§. 113.
Theils die inneren Zustände der nordischen Kunst, theils äussere
Kulturverhältnisse riefen im 16. Jahrhundert auf germanischem Boden
eine Krisis hervor, welche die heimische Kunstsitte verwerfen liess
und mit dem unbedingten Siege der italienischen Bildung schloss.
Italien beherrschte nicht allein auf dem Gebiete der bildenden Künste
die nordischen Völker; auf allen Wegen und Stegen, im öffentlichen
Leben eben so wohl, wie auf geistigem Boden, machte sich italienischer
Einfluss geltend. Das italienische Volk mochte über die Bedrückung
seines Daseins klagen, aber seine formgewandten, klugen Söhne, die
allein das Geheimniss zu herrschen und das Leben mit poetischem Glanze
zu färben verstanden, rächten ähnlich, wie die alten Griechen an den
Römern, den Niedergang ihrer Nationalität, indem sie ihre Besieger der
italienischen, damals vorzugsweise höfischen Bildung unterwarfen. Von
der officiellen italienischen Kunst des Nordens, vertreten durch eine
reiche Schaar diesseits der Alpen Geld und Ruhm suchender Italiener,
ist die im Schoosse der nordischen Kunst unabhängig entstandene
Neigung zu italienischen Kunstformen wesentlich zu unterscheiden. Das
Gesetz, welches dieselbe hervorrief, wurde bereits früher angegeben;
hier muss noch hinzugefügt werden, dass bei aller Nothwendigkeit des
Ueberganges zum Renaissancestyl doch die altheimische Kunstweise
keineswegs widerstandslos beseitigt wurde, diese vielmehr, namentlich
im Kreise der Architektur, theils noch lange ein abgesondertes Dasein
forttrieb, theils einzelne Motive dem neuen Style aufdrang. Dieser
Kampf lässt sich am deutlichsten und schärfsten in %Frankreich%
beobachten, wo die italienische Einwirkung, Dank den zahlreichen
Berufungen italienischer Künstler an den Hof _Franz I._ (_L. da Vinci_,
_A. del Sarto_, _Rosso Rossi_, _Primaticcio_, _Vignola_, _Serlio_,
_Ang. Montorsoli_, _Benvenuto Cellini_ u. A.), mit besonderer Macht
auftrat und eine entsprechende Gegenthätigkeit weckte. Es entwickelte
sich an den Palastbauten, welche _Franz I._ selbst aufführte, oder
nach seinem Vorgange von den Grossen des Reiches aufgeführt wurden:
Fontainebleau, Chambord, Blois, Chenonceaux, Madrid, Azay-le-Rideau,
Louvre u. a., ein eigenthümlicher, glücklich durchgeführter Mischstyl,
welcher bei grosser malerischer Wirkung die ältere Constructionsweise
und Grundanlage mit italienischen Motiven sinnreich verbunden
aufweist. Diese Werke unterscheiden sich noch vielfach von den
gleichzeitigen, nüchternen italienischen Bauten, und lassen sich eher
älteren italienischen Schöpfungen des 15. Jahrhunderts anreihen.
Uebrigens fehlte es auch nicht an systematischen Reproduktionen der
wiedererstandenen Antike (_Philibert Delorme_, _Pierre Lescot_, _Jean
Bullant_, _du Cerceau_). Zu diesen Meistern müssen, um die »Schule
von Fontainebleau« vollständig aufzuführen, _Pierre Nepveu_ aus Blois
(Erbauer von Chambord) und _Semblançay_ (Erbauer von Azay-le-Rideau)
hinzugefügt werden. Von _Lescot_ rührt die westliche Hoffaçade des
Louvre, vom technisch durchgebildeten _Delorme_ das Schloss Anet und
der älteste Theil der Tuilerien her. Auch die dekorative Architektur
und Skulptur Frankreichs schloss sich nur mit einer gewissen
Zurückhaltung der neuen Weise an, und hielt, während sie für Detail das
Vorbild der Antike benützte, in der Gesammtanordnung zuerst noch an
dem germanischen Style fest. Den Beweis dafür liefert das prachtvolle
Denkmal der Familie Amboise zu Rouen (1516-1524), von _Roulland le
Roux_. Doch machte sich auch gleichzeitig ein strengerer Anschluss
an die Antike in den Werken des _Jean Juste_ (Grabmal Ludwigs XII.
in S. Denys, des Dauphins in der Kathedrale zu Tours) geltend. Die
zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigt die französische Bildnerschule
in voller Blüthe, im Allgemeinen die Bahn der Italiener befolgend,
aber dennoch durch ein eigenthümliches nationales Gefühl, das sich
in den Werken ausspricht, durch einen frischen naturalistischen Zug
und die mehr zierlich-eleganten als richtigen Formen, von einer blind
nachahmenden Manier weit entfernt. Der vorzüglichste Meister führt den
Namen _Jean Goujon_, (maistre tailleur d'ymages) aus der Normandie.
Unter der Leitung _Pierre Lescots_ schmückte er 1544 den Lettner von
S. Germain l'Auxerrois mit Skulpturen, welche theilweise noch aus den
Revolutionsstürmen gerettet wurden; von ihm rühren noch ferner die
Najaden an der Fontaine des Innocents, die Karyatiden im Louvresaale,
das Marmorbild der Diana von Poitiers, neben dem Hirsche ruhend, ein
Basrelief, Christus am Kreuze u. a., her. _Jean Cousin_ aus Sens, dem
berühmtesten Glasmaler seiner Zeit, werden die Grabmonumente des _Louis
de Brézé_ in Rouen (?), jenes der Diana von Poitiers, früher in Anet,
jetzt in Neuilly, und des Admiral _Chabot_ im Louvre zugeschrieben.
Andere namhafte Meister sind _Germain Pilon_ ([+] 1590), in dessen
Hauptwerke: die drei Grazien im Louvre, ehemals in einer Kirche
aufgestellt, sich bereits die Dürftigkeit der Phantasie einstellt,
_Pierre Bontems_, am Mausoleum _Franz I._ beschäftigt, _Barth.
Prieur_, ein Schüler _Pilons_ u. A. Die geringste Bedeutung in dieser
frühen Renaissanceperiode besitzt die Malerei, die wesentlich nur als
Dekoration geübt wird.
Bereits im fünfzehnten Jahrhundert sinkt der germanische Baustyl in
Spanien zur blossen Dekoration herab, und wird aus dem monumentalen
Steinbaue, theilweise unter dem Einflusse der von den Mauren
hinterlassenen Werke eine Silberschmiedarchitektur (arch. plateresca),
deren Wesen in einer sinnlosen Fülle das ganze Gebäude überspinnender
Ornamente, in den kühnsten, aber vollkommen unberechtigten
Constructionsformen besteht. (Beispiele sind in den Patios, mit
Laubgängen versehenen Höfen zu Valladolid, Guadalajara, Salamanca
u. a. zahlreich vorhanden). Unter diesem dünnen Ornamentenschleier
geht der Uebergang vom gothischen zum Renaissancestyl unvermerkt
vor sich. Während noch einzelne Kathedralen des 16. Jahrhunderts in
einer allerdings spielenden Gothik aufgeführt werden, erscheint der
neuitalienische Baustyl an der Façade des Colegio mayor zu Valladolid
(1494 gegründet), schon vorherrschend. Der Baumeister _Henrique de
Egas_ aus Brüssel hat auch das grosse Hospital zu Toledo (1504)
geschaffen, hier aber ältere Motive noch häufiger festgehalten. Für
die Einführung des reineren Renaissancestyles war _Al. Berruguete_,
der Anführer einer zahlreichen Schule, besonders thätig (Colegio mayor
und jenes der Irländer in Salamanca), nächst ihm in Sevilla _Diego
de Riaño_ und _Martin de Gainza_, welcher Letztere aber auch noch im
gothischen Style baute, _Mechuca_, der Erbauer des Palastes _Karls V._
in der Alhambra und der Hofarchitekt _Philipps II._, _Juan de Herrera_,
ein Schüler des _Juan Bautista de Toledo_. An den Werken _Serlios_
und _Palladios_ gebildet, hielt er die Regeln und Stylgesetze der
Renaissancekunst zwar fest, wusste aber das Schwerfällige und Massive
der Anlage nicht zu gliedern, und einen anderen Eindruck als den des
kalten Pompes hervorzurufen. Ein charakteristisches Beispiel für den
Geist, der an _Philipps_ Hofe herrschte, ist der von _Herrera_ erbaute
Escorial, schwerfällig, finster, ohne allen architektonischen Schmuck,
einem Gefängnisse ähnlicher, als einem Palaste.
Sowohl durch die Reisen spanischer Künstler nach Italien, wie
durch die häufige Beschäftigung italienischer Künstler in Spanien
(_Pablo_ aus Arezzo, _Francisco_ aus Neapel) verbreitete sich im 16.
Jahrhundert auch in der Malerei die italienische Weise. Noch nicht
ganz den heimischen Styl verdrängend, zeigt sich dieselbe in den
Werken des _Alexo Fernandez_, _Pedro Fernandez de Guadalupe Santos
Cruz_, vorherrschender in jenen des _Juan de Borgoña_. (Leben der
Madonna im Kapitelsaale des Rathhauses von Toledo.) _Alonso Berruguete_
(Toledo) folgte im Allgemeinen dem Style _Vincis_ und _Sodomas_; nach
_Raphael_ bildeten sich _Blas de Prado_ (1497-1557), _Luis de Vargas_
aus Sevilla (1502-1568) in Fresko und Oel thätig, in der Zeichnung
dem Virtuosenthum sich zuneigend, _Pedro de Villegas_ (1520-1597 in
Sevilla), _Vicente Joanes_ (1523-1579 in Valencia), der spanische
Raphael genannt, gleich dem flandrischen aber nüchtern und affektirt,
_Francesco Ribalta_ (1551-1628 in Valencia). Selbständiger entwickelt,
aber durchaus nicht bedeutend, ist _Luis de Morales_, genannt
_el divino_ aus Badajoz ([+] 1586), welcher fern von dem gesunden
Naturalismus der spanischen Schüler einem willkürlich geschaffenen
idealen Style nachstrebte, einen engbeschränkten Vorstellungskreis
besass, aber durch eine sorgfältige Technik sich auszeichnet.
Von fremden Künstlern, die in späterer Zeit in Spanien wirkten, nennen
wir den Schüler _Tizians_ _Dom. Theotocopuli_ aus Griechenland (-1625),
_Pedro Campaña_ aus Brüssel (1503-1580), ein Meister von wirksamer
Schilderungskraft, und _Ferd. Sturm_ aus Zierikzee.
Der Verbreitung des Renaissancestyles im Norden nachspürend, stossen
wir auf den ersten Renaissancebau in %Belgien% bereits im Jahr 1495
(Hôtel der Biskayer in Brügge); doch ist dies nur ein vereinzeltes
Beispiel, welches erst im dritten Jahrzehente des 16. Jahrhunderts
eine allgemeine Nachfolge findet. Die Stellung des germanischen
und des neuitalienischen Styles bezeichnet die Thatsache, dass der
erstere auch noch im 16. Jahrhundert ausschliesslich als Kirchenstyl
angewendet wird, der letztere, in seiner Ausbildung übrigens durch den
Bürgerkrieg unterbrochen, als Civilbaustyl auftritt. Der Uebergangsstyl
wird durch die schmalbrüstigen, fensterreichen Zunfthäuser auf der
grande place zu Antwerpen vertreten; reiner tritt der Renaissancestyl
in der Schützengilde zu Brügge, in der Fischerzunft zu Mecheln auf;
durch massive Verhältnisse und Ausdehnung wirken das Rathhaus und der
Hansahof zu Antwerpen, beide von _Corneille Vriendt_, gen. _Floris_,
1561 erbaut, welcher auch den Lettner in der Kathedrale zu Tournay
fertigte.
Die Bauthätigkeit in %Deutschland% während des 16. Jahrhunderts
erscheint dürftig, wenn man nur grosse Monumentalwerke berücksichtigt;
sie lockt aber ein nicht geringes Interesse ab, wenn man den
eigenthümlichen Backstein- und Holzbau Norddeutschlands mit in Betracht
zieht. Ein Gang durch Halberstadt oder Hildesheim, wo das glänzend
hergestellte Gildenhaus der Knochenhauer vom Jahre 1529 wieder in
heiterer Farbenfülle prangt, reicht hin, von dem noch unverdorbenen
(aber nur unverdorben, weil er an ältere Traditionen anknüpft)
Bausinne und einer gesunden dekorativen Phantasie zu überzeugen. Den
meisten Anspruch auf die früheste Ausbildung des Renaissancestyles
dürfte wohl Böhmen haben. Die verheerenden Hussitenkriege hatten eine
reiche Zahl von Bauaufgaben hinterlassen, die spätgothische Periode
zeichnet sich hier durch eine energische und theilweise auch glückliche
Bauthätigkeit aus, und vererbt dieselbe auf das folgende Zeitalter.
An _Mathias Reysek_ reiht sich, bereits zum neuen Style hinneigend,
der Baumeister K. Wladislavs _Benesch von Laun_ (Hradschiner
Schloss 1484); das 16. Jahrhundert sah hier eine der zierlichsten
Schöpfungen des Renaissancestyles, das Ferdinandeische Lustschloss
von _Ferrabosco di Lagno_, und grossartige Saalbauten im k. Schlosse
erstehen. Bedeutendere Schöpfungen des Renaissancestyles sind ausserdem
die Vorhalle des Kölner Rathhauses (1569) und der ältere Theil
(Otto-Heinrichsbau) des Heidelberger Schlosses (1556).
Die Nachfolge der italienischen Malerei in Deutschland in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts (_Joh. v. Aachen_, _Chr. Schwarz_,
_J. Rottenhammer_ u. A.) brachte keinen grossen Gewinn; bedeutendere
Leistungen offenbaren sich in der Skulptur, welche durch zahlreiche
Façadenbildwerke (Köln, Heidelberg), Grabdenkmäler (Köln, Mainz,
Würzburg, Freiberg, Innsbruck), und im Fache des Broncegusses ausserdem
auch durch zahlreiche Brunnen (Nürnberg, Augsburg) vertreten wird.