Die Baukunst im XVII. und XVIII. Jahrhundert

§. 114.

Die Baugeschichte der römischen Peterskirche, welche das Vorbild für

zahllose neuere Kirchen lieferte, den Kuppelbau über der Kreuzführung,

die angeklebten Façaden, die, Schmarotzerpflanzen ähnlich wuchernde,

Dekoration für zwei Jahrhunderte sanktionirte, belehrt am besten über

das Princip der neueren Architektur. Eine organische Durchbildung der

architektonischen Idee wurde in den seltensten Fällen beabsichtigt,

an eine Unterordnung der Formen unter jene niemals gedacht. Aus den

todtliegenden Baugliedern in geistreicher Weise ein neues Ganzes

zusammenzusetzen, nicht nach innerer Nothwendigkeit, sondern nach der

subjektiven Vorliebe des Künstlers, den Reichthum der dekorativen

Phantasie zu bethätigen, durch eine Fülle bewegter Linien, die heftige

Lebendigkeit der einzelnen Formen, die sich nur gezwungen dem Hammer

und der Kelle fügen, und immer überfliessend und fliehend erscheinen,

darin lag das Ziel der Baukunst des 17. Jahrhunderts. Eine gewisse

Verdienstlichkeit lässt sich ihren Schöpfungen nicht absprechen.

Sie bestechen oft durch ihre Massenhaftigkeit und blenden durch den

sinnlichen Glanz der Dekoration; auf eine malerische Wirkung berechnet

und hie und da nach den Gesetzen der Perspektive aufgeführt, sind sie

vom Standpunkt der landschaftlichen Kunst lobenswerth durchgeführt;

nur haben diese Vorzüge mit dem Wesen der Architektur wenig zu

schaffen und verbergen nothdürftig den Mangel eines inneren Lebens.

Die kirchliche, mit reichen Kräften getriebene Architektur hat dem

Baueifer der Jesuiten das Meiste zu danken, welche in ähnlicher Art,

wie die Cisterzienser und Predigermönche in früheren Jahrhunderten

ihren Stiftungen ein festes Gepräge aufdrückten und den sogenannten

Jesuitenstyl schufen. Obgleich sie in einzelnen Fällen noch der

germanischen Bauweise (Koblenz, Köln, Bonn) huldigten, so blieb doch

der zeitgenössische Styl, welcher der im Orden gepflegten eleganten

Bildung so gut entsprach, vorzugsweise bevorzugt. Die Kirche del

Gesu in Rom, von _Vignola_ 1568 begonnen und von _Giac. della

Porta_ fortgesetzt, beginnt den Reigen der über die alte und neue

Welt verbreiteten Jesuitenschöpfungen. Bis in das 18. Jahrhundert

setzt sich die Bauthätigkeit des Ordens fort, im Verhältniss zu

den gleichzeitigen Werken auch dann durch eine klare Conception und

einen kräftigen Formensinn ausgezeichnet. Wie die Professhäuser in

der Regel in der Grösse der Anlage und in den massiven, einfachen

Verhältnissen untereinander übereinstimmen, so tragen auch die

Ordenskirchen und Sodalitäten ein gemeinsames Gepräge. Die Façaden

zeigen wieder zwei Säulenordnungen übereinander gestellt, die Säulen

oder Pfeiler gekuppelt, das Gebälke verkröpft, die Fenster und Thüren

mit geraden oder geschweiften Giebeln bekrönt, den Mittelbau über die

Seiten erhoben und mit einem Giebel geschlossen, mit schneckenförmigen

Halbgiebeln (Fig. 93) zur Seite, offenen Glockenthürmen; im Inneren

wird das Tonnengewölbe und die Kuppel beliebt, die Gliederung des

Raumes aber vorzugsweise durch eine übermässig verschwendete malerische

Dekoration vollzogen. An den riesigen Altarbauten (S. Peter, del Gesu

u. a. in Rom) wird die wüste Willkür der herrschenden Bauweise, die

nicht mehr Styl, sondern Mode ist, am traurigsten offenbar. Die Natur

derselben bringt es mit sich, dass keine nationalen Schulen mehr

vorkommen, die Künstler aller Stämme und Länder mit gleichen Mitteln

das gleiche Ziel anstreben. Wohl ist die Zahl der ausserhalb Italiens

verwendeten Architekten nicht unbeträchtlich, sie unterscheiden sich

aber keineswegs von ihren nordischen Fachgenossen, und auch diese

letzteren zeigen sich jenseits der Alpen vollkommen akklimatisirt.

[Illustration: Fig. 93. Halbgiebel.]

Noch aus dem vorigen Zeitalter ragt in die Periode des beginnenden

Zopfstyles _Carlo Maderno_ (1556-1629) herüber. Gleich seinem Vorfahren

im Amte eines Bauvorstehers an der Peterskirche, bewahrt _Lorenzo

Bernini_ aus Neapel (1556-1629) eine gewisse nüchterne Regelmässigkeit

in seinen Bauwerken (Colonnaden am Petersplatze, S. Andrea delle

Fratte, Palast Barberini), während in den Werken seines Gegners

_Francesco Borromini_ (1599-1667) die Todfeindschaft gegen die

geraden Linien anbricht und der willkürlichste Dekorationsstyl Platz

greift. (S. Agnese auf Piazza Navona, Sapienza, Kirche und Colleg

der Propaganda u. a.) Die zahlreichen Nachfolger _Borrominis_ in und

ausserhalb Roms sind einer namentlichen Anführung durchaus unwürdig,

ebensowenig als die schulmässigen italienischen Architekten des 18.

Jahrhunderts eine besondere Erörterung in Anspruch nehmen.

%Spanien%, welches keine nationale Bautradition der einreissenden Mode

als Damm entgegenstellen konnte und schon in früheren Zeitaltern eine

Neigung zum Barocken aufwies, that am Ende des 17. und in der ersten

Hälfte des 18. Jahrhunderts das Seinige, die Baukunst in eine sinnlose

Dekoration zu verwandeln. Mit _Pedro de Ribera_ beginnt Verwilderung,

in _José Churriguera_ erreicht sie ihren Höhepunkt (arquitetura

churriguera z. B. Carmeliterkirche in Granada). Abgelöst wird diese

Baumanier unter der Einwirkung italienischer Künstler, am Ende des

vorigen Jahrhunderts, durch eine leblose Schulrichtung.

Auch in %Frankreich% hielt sie sich im 17. Jahrhundert nicht auf der

durch die Schule von _Fontainebleau_ erklommenen Höhe. Die kirchlichen

Anlagen (S. Louis et S. Paul von _Derand_ 1627, S. Gervais et Protais

von _Jacques de Brosses_ 1616 in Paris) lassen _Vignolas_ Einfluss

durchschauen und bilden den Jesuitenstyl nach, und wenn sie auch

von Uebertreibungen sich fern halten, wie die Invalidenkirche von

_Bruant_ und _Mansart_ (vollendet 1705), so vermögen sie doch nicht

den nüchtern-kalten Eindruck auszulöschen. Das sogenannte Pantheon

(S. Géneviève) von _Soufflot_ nimmt unter allen verwandten Werken den

ersten Platz ein. Die Civilbaukunst wird durch zahlreiche Palastanlagen

vertreten, ohne dass sie aber von der glänzenden Kunstblüthe des

Reiches unter _Louis_ XIV. ein günstiges Zeugniss ablegten. (Pal.

Luxembourg von _J. de Brosses_, Louvre Façade von _Cl. Perrault_,

Versailles von _Mansart_ u. A.)

%England% hielt bekanntlich die längste Zeit am gothischen Baustyle

fest, es konnte sich auch einer ausgebildeten Holzbaukunst (_Chester_,

_Hereford_, _Ludlow_, _Oswestry_, _John Abels_ Werke im westlichen

England 1650) rühmen, ging aber dessen ungeachtet auf die Ausbildung

der italienischen Manier gleichfalls ein, und fand die Vorbilder

für kirchliche und weltliche Werke jenseits der Alpen. Der Palast

von Whitehall, im Palladiostyle von _Inigo Jones_ (1572 bis 1652)

erbaut, ragt nebst dem im 18. Jahrhundert errichteten Somersethouse

(von _Chambers_) unter den Civilbauten ebensosehr hervor, wie die

Paulskirche unter den religiösen Anlagen. Sie wurde nach dem grossen

Londoner Brande 1666 von _Christopher Wren_ in der Form eines

lateinischen Kreuzes mit einer überaus effektvollen Kuppel (1675-1723)

erbaut, und kommt an Grundfläche einem Dritttheil der Peterskirche

gleich. Richtiger componirt als die meisten gleichzeitigen Bauten,

in der Anlage des Querschiffes nicht ohne Anklang an den älteren

englischen Styl, kann sie den Vorwurf einer nur auf den Schein

berechneten Architektur nicht ganz von sich abwälzen.

Vortheilhaft unterscheidet sich %Belgien% von anderen Ländern in

seiner Bauthätigkeit. Ausser Italien und Böhmen erreicht hier der

Jesuitenstyl, getragen von den Architekten _J. Franquart_ (geb.

1577), _Coeberger_ (geb. 1560), _Fayd'herbe_ u. A. seine glänzendste

Entwicklung; die Civilarchitektur, welche in dem benachbarten Holland

im Amsterdamer Rathhause von _Jac. Campen_ (1648 gegr.) ein technisches

Meisterwerk aufzuweisen hat, blieb dagegen in ihrer Entwickelung und

Ausbreitung weit zurück.

An den kleinen deutschen Fürsten- und Bischofshöfen, in den theils

neugegründeten, theils neu empor blühenden Residenzen fand der Zopfstyl

einen weiten Schauplatz für sein Auftreten. Einzelne Rathhäuser (in

Augsburg von _Elias Holl_ 1615, in Nürnberg von _Holzschuher_ 1616)

wurden noch im 17. Jahrhundert errichtet; die grösste Zahl der Bauten

diente aber kirchlichen und höfischen Zwecken. Unter den Schloss- und

Palastwerken zeichnen sich aus das Residenzschloss zu Würzburg von

_Neumann_ (1720), Schönbrunner Schloss von _Pacassi_ und _Valmagini_

(1744), der Dresdner Zwinger von _Pöppelmann_ (1711), die Bamberger

Residenz von _Leonh. Dientzenhofer_ (1712), mehrere Prager Paläste

(Czernin, Lobkowitz, Nostitz, Clam Gallas von _Fischer_ von Erlach

1707 u. A.), das königl. Schloss in Berlin von _Schlüter_ (1699-1706),

das Zeughaus in Berlin von _Nehring_ und _de Bodt_ (1685) u. A. In

der kirchlichen Architektur macht Prag allen anderen Städten den

Vorrang streitig, und bewahrt verhältnissmässig einen reineren,

wirksameren Baustyl (Nikolauskirche von _Dientzenhofer_ (1628 beg.,

im 18. Jahrhundert vollendet), die Kreuzherrnkirche 1671, K. Strahov

im 17. Jahrhundert von _Canevale_ und _Carloni_ erbaut u. A.) Bunter

und ungebundener erscheinen die Karlskirche in Wien von _Fischer_ von

Erlach 1716 mit zwei als Säulen behandelten Glockenthürmen, und die

katholische Kirche in Dresden von _Chiaveri_ 1756, während in Berlin

(Kirchen auf dem Gensdarmenmarkte von _Gontard_ 1780) der Rückgang

zu einfacheren Bauformen versucht wird, welcher die Architektur am

Schlusse des 18. Jahrhunderts überhaupt charakterisirt und den reineren

antiken Styl unseres Zeitalters vorbereitet.

Die Bildnerei im XVII. und XVIII. Jahrhundert.

§. 115.

Noch rascher als in der Baukunst verliert die Schönheit und Wahrheit

in der Bildnerei alle Geltung. Die Antike erscheint den Künstlern

nicht reich, die Natur nicht lebendig genug, eine willkürliche Manier

voll Uebertreibungen und malerischer Scheineffekte wird erfunden,

die in der Technik erreichte Virtuosität meist dazu benützt, dem

bildnerischen Stoffe Gewalt anzuthun, und die seltsamsten Einfälle

einer geschmacklosen Einbildungskraft zu verkörpern. Die weichsten

und dünnsten Stoffe, Teppiche und Schleier werden nachgebildet,

die Gewänder flattern und bauschen sich ohne Sinn, die Gestalten

nehmen eine übermässige Schlankheit an, die Bewegungen werden

gewaltsam, der Ausdruck übertrieben, den Mangel an charaktervoller

Darstellung muss ein seichter allegorischer Prunk ersetzen, selbst

die architektonische Skulptur, wie z. B. Karyatiden, zeigen Unruhe

und eine widerspruchsvolle Lebendigkeit. Einzelne besser organisirte

Naturen versuchen zwar, sich dem schädlichen Einflusse der Zeitrichtung

zu entziehen und leisten in einzelnen Fällen Verdienstliches; hie

und da imponirt die Kräftigkeit der Formen, die Keckheit der Anlage;

der Mehrzahl nach haftet aber an den Bildwerken eine unerquickliche,

trockene Absichtlichkeit; sie sind lügenhaft und oberflächlich. Ein

ungebundener Naturalismus erscheint noch als das geringste Uebel,

wie dies der Vergleich der hl. Cäcilia (gleichnam. K. in Rom) des

_Carlo Maderno_ mit den Werken seiner Zeitgenossen, ja mit seinen

anderen Werken selbst lehrt. Man wollte aber über das Natürliche

hinaus und erstrebte einen angeblichen idealen Styl, der in Wahrheit

nur als geistlose Manier erscheint. Auch hier führt der frühreife

_Lor. Bernini_ in Rom den Reigen. Dass die Statuen, mit welchen er

die Engelsbrücke zu Rom schmückte, für jüngere Künstler lange Zeit

eine vielstudirte Schule abgaben, spricht nicht für ihre Tüchtigkeit,

sondern nur für die allgemein herrschende Geschmacklosigkeit, ebenso

wie die Lobsprüche, welche seinem Tabernakel in der Peterskirche

gespendet wurden, nur ein ungläubiges Lächeln erregen können. Die

Zahl seiner Werke ist erstaunlich gross. Ausser mehreren öffentlichen

Brunnen (piazza Navona), Grabmonumenten (Urban VIII., Alexander VII.)

führen wir nur die von _Bernini_ selbst seinen besten Schöpfungen

beigezählte hl. Theresia (K. della Vittoria) und die Reiterstatue

K. Constantins im Vatikan an. Minder begünstigt von den äusseren

Verhältnissen als _Bernini_ erscheint _Aless. Algardi_ (1602-1654),

welcher längere Zeit mit der Fertigung kleiner Modelle für Goldschmiede

und Giesser sich begnügen musste, und erst spät mit Monumentalwerken

betraut wurde. Keines der letzteren (Statue des Filippo Neri, P.

Innocenz, Grabmal Leo XI.) trug ihm einen so grossen Ruhm ein und ist

für die Kunstrichtung des 17. Jahrhunderts so vielsagend, wie das

riesige Marmorrelief: die Vertreibung Attilas in der Peterskirche. Aus

5 Marmorstücken zusammengefügt, misst es 32 Palmen in der Höhe und 18

in der Breite. Alles hatte der Künstler in diesem Werke berücksichtigt,

die Perspektive, den malerischen Reiz, die Lehre von den Verkürzungen,

und nur eine Sache vergessen, diese aber ist das Recht und die Grenzen

der Plastik. Es ist ein künstlich auf Stein übertragenes Gemälde, eine

nur zufällig im plastischen Stoffe verkörperte malerische Composition.

Die italienische Kunstweise beschränkte, wie schon früher bemerkt

wurde, ihre Herrschaft nicht auf ihre unmittelbare Heimath, sondern

zog auch den Norden in den Kreis ihrer Besitzungen. Als Ersatz dafür

erzwang sich der Norden in einzelnen seiner kunstgebildeten Söhne

in Italien selbst die unbedingteste Anerkennung, so in _François du

Quesnoy_ aus Brüssel, gewöhnlich _il Fiammingo_ genannt, und neben

_Bernini_ in Rom thätig (1594-1644). _Tizian_'sche Gemälde sollen

ihm die Motive für seine heiteren Kindergestalten geliefert haben,

in welchen er sich so glücklich und so häufig versuchte, und für die

nächsten Künstlergeschlechter zum Vorbilde wurde (_Manneken-pis_

in Brüssel, in _M. dell'anima_ in Rom, Neapel). Ausserdem werden

die Statuen der hl. Susanna (S. M. di Loreto) und des hl. Andreas

(Peterskirche) und die Mater dolorosa in S. Jakob zu Antwerpen von ihm

gerühmt.

Rom bildete fortan die hohe Schule, wie Italien das gelobte Land

für die Künstler, in Rom selbst war _Bernini_ im Fache der Skulptur

das am meisten bewunderte Vorbild. Gehülfen und Nachahmer desselben

füllen den Bildnerkatalog des 17. Jahrhunderts aus; unter ihnen sind

noch am meisten bemerkenswerth: _Ercole Ferrata_, _Melch. Caffa_

(_S. Rosa_ in Lima); _G. Mazzuola_; _A. Razzi_, _il Lombardo_, beide

an _Bernini_'schen Werken beschäftigt; _G. Finelli_ und _Andr.

Bolgi_ aus Ferrara; der Letztere ebenso wie _Fr. Mocchi_ von

_Bernini_ zur Fertigung einer der vier Kolossalstatuen unter der

Kuppel der Peterskirche zugelassen, u. A. Die anderen italienischen

Städte liefern eine noch geringere Ausbeute. In Florenz wird die

Bildnerei selten anders als zu Luxusmonumenten in Gärten (Boboli),

Palasthöfen, zur Aufstellung von Schaugerüsten bei öffentlichen Festen

benützt. Ausserdem können noch einzelne Grabdenkmäler in S. Croce

zur Beurtheilung der Kunstzustände in den zwei letzten Jahrhunderten

angezogen werden. Den grössten Lokalruhm genoss hier _Foggini_, wie

in Neapel _C. Fansaga_. Mit Rom wetteifert Venedig in dem äusseren

Reichthum an Bildwerken, zu welchen die noch immer rege Bauthätigkeit

eine stetige Gelegenheit bot. Massenhafte Grabdenkmäler schufen

_B. Longhena_ (ai frari) und _Tirali_ (_Giov._ und _Paolo_); ausser

ihnen wurden auch deutsche Künstler in grosser Zahl beschäftigt.

Auch _A. Corradini_, dessen Statue einer verschleierten Frau im

P. Manfrin ihrer Zeit ein so grosses Staunen erregte (ein ähnliches

Werk: Christus mit dem Grabtuche bedeckt, lieferte _Sammartino_ für

Neapel (C. de' Sangri)), arbeitete in Venedig. Schon hier scheint die

Abirrung des Geschmackes den höchsten Grad erreicht zu haben, und doch

sind diese Werke noch einfach und geschmackvoll zu nennen gegen den

Menschenknäuel, welcher unter dem Namen des Engelsturzes in Padua von

der Hand _A. Fasolatos_ bewahrt wird. Darin werden alle monströsen

Bildungen des vorigen Jahrhunderts noch übertroffen.

Die %spanische% Bildnerschule, soweit sie die Tradition festhält, und

bei der Fertigung in estofado vollendeter Holzschnitzwerke beharrt,

lässt den Kunstverfall in keiner Weise merken. Im Gegentheil nimmt die

Bildnerei an der hohen Blüthe der Malerkunst im 17. Jahrhundert Theil,

und entzückt durch die Anmuth der Köpfe, die Feinheit der Ausführung

und die Schönheit der Zeichnung. Der Schauplatz ihrer Thätigkeit

ist vorzugsweise der Süden: _S. Martinez Montañes_ ([+] 1649) zu

Sevilla, von welchem die Kathedrale eine fast lebensgrosse Conceptio

in Holz bewahrt; _Alonso Cano_ aus Granada, Schüler d. V. (1601-1667),

der grösste Bildschnitzer Spaniens, und _Pedro Roldan_ aus Sevilla

(1624-1700).

Das Zeitalter _Louis_ XIV. zeigt uns die höfische Sitte zu Versailles

tonangebend, und als modische Bildung über ganz Europa verbreitet; es

sollte in der %Schule von Versailles% auch ein künstlerischer Ausdruck

dieser Bildung geschaffen werden. Doch bleibt es bei einem kalten,

nüchternen Pompe; an die Stelle der idealen Formenbildung tritt eine

gemachte, theatralische Manier, der frische Naturalismus kann unter

den Allongeperücken nur mühselig sich entfalten. Die Bildnerei wie

die Malerei tragen das deutliche Gepräge der Versailler Scheingrösse

und Unnatur. Unter den Bildnern ragen hervor: _Simon Guillain_,

_Jacques Sarrazin_ (g. 1590), die Brüder _Michael_ und _Franz Anguier_,

_Fr. Girardon_ (1630-1715), welcher nach _Lebrun_'schen Zeichnungen

seine in Versailles und Trianon zahlreichen Werke ausführte (Raub der

Proserpina, Apollo von Nymphen bedient in Relief, die Büste Boileaus).

_P. Puget_ (1622 bis 1694), von seinen Zeitgenossen _Michelangelo_

gleichgestellt, während wir in seinem Hauptwerke: Milon von Croton,

von einem Löwen zerrissen, nur einen melodramatischen Effekt finden;

_Desjardins_, eigentlich _Mart. van den Bogaert_ ([+] 1694),

_A. Coysevox_ ([+] 1720) aus Lyon (Grabmal Colberts in S. Eustache),

_N. Coustou_, _P. Legros_ (1656-1719) in Rom, Turin und Paris thätig,

in dessen marmorbunten Denkmale des Stanislaus Kostka (S. Andrea di

Monte) wir ein trauriges Zeugniss des gröbsten Ungeschmackes erblicken

u. A. Doch sind diese vielbeschäftigten und meist in Rom gebildeten

Künstler noch ungleich anziehender als ihre Nachfolger im Zeitalter

_Louis_ XV. Ausser _Edm. Bouchardon_ (1698-1762), an dessen Werken

(bogenschnitzender Amor, Fontaine de Grenelles, Reiterstatue Louis XV.)

die verhältnissmässige Einfachheit und Strenge der Zeichnung gerühmt

wird, vertritt _J. Pigalle_ (1714-1784) den bizarren und aufgeblasenen

Styl seiner Zeit. (Hauptwerk: das Grabmal Moriz von Sachsen in

Strassburg.)

Eine besondere Eigenthümlichkeit strebt weder die niederländische,

noch die deutsche Bildnerei an. Dort herrscht eine Zeit lang (_Arth.

Quellinus_) ein frischer Naturalismus vor, hier wird noch lange die

Holzschnitzkunst gepflegt; aber im Allgemeinen waltet überall der

unduldsame _Bernini_sche Einfluss. Grabdenkmäler, überaus zahlreich

vorhanden, bieten die beste Gelegenheit zur Erkenntniss des giltigen

barocken Styles. Kleinere Skulpturwerke, wenigstens reich geputzt,

wenn auch unrein in der Zeichnung, gerathen besser als grössere Werke,

an welchen nüchterne Allegorien und ein gänzliches Verkennen der

plastischen Gesetze sich übermässig breit machen. Der vom Tod in das

Grab zurückgewiesene General Lamberg im Mainzer Dome (1680), die aus

dem geborstenen Grabe auferstehende Pastorin Langhans in Hindelbank

bei Bern (1751) sind bekannte und nicht die schlimmsten Beispiele

des in der Bildnerei wuchernden malerischen Geschmackes. Wir heben

aus dem 17. Jahrhundert _Balth. Lentz_ in Köln (Ursulakirche), _G.

Schweigger_ in Nürnberg (Kastorkirche in Koblenz), die Giesser _Seb.

Kopp_ aus Forchheim (Bamberger Dom), _Wolf Herold_ und _K. Enderlein_

in Nürnberg, die Bildschnitzer _Pronner_ aus Kärnthen (in Nürnberg

thätig) und _Thamasch_ aus Tirol hervor. Im 18. Jahrhundert erwarben

sich eine reiche Wirksamkeit: _J. Würth_ in Wien, _Brokov_ in Prag

(Brückenstatuen), _Permoser_ in Wien und Dresden, _Nahl_ in Bern und

Kassel, und der unter seinen Zeitgenossen durch ein gesundes Stylgefühl

hervorragende _Andr. Schlüter_ (1662-1714) in Berlin.

Die italienische Malerei im XVII. Jahrhundert.

§. 116.

Wollte man von dem Zustande der Baukunst und Bildnerei in den letzten

Jahrhunderten auf den gleichmässigen Verfall der Malerei schliessen,

so würde man sich nicht wenig von der Wahrheit entfernen. Die

Bedingungen, welche den Rückgang in jenen Kunstgattungen hervorriefen,

waren hier nicht vorhanden, der Entwickelungskreis der Malerei noch

nicht geschlossen. Wohl fehlte der religiöse Ernst der älteren

Kunst, und das Bewusstsein der hohen Würde, welche die Kunst unter

den weltherrschenden Geistesmächten einnimmt. Der Künstler besitzt

nur selten mehr den keuschen Sinn, um seine Persönlichkeit dem

Werke zu unterordnen; diese tritt in den Vordergrund und verlangt

die unbedingteste Achtung. Des Künstlers Wirken und Schaffen ist

ausschliesslich darauf gerichtet, seiner individuellen Grösse als

Folie zu dienen, er bricht und beugt willkürlich die Ideen und Motive,

um sie seinen subjektiven Neigungen mundgerecht zu machen; er sieht

in seinen Genossen nicht mehr Mitthätige im gleichen Dienst, sondern

Gegner und Concurrenten. Die Lichtseite dieses vorherrschenden

Individualismus offenbart sich in der bedeutenden technischen

Tüchtigkeit der meisten Künstler. Technische Fortschritte bildeten

früher die Lebensaufgabe der Individuen, jetzt ist ihre Kenntniss und

leichte Handhabung nach vollendeter Lehrzeit schon vorhanden, wie

überhaupt der Künstlererziehung die grösste Sorgfalt gewidmet wird.

Zur gesteigerten technischen Virtuosität gesellt sich eine freiere

Stellung zu den Meistern des _Cinquecento_. Ferner gerückt, üben

diese keinen unmittelbaren und unwiderstehlichen Druck aus, erzwingen

nicht eine blinde, geistlose Abhängigkeit, treten vielmehr in die

Reihe der Tradition zurück. Ihre Vorzüge und Eigenheiten können mit

grösserer Freiheit abgewogen, die Vorbilder unabhängiger ausgewählt

werden. Sie erdrücken nicht die natürliche Eigenthümlichkeit der

lebendigen Künstlergeschlechter, verleihen derselben nur eine bestimmte

Färbung. Es herrscht die Sitte, die italienischen Künstler des 17.

Jahrhunderts nach ihrem Verhältnisse zu ihren Vorfahren zu gliedern,

eine %eklektische Schule% den %Naturalisten%, welche sich von der

Tradition entschiedener lossagen und nur den unmittelbar gegebenen

Impulsen folgen, gegenüber zu stellen. Doch trifft diese Unterscheidung

nicht scharf zu. Die Berücksichtigung des _Cinquecento_, ähnlich wie

das Studium der Antike, wird bei keinem Künstler vermisst und gehört

wenigstens zur Schulbildung desselben. Auf der anderen Seite bildet

auch für die eifrigsten Verehrer der »Alten« der Naturalismus die

Grundlage ihrer Anschauungen. Derselbe muss schon aus dieser Ursache

eine allgemeine Geltung in Anspruch nehmen, als eine lebendige

leidenschaftliche Auffassung, ein dramatisch kräftiger Ausdruck auch im

religiösen Kreise galt, und der ehemals herrschende reine Idealismus

durch den Reichthum und die Mächtigkeit der äusseren Formen, durch das

Pathos der Schilderung ersetzt werden sollte. Selbst die wüsten und

gemeinen Gestalten der Naturalisten geben sich noch als Nachkommen,

wenn auch nur als »liederliche Nachkommen des im plastisch hohen Style

erzeugten Riesengeschlechtes«, zu erkennen; die Eklektiker aber, die

gleichfalls die Ausbildung des malerischen Styles anstreben, konnten

dieses ohne Hingabe an naturalistische Formen nicht bewirken. Es

zeigt sich in dieser Berührung beider Richtungen der vermittelnde

Einfluss der praktischen Thätigkeit. Konnten auch die Werke nicht

scharf nach den beiden erwähnten Kategorien geschieden werden, so

bleiben diese doch in den theoretischen Grundsätzen geltend; die

Schulansichten allerdings stellen den Eklekticismus und Naturalismus

in den Vordergrund, die Künstlerparteien schreiben diese Worte auf

ihre Fahne. Wir besitzen ein Sonett des _Agostino Carracci_, worin

er aus den Charakterzügen sechs verschiedener Maler ein neues Ideal

zusammenklaubt, und dieses so gebraute Ideal mit antiker Zeichnung,

venetianischem Colorit und lombardischen Farbenschmelze versetzt;

wir kennen die Verachtung _Caravaggios_ alles dessen, was nicht das

Gepräge unmittelbarer Wahrheit an sich trägt. Dennoch kommt der

schroffe Gegensatz mehr nur im Munde der Künstler vor, in ihren

Werken erscheint er verhältnissmässig abgeschwächt und gemildert.

Gemeinsam ist beiden Richtungen die Opposition gegen die namentlich

in Rom vorherrschende geistlose und trockene Manier, welche das

Verständniss der Bestimmung der Kunst verloren hatte, und auch in

der eigentlichen Technik die ärgste Verwahrlosung zur Schau trug,

weniger aus Unfähigkeit, als durch schiefe Ansichten vom Schönen

verleitet; verschieden sind aber in diesem Kampfe die Mittel und das

Ziel. Die Einen, geführt von der Künstlerfamilie der _Carracci_ aus

Bologna, wollten nur das wuchernde Unkraut beschnitten haben, und

hielten an der alten Kunsttradition fest. Sie sind gleich den älteren

Meistern Stylisten, ein architektonisches Gefühl waltet noch in ihrer

Composition und Gruppirung, in der Wahl der Motive; in der Zeichnung

gehen sie nach den alten Regeln vor; auch die Freskotechnik, welche

doch vorzugsweise der älteren Kunstweise entspricht, findet in ihrem

Kreise noch eine gute Pflege, ja sogar eine glückliche Fortbildung.

Ihre Opposition gegen die Manier des 16. Jahrhunderts ist keine

prinzipielle; auch sie finden das Heil der Kunst in dem Festhalten des

bereits vollendeten Styles, nur dass sie freier in der Nachbildung

sich bewegen, die Auffrischung der Tradition durch eine lebendige

Naturwahrheit, namentlich in der Farbe, nicht verschmähen; auch sie

glauben an die Möglichkeit, die Kunstweise der grossen Vorfahren in

systematischer Lehre auf die kommenden Geschlechter fortpflanzen zu

können, und begründen die akademische Richtung. Dagegen ist der Kampf

der Naturalisten gegen die bisher giltige Grundlage, den traditionellen

Styl, selbst gerichtet, als Aufgabe eine vollständige Umwälzung der

alten Anschauung und Auffassung der Natur hingestellt. Die Einen

sind Reformer, die Andern Revolutionäre. Damit ist die Bedeutung der

Naturalisten noch keineswegs erschöpft. Wir können nicht läugnen, dass

auch die Eklektiker von dem veränderten, mehr glänzenden als innigen

religiösen Ideenkreise berührt wurden; aber mit Energie der eigenen

Zeit die ihr innewohnenden künstlerischen Motive abgelauscht zu haben,

dies bleibt dennoch vorzugsweise das Verdienst der Naturalisten. Ihre

Werke, das Produkt des wild zerfahrenen, stürmischen 17. Jahrhunderts,

der Wiederschein der ausgehöhlten öffentlichen Ordnung, die eben nur

den weiten Tummelplatz persönlicher Leidenschaften und Intriguen

bildet, besitzen auch ein kulturgeschichtliches Interesse. Damit

hängt auch das bei den meisten Vertretern dieser Richtung bemerkbare

wüste, abenteuerliche Leben zusammen. Gleich der erste Künstler,

der die Fahne des Naturalismus aufpflanzte, _Michelangelo Amerighi

da Caravaggio_ (1569-1609), ein Schüler des _Cavaliere d'Arpino_,

dessen manierirte Weise er aber bald überblickte und leidenschaftlich

bekämpfte, zählt unter seinen biographischen Zügen Mord, Flucht,

Verfolgungen und Elend; schon bei ihm kommt das Sonderlingswesen, so

charakteristisch für diese späte Kunstperiode, zum Durchbruche. Sein

Colorit, scharfe Lichtblitze auf den dunkel gehaltenen Gestalten,

kann nicht streng naturwahr genannt werden, erscheint aber effektvoll

und mit seiner Sinnesrichtung übereinstimmend. Auch der Charakter

vieler seiner Gestalten geht durch das ihnen anklebende Pathos

über die gewöhnliche Wirklichkeit hinaus, nur steht derselbe, bei

religiösen Scenen, in grossem Widerspruche mit dem geistigen Wesen der

dargestellten Personen, so in der Grablegung (Vatikan), hl. Familie

(Galerie Borghese), Tod der Maria (Louvre), Christus am Oelberge

(Berlin). Sittenbilder gelingen besser, Schilderungen der Nachtseiten

der Gesellschaft (falsche Spieler) am besten. Schon diese Eigenheit

beweist die Unzulänglichkeit seiner Kunst für monumentale Zwecke, und

erklärt die immer mehr einreissende Neigung, für Bildersammlungen, für

einen abstrakten Zweck, die Gemälde zu arbeiten. In Rom selbst zählt

_Caravaggio_ zu Nachahmern _C. Sarazano_ aus Venedig, _A. Caroselli_,

_Tom. Luini_ u. A. Auch _M. Valentin_ ([+] 1632) und _Simon Vouet_,

beide Franzosen, und der holländische Maler _Gerh. Honthorst_

(1592-1662), durch seine Nachtstücke berühmt, gehören zu seiner Schule,

welche die lebendigste Fortbildung in Neapel erhielt, und hier an den

herrschenden wilden Zuständen eine wesentliche Stütze fand. _Gius.

Ribera, lo Spagnoletto_ (1588-1656), spanischen Ursprunges, führt den

Reigen. Wie alle Naturalisten ein tüchtiger Colorist, wobei ihm das

Studium der Venetianer Vorschub leistete, begnügt er sich in der

Regel, diesen Vorzug leuchten zu lassen, unbekümmert um die übrigen

Formen des Schönen. Seine Phantasie ergeht sich gern in der Schilderung

abgelebter, skelettartiger Gestalten (Anachoreten, Philosophen) oder

abstossender Gräuelthaten; nur in einzelnen Fällen (Kreuzabnahme

und Abendmahl in S. Martino zu Neapel) offenbaren seine Werke einen

tieferen poetischen Sinn. Nach Sicilien verpflanzte _Caravaggios_ Styl

der Syrakusaner _Mario Minniti_.

Diesen Spitzen der naturalistischen Richtung sind die Häupter

des Eklekticismus gegenüber zu stellen. In Bologna, getragen von

den _Carraccis_, trat derselbe zuerst auf, um die Runde durch

ganz Italien zu machen und schliesslich den Entwickelungsgang der

italienischen Kunst zu beendigen. Die Begründung der Schule und die

systematische Ausbildung des akademischen Unterrichtes (Akademie d.

Incamminati zu Bologna) bildet das wichtigste Verdienst des älteren

_Lodovico Carracci_ (1559-1619), sowie seines Neffen, des auch als

Kupferstecher berühmten _Agostino Carracci_ (1558-1601). Die grösste

Produktivität aber und den höchsten Kunstruhm besitzt der andere

Neffe, _Annibale Carracci_ (1560-1609). Das Streben, den älteren

Meistern ihr eigenthümliches Wesen abzulauschen, ist an mehreren

seiner Werke ersichtlich; oft erscheinen auf einem einzigen Bilde

verschiedene Malweisen neben einander gestellt (Mad. mit Heiligen in

der Pinakothek zu Bologna); doch erschöpft dieser Eklekticismus nicht

die Thätigkeit des Künstlers. Er geht in anderen Fällen von einer

freien Naturauffassung aus und übt gerade dann den grössten Eindruck.

_Annibales_ Hauptwerk ist sein mythologischer Bilderkreis im Palast

Farnese zu Rom. Die technische Durchbildung und virtuose Anordnung

der Bilder erregen die grösste Bewunderung. Dass dieselben darauf

eingerichtet sind, am besten bei künstlichem Kerzenscheine genossen zu

werden, bezeichnet trefflich den Standpunkt der damaligen Kunst. Die

Zahl der Künstler, welche der akademischen Lehre der _Carraccis_ ihre

Bildung verdanken, ist nicht unbedeutend; kunstgeschichtlich wichtig

und auf die Fortbildung der italienischen Malerei von Einfluss sind

aber nur folgende Schüler: _Domenico Zampieri_ oder _Domenichino_ aus

Bologna (1581-1641), der trotz der eigenen Neigung zum Naturalismus

den Verfolgungen der selbstsüchtigen Anhänger dieser Richtung nicht

entgehen konnte, und durch Eifersucht sowohl in Rom wie in Neapel

seine Wirksamkeit beschränkt sah. Durch pathetischen Schwung zeichnet

sich der Evangelist Johannes, der die Offenbarung empfängt (in

Petersburg?), aus; ein grossartiger, rein idealer Styl durchzieht

die al Fresko ausgeführten Evangelisten in der Kuppel von S. Andrea

della Valle in Rom; sonst verfügt _Domenichino_ ziemlich willkürlich

mit den religiösen und historischen Motiven, und lässt seinem

schilderungskräftigen farbenreichen Pinsel auf Kosten der Haupthandlung

freien Lauf. Die Darstellung des Lebens der hl. Cäcilia in S. Luigi zu

Rom, die Geisselung des hl. Andreas in der Kapelle zu S. Gregorio in

Rom und die Geschichten des hl. Nilus in Grottaferrata bei Frascati

sind zunächst nur äusserst lebendig gedachte und vollendet ausgeführte

Volksscenen. Seine fruchtbare Thätigkeit lernt man in römischen

Kirchen, dann in Fano, Viterbo, Neapel kennen; auch Oelbilder lieferte

er in grosser Zahl und mannigfachen Inhaltes. Zu den hervorragendsten

Werken in dieser Gattung gehören die Beichte des hl. Hieronymus in der

vatikanischen Galerie (nach dem gleichnamigen Bilde _Agost. Carraccis_

componirt), und die Diana mit Nymphen in der Galerie Borghese. Der

gleichen Schule entsprungen und mit _Domenichino_ wetteifernd, ist

_Guido Reni_ (1575-1642), von seinen Zeitgenossen hochgepriesen, und

in der That die meisten derselben an Formensinn und Compositionskraft

überragend, aber in seinem idealistischen Streben, zu dessen

Verwirklichung er antike Gestalten oft unmittelbar benützte, unklar

und unwahr, und zuletzt in der Arbeit sich überstürzend, geistlos

und leichtfertig. Das Schwankende und Unsichere seiner Kunstweise,

worin sich übrigens nur der Schulcharakter der Eklektiker ausspricht,

beweisen auch seine Versuche, _Caravaggio_ nachzuahmen (Kreuzigung

Petri in der vatikanischen Galerie) und die häufigen Wandlungen im

Colorite, welches endlich eine oberflächliche Weichheit, einen flauen

Ton annimmt, aber nichts desto weniger von seinen zahlreichen Schülern

am eifrigsten nachgebildet wurde. Unter _Guidos_ Freskobildern stehen

die Aurora und Phöbus im Palast Rospigliosi, die Bilder in S. Gregorio

zu Rom und die Geburt Christi in S. Martino zu Neapel obenan; unter

den zahlreichen Oelgemälden besitzen aus der früheren, besseren Zeit

ein Kruzifix und der bethlehemitische Kindermord zu Bologna, aus

der späteren Periode die oft wiederholte Fortuna, die Himmelfahrt

der Madonna (Münchner Pinakothek) und das Fahnenbild (il pallione):

Madonna mit Heiligen in der Pinakothek zu Bologna, den grössten

Ruhm. Einförmiger und charakterloser erscheint der dritte grosse

Schüler der _Carracci_, der als Maler der Liebesgötter, oder wie ihn

seine Bewunderer auch nannten, als Horaz der Malerei wohlbekannte

_Francesco Albani_ aus Bologna (1578-1660). Seinen gemalten Pastoralen

fehlt dasselbe, was den arkadischen Poesien der Italiener abgeht,

die naive Wahrheit. Innerhalb dieser Beschränkung, und wenn man das

häufige Durchscheinen der gebrauchten Modellfiguren übersieht, aber

entfaltet _Albani_ einen regen Sinn für anmuthige oder wenigstens

zierliche Formen, eine blühende Färbung und heitere Phantasie. Die

Motive seiner meisten Bilder sind der antiken Mythe (Venus, Diana,

Danae, Galatea u. a.) entlehnt und von zierlichen Amorettengruppen

belebt; auch Gemälde allegorischer Natur (die vier Elemente in Turin

u. a.) kommen vor; im religiösen Kreise entsprach das auf dem Kreuze

schlafende Christkind und die Himmelfahrt der Madonna (M. del pace zu

Rom) am besten seiner Neigung. Die anderen Schüler _Carraccis_, sowie

die Anhänger der eben genannten Meister: _Lanfranco_, _Cavedone_,

dann _Passeri_ (ein Schüler _Domenichinos_), _Cignani_ und _Sacchi_

(_Albanos_ Schüler), _Cantarini_, _Sirani_ (_Guidos_ Schüler),

erheben sich nicht über die Mittelmässigkeit, andere, wie _Spada_,

der Modenese _Schedone_, rücken dem Naturalismus näher. Nicht im

Schulverbande, aber doch unter dem Einfluss _Carraccis_, steht

_Francesco Barbieri_, gew. _Guercino da Cento_, genannt (1590-1666).

Auch er gelangte, von mannigfaltigen, oft entgegengesetzten Einflüssen

gedrängt, zu keinem festen Style, und scheute, das Ideale mit dem

Schwächlichen verwechselnd, die ursprünglich ihm innewohnende Formen-

und Farbenkraft. Seine Werke sind in italienischen Galerien, zu Rom,

Bologna, Mailand (Hagars Verstossung), Florenz, Genua u. a. sehr

häufig. Fresken von seltener Farbentiefe schuf er im Casino der Villa

Ludovisi und im Dome zu Piacenza.

§. 117.

Der Richtung der _Carracci_ verwandt, d. h. gleichfalls mit ernstem

Sinne um die Wiederherstellung der älteren Kunstweise bemüht, doch in

keinem Schulverbande mit jenen, treten uns mehrere, minder bedeutende

Künstlergruppen entgegen, so die Familie der _Campi_ zu Cremona,

bereits im 16. Jahrhundert thätig, aber ohne allen nachhaltigen

Einfluss auf die folgenden Geschlechter, jene der _Procaccini_ zu

Mailand, Nacheiferer _Correggios_, unter ihnen der bedeutendste

_Camillo_, das Geschlecht der _Crespi_ aus Cerano, dessen wichtigstes

Glied _Daniele Crespi_ ([+] 1630) in Mailand wirkte und die Schule

der _Procaccini_ besuchte. Ein anderer Eklektiker von tüchtiger

Kraft, dessen Bildungsgang noch nicht aufgehellt wurde, ist _Giov.

Salvi_ aus %Sassoferrato% (1605-1685). Im Gegensatze zu den nach

dramatischen Effekten haschenden Zeitgenossen durch ein lyrisches

Gefühl ausgezeichnet, führten ihn seine Studien bis auf _Perugino_

zurück. Fleissig ausgeführte Copien nach raphaelischen Madonnen trugen

dazu bei, seiner Weise -- er malte vorzugsweise Madonnenbilder -- das

Gepräge der Innigkeit zu verleihen.

Die florentinische Schule, aus der im 15. Jahrhundert erklommenen

Höhe, im 16. tief herabgeschleudert, begann gleichfalls im 17.

Jahrhundert sich einigermassen zu heben. Kulturmomente, welche etwa

der Kunst neue Keime zugeführt hätten, lagen nicht vor, so verblieb es

denn auch bei der blossen Verbesserung der Formen, einem richtigeren

Studium der Vorfahren, womit das Anstreben grösserer Farbenwirkungen

verbunden wurde. Durch die Anlehnung an den römischen Maler _Baroccio_

und an dessen Vorbild _Correggio_ kam die Restauration des guten

Geschmackes zu Stande. _Lodov. Cardi_ aus %Cigoli% (1559-1613),

durch ein lebhaftes Colorit und gute Verwendung des Helldunkels

ausgezeichnet, ist der erste, welcher sich den Fesseln der bis dahin

giltigen flachen Manier entzieht. (Marter des hl. Stephan in Uffizi,

hl. Franciskus in Pitti-Gal. u. a.). Ihm folgten mehrere Schüler

(_Pagani_, _Dom. da Passignano_); die grösste Tüchtigkeit aber unter

den jüngeren Florentinern offenbart der Meister der Judith (Gal.

Pitti), _Cristofano Allori_ (1577-1621). Die Schöpfung dieses ebenso

technisch durchgebildeten als pathetisch wirksamen Bildes gehört zu

den gelungensten Thaten der neueren Kunst, und lässt bis auf diesen

Tag _Alloris_ Lorbeeren nicht unbeneidet. Noch bleiben als Vertreter

der jüngeren florentinischen, durch die Geschicklichkeit im Copiren

ausgezeichneten Kunst, _Jac. da Empoli_ und der treffliche Schulhalter

_Matteo Roselli_ zu nennen. Auch _Carlo Dolce_ (1616-1686) gehört zu

des letzteren Schülern. In der Phantasie beschränkt, der Ausbildung

einer sanften Anmuth und leicht verständlichen, weil übertriebenen

Sentimentalität beflissen, hat er zu seinen Lebzeiten und später

zahlreiche Verehrer gefunden. Seine Bilder (Tochter des Herodias,

hl. Cäcilia in Dresden, hl. Sebastian in Pommersfelden bei Bamberg,

Magdalena in München u. a.) machen es dem religiösen Sinne unendlich

leicht, verlangen keine besondere Erhebung des Geistes, lullen

vielmehr, modernen italienischen Melodien, wie richtig bemerkt worden,

ähnlich, das Gemüth in einen leichten sinnlichen Rausch ein. Dies

verleiht dem Meister ein kulturgeschichtliches Interesse, obgleich

dadurch eine höhere ästhetische Stellung nicht begründet wird.

Wenn im römischen Künstlerkreise die Richtung der _Carracci_ nicht

ausschliesslich herrschte, so hatte sie die Genugthuung, dem

Nebenbuhler auf neapolitanischem Boden Gleiches mit Gleichem zu

vergelten. Hier war zwar der Naturalismus vorzugsweise heimisch;

neben ihm galten aber auch eklektische Einflüsse. In venetianischer

Weise malte _Belisario Corenzio_, dem _Annibale Carracci_ folgte

_Giambatt. Caracciolo_, beide natürlich dem Naturalismus nicht völlig

fremd, und überdies vorzugsweise durch ihre gehässige Feindseligkeit

gegen alle fremden Maler, die in Neapel einen Wirkungskreis suchten,

berüchtigt. Vor derselben bewahrte weder Ansehen, noch eine

befreundete Kunstrichtung, sie traf _Ann. Carracci_, _Domenichino_,

den _Car. d'Arpino_ und andere römische Maler; sie richtete ihre

Giftgeschosse sogar auf jüngere einheimische Kräfte, wie auf den

naturalistisch gebildeten _Massimo Stanzioni_ ([+] 1656), den

Hauptführer der späteren neapolitanischen Schule, welche wieder

ausschliesslicher auf _Spagnolettos_ Darstellungsweise eingeht und

in _Aniello Falcone_ und _Salvator Rosa_ (1615-1673) die letzte

reichere Blüthe entwickelt. Beide Künstler haben zwar in anderen,

als in der religiös-historischen Gattung, die grösste Bedeutung

errungen, doch muss namentlich _Salvators_ Verschwörung des Catilina

(Galerie Pitti) schon hier als ein Denkmal des wirkungsreichsten

Naturalismus angezogen werden. (Andere historische Gemälde sind in der

Grosvenorgalerie [Demokritos] zu Corshamhouse [hl. Lorenz]). Mit dem

Verständnisse der idealen Formen ging auch das Interesse an idealem

Inhalte verloren. Der weitere Schritt von der Einkleidung religiöser

Vorgänge in derbe zeitgenössische Formen zur selbständigen Darstellung

des unmittelbaren weltlichen Lebens kostete keine Ueberwindung; er war

vielmehr ein nothwendiger, jenen Widerspruch glücklich beseitigender

Fortschritt. Wir bemerkten schon im Kreise der Venetianer die

Neigung zu sittenbildlichen Darstellungen, welche bei _Bassano_ zu

virtuosen Schilderungen des menschlichen Werketaglebens führt. Noch

befreundeter erscheint das Sittenbild der naturalistischen Schule des

17. Jahrhunderts. _Caravaggios_ Leistungen in diesem Fache wurden

oben erwähnt; unter seinen Nachfolgern in Neapel ragt der früher

angeführte _An. Falcone_ (geb. 1600) als Schlachtenmaler hervor. Das

gleiche Fach übten _Cerquozzi_ (der Schlachten-Michelangelo, geb. 1602)

und der römische Jesuite _Jacques Courtois_, gen. _Bourguignon_ (1621

bis 1676). Die in Galerien nicht seltenen Werke des Letzteren sind

nicht immer richtig gezeichnet, aber stets lebendig gedacht und kühn

angeordnet; _Cerquozzi_ ging später zur Darstellung von Volksscenen

über, in welcher Gattung seine leichtschaffende Phantasie und seine

scharfe Beobachtungsgabe mit Erfolg sich äusserten. (Masaniello, von

Lazzaronis beklatscht in der Gal. Spada?). Die Aufnahme des niedrigen

Volkstreibens, der Kesselflickerscenen, in den Darstellungskreis wird

gewöhnlich auf _Peter Laar_ aus Holland (1613-1674) zurückgeführt,

welcher längere Zeit in Italien lebte, und nach dessen Spottnamen

Bamboccio die ganze Gattung Bambocciaden genannt wurde. Doch ist die

Sache in Italien älter als der Name, _Laar_ selbst der Einwirkung,

namentlich _Cerquozzis_, unterworfen gewesen. Eine nachhaltige

Bedeutung für die italienische Kunstweise kann man den Bambocciaden

nicht zusprechen; dagegen ist die im 17. Jahrhundert reichblühende

Landschaftsmalerei für die Entwicklung der ästhetischen Anschauungen in

Italien von grossem Belange. In ihr spricht sich der moderne Sinn am

schärfsten aus, die Vertiefung in die landschaftliche Schönheit, das

Verständniss der Naturstimmungen erscheint als das wichtigste und auch

künstlerisch fruchtbarste Merkmal der neueren Bildung. Die Venetianer,

voran _Tizian_, beginnen den Reigen, auf die Venetianer fusst _Ann.

Carracci_ und seine Schule (_Grimaldi_, _Albano_, _Domenichino_ u. A.),

wozu sich des niederländischen Landschafters _Paul Brill_ (1554-1626)

Einfluss gesellt. Dieser siedelte sich am Schlusse des 16. Jahrhunderts

in Italien an und begann nicht allein antike Ruinen als Staffage zu

verwerten und die Formen der italienischen Natur mit Wahrheit zu

reproduciren; er wusste auch seinen Bildern eine elegisch-ruhige

Stimmung anzuhauchen, welche später einen so vielfachen und so

vollendeten Ausdruck gewann. Neben diesem Kreise von Landschaftsmalern,

weniger durch die ruhige Schönheit der Linien und klare Ausprägung der

Formen ausgezeichnet, als durch die geistreiche Auffassung einzelner

Naturmomente und die poetische Schilderung des finsteren Wald- und

Gebirgslebens berühmt, steht ziemlich selbständig der vielseitige

_Salvador Rosa_. Meisterhaft weiss er durch eine lebendige Staffage

und glücklich angebrachte Lichteffekte die Eigenthümlichkeit seiner

landschaftlichen Motive zu heben und zu charakterisiren. Auch die

klare Farbe und fleissige Durchführung fehlt seinen besseren (meist in

England bewahrten) Werken nicht.

§. 118.

Die italienische Kunstweise stirbt zwar in dem Zeitraume, den

wir betrachten, noch nicht vollständig ab, sie greift über ihren

unmittelbaren Schauplatz hinaus, und vererbt sich wenigstens theilweise

auf die französischen, spanischen und deutsch-niederländischen Schulen,

wie denn überhaupt eine bestimmte nationale Trennung der verschiedenen

Stylarten nicht mehr vorhanden ist; doch bricht die unmittelbare

selbständige Entwicklung schon am Schlusse des 17. Jahrhunderts ab,

und die eben beschriebene Blüthe weicht wieder dem einreissenden

Schlendrian und der oberflächlichen Manier. Den Keim zur Verflachung

bot das Kunstprinzip der _Carraccis_. Seine verkehrten Folgen

blieben, so lange tüchtige künstlerische Persönlichkeiten dasselbe

anwendeten, verborgen, weil diese von der consequenten Durchführung

zurücktraten; erst in den Händen des späteren Geschlechtes machte

sich das Verderbliche der abstrakten Kunstbildung und des willkürlich

erfundenen Idealismus geltend. Weder die Antike noch die Meister des

Cinquecento entgingen der schulmeisterlichen Kritik der Akademiker,

das Bessermachenwollen schloss aber das Bessermachen keineswegs ein.

Jene Gattungen, welche geringere Ansprüche erhoben, die Wirklichkeit

mit einfacher Treue wieder gaben oder eingeständlich als blosse

Dekoration auftraten, wie die Architekturmalerei (_Bern. Canal_ und

sein Schüler _Ant. Canal_ gen. _Canaletto_ zu Venedig) leisteten

Besseres; auch die Restauration älterer Werke hatte in einzelnen Fällen

(_Carlo Maratta_ in seinen Restaurationen _Raphael_'scher Fresken)

den erweiterten Kunstkenntnissen Manches zu danken. Grössere Werke

jedoch sind fast durchgängig aller Wahrheit und alles Lebens bar, das

dekorative Geschick an denselben, die Fähigkeit, mit vielen Figuren

Räume zu füllen und eine zauberhafte Geschwindigkeit bei der Arbeit

zu entwickeln, um so widerwärtiger, je anspruchsvoller sie auftreten.

_Luca Giordano's_ (1632-1705), Beiname _Fa Presto_, seine Fertigkeit

in der Technik und in der Nachahmung mannigfacher Kunstweisen,

seine unbedingte Unterwerfung unter die Meinungen der blinden Menge

charakterisiren den Geist des Zeitalters vollkommen. Neben ihm gilt

_Pietro Berrettini da Cortona_ (1596-1669) als der Hauptvertreter

der wieder beginnenden Manier. So wenig als ihm (Deckenbilder im P.

Barberini zu Rom) lässt sich seinen zahlreichen Schülern die grosse

Handfertigkeit und eine auf den Schein berechnete Virtuosität des

Machwerkes absprechen; eine namentliche Anführung der letzteren ist

aber bei der gänzlichen Bedeutungslosigkeit der einzelnen Individuen

hier durchaus nicht am Platze.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 25 / 33 题