~Alle auf dem Genussmoment beruhenden Auffassungen legen Jesu moderne

Gedanken unter.~ Was er bei jenem Mahle zuletzt so besonders feierlich

sagte, muss für jeden Anwesenden unmittelbar verständlich gewesen

sein. Der Vergleichspunkt muss also in dem liegen, was er vor den

Augen der Jünger mit den Genusselementen vornimmt: in dem Brechen des

Brots und in dem Ausgiessen des Weins. Der Sinn der begleitenden Worte

bezieht sich auf den bevorstehenden Tod. »So wie dieser Wein alsbald

verschwunden sein wird, so wird alsbald mein Blut vergossen sein,

denn mein Tod ist eine beschlossene Sache; aber«, fügt er tröstend

hinzu, »es wird nicht umsonst vergossen, sondern »für viele« und —

ein bildlicher Ausdruck, der in dem Gedankenkreis des Passahtages lag

— als ein Bundesblut.« Nur den Gegenstand des Geniessens vergleicht

Jesus hier und dort mit seinem Leibe, ~auf das Geniessen reflektiert er

gar nicht.~ Höchstens insofern das Genussmoment aus dem vorhergehenden

darstellenden Moment irgend eine Bedeutung empfängt, kann man ihm

problematische Geltung zugestehen. So hatte die Feier ursprünglich

einen wehmütig schmerzlichen Charakter, welcher nur aus der Situation

begriffen werden kann.

Nun lässt die älteste Ueberlieferung Jesum durch nichts andeuten,

dass er jene sinnvolle Handlung auch künftighin von seinen Gläubigen

vollzogen sehen möchte. Wie hat man aber dann in der Urkirche aus

dieser historischen Feier so schnell eine zu steter Wiederholung

bestimmte Handlung machen können? Zuerst war es wohl ein inneres

Bedürfnis. Passahgedanken und Abschiedserinnerungen wirkten mit. Bald

fand die Wiederholung im Zusammenhang mit jedem Mahle statt und es kam

die Vorstellung eines ausdrücklichen darauf hinzielenden Gebotes Jesu

auf. »~So weit es irgend ging, wollte man die Situation von ehedem

reproduzieren, nur dass man jetzt auf das zurückblickte, was damals

angekündigt werden sollte~« (S. 247). Diese Feier wurde nach dem ersten

Akt kurz das Brotbrechen genannt. Bei der Austeilung der sakramentalen

Elemente hat man wohl nicht von jeher die Deutungs- respektive

Einsetzungsworte des Herrn verbotenus wiederholt, denn sonst würde

deren Ueberlieferung nicht so viele Differenzen aufweisen. Nach I Kor

11 _26_ hat man dabei nie versäumt, den Tod des Herrn zu verkünden,

also immer wieder das erschütternde Ereignis sich vor Augen zu stellen

und seine Notwendigkeit, wie seine segensreichen Wirkungen zu erörtern;

~aber das geschah in freien Formen.~

=4. Die Skepsis in den Auffassungen mit einseitiger Geltendmachung des

Darstellungsmoments.=

Die Darstellung JÜLICHER's bedeutet für die Abendmahlsauffassungen

mit konsequenter Zugrundelegung des Darstellungsmomentes das,

was die Abhandlung EICHHORN's für die das Genussmoment zu Grunde

legenden Auffassungen war. Beide zeigen durch die Konsequenz ihres

Gedankenaufbaus, dass die alleinige Betonung des von ihnen zu Grunde

gelegten Moments notwendig zum Skeptizismus führt. Dies tritt bei

EICHHORN darin zu Tage, dass er die historische Feier, von der

urchristlichen Gemeindefeier aus betrachtet, nicht zu erklären vermag.

JÜLICHER kann die Gemeindefeier von der historischen Feier aus nicht

erklären.

Er hat ganz Recht, wenn er sagt, dass die Zugrundelegung des

Genussmoments die Zuhülfenahme moderner Gedanken zur Erklärung der

historischen Worte Jesu fordere. Heisst es aber nicht ebenso sehr

moderne Gedanken auf vergangene Zeiten übertragen, ~wenn man sich die

urchristliche Feier als gewollte, möglichst genaue Reproduktion der

Situation von ehedem begreiflich machen will~? JÜLICHER's Auffassung

könnte die zwinglische Gemeindefeier erklären — und da fehlte ihm noch

der Wiederholungsbefehl — aber niemals die urchristliche religiöse

~Gemeindemahlzeit.~

Die Schwierigkeiten werden gerade durch seine scharfe und

logisch einheitliche Gesamtauffassung mit absoluter Deutlichkeit

herausgearbeitet. Er erlaubt sich nicht zwischen dem Abendmahl im

eigentlichen Sinne und der Gemeindemahlzeit zu unterscheiden. Mit

diesem Spielraum hatten die doppelseitigen Darstellungen aller

Schattierungen operiert und damit die grössten Schwierigkeiten

überwunden. ~Die ganze Gemeindefeier ist »Herrenmahlzeit«~ — so sagt

JÜLICHER und stimmt dabei mit niemand so vollkommen überein als mit

SPITTA und EICHHORN.

Damit ist aber die Antinomie, welche zum Skeptizismus führt, notwendig

gegeben. Die Gemeindefeier, auf die JÜLICHER von seiner Auffassung

der historischen Feier aus kommt, ist eine Fiktion, welche der

wirklichen urchristlichen Mahlfeier geradezu widerspricht, da die

letztere »keine Reproduktion der Situation von ehedem« war. Wie die

Wiederholung aufgekommen, vermag er in keiner Weise darzuthun. »Dass

es zunächst wohl ein inneres Bedürfnis war, bei dem Passahgedanken und

Abschiedserinnerungen mitwirkten«: diese problematische und gewundene

Annahme erklärt für die Wiederholung gar nichts.

Nun könnte JÜLICHER durch den Wiederholungsbefehl um die Schwierigkeit

herumkommen. Das erlaubt ihm aber sein exegetisches Gewissen nicht.

Obwohl er ihn absolut notwendig brauchte, verzichtet er darauf,

weil er durch die beiden ältesten Synoptiker nicht bezeugt ist.

Seine ansprechende Auffassung ist aus der exegetischen Betrachtung

der Berichte erwachsen. Gerade die Exegese beraubt ihn aber der

einzigen Möglichkeit, die Wiederholung der von ihm geschilderten

Feier im Urchristentum auch nur einigermassen begreiflich zu machen.

Die urchristliche Feier als Reproduktion der historischen Situation

ohne Wiederholungsbefehl ist einfach undenkbar. Also stehen wir

hier vor einer vollständigen Selbstauflösung. Um das Aufkommen der

urchristlichen Feier zu erklären, müsste JÜLICHER eine unabhängig von

den Berichten gegebene Thatsache postulieren — wie EICHHORN es thut,

um das Aufkommen des historischen Berichts fasslich zu machen.

Die konsequente Geltendmachung des Darstellungsmoments führt also zu

derselben Skepsis, wie die einseitige Herausarbeitung des Genussmoments.

Neuntes Kapitel.

=Die neue Problemstellung.=

=1. Das Ergebnis der Untersuchung.=

Die Auffassungen mit einseitiger Betonung des Genussmoments können nur

die ~urchristliche~, nie die ~historische~ Feier erklären.

Die Auffassungen mit einseitiger Betonung des Darstellungsmoments

können nur die ~historische~, nie die ~urchristliche~ Feier erklären.

Die doppelseitigen Auffassungen können die ~historische~ Feier nur in

dem Masse erklären als sie die ~urchristliche~ nicht erklären, und

umgekehrt.

Also vermag keine dieser Auffassungen das Abendmahlsproblem zu lösen,

da dieses gerade verlangt, ~dass beide Feiern in ihrem gegenseitigen

Zusammenhang begriffen werden!~

Durch diese Sätze werden nicht bloss die hier besonders analysierten

Auffassungen betroffen. Diese sind nur Typen für so und so viele

andere, die schon veröffentlicht worden sind oder noch im Zeitenschosse

schlummern. Vergangen oder zukünftig: alle werden sie durch die obigen

drei Sätze schon im Vorverfahren abgethan. Ehe sie überhaupt gehört

werden können, müssen sie zuerst nachweisen, dass sie etwas anderes

sind als eine neue Kombination von Darstellungs- und Genussmoment.

Können sie das nicht, so sind sie von vornherein abgewiesen, denn

dann vermögen sie das Problem nicht zu lösen. Es kommt ja nicht auf

ihr bestimmtes Gepräge oder auf die Art, wie sie sich historisch und

exegetisch darstellen, an, ~sondern nur auf das Verhältnis, in dem das

Darstellungs- und das Genussmoment darin zu einander stehen.~ Alles

andere ist Beiwerk.

Jede Auffassung ist durch die Formel bedingt, welche das von

ihr angenommene Verhältnis des Darstellungs- zum Genussmoment

ausdrückt. Damit ist ja ihre Stellung zu den Einzelfragen — dem

Wiederholungsbefehl, der Deutung der Gleichnisse, der Form der

angenommenen urchristlichen Feier u.s.w. — entschieden. ~Man kann

sie danach geradezu ausrechnen.~ Was die Verfasser dann noch von dem

Ihrigen an geistreichen Einfällen, exegetischen Funden und genialen

Inkonsequenzen hinzuthun, das ist alles ohne Belang. Ohne dass sie es

wissen, folgen sie ja einem inneren Zwang. Weil sie ~müssen~, nehmen

sie die schwersten exegetischen Hindernisse! Weil sie ~nicht anders

können~, übersehen sie schwerwiegende historische Fragen! Weil sie die

Verschnörkelungen am Erker nach freiem Bedünken entwerfen dürfen, sind

sie — und die andern mit ihnen — geneigt zu vergessen, dass ihnen der

Grundriss des Baues aufgegeben ist.

Unter den gegebenen Voraussetzungen gibt es keine neuen

Abendmahlsauffassungen mehr. Ob auch eine aus einer exegetischen

oder historischen Beobachtung hervorwächst, kann sie im Grunde doch

nichts anderes sein, ~als die Wiederholung oder Modifizierung einer

schon vorhandenen, nämlich der, mit welcher sie die Formel über das

Verhältnis der beiden Momente gemein hat.~ Wollte man sich die Mühe

geben, den Stammbaum der vorhandenen Auffassungen aufzustellen, so

würde es nicht schwer halten, jeder ihre Vorfahren zu entdecken.

Die Darstellungen mit einseitiger Herausarbeitung des Genussmoments

sind nur die wissenschaftlich-historische Reproduktion der

altgriechischen Auffassung.

ZWINGLI hat die römische Theorie rationalisiert und ist von JÜLICHER

ins modern-geschichtliche übertragen worden.

Die doppelseitigen Auffassungen geben die Vermittlungsversuche

zwischen der Messe und dem griechischen Mysterium und diejenigen der

Reformationszeit in historischer Form wieder. Man kann also ruhig

sagen, dass alle möglichen Kombinationen der beiden Momente schon

erschöpft sind.

Mit »neuen Auffassungen« ist also nichts gethan; neu daran ist immer

nur der Einfall, nie die Formel — ~und auf letztere kommt es allein

an.~ Darum führt die Detailauseinandersetzung mit einer solchen neuen

Auffassung zu gar nichts. Das für »richtig« und das für »falsch«

Befundene hängen ja gesetzmässig zusammen: eins ist nur insofern

richtig, als das andere falsch ist.

Daran liegt es, dass Arbeiten in der Art, wie sie RUD. SCHÄFER,

CLEMEN[11] und SCHMIEDEL zu den neuesten Aufstellungen geliefert haben,

trotz aller abwägenden Gewissenhaftigkeit die Forschung nicht in dem

Masse des aufgewandten Scharfsinns vorwärts bringen. Aus dem, was sie

anerkennen, lässt sich keine neue Auffassung zusammenbauen, und das,

was sie auszusetzen haben, reicht nicht hin, die andere zu verwerfen,

wenn man nichts Besseres an die Stelle zu setzen hat.

Diejenigen, welche unter den gegebenen Verhältnissen neue

Abendmahlsauffassungen aufstellen, rechnen ein Exempel, das bisher nie

hat wollen aufgehen, zum so und sovielten Male durch. Ihre Kritiker

rechnen das Exempel zum so und sovielten Male nach. Auf geht es aber

darum doch nicht.

~Es kann nie aufgehen.~ Darum nützt es nichts, immer mit Eifer und

Sammlung von vorn anzufangen. Man muss den Fehler nicht in der

Rechnung, sondern im Ansatz suchen. Die bisherigen Auffassungen

bringen es nicht über dialektische Behauptungen hinaus, welche als

Ganzes aus den geschichtlichen Thatsachen weder zu beweisen noch zu

widerlegen sind.

~Es gilt also sich von der bisherigen Problemstellung loszumachen.~

~Wo liegt der Grund des Metaphysischen in der Abendmahlsfrage?~

=2. Der neue Weg.=

Bisher galt der Satz: Um das Abendmahl zu erklären, muss man von der

Deutung der Gleichnisse ~ausgehen~, denn diese konstituieren das Wesen

der Feier. So suchte man sie aus dem Genuss, oder aus dem Handeln, oder

aus beiden zusammen zu deuten — und, wenn man eine plausible Erklärung

gefunden hatte, glaubte man den Schlüssel zum Abendmahl zu besitzen.

Nun gilt es aber zwei Thüren zu öffnen: der betreffende Schlüssel passt

aber jedesmal nur zu einer. Angenommen SPITTA und die andern deuten die

Gleichnisse richtig auf das Urchristentum: der historischen Situation

entspricht aber ihre Erklärung nicht. Angenommen JÜLICHER und die

andern deuten sie richtig aus der historischen Situation: im Sinne des

Urchristentums ist aber ihre Erklärung nicht, denn dort kommt in keiner

Weise zum Ausdruck, dass die Handlung Jesu den Tod versinnbildlichte.

Man hat aber allen Grund zu fragen, ob die Gleichnisse aus der sie

begleitenden Handlung ~so ohne weiteres~ deutbar sind. Alle Erklärungen

werden ja auf Umwegen erreicht! Wieso soll das Brechen des Brots die

Kreuzigung des Leibes anzeigen? Ist diese Erklärung etwa deswegen

einleuchtender, weil es die einzige ist, welche die begleitende

Handlung offen lässt? Wer sagt uns, dass es die Jünger so verstanden

haben können? In der urchristlichen und altchristlichen Epoche, ja

eigentlich bis auf ZWINGLI weiss kein Mensch etwas von dieser Deutung.

Mit dem Wort über dem Kelch steht es noch schlimmer. Hier muss man

nämlich, um dem Gleichnis einen Sinn abzugewinnen, den Vergleichspunkt

zur Handlung ~geradezu hinzuerfinden.~ Berichtet ist nur das

~Herumreichen~ des Kelches. Dieses ist aber für das »~Vergiessen

des Blutes~« nicht charakteristisch. Das einzig Erträgliche wäre

das »~Ausgiessen in den Kelch~«. ~Obwohl nun diese Handlung in

keinem Berichte erwähnt ist~, haben es alle exegetischen Deutungen,

welche auf dem Darstellungsmoment beruhen, mit dem »~Ausgiessen~«

des Weines in den Kelch zu thun. Aus der inneren Zwangslage heraus

schaffen sie frei ein ~Analogon zum Brotbrechen~, ohne sich darüber zu

rechtfertigen, wie sie dazu kommen, die Situation in unerlaubter Weise

zu bereichern.

Wo steht denn geschrieben, dass Jesus den Wein in den Kelch vor den

Augen der Jünger bedeutungsvoll eingoss, wie er das Brot brach?

Nirgends! Also beruht die exegetische Deutung des zweiten Gleichnisses

~auf reiner Erfindung.~

Gestehen wir es offen ein: es fehlt uns jegliche Anleitung zu einer

natürlichen Deutung der Gleichnisse. Ueber Künstelei haben wir es

dabei nicht hinausgebracht. Unser Schlüssel ist nur ein schlechter

Nachschlüssel: er passt zur Not in das eine Schloss, aber nicht in

beide. ~Und aus dieser Notdeutung der Gleichnisse wollen wir die ganze

historische und urchristliche Mahlfeier erklären!~

Wenn man in dieser Notlage einmal den noch einzig möglichen Ausweg ins

Auge fasste! Es geht nicht an, ~die Feier durch die Gleichnisse zu

erklären.~ Versuchen wir es mit dem umgekehrten Verfahren, nämlich ~die

Gleichnisse aus der Feier zu erklären~!

Freilich, am Anfang scheint das nur das letzte verzweifelte Rütteln an

der verschlossenen Thür. Aber überlegen wir die Sache einmal ruhig.

Beim Abendmahl handelt es sich um die Austeilung von Seiten Jesu, um

den Genuss von Seiten der Jünger und um zwei Gleichnisse, welche mit

dem Vorgang ~zusammenfallen.~ Ich sage ~zusammenfallen~! In einer

~Situation~ können Handlungen und Reden zeitlich zusammenfallen,

während sie in dem Bericht nur in zeitlicher Folge geschildert

werden können, weil die Worte jedes Nebeneinander notwendig in eine

Aufeinanderfolge auseinanderlegen.

So halten unsere Berichte die Reihenfolge: Austeilung, Gleichnis,

Genuss inne, als hätte Jesus zuerst symbolisch gehandelt, dann

ausgeteilt, dann das erklärende Gleichnis gesprochen, worauf zuletzt

die Jünger verständnisvoll gegessen hätten.

Versucht man es aber einmal, sich den berichteten Vorgang als Scene

vorzustellen, so merkt man bald, ~dass die säuberliche chronologische

Folge stark illusorisch wird.~ Man denke sich die 12 Menschen,

die wie auf eine innere Verabredung hin mit dem Essen des ihnen

zugeteilten Stückes warten, bis Jesus das Gleichniswort gesprochen! Wie

unnatürlich, ja unmöglich diese Scene in der gedachten chronologischen

Folge der Handlungen ist, kann man in Oberammergau sehen, wenn sie ins

Leben übersetzt wird! Es lässt sich kaum etwas Unnatürlicheres und

Geschraubteres denken.

Für den, welcher eine berichtete Situation mit dem Blick des Malers in

der Wirklichkeit zu schauen vermag, bleiben nur zwei Möglichkeiten.

Entweder hat Jesus jedem Einzelnen das Brot zugeteilt und dabei

für jeden Einzelnen das Gleichniswort wiederholt: dann ist die

chronologische Folge so haltbar. Oder aber, wie feststeht, er hat allen

zusammen Brot ausgeteilt und das Gleichniswort nur einmal gesprochen:

dann ist die chronologische Folge, mit der wir bisher operierten,

illusorisch geworden. Sie besagt dann nur, dass Jesus im Verlauf der

Austeilung des Brotes und während des Herumreichens des Bechers die

Gleichnisworte vom Leib und vom Blut gesprochen! ~Ob zu Anfang, in der

Mitte oder zu Ende, ob vor, während oder nach dem Essen und Trinken:

das ist nicht auszumachen.~ Unsere Berichte geben uns darüber keinen

Aufschluss.

Aus der angenommenen ~chronologischen~ Folge haben die bisherigen

Auffassungen ohne weiteres eine ~causale~ gemacht. Man sagte: Die

Austeilung und das dabei vorkommende Brechen und Ausgiessen begründet

das Gleichnis, das Gleichnis soll den Jüngern die Bedeutung des

Genusses erklären, und die Bedeutung des Genusses macht das Wesen der

Feier aus.

Aus einer angenommenen zeitlichen Folge eine causale zu machen, das ist

ein Fehler, den das menschliche Denken trotz aller Warnungen immer und

immer wieder macht und sich dadurch die grössten Probleme schafft.

~Nun zeigt die Geschichte, dass gerade diese angenommene causale Folge

das Abendmahlsproblem unlösbar macht.~ Andererseits beschränkt sich

unsere Kenntnis von der Situation darauf, dass Jesus im Verlauf der

Austeilung die Gleichnisse gesprochen hat. Also machen wir uns von dem

Vorurteil los, als ob die Gleichnisse die Feier konstituierten, und

fassen das Problem so, ~dass die Feier die Gleichnisse erklärt.~ Anders

ausgedrückt: Man meinte bisher, dass Jesus die Jünger aufforderte, das

dargereichte Brot und den herumgereichten Wein zu geniessen, ~weil er

sie als seinen Leib und sein Blut bezeichnet hatte~ (wobei freilich

niemand sagen kann, in welchem Sinne sie mit Brot und Wein seinen Leib

und sein Blut assen und tranken).

Wir aber gehen jetzt davon aus, dass Jesus von dem Brot und dem Wein,

die seine Jünger auf seine Darreichung hin genossen, sagt, sie wären

sein Leib und sein Blut, ~gerade im Hinblick darauf, dass sie es auf

seine Darreichung hin geniessen~! Sie essen also nicht seinen Leib und

trinken nicht sein Blut, sondern, ~weil sie jenes Brot essen und jenen

Wein trinken~, sagt er, es ~sei sein Leib und sein Blut~! Das Gleichnis

konstituiert also die Feier nicht, sondern es erwächst aus ihr!

Die Feier ist selbständig! Sie besteht darin, dass Jesus unter

Danksagung seinen Jüngern das Brot bricht und den Kelch herumreicht und

sie davon geniessen. Zum Wesen der Feier gehören die Gleichnisse nicht,

sondern Jesus spricht in diesen geheimnisvollen Worten die Bedeutung

aus, welche die Feier für ~ihn~ hat!

Diese zweite Eventualität liegt gerade so gut in den Berichten wie

die erste. Nur ging man immer an ihr vorüber, weil die chronologische

Folge der Handlungen in der schriftstellerischen Darstellung die

Aufmerksamkeit ganz für die erste gefangen nahm.

Nun ist aber logisch festgestellt, dass die bisherige Annahme das

Problem vollständig unlösbar macht. Also muss man es notgedrungen mit

der zweiten probieren.

Ueberdies spricht die Geschichte gerade für die zweite. Es steht fest,

dass die Leidensgleichnisse in der urchristlichen Feier ~keine Rolle~

spielten. Sie wurden im Verlauf der Feier in keiner Weise reproduziert!

Dafür sprechen Didache und Paulus, denn wenn sie aus dem alltäglichen

Verlauf der Feier bekannt gewesen wären, bliebe I Kor 11 _23_

unverständlich, da hier dann etwas Bekanntes in geheimnisthuerischer

Weise wiederholt würde! Es stand also im Urchristentum so: Man wusste

wohl, dass diese Gleichnisse bei der historischen Feier gesprochen

worden waren, die Gemeindefeier leitete sich von dieser historischen

Feier ab: ~aber doch fühlte man kein Bedürfnis, die historischen

Gleichnisse Jesu dabei irgendwie zu reproduzieren. Also war die

historische Feier, sofern sie sich in der Gemeindefeier fortsetzte,

von den Gleichnissen unabhängig~, da man sonst auch die Gleichnisse

wiederholt hätte. Das ist durch die Geschichte bezeugt.

Darum hat es das Abendmahlsproblem gar nicht mehr mit den beiden

unmöglichen Fragen zu thun, wieso Jesus seinen Jüngern seinen Leib zu

essen und sein Blut zu trinken gegeben habe und wie sie diese Feier

später in entsprechender Weise reproduzierten, sondern das Problem

selbst ist ein ganz anderes. Es heisst nicht mehr: ~Was bedeuten die

Gleichnisse~, damit wir die Feier erklären können? sondern: ~Was

bedeutete die Feier~, damit wir die ~Gleichnisse~ erklären können.

~In welchem Sinne war die Austeilung von Brot und Wein beim letzten

Mahl ein so überaus feierlicher Akt, der sich auf Jesu Tod bezog?~ —

von dieser Frage hat die Untersuchung auszugehen, indem sie die

Gleichnisse vorerst ganz bei Seite lässt. Es ist der einzige Weg zur

Lösung des Problems.

Fussnoten:

[11] Der Ursprung des heil. Abendmahls von Lic. Dr. KARL CLEMEN. 1898.

Hefte zur christl. Welt No. 37.

Zweiter Teil.

=Das Abendmahlsproblem auf Grund der historischen Berichte.=

Zehntes Kapitel.

=Die textkritischen Fragen.=

=1. Cod. D. Die textkritische Hauptfrage.=

Es handelt sich um den Lukasbericht (Lk 22 _15-20_). In der

gewöhnlichen Fassung zeigt er ein eigentümliches Gepräge. Er bietet

zunächst ein Wort über den Passahgenuss in dem zukünftigen Reiche.

Darauf folgt ein ähnliches Wort, den Becher betreffend, welches mit

dem synoptisch-eschatologischen Schlusswort nach Markus und Matthäus

übereinstimmt. Nachdem so gleichsam ein erster Redegang über das Essen

und Trinken abgeschlossen ist, kommt das Wort über dem gebrochenen

Brot und über dem Wein als Bundesblut; bei letzterem fehlt dann das

bei den beiden älteren Synoptikern den zweiten Akt beschliessende

eschatologische Schlusswort.

Wir haben also eine merkwürdige Doppelheit: zwei Worte das Essen, und

zwei den Kelch betreffend. Von den beiden auf das Essen bezogenen

Worten handelt nur das zweite von dem Genuss des Brots, während das

erste vom Passah allgemein redet. Die Doppelheit ist also hier nicht so

auffällig, wie in den beiden das Trinken betreffenden Worten, welche

sich beide auf den Kelch beziehen. Das zweite nimmt sich wie ein

Nachtrag zum ersten aus, da es ohne das eschatologische Schlusswort

steht, die Aufforderung zum Genuss nicht enthält und überhaupt in

dieser Form der Feier keinen abrundenden Abschluss gibt, wie es das

altsynoptische Kelchwort thut.

Als daher diese eigentümliche Doppelheit in dem Lukasbericht auffiel,

war die natürlichste Korrektur schon gegeben: das zweite Kelchwort,

da die Aufforderung zum Genuss schon im ersten enthalten schien,

zu streichen, dagegen das zweite Wort über dem Brot, das in seiner

spezifischen Eigenschaft vorher nicht erwähnt war, zu belassen, weil

es die Aufforderung zum Genuss enthält. Es ist die Korrektur von Cod.

D.[12] Er schliesst mit den Worten: τοῦτό ἐστι τὸ σῶμά μου (V. _19ª_).

Entschliesst man sich einmal zu diesem so natürlichen Abstrich, so

liegt gar kein Grund mehr vor, das Kelchwort mit seiner Aufforderung

zum Trinken sich zwischen die beiden auf das Essen bezogenen Aussagen

eindrängen zu lassen und sie unnatürlich auseinanderzureissen; man

moduliert nach der ursprünglichen synoptischen Harmonie zurück, sodass

das eschatologische Schlusswort beim Kelch wieder ans Ende kommt. Tritt

dementsprechend V. _17_ und _18_ hinter _19ª_, so erhält man einen

Bericht, der sich von dem gewöhnlichen nur dadurch unterscheidet,

dass er vor dem Brotwort ein Wort über das Passah bringt, welches dem

eschatologischen Schlusswort über dem Kelch nachgebildet ist. Dieses

Verfahren findet sich bei b c.[13]

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Erstes Heft. Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte. · 第 4 / 6 段