Die französische Malerei im XVII. Jahrhundert

§. 119.

Die Richtung der französischen Malerei im 17. Jahrhundert kann zwar

nicht in dem Sinne national heissen, als ob sie die Grundlagen

des französischen Volksthumes in sich fasste, sie entspricht aber

vollkommen der Tendenz, welche die höfische Bildung unter den

modernen Römern, wie die Franzosen wohl häufig genannt werden, nahm.

Das Urtheil über die französische Malerei der »klassischen Periode«

fällt gänzlich mit jenem über das klassische Drama des Nachbarvolkes

zusammen. Wer dieses preist und als vollendet anerkennt, muss sich

zu den Malerwerken _N. Poussins_ u. A. gezogen fühlen; wer in jenen

nur ein leeres, aufgeputztes, conventionelles Wesen erblickt, wird

auch die klassischen Gemälde verdammen. Hier wie dort tritt uns

ein äusserer antiker Zuschnitt, eine glänzende Rhetorik und ein

merklicher Mangel an individueller Schilderung entgegen. Aehnlich

wie im 16. Jahrhundert ging auch im folgenden die Anregung zur

bestimmten Kunstweise von Italien aus. _Rosso's_ und _Primaticcio's_

Einfluss sank erst im Anfange des 17. Jahrhunderts; in diesem

Zeitalter trafen wir schon wieder _Vouet_ und _Valentin_ im Kreise

der italienischen Naturalisten. Doch sind es nicht die letzteren,

sondern die älteren Italiener und mittelbar die Antike, welche die

französische klassische Kunst befruchten. Unter den Bestrebungen,

den sogenannten reinen Geschmack wieder herzustellen und im hohen

Style zu schaffen, ging die unbefangene Wahrheit der Darstellung, die

scharfe Charakteristik, verloren. Es mangelt den meisten Werken die

belebende und individualisirende Farbe; die Bewegungen und Stellungen

sind studirt, die Köpfe nach einem abstrakten Schönheitsgesetze

zugeschnitten, die Wärme der Erfindung wird von einer prunkvollen,

aber kalten Reflexion verdrängt. Dass daneben viel Verdienstliches

auch vorkommt, bedarf keiner Versicherung. Der bedeutendste Meister

ist der fast ausschliesslich in Rom thätige _Nicolas Poussin_

(1594-1665). Kein Ideenkreis ist ihm fremd, Christliches und

Antikes, Geschichte und Mythe behandelt er mit gleicher Liebe; doch

bleiben wegen des antiken Formenschnittes seine allegorischen und

mythologischen Darstellungen widerspruchsfreier, als alle übrigen.

Auch handlungsreiche Scenen, wie die Pest zu Athen (Leigh-Court), die

Mannalese (Louvre) u. a. gelingen ihm trefflich, mag auch hie und da

die Anordnung tableauartig erscheinen. Zu _Poussins_ berühmtesten

Bildern gehört ferner der Besuch eines Hirtengrabes (et in Arcadia

ego, im Louvre), ein um so verdienstlicheres Werk, als das Idyllische

jenem Zeitalter äusserst fern lag, und nur allzuleicht in manierirte

Süsslichkeit überging. _Poussins_ Weise wurde von dem jüngeren

Geschlechte: _Jacques Stella_ (1596 bis 1657), _Sebast. Bourdon_

(1616-1671), _Noel Coypel_ (1628-1697), _Phil. Champagne_ aus Brüssel

(1602-1674) fleissig befolgt. Des Letzteren Porträte, frisch in der

Färbung und geistreich in der Auffassung, sind seinen historischen

Bildern bei weitem vorzuziehen. Das Gleiche gilt von _Pierre Mignard_,

gen. _le Romain_ (1610-1695), dessen Studiengang, obgleich er wie

die folgenden Künstler als Schüler _Vouet_'s angeführt wird, auf

unmittelbare italienische Einflüsse hinweist. _Eustache Lesueur_

(1617-1655), von seinen Landsleuten über Gebühr gepriesen, neigt sich

bereits in der schwächlichen Anlage und ermüdenden Einförmigkeit seiner

Charaktere und marklosen Färbung (Leben des hl. Bruno in 20 Bildern im

Louvre) dem Style _Louis_ XIV. zu, dessen Hauptvertreter der bekannte

_Charles Lebrun_ (1619-1690) wird. Die nothwendigste Eigenschaft eines

Hofkünstlers, die allzeit fertige Produktionskraft und zauberschnelle

Technik, besass er in hohem Grade. Damit hängt das Hauptübel der

_Lebrun_'schen Richtung, die nur an wenigen Bildern (Jabach'sches

Familienbild im Berliner Museum, Steinigung des hl. Stephan im

Louvre) nicht bemerkbare kalte theatralische Manier, die nüchterne

dekorative Auffassung (Alexanderbilder im Louvre) zusammen. Aber

gerade durch diese Mängel gewinnt die Schule _Lebruns_ eine gewisse

historische Bedeutung, und erscheint sie als klassischer Ausdruck der

am Versailler Hofe und weiter an allen Höfen Europas herrschenden

Bildung. Uebrigens wäre es irrig, alle Nachfolger _Lebruns_ über

denselben Leisten zu schlagen; so erscheinen namentlich _Nicolas

Colombel_ (1646-1714) und _Jean Jouvenet_ (1644-1714) als ansprechende

und verhältnissmässig gesunde Künstler, und auch _Hyacinthe Rigaud_

(1659-1743), der berühmte Porträtmaler, liefert nicht allein

charakteristische, sondern auch fleissig ausgeführte und wirkungsvolle

Bildnisse. Dass Sittenbilder, die humoristische Verherrlichung des

ungebundenen, jeder Form spottenden Lebens im pompösen Zeitalter

_Louis_ XIV. keine Pflege fanden, und _Jacques Callot_'s (1594-1635)

humoristische Harlekinaden, Teufelsscenen und zeitgeschichtliche

Skizzen, die meisten nur in Kupfer gestochen, ohne Nachfolge blieben,

kann nicht Wunder nehmen; nur entfernt vom Hofe (_Le Nain_ in Laon)

oder durch eine glückliche Entdeckung des Malerischen, was in dem

gepuderten Arkadien dennoch verborgen lag (_Ant. Watteau_ 1684 bis

1721), konnte das Sittenbild sich lebendig erhalten. Desto bedeutender,

frisch und kräftig ist die Thätigkeit der französischen Schule in der

Landschaftsmalerei. Auch hier ist eine Anlehnung an die Italiener

(_Carracci_) bemerkbar, auch hier minder das tiefe Eingehen in das

geheimnissvolle Leben der Natur, als der ernste gemessene Styl, der

reine Linienbau zu loben, und wenigstens in äusseren Motiven, in der

Architektur z. B., in der Staffage die Antike als Vorbild benützt. Des

früher erwähnten _Nicolas Poussin_ grösster Ruhm beruht, und zwar mit

Recht, wie man sich in englischen Kunstsammlungen (Grosvenorgalerie)

überzeugen kann, auf seiner landschaftlichen Thätigkeit. Er wird

aber noch weit überstrahlt von seinem Schwager _Caspar Dughet_, gen.

_Poussin_ (1613-1675), und dem unvergleichlichen _Claude Lorrain_.

_Caspar Poussins_ Werke sind von einem viel tieferen malerischen

Gefühle beseelt, als jene seines älteren Verwandten; die Schilderungen

des Aufruhrs in der Natur wetteifern an poetischer Wahrheit mit den

Darstellungen grossartiger Ruhe in der Landschaft. Ist auch die Farbe

selten noch in frischem Glanze vorhanden, so erfreut doch die Reinheit

und Fülle der Formen, die überaus wirkungsvolle Anlage namentlich

der Mittelgründe, und die warme, von Wolkenschatten unterbrochene

Beleuchtung. _Poussins_ beste Arbeiten müssen in Rom (Gal. Doria, K.

S. Martino a' monti) und in England aufgesucht werden. Zur höchsten

Vollendung brachte diese, von italienischen Studien genährte sogenannte

heroische Richtung in der Landschaftsmalerei der bei Mirecourt 1600

geborene _Claude Gelée_, nach seinem Stammlande _Claude Lorrain_

genannt. Dem Leben des Alterthumes entlehnte Staffagen, nach der

Antike gezeichnete Bauten und Ruinen kennzeichnen äusserlich seine

Werke, welche auch dort, wo die Nebendinge wie die Architekturen und

Figuren minder lobenswerth erscheinen, durch den Zauber der Beleuchtung

(Sonnenlicht) und die zarte Abtönung der Farben bis zur verschwindenden

Ferne eine ungewöhnliche Anziehungskraft üben. See- und Hafenbilder,

grenzenlose Flächen, im Vordergrunde durch schwungvoll gezeichnete

Eichengruppen belebt, stille Wasser von Felsen und Bäumen eingefasst,

schwüle Nachmittage und Sonnenuntergänge, alle Erscheinungsformen der

landschaftlichen Natur behandelte _Claude_ mit gleicher Meisterschaft.

Kein Wunder daher, dass seine Werke der Gegenstand eifriger Nachfrage

wurden und noch bei Lebzeiten des Meisters betrügerische Nachbildungen

in den Handel kamen. Um diesem zu steuern, sah sich _Claude_ gezwungen,

von seinen Originalgemälden Skizzen zu zeichnen, und diese, gleichsam

die Urkunden der Aechtheit, zu bewahren. Sie befinden sich, 200 an

der Zahl, unter dem Namen des libro di verità gesammelt, im Besitze

des Herzogs von Devonshire zu London; die letztere Stadt, wie England

überhaupt, dann Rom (G. Doria), Wien und Paris bergen auch die

trefflichsten und meisten Oelgemälde _Claude_'s, welcher 1682 mit

Hinterlassung einer zahlreichen Nachfolgerschaft starb.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 26 / 33 题