Nun zeigt aber der Markusbericht, dass die Gleichheit der beiden

Akte nicht selbstverständlich ist. Also muss man entweder für die

Ungleichheit derselben bei ihm oder für die Gleichheit bei den andern

eine Erklärung suchen. Dabei ergibt sich, dass man wohl die andern

aus dem Markusbericht ableiten kann, ~nicht aber umgekehrt.~ Matthäus

und Paulus — der Lukasbericht ist ein rein litterarisches Produkt

— stellen die Feier nach dem zweiten Akt des Markus dar, Justin

nach dem ersten. Bringt man bei jedem die Gleichbildung der beiden

Akte entsprechend in Abrechnung, wozu die grammatikalischen Härten

und Unmöglichkeiten Anweisung geben, ~so erhält man jedesmal den

Markusbericht.~

Dabei zeigt sich in der Gleichbildung der beiden Akte noch eine

gewisse Entwicklung. Dass sie bei Matthäus noch nicht vollständig

durchgeführt ist, lässt erkennen, dass die Gleichheit der Akte nicht

das Ursprüngliche ist. Also muss sie ihren Grund in der historischen

Anschauung der alten Zeit haben, welche diese Berichte ~formuliert~

hat. Da dieser allein in dem Mahlzeitcharakter der Essen und Trinken

gleichwertenden Gemeindefeier gegeben sein kann, steht fest, ~dass

diese Berichte durch das Medium der altchristlichen Auffassung der

Gemeindefeier hindurchgegangen sind. Markus steht ausserhalb dieses

Prozesses, weil er die Gleichbildung nicht aufweist; also ist er

authentisch.~

Dass die Vorstellung der historischen Feier bei Paulus und Justin

in einem sehr hohen Masse durch die Auffassung der Gemeindefeier

bedingt ist, liegt auf der Hand. Der historische Bericht ist bei ihnen

ja nur Mittel zum Zweck. Er soll eine bestimmte Anschauung von der

Gemeindefeier vertreten. Die Art, wie sie beide in Verbindung setzen,

geht weit über unsere Begriffe hinaus. Wir verstehen die Gemeindefeier

immer nur als eine entsprechende ~Wiederholung~ der historischen,

sofern sie aus der letzteren begründet wird. Paulus und Justin setzen

beide gleich, indem sie die Gemeindefeier mit der historischen Feier

gegeben sein lassen. Dabei entstehen dann Gedankengänge, die für uns

ganz überraschend sind.

Es handelt sich um I Kor 11 _26_. In V. _24_ und _25_ vollzieht Jesus

die Einsetzung. Wer redet in V. _26_? Das γάρ, sofern es sich zum

Vorhergehenden begründend verhält, schliesst den Subjektswechsel aus.

Der Ausdruck τὸν θάνατον τοῦ κυρίου zeigt aber an, dass die historische

Situation verlassen ist und Paulus von der Gemeindefeier redet. Dazu

passt aber das γάρ nicht, denn was für die Gemeindefeier gilt, ist

nicht eine ~Begründung~ zu den Worten Jesu, sondern eine ~Folgerung~

aus dem historischen Spruch. In diesem Satz vollzieht also Paulus den

Uebergang von der historischen Feier zur Gemeindefeier so, dass er

beide für einen Augenblick gleichsam zusammenschiebt.

Darum schmilzt er zwei Sätze, von denen der erste der historischen

Situation, der zweite der Darlegung über die Gemeindefeier angehört,

ineinander.

1. Jesus zu den Jüngern im Anschluss an die Gleichnisse: »denn

(γάρ) so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Wein

trinket, verkündet ihr meinen Tod, bis dass ich komme.«

2. Paulus der Gemeinde das Wesen ihrer Feier aus der historischen

erklärend: »Darum (ὥστε), so oft ihr von diesem Brot esset und

von diesem Wein trinket, verkündet ihr des Herrn Tod, bis dass er

komme.«

Justin bietet ein Seitenstück zu diesem schillernden Uebergang. Er

fasst in der berühmten Darlegung I Apol. 65 und 66 die historische

Feier und die Gemeindefeier in einem gemeinsamen Ausdruck zusammen,

indem er sie bezeichnet als: ἡ δι' εὐχῆς λόγου τοῦ παρ' αὐτοῦ (sc.

Jesu) εὐχαριστηθεῖσα τροφή. Dieser Ausdruck bekundet eine Gleichsetzung

der beiden Feiern, die weit über unseren Begriff der entsprechenden

Wiederholung hinausgeht. Die Speise bei der Gemeindefeier ist, wie bei

der historischen, durch Jesu Gebetswort geheiligt. Ein Unterschied

besteht also nicht.

Was die Gleichbildung der beiden Akte anzeigt, wird durch die

Argumentierung, mit welcher Paulus und Justin die Gemeindefeier mit

der historischen Feier verbinden, bestätigt: Sie sehen die historische

Feier nur in der Beleuchtung der Gemeindefeier.

Solange die Textvergleichung ausschliesslich auf die Entdeckung der

wahrscheinlichsten und ansprechendsten Form der ~Einsetzungsworte~

ausging, bestand die Vorstellung der Möglichkeit einer paulinischen

oder justinischen Sondertradition zu Recht, da beide »die

Einsetzungsworte« in sowohl unter sich unabhängigen als von den beiden

älteren Synoptikern grundverschiedenen Fassungen boten. Prüft man aber

die ~Berichte als Berichte~, frägt man sie, ohne den verlockenden

Anpreisungen ihrer »Einsetzungsworte« Gehör zu geben, was sie von

dem Verlauf und dem Wesen des gesamten historischen Vorgangs, bei

welchem diese Gleichnisse geredet wurden, wissen, dann ist es mit der

Scheinoriginalität aus. Es zeigt sich, dass sie sich die historische

Feier der ihnen geläufigen Gemeindefeier entsprechend vorstellen,

nur dass Jesus dabei Speise und Trank austeilt und die bekannten

Gleichnisse redet. Also geht auch ihre Fassung »der Einsetzungsworte«

nicht auf eine paulinische oder justinische Sondertradition zurück,

sondern sie ist geschichtlich aus der vorausgesetzten Gemeindefeier zu

erklären. Paulus und Justin differieren in ihren »Einsetzungsworten«,

weil und insofern die justinische von der paulinischen Gemeindefeier

differiert. Zwischen beiden muss in der Auffassung der Feier eine

Wandlung eingetreten sein.

So führt die neue Problemstellung eine neue Auffassung der Authentie

mit sich, welche sich nicht mehr auf ~Meinungen, sondern auf Gesetze~

gründet. Als authentisch gilt nicht mehr die kürzeste oder scheinbar

klarste Relation »der Einsetzungsworte«, ~sondern die Darstellung des

gesamten historischen~ Vorgangs, für welche eine Beeinflussung durch

die Gemeindefeier nicht nachgewiesen werden kann, ob uns nun die

betreffende »Einsetzungsformel« zusagt oder nicht.

Bisher galt es für interessant, mit einer gewissen skeptischen

Nonchalance die Behauptung hinzuwerfen, dass wir über die Authentie

der Berichte niemals etwas wissen können. Selbst wenn unter unseren

Berichten ein authentischer sich befände, so hätten wir doch kein

Mittel, ihn unter den andern herauszufinden. Durch die neue Auffassung

der Authentie ist diese Skepsis abgethan. Wir besitzen einen

authentischen Bericht. Wer es bestreiten will, muss nachweisen, dass

der Markusbericht ein durch die andern Darstellungen desavouiertes

Phantasieprodukt ist. Authentisch oder sinnlos: das ist die einzig

offene Alternative.

=2. Die Folgerungen aus der Authentie des Markusberichts.=

Die neue Auffassung der Authentie bezeichnet den ersten Erfolg der

neuen Problemstellung. Er öffnet dem neuen Lösungsversuch den Weg.

Jesus forderte die Jünger auf, seinen Leib zu essen und sein Blut zu

trinken: dieser angenommene gemeinsame Thatbestand aller Berichte

schien den Weg zu versperren. Durch die Authentie des Markusberichts

wird aber dieser Scheinthatbestand ausser Kraft gesetzt. Es ist

historisch bestätigt, was aus der Kritik der modernen Auffassungen

geschlossen wurde: Jesus hat seine Jünger nicht aufgefordert, seinen

Leib und sein Blut zu geniessen, sondern er hat die Gleichnisworte im

Verlauf, nicht vor dem Genuss gesprochen. Das Kelchwort kommt erst,

nachdem alle getrunken haben!

Also haben wir einen Bericht, bei dem das Wesen der Feier nicht auf den

Gleichnissen, sondern auf dem feierlichen Vorgang beruht. Das hatte die

neue Problemstellung gefordert. Nun ist es Thatsache geworden. ~Also

ist das Abendmahlsproblem für die historische Kritik lösbar.~

=3. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis im Abendmahl.=

Die Bedeutung der Darreichung der Genusselemente bleibt vorerst

rätselhaft. Nur das Negative ist klar, dass nämlich die Gleichnisse

nicht aus der symbolischen Handlung des Brechens und aus dem

vorausgesetzten Ausgiessen des Weins an sich erklärt werden dürfen.

Das darstellende Moment spielt in den Berichten keine Rolle und

verschwindet zuletzt ganz, wie der justinische Text zeigt, wo das

Brechen nicht einmal mehr erwähnt wird.

Wollte man die Gleichnisse nach dem authentischen Markustext deuten, so

müsste man das erste aus dem Brechen, das zweite aus der Thatsache,

dass alle Jünger getrunken haben, erklären. Man bekäme also zwei ganz

verschieden geartete Gleichnisse.

Die Gleichnisse vom Leib und Blut müssen aber irgendwie den

Leidensgedanken enthalten. Dass Jesus damit das Geheimnis seines

Leidens zum letztenmal ausgesprochen hat, ist in den Umständen dieses

letzten Zusammenseins gegeben. Wenn wir also die Gleichnisse nicht

richtig zu verstehen vermögen, kann dies nur daran liegen, dass wir das

~Geheimnis des Leidensgedankens~ falsch auffassen.

Nun ist es die Eigentümlichkeit aller modern-historischen

Abendmahlsauffassungen, dass sie in der Feier ~den eschatologischen

Gedanken~ nicht zur Geltung bringen. Sie verwenden das Wort von dem

Neutrinken in des Vaters Reich nicht als eine das Wesen jenes letzten

Mahls mitkonstituierende Aussage, sondern machen daraus bestenfalls ein

Anhangswort.

Im Markustext nimmt es aber eine Hauptstellung ein. Es ist das mit

erhobener Stimme feierlich und eindringlich gesprochene Schlusswort

der Feier. Dabei hängt es mit dem Wort vom vergossenen Blut eng und

unzertrennlich zusammen, so dass es mit ihm einen einzigen Gedanken

zu bilden scheint. ~Diese enge Verbindung zwischen dem Todes- und

Wiederkunftsgedanken ist charakteristisch für den zweiten Akt der

Situation bei Markus.~

Demselben Zusammenhang begegnen wir aber auch bei Paulus und zwar in

beiden Akten. Nach ihm — und er beruft sich dabei ausdrücklich auf den

historischen Hergang — besteht die Bedeutung des Essens und Trinkens

irgendwie in der Verkündigung des Todes des Herrn zugleich mit der

Erwartung seiner Parusie. »So oft ihr dieses Brot esset und diesen Wein

trinket, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis dass er komme.«

In der authentischen Relation der historischen Feier und in der

ältesten Relation der Gemeindefeier haben wir also beidemal

eine organische Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der

eschatologischen Erwartung. Es ist daher falsch, das Wesen der Feier

in der letzten Aussprache des Todesgedankens allein zu finden.

~Nicht von seinem Tod, sondern von seinem Tod und der baldigen

Wiedervereinigung mit ihnen beim Mahle im neuen Reich~ hat Jesus zu

den Seinen geredet. Das Geheimnis seines Todes, welches bei dieser

Feier in der ergreifendsten und erhebendsten Weise zum letztenmal

von Jesus ausgesprochen wurde, enthält den Leidensgedanken im engsten

Zusammenhang mit der eschatologischen Erwartung.

Die modern-historischen Abendmahlsauffassungen sind also unhistorisch,

weil der Leidensgedanke, mit dem sie operieren, keinen Zusammenhang

mit der Eschatologie aufweist. Darum können sie den wesentlichen

Grundzug der historischen Feier und der ältesten Gemeindefeier nicht

zum Ausdruck bringen. Um das Wesen des letzten Mahles zu begreifen,

bedarf es daher eines Einblicks in den eschatologischen Charakter des

Leidensgeheimnisses Jesu. Diesen kann man nicht aus der Feier selbst

gewinnen, da Jesus dort das Geheimnis im Gleichnis ausspricht. Das

Gleichnis aber vermögen wir nicht zu deuten.

~Beim letzten Mahl handelt Jesus als Messias, und zwar als leidender

Messias.~ Wenn wir sein Handeln nicht verstehen, so liegt dies mithin

daran, dass wir sein Messianitäts- und Leidensgeheimnis falsch

verstehen. Das Abendmahl kann nur aus dem Zusammenhang des Lebens Jesu

begriffen werden. Unsere Abendmahlsauffassungen sind falsch — ~also

ist die Auffassung des Lebens Jesu, welche uns dazu geführt hat, auch

falsch.~

Das Abendmahlsproblem ist das Problem des Lebens Jesu! Eine neue

Abendmahlsauffassung kann nur aus einer neuen Auffassung des Lebens

Jesu hervorwachsen, welche das Messianitäts- und Leidensgeheimnis so

enthält, dass sein feierliches Handeln beim letzten Mahle begreiflich

und verständlich wird. ~Ein neues Leben Jesu:~ das ist der einzige Weg

zur Lösung des Abendmahlsproblems.

Anmerkungen zur Transkription:

Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die

Korrektur.

S. XV:

3. Das Ergebnis des Textkritik

3. Das Ergebnis der Textkritik

S. 13:

Vergleiche zum folgenden den verhängnisvollen Vortrag

Vergleiche zum Folgenden den verhängnisvollen Vortrag

S. 17:

sondern auf einer eschatologichen Vorstellung vom Endmahl

sondern auf einer eschatologischen Vorstellung vom Endmahl

S. 25:

wenn der Fall an sie herantritt, im stande seien, ihrerseits ihre Seele

wenn der Fall an sie herantritt, imstande seien, ihrerseits ihre Seele

S. 54:

τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ διαδήκη ἐν τῷ αἵματί μου

τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ διαθήκη ἐν τῷ αἵματί μου

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Erstes Heft. Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte. · 第 6 / 6 段