=2. Die modernen Versuche. W. Brandt, Fr. Spitta, A. Eichhorn.=

Vergleiche zum Folgenden den verhängnisvollen Vortrag von E. GRAFE

(Die neuesten Forschungen über die ursprüngliche Abendmahlsfeier.

Zeitschrift für Theologie und Kirche 1895) und die klare

Zusammenfassung von RUD. SCHÄFER (Das Herrenmahl nach Ursprung und

Bedeutung 1897).

Erst das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bietet eine Abhandlung,

in der die bei STRAUSS, BAUER und RENAN angedeuteten Gedanken

sich in voller Schärfe und Konsequenz zu einem einheitlichen Bilde

entwickeln. Es ist die epochemachende Arbeit SPITTA's. Die Werke von

AD. HARNACK und W. BRANDT gehen ihr zeitlich in der Hervorhebung des

ausschliesslichen Mahlzeitscharakters der historischen Feier voraus.

Da jedoch HARNACK schon mehr zu den doppelseitigen Darstellungen

mit Zugrundelegung des Genussmoments überleitet, ist es rätlich,

ihn erst dort zu behandeln. Zudem hat er in der 3. Auflage seiner

Dogmengeschichte (Bd. I S. 64) zu dem Lösungsversuch SPITTA's Stellung

genommen und seine eigene Ansicht daraufhin neu formuliert.

=3. W. Brandt.=

Die evangelische Geschichte und der Ursprung des Christentums.

Leipzig 1893 S. 283 ff.

Die Hauptbedeutung der historischen Feier liegt in dem

~gemeinschaftlichen Genuss.~ Durch das Gleichnis beim Abendmahl hat

Jesus die gemeinsamen Mahlzeiten zum ~Symbol der Gemeinschaft~ gemacht.

In der Bedeutung dieses Symbols ist der Grund der Wiederholung zu

sehen. Eine Anspielung auf den Tod ist, wenn sie sich in dem Wort,

welches das Brotbrechen begleitete, findet, für das Wesen der Feier

bedeutungslos.

Die Aufnahme des Leidensgedankens und die Eintragung des

Wiederholungsbefehls in unsere Berichte gehen auf eine Verschiebung

in der urchristlichen Feier zurück. Diese ist dadurch bedingt, dass

nach dem Jahre 70 wegen des Fehlens des Lammes Brot und Becher

die vornehmsten Ingredienzen des jüdischen Passahmahls bildeten;

dadurch wurde eine Gleichgestaltung desselben mit der urchristlichen

Herrenmahlsfeier angebahnt. So erklärt es sich, dass die letztere durch

das erstere im äusserlichen Verlauf und im Gedankengehalt beeinflusst

wurde.

In dieser ansprechenden Skizze finden wir die schon bei STRAUSS

bemerkten Eigentümlichkeiten der das Genussmoment ausschliesslich

betonenden Auffassungen wieder. Der Wiederholungsbefehl fehlt, und

es kommt darauf an, den Leidenshinweis in unseren Berichten auf die

Einwirkung späterer Gemeindevorstellungen zurückzuführen. Ob der von

dem Verfasser angezeigte Weg wirklich zum Ziele führt, ist fraglich.

Sicher ist, dass er eine grosse Schwierigkeit nicht berücksichtigt hat.

Wie konnten die Jünger die Worte des Meisters in dem oben gebotenen

Sinn verstehen? Wie konnten sie überhaupt begreifen, dass er bei der

Darreichung von Brot und Wein sie aufforderte, seinen Leib und sein

Blut zu geniessen?

Es ist das unschätzbare Verdienst SPITTA's, diese Frage in den

Vordergrund geschoben zu haben.

=4. Fr. Spitta.=

Die urchristlichen Traditionen über Ursprung und Sinn des

Abendmahls (zur Geschichte und Litteratur des Urchristentums). 1893

S. 207 bis 337.

Der Sinn der Worte Jesu liegt einzig und allein in der Aufforderung zum

Genuss. Das Genossene ist nach seinen Worten sein Leib und sein Blut,

gerade ~dadurch, dass es genossen wird~! Das Brechen und Ausgiessen als

die darstellende Handlung, welche den Elementen eine veranschaulichende

Beziehung auf seinen Tod geben soll, lag seinen Gedanken fern. Die

historische Feier war eine ~Mahlzeit~, bei welcher nach dem gemeinsamen

Inhalt aller Berichte die Jünger auf seine Aufforderung hin die

dargereichte Speise als seinen Leib essen und den eingegossenen Wein

als sein Blut trinken sollten und dies auch thaten.

STRAUSS und BRUNO BAUER hatten denselben Thatbestand als von den

Quellen geboten konstatiert, wurden aber von hier aus gezwungen, die

historische Thatsächlichkeit des geschilderten Vorganges in Frage zu

stellen und das Zustandekommen der Berichte sei es aus der Geschichte

des Urchristentums (STRAUSS), sei es aus der Geschichte der Entstehung

der christlichen Ueberlieferung überhaupt (BRUNO BAUER) zu erklären.

Dass die Jünger auf die Aufforderung Jesu hin damals seinen Leib und

sein Blut genossen haben sollen, ist für sie eine unvollziehbare

Vorstellung.

SPITTA kann den Vorgang als historisch aufrecht erhalten durch

Zuhülfenahme ~eschatologischer Gedankengänge.~ Anknüpfend

an die Vorstellung des messianischen Bundes, hat Jesus, wie

die übereinstimmenden Züge aller Berichte zeigen, bei den

»Einsetzungsworten« an das Essen und Trinken beim messianischen

Mahl gedacht. In der prophetischen und in der apokalyptischen, in

der Sapientia- und in der rabbinischen Litteratur stellt sich die

Vollendung des Reiches in dem messianischen Mahl dar, ~wobei die

genossene Speise der Messias selbst ist~! Auf Grund dieser Vorstellung

konnte Jesus voraussetzen, dass die Jünger ihn verstehen würden, wenn

er sie aufforderte, beim Essen ihn selbst zu geniessen. Was er ihnen

bietet, ist eine Vorwegnahme des grossen messianischen Mahles der

Endzeit. In diesem Gedanken konnten sie den Leib des Messias essen und

ihn in seinem Blut, dem Saft der Trauben, trinken.

Das letzte Mahl war kein Passahmahl, der Leidensgedanke kam für die

Symbolik der Elemente nicht in Betracht, und der Wiederholungsbefehl

ist unhistorisch. Diese Anschauungen sind späterer Art und nur dadurch

verständlich, dass infolge des inzwischen eingetretenen Todes Jesu

die Auffassung seiner Worte bei der letzten Mahlzeit sich notwendig

ändern musste. Die Feier wurde in Analogie zu dem Passahmahl gesetzt,

weil jetzt die Deutung der Worte vom Leib und Blut auf seine Leiden

unabweislich war. Damit drang die Vorstellung einer Stiftung notwendig

mit ein.

Bei Paulus halten sich die ursprüngliche und die auf das Leiden

bezogene Auffassung noch das Gleichgewicht. I Kor 10 _1_ ff. und I

Kor 10 _14_ ff. kennen den Leidensgedanken noch nicht und betonen das

Genussmoment. I Kor 11 _23_ ff. tritt das neue Moment in Sicht, welches

Paulus bei der Bekämpfung der korinthischen Agapenskandale in die Feier

einträgt: ~die Feier hat es mit dem Tode Jesu zu thun.~

Das Neue ist also bei SPITTA die Heranziehung eigentümlich

eschatologischer Gedankengänge, durch welche er eine Feier als

historisch aufrecht erhält, bei der der Meister den zu Tische Liegenden

Brot und Wein reichte mit der Aufforderung, seinen Leib zu essen und

sein Blut zu trinken. In dem Wesen dieser Feier lag es begründet, dass

sie ohne ausgesprochenen Wiederholungsbefehl Aufnahme in der ersten

Gemeinde fand. Von hier aus scheint es dann nicht unmöglich, in der nun

folgenden Entwicklung das Eintreten der Faktoren begreiflich zu machen,

welche die neuen Züge in der Auffassung und Wertung der Feier bedingten.

=5. Kritik der Auffassung Spitta's.=

Die grosse Bedeutung der Untersuchung SPITTA's beruht darin, dass er

die Abendmahlsfrage nach einem einheitlichen Gesichtspunkt aufgefasst

und zu lösen unternommen hat. Alle Einzelfragen stehen bei ihm in

einer gegenseitigen, engen Wechselverbindung. Seine Abhandlung bildet

eine geschlossene Kette, bei der jedes Glied nur im Zusammenhang mit

den andern in Betracht kommt. Darin besteht der grosse Fortschritt in

seiner Untersuchung den früheren gegenüber. Die textkritischen und die

exegetischen Erörterungen sind bei ihm sowohl ~Grundlage~ als auch

~Folge~ der Gesamtauffassung.

Man hat seine Auffassung eine ~eschatologische~ genannt, weil er, wie

FR. STRAUSS, den Gedanken der Mahlzeit im messianischen Reich zu Hülfe

nimmt, um die historische Feier verständlich zu machen. STRAUSS ging

dabei vom synoptisch-eschatologischen Schlusswort aus, in welchem

Jesus die Jünger auf das grosse Mahl der Endzeit verweist, wo er

wieder mit ihnen vereint sein wird. Der eschatologische Charakter

der SPITTA'schen Auffassung aber beruht nicht auf dem synoptischen

Wort, ~sondern auf einer eschatologischen Vorstellung vom Endmahl,

welche aus den Apokryphen und der Weisheitslitteratur zusammengetragen

ist.~ Dabei ergeben sich eine Reihe schwerer Widersprüche mit dem

synoptisch-eschatologischen Schlusswort.

Nach ~Spitta~ bietet sich der Messias beim Mahle der Endzeit den Seinen

zur Speise und zum Trank an. Nach den Synoptikern weist Jesus auf das

Endmahl hin, wo er mit ihnen vom Gewächs des Weinstocks geniesst.

Bei SPITTA will er also ~Speise und Trank~, bei den Synoptikern

~mitgeniessender Tischgenosse sein~!

Bei SPITTA wird der eschatologische Hinweis sowohl ~für die Speise als

für den Trank vorausgesetzt.~ Historisch ist aber das eschatologische

Schlusswort ~nur beim Becher~!

SPITTA's Eschatologie bezieht sich auf die ~Aufforderung zum Genuss~

des Leibes und Blutes. Das synoptisch-eschatologische Wort steht damit

in keinem Zusammenhang, ~sondern folgt erst auf den Genuss.~

SPITTA's Auffassung ist also ganz unabhängig vom

synoptisch-eschatologischen Schlusswort. Es figuriert auch nicht in

seiner kürzesten Form der Einsetzungsworte, sondern diese lauten

einfach:

»Nehmet, esset, das ist mein Leib.«

»Trinket alle daraus. Das ist das Blut meines Bundes, das für viele

vergossen wird.«

Diese Worte konstituieren die Feier, denn »in der Gemeinde wurde immer

daran gedacht, wie er damals darauf hingewiesen, ~er sei jetzt und in

alle Ewigkeit~ die rechte Speise und Erquickung ihrer Seele« (S. 289).

So wird das synoptisch-eschatologische Schlusswort zum ~wehmütigen

Abschiedswort~, welches von dem Jubelklang der eschatologisch

siegesgewissen Stimmung zum Todesgang überleitet.

~Christus die rechte Seelenspeise:~ dieser Gedanke ist modern.

Die Eschatologie SPITTA's zielt dahin, diesen Gedanken durch eine

Zusammenstellung von alttestamentlichen und apokryphischen Sprüchen in

künstlich-antikem Licht spielen zu lassen, damit er die Aufforderung

Jesu zum Genuss seines Leibes und Blutes für die historische Situation

erkläre. Verzichtet man auf dieses künstliche Licht, dann bleibt nur

das skeptische Dunkel. Das ist bei EICHHORN der Fall.

=6. A. Eichhorn.=

Das Abendmahl im Neuen Testament. Hefte zur christlichen Welt No.

36. 1898.

»Wenn wir unseren Berichten trauen dürfen«, hat Jesus das erste

Abendmahl mit seinen Jüngern so gehalten, dass er ihnen Brot und Wein

ausgeteilt und sie seinen Leib und sein Blut gegessen und getrunken

haben. Aller Nachdruck fällt auf den Genuss. Eine auf Jesu Handeln sich

gründende Symbolik kann bei der Betonung des Genusses nicht bestehen.

~Man darf nicht sagen, dass das Brechen des Brotes auf das Zerbrechen

des Leibes und das Trinken des Weins auf das Vergiessen des Bluts~

hindeutet. Die Handlung, die in Wirklichkeit vorgenommen wird, ist

einfach das Essen und Trinken.

Ist dies nun der durch die Quellen gebotene Sachverhalt, so gibt es

vorläufig keine Möglichkeit, die historische Feier und das Aufkommen

ihrer Wiederholung zu verstehen. Was auch Jesus gesagt und gethan haben

mag an jenem Abend, ~das Kultmahl der Gemeinde mit dem sakramentalen

Essen und Trinken des Leibes und Blutes Christi~, wie es in der

ältesten Christenheit ziemlich von Anfang an sich ausgebildet hat,

~ist von da aus nicht zu verstehen.~ So wird EICHHORN, weil er bei

der eingestandenen Bedeutung des Genussmomentes von der Heranziehung

eschatologischer oder moderner Anschauungen absieht, notwendig zur

Skepsis gedrängt.

Sie besteht in dem ausgesprochenen Verzicht, auf Grund der vorhandenen

Berichte die historische und die wiederholte Feier in ihrem

Zusammenhang zu begreifen, wenn nicht eine neue, von unseren Berichten

unabhängige Thatsache ein Datum liefert, welches den Ausgangspunkt

der uns unverständlichen Entwicklung kenntlich macht. — Gelingt es

nicht, in der gnostischen Gedankenwelt ein ~sakramentales Essen~,

welches das Vorbild des Abendmahls abgeben könnte, nachzuweisen,

sodass für die älteste Christenheit nicht das supranaturale Essen

und Trinken als solches, sondern nur die Ersetzung einer andern

übernatürlichen Substanz durch Christi Leib und Blut neu ist, ~dann

muss auf ein Verständnis der historischen Feier und ihrer Entwicklung

zur Gemeindefeier endgültig verzichtet werden.~

=7. Die neue »Thatsache«.=

Um dem Skeptizismus zu entgehen, postuliert EICHHORN eine neue, über

den Bestand unserer Quellen hinausgehende Thatsache. Seine Vorgänger,

die mit ihm die ausschliessliche Betonung des Genusses gemein haben,

ersetzen dieses Postulat durch eine ~angenommene~ Thatsache.

D. FR. STRAUSS erklärt das Aufkommen der Abendmahlsfeier im

Urchristentum, und damit die Entstehung unserer Berichte, durch das

Missverständnis eines von Jesu bei dem letzten Mahl gesprochenen

eschatologischen Wortes von seiten der Jünger.

BRUNO BAUER verlegt die ganze Entwicklung, da er sie anders nicht

erklären kann, in die Phantasie des Urevangelisten. RENAN behilft

sich mit der Annahme eines schon früher von Jesu geübten, den Jüngern

bekannten geheimnisvollen Ritus des Brotbrechens. SPITTA bringt

eine eigenartige, im Grunde moderne eschatologische Vorstellung

an die synoptischen Berichte heran, welche mit dem dort gebotenen

eschatologischen Schlusswort in gar keiner Beziehung steht.

W. BRANDT überträgt moderne Anschauungsweisen in die Gedankenwelt Jesu

und seiner Jünger, ohne diese Uebertragung aus den Berichten begründen

zu können.

So bildet die Untersuchung EICHHORN's den natürlichen Schlusspunkt der

scheinbar so zusammenhangslosen Reihe der Auffassungen mit einseitiger

Herausarbeitung des Genussmoments. Durch die dialektische Behandlung

des Problems entzieht er jeder künftigen Darstellung von vornherein

die Berechtigung, wenn sie nicht eine neue geschichtliche Thatsache

aufbringen kann, die erklärt, wie die Anschauung aufkam, dass Jesus den

Jüngern zumutete, seinen Leib und sein Blut zu essen und zu trinken.

=8. Die Skepsis in der Folge der einseitigen Herausarbeitung des

Genussmoments.=

EICHHORN's ~Postulat~ trägt auch nicht weiter als die behaupteten

Thatsachen seiner Vorgänger. Er verlangt, dass die Vorstellung

des supranaturalen Essens und Trinkens in einer schon vorhandenen

religiösen Gedankenwelt nachgewiesen werde. Die nähere Kenntnis des

»Gnostizismus« könnte nach seiner Ansicht dazu führen.

Zugegeben, dass ein solches supranaturales Essen und Trinken schon

existiert hätte, so müsste dargethan werden, wie man im Urchristentum

dazu kam, diesen Gedanken ins Abendmahl ~herüberzunehmen.~ Inwiefern

gab die historische Feier Ansatzpunkte dazu? Die von EICHHORN

vorgeschlagene Operation hängt ganz in der Luft, denn unsere Berichte

stehen einem solchen Beginnen vollständig fremd und ablehnend gegenüber.

Nun wäre die Umsetzung seines Postulats in eine dementsprechende

historische Thatsache der einzige Ausweg aus der Skepsis. Gleich beim

ersten Schritt zeigt sich aber, dass er völlig aussichtslos ist. Also

muss eine Darstellung, welche von der Voraussetzung ausgeht, Jesus

habe die Seinen bei Brot und Wein zum Genuss seines Leibes und Blutes

aufgefordert, ~von vornherein, unter allen Umständen auf die Lösung des

Problems verzichten! Die konsequente Herausarbeitung des Genussmoments

führt notwendig zur Skepsis: das ist der Ertrag dieser Darstellungen.~

=9. Der logische Grund der Skepsis.=

Wenn in der wissenschaftlichen Behandlung einer Frage die Skepsis sich

einstellt, so liegt dies immer daran, dass ~sich in den Voraussetzungen

eine unbegründete Behauptung versteckt hat~, welche von da aus das

menschliche Denken neckt und in die Irre führt. Die Wissenschaft an

sich kann nie zur Skepsis führen. Mit der Aufdeckung der ~unerwiesenen

Voraussetzungsbehauptung~ ist die Skepsis gehoben.

Worin besteht diese nun in den obigen Abhandlungen? Der Fehler kann

nicht in der ausschliesslichen Geltendmachung des Genussmoments

beruhen. Dass das Abendmahl von der urchristlichen Gemeinde als

~Mahlzeit~ übernommen und gefeiert wurde, dass die Handlung, welche

die urchristliche mit der historischen Feier verbindet, nicht in dem

symbolischen ~Handeln des »Stifters«~, sondern in der ~Handlung der

Teilnehmer~, dem Essen und Trinken besteht: diese Thatsachen werden

durch die Quellen geboten und durch das Urchristentum bestätigt.

Nicht in der ~Thatsache~, sondern in der ~Art~ der Wertung des

Genussmoments ist der Fehler zu suchen. Sämtliche obige Darstellungen

formulieren sie dahin, dass Jesus die Jünger bei der Darreichung von

Brot und Wein ~aufgefordert~ habe, seinen Leib zu essen und sein

Blut zu trinken. ~Die Skepsis beruht also in der Verbindung des

Mahlzeitcharakters der Feier mit den Gleichnisworten~, denn damit ist

eine Aussage gegeben, in der Subjekt und Objekt identisch sind: der

Darbietende ist zugleich der Genossene. Hier hört das Denken auf. ~Das

üppige Schlinggewächs historischer und exegetischer Einfälle ist keine

Brücke über den Abgrund des Selbstwiderspruchs!~

Statt also von der Konstatierung auszugehen, dass Jesus den Seinen

seinen Leib und sein Blut zum Genuss dargereicht habe, muss man damit

beginnen, diese Voraussetzung selbst zu prüfen. Ist es wirklich eine

aus der urchristlichen Feier und aus den Berichten unumstösslich

feststehende Thatsache, dass Jesus ihnen dies in irgend einer Form

zugemutet hat? Wenn ja, dann ist die Lösung der Abendmahlsfrage

unmöglich, da wir dabei das »wie« aus unseren Texten nie erklären

können und jede freie Deutung bei unseren Berichten ohne Rückhalt

bleibt.

Fussnoten:

[7] DAVID FR. STRAUSS, Das Leben Jesu. 1. Ausgabe, Tübingen 1836. Bd.

I, S. 396-442: Das Abendmahl.

[8] BRUNO BAUER, Kritik der evangelischen Geschichte, 1842. Kritik der

Evangelien, 1850, Bd. III S. 191-213.

[9] Kritik der evangelischen Geschichte, Bd. III S. 241: »Ein Mensch,

der leiblich und individuell dasitzt, kann nicht auf den Gedanken

kommen andern seinen Leib und sein Blut zum Genuss anzubieten.«

[10] E. RENAN, La vie de Jésus 1863, S. 385 ff.

Sechstes Kapitel.

=Die doppelseitigen Auffassungen mit Zugrundelegung des Genussmoments

und abgeleiteter Geltendmachung des Darstellungsmoments.=

AD. HARNACK, ERICH HAUPT, FR. SCHULTZEN, R. A. HOFFMANN.

=1. Allgemeines.=

Diese doppelseitige Reihe steht unter dem Einfluss der Auffassungen mit

einseitiger Herausarbeitung des Genussmoments. Während die Richtung,

die durch die Namen RÜCKERT, LOBSTEIN und HOLTZMANN gekennzeichnet

wird, von dem Handeln Jesu ausgehend den Genuss der Teilnehmer zu

erklären versuchte, verfahren die neuen doppelseitigen Auffassungen

umgekehrt. Sie stellen den Genuss in den Vordergrund und suchen dieses

Moment nun so zu formulieren und so zur Geltung zu bringen, dass auch

das auf den Tod hinweisende Handeln Jesu damit in irgend einer Weise

vereinbar ist und daraus seine Erklärung empfangt. Das Schwergewicht

hat sich also von der einen auf die andere Seite verschoben.

In letzter Linie sind es exegetische Bedenken, welche die betreffenden

Verfasser dazu führen, auch dem Leidensgedanken und dem Handeln Jesu

Rechnung zu tragen. »~Die Worte sind mir zu mächtig~«, sagt HARNACK bei

der Würdigung der Auffassung SPITTA's, deren Grundgedanke ihm zusagt,

während die Exegese ihn nicht befriedigt. Es ist das Motto auch der

übrigen doppelseitigen Darstellungen.

=2. Ad. Harnack.=

Brot und Wasser: die eucharistischen Elemente bei JUSTIN (Texte

und Untersuchungen Bd. VII S. 117 ff. 1891). Theologische

Litteraturzeitung 1892 S. 373-378. Dogmengeschichte (3. Aufl.) Bd.

I S. 64.

Durch eine Untersuchung, ob Wasser oder ob Wein das eucharistische

Genusselement in der alten Kirche waren, kam HARNACK im Jahre 1891

dazu, in entschiedener Weise zu betonen, dass in jener älteren Zeit

die Symbolik sich nicht auf das Wesen der Elemente habe beziehen

können, sondern dass die ganze Bedeutung der historischen und der

urchristlichen Feier ~auf der Mahlzeit als solcher~ beruht habe.

Das Abendmahl muss eine wirkliche Mahlzeit gewesen sein; die in Frage

kommende Handlung ist das Essen und Trinken. Jesu Worte beziehen sich

auf den Genuss. »Die wichtigste Funktion des natürlichen Lebens hat

der Herr geheiligt, indem er die Nahrung als seinen Leib und sein

Blut bezeichnet hat. So hat er sich für die Seinen ~auf immer~ mitten

hineingestellt in ihr natürliches Leben und sie angewiesen, die

Erhaltung und das Wachstum dieses natürlichen Lebens zur Kraft des

Wachstums des geistigen Lebens zu machen.«

Mit diesem Moment sucht nun HARNACK noch ein anderes in Beziehung zu

setzen und dadurch diese allgemeine religiöse Wertung des Genusses

zu spezifizieren. »Der Herr hat ein Gedächtnismahl seines Todes

eingesetzt, ~oder vielmehr~, er hat die leibliche Nahrung als sein

Fleisch und sein Blut, d. h. als die Nahrung der Seele, bezeichnet

(durch die Sündenvergebung), ~wenn~ sie mit Danksagung in Erinnerung

seines Todes genossen wird.«

Dieser Satz ist für HARNACK's Auffassung entscheidend. »Oder vielmehr«,

»d. h.« und »wenn« sind die Rangiergeleise, auf denen man von dem

allgemeinen, wunderbar tiefen Gedanken herkommend, »dass der Herr die

wichtigste Funktion des natürlichen Lebens geheiligt habe«, umsetzt,

um die Einfahrt zur historischen Feier, mit dem dort ausgedrückten

Leidensgedanken, zu gewinnen. Der allgemeine Mahlzeitcharakter seiner

Auffassung wird also näher bestimmt durch folgende Sätze:

1. Es handelt sich um eine Stiftung.

2. Der Wiederholungsbefehl ist irgendwie in der historischen

Situation enthalten.

3. Die Feier hat eine Beziehung auf den Tod des Stifters.

=3. Erich Haupt.=

Ueber die ursprüngliche Form und Bedeutung der Abendmahlsworte.

Halle, Universitätsprogramm 1894.

Indem Jesus die zu Tische liegenden Jünger bei der Darreichung

des Brotes und des Weines auffordert, seinen Leib und sein Blut

zu geniessen, will er sagen: »Meine Person ist Träger der Kräfte

eines höheren Lebens, welches so angeeignet werden und so zu einem

Bestandteil eurer Personen werden will, wie dies bei der irdischen

Nahrung der Fall ist. Dies gilt aber ~ganz besonders~ von meinem

bevorstehenden Tode; gerade die Dahingabe meiner ~Persönlichkeit~ wird

euch die in ihr beschlossenen Lebens- und Heilskräfte in vollstem Masse

erschliessen und zu gute kommen lassen.« Dieser Grundgedanke deckt sich

vollständig mit dem SPITTA's. Während aber letzterer ihm im Munde Jesu

eine eschatologische Wendung gab, überträgt HAUPT diesen durch den

Ausdruck »Persönlichkeit« als modern gekennzeichneten Gedankengang auf

die historische Feier durch Zuhülfenahme des Leidensgedankens.

Die Eschatologie tritt dabei ganz zurück. Jesus hatte bei dem letzten

Mahle auch von dem grossen Mahl der Vollendung gesprochen. Indem nun

das ganze Mahl nachgebildet wurde, fanden auch diese eschatologischen

Gedanken ihre Stelle. So ist bei HAUPT das eschatologische Moment

nicht zur Erklärung der Wiederholung benutzt, sondern erst aus der

Wiederholung selbst verständlich.

Durch die nebenhergehende Geltendmachung des Todesgedankens für die

Erklärung der Feier ist die Beibehaltung des Wiederholungsbefehls

gegeben. In der Nacht des Verrats hat der Herr das ganze Mahl unter den

Gesichtspunkt eines Abschiedsmahls gestellt. Er will sein ~Gedächtnis

für die Zeit der Trennung~ wachhalten. »Somit ist nicht nur kein

Gegengrund dagegen, dass Jesus die Wiederholung der Handlung seinen

Jüngern anbefohlen hat, sondern ein dahin zielendes Wort ist sogar

aus inneren Gründen ~höchst wahrscheinlich.~« Diese vorsichtige und

zurückhaltende Begründung der Beibehaltung des Wiederholungsbefehls

gibt den genauen Gradmesser ab für die Beeinflussung des zu Grunde

gelegten Genussmoments durch das Darstellungsmoment und den

Leidensgedanken.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Erstes Heft. Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte. · 第 2 / 6 段