bedeutung des Todes

hinweisenden Worts (τὸ ὑπὲρ ὑμῶν) gleicht sich der erste Akt dem

zweiten an. Nur das ἔκλασεν hat keine Parallele.

Bei Markus und Matthäus beschloss das Wort von der Wiedervereinigung

beim Mahl im zukünftigen Reich den Spruch über dem Becher. Nur

scheinbar ist es bei Paulus ausgefallen. Er setzt es vielmehr als

Abschluss ~bei beiden Akten voraus:~ ὁσάκις γὰρ ἐὰν ἐσθίητε τόν ἄρτον

τοῦτον καὶ τὸ ποτήριον πίνητε, τὸν θάνατον τοῦ κυρίου καταγγέλλετε,

ἄχρι οὗ ἔλθῃ (V. _26_).

~Bis dass er kommt~ — darin liegt die Erwartung des Kommens des Herrn

und des Anbruchs des Reiches. Dies darf man für die Erklärung des τοῦτο

ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν nicht ausser Acht lassen. Danach ist

die ἀνάμνησις doppelseitig: nach rückwärts eine Erinnerung an den Tod

Jesu, nach vorwärts ein Gedenken an seine Parusie. Die Feier gilt dem

Gekreuzigten, der als Messias bei seiner Ankunft offenbart werden wird,

als welcher er schon jetzt durch die Auferstehung zur Rechten Gottes

erhöht ist.

Bedenkt man nun, dass die historische Relation des eschatologischen

Schlussworts im zweiten Akt abgefallen ist, dass aber nach der

Vorstellung Pauli beide Akte mit der Erwartung der Parusie in

Zusammenhang stehen, so liegt es nahe, in dem τοῦτο ποιεῖτε, als

Konstatierung oder als Wiederholungsbefehl gefasst, ~die paulinische

Form des beiden Akten beigesetzten eschatologischen Schlussworts zu

sehen.~

Für den ersten Akt ist dies eine künstliche Angliederung, da historisch

dieser Hinweis nur mit dem Kelchwort in Beziehung steht, wo der

Genuss konstatiert ist; der erste Akt mit seinem ἔκλασεν ist gar

nicht darauf angelegt. Daraus entsteht bei Paulus eine unerträgliche

grammatikalische Verwirrung. Die Parallele zu dem ὁσάκις ἐὰν πίνητε,

das erwartete ὁσάκις ἐὰν ἐσθίητε, fehlt in der Form des τοῦτο ποιεῖτε

von V. _24_. Unter dem ποιεῖν kann also für den ersten Akt nur das

erwähnte ~Brechen~ verstanden sein. Aus V. _25_ und _26_ geht aber

hervor, dass, dem ποιεῖν des zweiten Akts entsprechend, der Genuss,

nämlich das Essen, darunter verstanden werden muss. Grammatikalisch

allein berechtigt wäre: so oft ihr dieses Brot brechet und diesen Kelch

trinket; thatsächlich aber soll es bedeuten: so oft ihr dieses Brot

esset. So ist auch das γάρ zu verstehen, welches V. _26_ mit V. _24_

und _25_ zugleich verbindet, sofern es als Wiederholung der dort von

Jesu gemeinten Handlung das Essen und Trinken voraussetzt.

Die Gleichbildung ist also trotz des latenten Widerstandes des ersten

Aktes erreicht. An beide Gleichnisse schliesst sich das Wort von der

Heilsbedeutung des Todes und der eschatologische Hinweis an.

Dabei entgeht Paulus durch die Form, in der er diesen Hinweis bietet,

einer grossen Schwierigkeit. Dieses Wort ist in der ursprünglichen

Gestalt ein ~Schlusswort.~ Fügt man es in dieser Form dem ersten Akt

an, so wird die Handlung in der Mitte auseinander gerissen, da dann

Jesus schon beim Brot die Feier beschliesst. Diese Schwierigkeit hat

Lukas gefühlt, als er die paulinische Vorstellung in den synoptischen

Bericht zu übertragen unternahm.

=4. Der lukanische Bericht= (Lk 22 _14-20_).

Lukas bringt zuerst das eschatologische Schlusswort in direkter Rede

für beide Akte. Für das Kelchwort lag die Form der älteren Synoptiker

vor. Er nimmt die Matthäusform, weil er die Aufforderung zum Genuss,

welche Paulus nicht bietet, voraussetzt. Durch die Auslassung des

Wortes vom Blut wird folgendes Kelchwort hergestellt Lk 22 _17_ u.

_18_: καὶ δεξάμενος ποτήριον εὐχαριστήσας εἶπεν· λάβετε τοῦτο καὶ

διαμερίσατε εἰς ἑαυτούς· λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ πίω ἀπὸ τοῦ νῦν ἀπὸ

τοῦ γενήματος τῆς ἀμπέλου ἕως ὅτου ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἔλθῃ.

Der Versuch nimmt sich gut aus; das διαμερίσατε hat zugesetzt werden

müssen, damit man die später folgende Darreichung des Kelches (V.

_20_) nicht vorwegnehme; das eingefügte γάρ stellt in Verbindung mit

dem διαμερίσατε zur Not einen logischen Gedankenzusammenhang her;

das καινόν (vgl. Mt 26 _29_) blieb besser weg, weil dieses Adjektiv

nachher als erklärender Zusatz zu διαθήκη figuriert; der Farbenton der

eschatologischen Aussage ist etwas verblasst (Matthäus ἕως τῆς ἡμέρας

ἐκείνης ὅταν αὐτὸ πίνω μεθ' ὑμῶν καινὸν ἐν τῇ βασιλείᾳ τοῦ πατρός μου·

Lukas ἕως ὅτου ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἔλθῃ).

Schwieriger war die Formulierung des eschatologischen Schlussworts für

den ersten Akt, da hier kein behauenes Material vorlag und das Wort

über dem Brot seinen Widerstand gegen die aufgezwungene Verbindung mit

irgend einem eschatologischen Hinweis schon bei Paulus hinreichend

bekundet hatte. Ein einziger Ausweg bot sich dar: das eschatologische

Schlusswort, da es einmal für die Handlung des Essens gefordert war,

auf die ganze Mahlzeit zu beziehen. Dieser Fassung kam der Gedanke

zu Hülfe, dass möglicherweise die historische Feier ein Passahmahl

gewesen; das neukonstruierte eschatologische Schlusswort für das Essen

bezieht sich bei Lukas also auf das Passahmahl, das Jesus mit den

Seinen feiert. _15_ καὶ εἶπεν πρὸς αὐτούς· ἐπιθυμίᾳ ἐπεθύμησα τοῦτο τὸ

πάσχα φαγεῖν μεθ' ὑμῶν πρὸ τοῦ με παθεῖν· _16_ λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ

φάγω αὐτὸ ἕως ὅτου πληρωθῇ ἐν τῇ βασιλείᾳ τοῦ θεοῦ.

Die Benutzung des Passahgedankens ermöglicht Lukas, eine Mahlfeier

darzustellen, ~bei der sowohl das Essen als das Trinken einen

eschatologischen Hinweis erhalten.~ Dabei wird aber die historische

Feier auseinandergerissen! Zuerst kommen die beiden eschatologischen

Worte; sie werden in den Verlauf der Passahmahlzeit gerückt. Das erste

bildet zugleich eine stimmungsvolle Einleitung. Von dem Wort über dem

Brot wird dadurch nichts vorausgenommen: nur mit dem Wort über dem

Becher hat es seine Schwierigkeit. Um das Kelchwort, welches dann bei

der eigentlichen historischen Feier eintritt, von dem vorhergehenden,

welches im Rahmen des Passahmahls verlief, genau abzuheben, wird es

in der paulinischen Form berichtet: τὸ ποτήριον μετὰ τὸ δειπνῆσαι

λέγων· τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ διαθήκη ἐν τῷ αἵματί μου: soweit

geht die Uebereinstimmung. Nun ist aber der eschatologische Hinweis

nach Paulus (I Kor 11 _24_ u. _25_ τοῦτο ποιεῖτε etc.) schon beim

ersten Passah-Kelchwort verbraucht; deswegen wird hier nach Matthäus

zurückmoduliert und τὸ ὑπὲρ ὑμῶν ἐκχυννόμενον eingesetzt; aus diesem

Grunde war schon an Stelle des paulinischen ἐν τῷ ἐμῷ αἵματι das

altsynoptische ἐν τῷ αἵματί μου eingetreten.

Der erste Akt wird nach Paulus beschrieben; aus den Synoptikern ist die

ausdrückliche Erwähnung der Darbietung (ἔδωκεν-διδόμενον) eingedrungen.

Das τοῦτο ποιεῖτε ist stehen geblieben, weil das eschatologische Wort

hinsichtlich des Essens sich auf das Passahmahl allgemein bezieht.

Der Bericht des Lukas erklärt sich litterarisch einfach als ein

Versuch, die bei Paulus erreichte Gleichbildung der beiden Akte

unter Zuhülfenahme des Zusammenhangs der historischen Feier mit dem

Passahmahl in die synoptische Geschichtserzählung zurückzutragen.

Daraus resultiert dann folgender Verlauf der Feier: Jesus weist zu

Anfang des Passahmahls darauf hin, dass er es erst im Gottesreiche

wieder mit den Jüngern feiern wird. Solches wiederholt er beim ersten

Herumreichen des Kelches. Bei einer Brotdarreichung im Verlaufe der

Feier spricht er das Gleichnis von seinem Leibe, desgleichen beim Kelch

das Gleichnis von seinem Blute. Beide Akte sind absolut gleich durch

die Geltendmachung des Heilswertes der Dahingabe (V. _19_ τὸ ὑπὲρ

ὑμῶν διδόμενον, V. _20_ τὸ ὑπὲρ ὑμῶν ἐκχυννόμενων). Auch bei dieser

Gleichbildung geht es ohne stilistische Härte nicht ab, sofern nämlich

im zweiten Akt von einem vergossenen Kelch die Rede ist, während das

Blut gemeint ist.

Wie bei Paulus werden beide Akte durch das τοῦτο ποιεῖτε abgeschlossen.

Wir haben also eine bis auf den gemessenen Rythmus in der Sprache sich

erstreckende Gleichbildung. Freilich ist dabei der Schluss der Feier

verloren gegangen. Das stolze Wort von dem Wiedertrinken in des Vaters

Reich ist schon für den Anfang der Passahfeier verbraucht, statt dass

es, wie bei Markus und Matthäus, zum Aufbruch überleitet. Dafür finden

hier die Episoden von der Bezeichnung des Verräters, dem Rangstreit

und der Verwarnung des Petrus ihren Platz (Lk 22 _21-38_), wobei die

Schilderung des feierlichen Aufbruchs nach dem Lobgesang (Mk 14 _26_

= Mt 26 _30_) unterbleibt. »Er ging nach seiner Gewohnheit an den

Oelberg« (Lk 22 _39_: καὶ ἐξελθὼν ἐπορεύθη κατὰ τὸ ἔθος εἰς τὸ ὄρος τῶν

ἐλαιῶν).

Eine originelle Auffassung von dem Wesen der historischen Feier liegt

dieser Darstellung nicht zu Grunde. In keinem Falle ist sie aus dem

Bestreben hervorgegangen, die Trennung des »Abendmahls« von der

gemeinsamen religiösen Mahlzeit, welche bei Paulus angebahnt sein

soll, historisch zu begründen! Dieser formlose Bericht ist nur aus dem

Prinzip παρηκολουθηκότι ἄνωθεν πᾶσιν ἀκριβῶς καθεξῆς γράψαι(Lk 1 3) zu

erklären.

Es ist daher nicht zu erwarten, dass durch Streichung oder

Versversetzung aus der lukanischen Darstellung sich ein Bericht

gewinnen lässt, der auf eine originelle ältere Vorstellung der

historischen Feier zurückgeht. Mehr als durch solche Versuche wird

man dem Wert der lukanischen Darstellung gerecht, wenn man das

schriftstellerische Geschick, das ästhetische Feingefühl und den

liturgischen Schwung würdigt, von denen diese Schilderung Zeugnis gibt.

=5. Der justinische Bericht= (I Apol. 66).

Hier vollzieht sich die Gleichbildung durch Verkürzung des zweiten Akts

nach Analogie des ersten. Die berichtete Feier beschränkt sich auf zwei

rätselhafte Worte Jesu. Nach einem Dankgebet über dem Brot spricht er:

»dies ist mein Leib«, desgleichen beim Kelch: »dies ist mein Blut«

(τὸν Ἰησοῦν λαβόντα ἄρτον εὐχαριστήσαντα εἰπεῖν· τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν

ἀνάμνησίν μου, τοῦτό ἐστι τὸ σῶμά μου. καὶ τὸ ποτήριον ὁμοίως λαβόντα

καὶ εὐχαριστήσαντα εἰπεῖν· τοῦτό ἐστι τὸ αἷμά μου).

Es fehlt das Brechen des Brots, der Hinweis auf den Wert der Dahingabe

und die Hervorhebung des erwarteten oder erfolgten Genusses im zweiten

Akt. Auch das eschatologische Schlusswort ist ausgefallen. Nur beim

ersten Akt findet sich das τοῦτο ποιεῖτε in der paulinischen Form,

wobei aus τὴν ἐμὴν ἀνάμνησίν (I Kor 11 _24_) τὴν ἀνάμνησίν μου geworden

ist.

Hier steigert sich aber der Widerstand des ersten Akts gegen einen

derartigen Eintrag bis zur Unerträglichkeit. Worauf soll sich das

ποιεῖν beziehen? Auf das vorausgehende Gebetswort? Das Brechen ist

nicht erwähnt, der Genuss vorausgesetzt, aber nicht hervorgehoben. So

ist das τοῦτο ποιεῖτε hier für die grammatikalische Auslegung sinnlos

und die Erwähnung desselben ~bei dem ersten Akt allein~ unverständlich.

Bei dieser verkürzten Darstellung ist die ganze historische Situation

interesselos geworden. Zwar erwähnt Justin Dial. 41, 70 und 117, dass

in der Gemeindefeier auch die Erinnerung an Jesu Tod mit hereinspielt.

In seinem Bericht aber fehlt jede Andeutung, dass dieses Mahl in der

Nacht vor dem Tod stattgefunden hat.

Aus dem »justinischen Bericht« allein wüssten wir also nur, dass Jesus

bei einem Mahle, nachdem er das Dankgebet über dem Brot gesprochen,

seinen Jüngern geboten habe, diesen Brauch zur Erinnerung an ihn

festzuhalten; danach habe er fortfahrend das gesegnete Brot als seinen

Leib und den gesegneten Kelch als sein Blut bezeichnet.

Dreizehntes Kapitel.

=Die Authentie des Markusberichts.=

=1. Der Beweis.=

Authentisch ist ein Bericht, ~welcher in keiner Weise durch die

Vorstellung von der Gemeindefeier beeinflusst ist.~ Der Markusbericht

ist authentisch, weil sich dieser Nachweis für ihn führen lässt.

Worauf beruht die ~Gleichbildung der beiden Akte~, welche alle

andern Berichte, wenn auch der Art und dem Grad nach verschieden,

im Unterschied zu Markus aufweisen? Auf dem Einfluss, welchen die

altchristliche Feier auf die Vorstellung der historischen ausübt. Die

Gemeindefeier war eine Mahlzeit, bei der dem Essen dieselbe Bedeutung

zukam wie dem Trinken. Ganz natürlich übertrug sich dies auf die

historische Feier. Man wusste also nicht anders, als dass Jesus beim

Brot und beim Wein in genau entsprechender Weise gehandelt und geredet

haben musste, sofern in der abgeleiteten Feier die gleiche Wertung des

Essens wie des Trinkens konstatiert wurde. So war die Gleichbildung der

beiden Akte für die historische Feier von der urchristlichen gefordert.

Besässen wir nun den Markusbericht nicht, so würden wir an der

Gleichheit der beiden Akte nichts Besonderes finden, da dies auch

unserem Empfinden als das Natürlichste erscheint. Alle modernen

Rekonstruktionsversuche der »ursprünglichen Einsetzungsworte« vertreten

die Gleichbildung ebenfalls. Wir sind also auch geneigt, die Gleichheit

der beiden Akte ohne weiteres für selbstverständlich zu halten.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Erstes Heft. Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte. · 第 5 / 6 段