Nur der Mann, welcher mit Kaisern und Königen im Briefwechsel stand

und hoch genug auf der socialen Stufenleiter gerückt war, um die Würde

eines Grafen des lateranensischen Palastes führen und für seinen Freund

_Pietro Aretino_ wegen des Cardinalhutes unterhandeln zu können, nur

dieser feine und kluge Weltmann war im Stande, die Porträtbilder zu

Werken wahrhaft geschichtlichen Inhaltes zu erhöhen, sie ebenso scharf

psychologisch zu zeichnen, wie ihnen das Gepräge edler, sicherer Ruhe

zu verleihen. Nur der eigene Genuss eines glänzenden glücklichen Lebens

befähigte ihn zu den glänzenden Farbenschilderungen eines genussvollen,

über den Kreis der Gewöhnlichkeit weit hinaus gerückten Daseins, wie

auch nur der Mann, der es liebte, mit schönen Frauen und heiteren

Freunden beim üppigen Mahle zu weilen, während das Auge über das Meer

und die Inseln schweifte, und Musik und Gesang von den fernziehenden

Gondeln das Ohr beseligte, die Züge jener feinen Sinnlichkeit treffen

konnte, die an seinen Frauengestalten und mythologischen Bildern

bewundert wird. Das religiöse Element tritt natürlich in _Tizians_

Werken in den Hintergrund; auch hier zeigt sich bald der ruhige

Ernst eines befriedigten Daseins, wie in den sogen. Conversationen

(Heilige im Gespräche begriffen) und den Madonnenbildern, bald eine,

wenn auch feierliche und begeisterte, doch weltlich freie Stimmung

(Himmelfahrt Mariä in der Akademie zu Venedig) herrschend. Bald benützt

er die Gelegenheit zu genreartigen Schilderungen (Tempelgang Mariä in

der Akademie zu Venedig), bald wirkt er durch die Entfaltung eines

grossartigen dramatischen Lebens (Grablegung Christi in der Galerie

Manfrini, Tod des Petrus (Märtyrer) in S. Giov. und Paolo, Marter des

hl. Lorenz in der Jesuitenkirche, berühmt durch den Lichteffekt).

Zu den besten religiösen Bildern _Tizians_ gehören Christus mit dem

Zinsgroschen aus seiner früheren Zeit (in Dresden), Mad. mit der

Familie Pesaro (Kirche ai frari), der hl. Hieronymus (im Louvre)

u. a. Zahlreich sind die mythologischen Bilder _Tizians_, von ihm

als passende Motive zur Schaustellung nackter weiblicher Gestalten

benützt, wie die vielfach vorhandenen sogen. Venusbilder, welche die

Sage auf Porträtfiguren, z. B. die Prinzessin von Eboli, zurückführt.

Um ein charakteristisches Erfassen des mythologischen Inhaltes ist

es dem Meister keineswegs zu thun, sondern nach eigenem Geständnisse

um die Wiederholung schöner Körperformen in mannigfaltigen Lagen und

Situationen. (Zwei Venusbilder in der Tribüne zu Florenz, ähnliche

in Wien, Neapel, Dresden, England, Madrid, Ausrüstung Amors in der

Galerie Borghese, Bacchus und Ariadne in der National-Galerie zu

London, Bacchanale in Madrid u.s.w.) Allegorischer Natur sind die drei

Lebensalter in mehreren Exemplaren und die sogenannte irdische und

himmlische Liebe in der Galerie Borghese. Porträtbilder von _Tizians_

Hand, unübertreffliche Muster dieser Kunstgattung, werden in allen

bedeutenderen Sammlungen Europas angetroffen; berühmt sind vor allen

die Geliebte Tizians, wiederholt gemalt (Louvre, Uffizi, Pittipalast,

Galerie Sciarra), die Tochter Tizians Lavinia(?) im Berliner Museum,

die Familie Cornaro in London u. s. w. Von seinen historischen Bildern

im Dogenpalaste ging leider das Meiste mit zahlreichen älteren Werken

im Brande 1577 zu Grunde; erhalten haben sich die Fresken in der

Gerichtshalle zu Vicenza (Urtheil Salomo's) und jene in der Schule

von S. Antonio zu Padua. Schliesslich bleibt noch der nach _Tizian_

gearbeitete Riesenholzschnitt: der Triumph des Glaubens, zu erwähnen.

Für die Lebenskraft der venetianischen Malerschule gibt es kein

sprechenderes Zeugniss, als die verhältnissmässige Selbständigkeit der

Zeitgenossen _Giorgiones_ und _Tizians_. Dieselben üben zwar einen

weitgreifenden Einfluss und erzwingen eine allgemeine Aenderung des bis

dahin giltigen Styles, haben aber keine blinden Nachahmer und manierirte

Schulen im Gefolge. Zu den älteren Meistern, die sich nach _Giorgione_

bildeten, gehört der farbenglänzende _Jac. Palma vecchio_ (g. 1476),

dessen Madonnen und h. Familien eine eigenthümliche Milde athmen

(Hauptwerk in _M. formosa_ zu Venedig), dann _Rocco Marconi_, _Lorenzo

Lotto_ u. A. _Tizian_ schliessen sich an: _Bonifazio Veneziano_

(1494-1563), _Andrea Schiavone_, der in religiöser Innigkeit mit

_Fiesole_ verwandte _Moretto_ (1524-75). Die Vaterstadt Brescia besitzt

von ihm zahlreiche Werke, ausserdem Frankfurt, Wien und Berlin.

Entfernter stehen schon der Schüler des Letztgenannten, der Porträtmaler

_Moroni_, dann _Giov. Ant. Licinio Regillo_ aus _Pordenone_ (1484-1539),

berühmt durch den weichen Farbenschmelz und die harmonische

Gesammtwirkung seiner Porträtgruppen (Ehebrecherin im Berliner Museum),

der ebenfalls im Porträtfache ausgezeichnete _Paris Bordone_ (1500-1570)

und _Batt. Franco, il Semolei_, welcher, ohne die Eigenthümlichkeit der

Venetianer aufzugeben, dem Style der römischen Schule nachgeht. Nach

zwei Seiten konnte die durch _Tizian_ zur höchsten Vollkommenheit

gebrachte Richtung eine weitere Fortbildung erfahren, durch eine

Annäherung an den Naturalismus und durch die Verbindung mit den

Errungenschaften anderer Schulen. Im ersten Falle blieb die Grundlage

der Schule unberührt; nach wie vor behauptet das Colorit seine Schönheit

und seine Geltung, nur wird es materiell prächtiger, in der Stoff- und

Gefässmalerei sein Glanz mit Vorliebe entwickelt; auch die Schilderungen

des gehäbig-geniessenden Daseins sind sinnlicher und prunkvoller, ohne

den poetischen Reiz, welchen ihnen _Tizian_ zu leihen weiss. Der

Hauptvertreter dieser Richtung ist _Paolo Cagliari Veronese_

(1528-1588). Seine allegorischen und mythologischen Bilder im

Dogenpalast fesseln nur durch Einzelschönheiten; dagegen sind die

Gemälde in der K. S. Sebastian in Venedig wahre Meisterwerke in der

Farbengebung, dessgleichen die zahlreichen Schilderungen von Festzügen

und Gelagen (Hochz. zu Cana im Louvre, Gastmahl im Hause Levi's in der

Venet. Akad. u. a.), welche die Richtung des Meisters am schärfsten

aussprechen und auch seinen Ruhm am weitesten verbreiteten. Sowohl die

dargestellten Motive, wie die feierliche Stimmung und der schimmernde

Glanz, der eben der Ausdruck eines höheren Daseins ist, trennen _Paolo

Veronese_ von dem eigentlichen Naturalisten der Schule von _Jac. da

Ponte_, gen. _Bassano_ 1510-1592, welchem Mythe und heilige Geschichte

nur als zufällige und gleichgiltige Motive dienen, um seiner

Lieblingsneigung, der Schilderung der gemeinen Wirklichkeit, bald in

Genrebildern, bald im sog. Stillleben nachzugehen. Bei ihm vermittelt

nur noch die Farbentechnik den Zusammenhang mit der älteren Schule.

Die andere, oben angedeutete Richtung, die venetianische

Eigenthümlichkeit durch ein näheres Eingehen auf die Formengebung

_Michelangelos_ zu ergänzen, entwickelte _Jac. Robusti_, gen.

_Tintoretto_ (1512-1594). Seine Studien führten ihn aber nur zu einer

unnützen Ueberfüllung des Bildraumes mit nackten und verkürzten

Gestalten, zu einer schärferen Schattengebung, als bei _Tizian_ üblich

war, und merkwürdiger Weise zu einem übertriebenen, geistlosen

Naturalismus (Abendmahl in S. M. dell' Orto). Nicht sein riesiges

Oelbild im Dogenpalaste: das Paradies (74' lang und 30' hoch), sondern

nebst mehreren älteren Werken seine Porträte bilden seine

verdienstlichsten Arbeiten. Noch weniger als _Tintoretto_ konnten

jüngere Künstler fremden Einflüssen sich entziehen und vor der allgemein

einreissenden Manierirtheit sich retten; doch war des Unverwüstlichen

in der venetianischen Schule noch genug vorhanden, um selbst im 17.

Jahrhundert (_Palma giovine_, _Aless. Varotari il Padovanino_ u.A.)

durchzubrechen, und die Schönheit der alten Meister, wenn auch nur

theilweise, wieder aufleben zu lassen.

B. Die Kunst diesseits der Alpen.

§. 108.

Gleichzeitig mit Italien vollführt auch der Norden in der ersten Hälfte

des 15. Jahrhunderts den Uebergang zum Realismus. Die Verschiedenheit in

der Entwickelung und im Ziele hier und dort wurde bereits früher

angedeutet, und das Wesen der nordischen Kunst in der Ausbildung des

streng malerischen Styles gefunden. Als Folge desselben erscheint das

individualisirende Element in der Composition und in der Behandlung der

einzelnen Gestalten. Der Gegenstand der Darstellung wird in eine

bestimmte Zeit und in einen bestimmten Raum versetzt; dieser letztere

mit allen Mitteln der Schilderung ausgemalt; in den Köpfen herrscht die

porträtartige Auffassung vor; in den Gewändern wird stets der bestimmte

Stoff zur Anschauung gebracht. Noch entfernt sich aber diese Richtung

von dem späteren Naturalismus durch den symbolischen Gedankengehalt,

welchen sie im Anfange nicht nur beibehält, sondern auch in tiefsinniger

Weise weiter entwickelt, sowie auch der auf die Ausmalung der

Reichthümer der Erde und der mannigfaltigen menschlichen Zustände

verwendete innige Fleiss einen idealistischen Zug verrathet. In diesem

Reichthume und dieser Mannigfaltigkeit soll sich die Macht des

göttlichen Geistes spiegeln, das allumfassende Wesen des göttlichen

Reiches in der bunten Gestaltenfülle zum Ausdrucke gelangen. Menschen

und Natur ziehen ein Festkleid an, die Innigkeit der Andacht, die

Begeisterung des Glaubens bilden das vereinigende Band der Individuen,

und der Sieg der christlichen Idee strahlt nur um so glänzender, je

verschiedenartiger die Natur ihrer Bekenner, je ausgedehnter der Kreis

ist, welchen sie belebend durchdringt. Kein Bild versinnlicht daher die

Richtung der nordischen Kunst so deutlich, als der Pilgerzug der Magier

und ihres Gefolges zur Krippe des Christkindes, keinem Motive begegnen

wir desshalb auch häufiger und mit grösserer Vollendung geschildert, als

diesem. Wenn nun aber trotz des malerischen Styles keine den

Venetianern oder _Correggio_ und _da Vinci_ verwandte Coloristenschule

sich ausbildet, so wird dies durch den Mangel an Formstudien begründet,

wodurch die Gelegenheit mit der Farbe zu modelliren und durch Abtönung

und Verschmelzung den Gestalten den Schein plastischer Rundung zu

leihen, benommen ist. Die letzteren erscheinen vielmehr in den Umrissen

scharf, oft eckig; ebenso die Gewänder kleingebrochen und knitterig.

Nicht in Deutschland, sondern in %Flandern% wurde die neue Kunstweise

begründet.[92] Es fehlte hier nicht an günstigen äusseren Bedingungen

zur raschen Kunstentwickelung; die reiche Blüthe der flandrischen

Handelsstädte Brügge und Gent, die glänzende Pracht am burgundischen

Hofe nährten Auge und Phantasie; die vorangegangene kampfreiche Zeit

hatte dem Künstler eine Welt männlicher Kraft und festen Bürgersinnes

eröffnet, welche für die eingeschlagene Kunstrichtung vortrefflich

passte. Auch können die Leistungen in verwandten Kunstfächern, welche in

benachbarten Landschaften im 14. und am Beginn des 15. Jahrhunderts

angetroffen werden, als Vorbereitung des flandrischen Realismus gelten.

Schon im Anfange des 14. Jahrhunderts zeigen niederländische Miniaturen

das Streben zu individualisiren, eine sorgfältigere Angabe von Schatten,

frische und mannigfaltige Farben; in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts

steigert sich die Individualisirung und die Naturwahrheit, launige

Darstellungen aus dem Kreise des gewöhnlichen Lebens sind beliebt und

werden mit hellen glänzenden Farben ausgeführt. Die alte Kunstschule zu

%Dinant%, die neu emporblühende zu %Dijon% (dort _Jehan dos Joses_

(1372) hier der Bildhauer _Claus Sluter_ und _Claux de Vousonne_, der

Bildschnitzer _Jack Baerze_, der Maler _Melchior Broederlam_ u. A.)

gehen gleichfalls auf den Realismus der Darstellung ein, welcher in der

Bildhauerschule zu %Tournay% zu hoher Vollkommenheit gebracht wird, und

hier bereits im 14. Jahrhundert den gleichen Kunststyl erzeugt, welcher

im 15. Jahrhundert in Brügge die Malerei beherrscht. (Wir kennen den

Künstlernamen: _Guillaume du Gardin_ (1341), _Colard de Feclin_ (1341));

die wichtigsten Denkmale der Schule sind die Grabmonumente in Tournay,

theils im Privatbesitze, theils in den Kirchen bewahrt. Der spezielle

Entwickelungsgang der flandrischen Malerschule, bis sie in den Brüdern

_Hubert_ und _Johann van Eyck_ zu wunderbarer, scheinbar unerklärlichen

Vollendung gelangt, ist aber noch immer in Dunkel gehüllt. Die Brüder

_Eyck_ stammen von der Maas; wie viel verdanken sie den schon von

_Wolfram_ von Eschenbach besungenen Schilderern von Maestricht, welche

Anregungen erhielten sie in Brügge, wohin der ältere _Hubert_ im Anfange

des 15. Jahrhunderts wanderte? Wesentlich unterstützt wurde die

wunderbare Raschheit der Entwickelung durch die Verbesserung der

Technik, die Anwendung des Oeles als Bindemittel, durch dessen längere

Flüssigkeit der pastose Farbenauftrag, die Verbindung und Verschmelzung

der Farbentinten auf dem Bilde selbst möglich wurde, sowie die Mischung

des Oeles mit einem unbekannten Harze den Farben einen tiefen Glanz und

unzerstörbare Dauer verschaffte. Ohne diese technischen Hülfsmittel

musste das ganze Streben der flandrischen Schule erfolglos bleiben.

Schon _Hubert_, dem etwa 30 Jahre älteren Bruder (1366-1426?) wird die

unrichtig sogenannte Erfindung der Oelmalerei (denn sie war nicht allein

den Bildhauern von Tournay, sondern auch nach _Aetius_ den Vergoldern

und Wachsmalern des 6. Jahrhunderts bekannt) zugeschrieben; den grössten

Ruhm jedoch erwarb der auch historisch besser bekannte _Jan van Eyck_

(um 1400-1441). Bereits am Hofe _Johanns_ von Bayern werthgehalten und

als »peintre et valet de chambre« (1425) angestellt, fand er auch an

_Philipp_ dem Guten einen warmen Gönner, in dessen Auftrage er sich der

Gesandtschaft des Herrn von _Roubaix_ nach Portugal (1428) anschloss, um

die Herzogsbraut, die Infantin _Isabella_ zu conterfeien. Das Hauptwerk

der Brüder _Eyck_, das berühmte Genter Altarbild (1432 vollendet) und

theils in Gent -- S. Bavo -- theils in Berlin bewahrt, belehrt uns am

sichersten über die Stylverschiedenheit zwischen beiden Brüdern.

_Hubert_ hatte es begonnen, _Jan_ fortgesetzt und vollendet. Aus 12

Tafeln bestehend, zeigt es, wenn die Flügel geöffnet werden, im

Hauptbild die Anbetung des Lammes durch die Erzväter, Propheten, Apostel

und Märtyrer, welchen sich auf den Seitentafeln die Streiter Christi und

die gerechten Richter, die Pilger und Einsiedler anschliessen. Die

inneren oberen Tafeln, zum Theile _Hubert_ zugeschrieben, zeigen Gott

Vater mit Maria und Johannes d. T., musizirende Engelchöre und Adam und

Eva. Die weichere Behandlung, der idealisirende Faltenwurf, der tiefe

bräunliche Farbenton in diesen letzten Tafeln stimmt mit dem Charakter

eines anderen Bildwerkes von gleichem symbolischen Inhalt in der Galerie

S. Trinidad zu Madrid: der Born des lebendigen Wassers, überein, welches

aus diesem Grunde gleichfalls _Hubert_ zugeschrieben wird. Auch ein hl.

Hieronymus in den Studii zu Neapel, gewöhnlich Col Antonio getauft, gilt

für ein Werk _Huberts van Eyck_, dessen Theilnahme, sowie die seiner

Schwester Margaretha, auch in mehreren Bilderhandschriften (Messbuch und

Brevier des Herzogs von Bedford u. A.) vermuthet wird. Datirte Werke

_Jan van Eycks_ besitzen wir folgende: die Weihe des _Thomas Becket_ zum

Bischofe 1421 (bei der Hz. von Devonshire), Mad. unter dem Schirmdache

1432 (Liverpool, bei Blundell), das Ehegelöbniss, genremässig

behandeltes Porträtbild 1434 (Nat.-Galerie in London), thronende Madonna

mit Heiligen und Donataren 1436 (im Brügger Museum), Bildniss des _Jan

de Leeuw_ 1436 (Belvéder Galerie), die hl. Barbara grau in grau 1437

(Antwerpener Museum), Christuskopf 1438 (Berliner Museum), das Bildniss

seiner Frau 1439 (Brügger Museum?), stehende Madonna 1439 (Antwerenper

Museum). Grösser ist die Zahl der undatirten Bilder, und unter diesen

allerdings die Mehrzahl ohne allen Anspruch auf den Namen des Meisters.

Unbestrittene Originale sind: Zwei kleine Flügel (Kreuzigung und

jüngstes Gericht) ehemals in Spanien, Bildniss des _Jodocus Vyts_ in der

Belvéder Galerie, Madonnenbilder ebendort, in Dresden, Louvre, Antwerpen

(Privatbesitz), Haag, der hl. Hieronymus (Stratton, Hampshire) u. a.

Theils die äusseren Verhältnisse, in welchen die nordischen Künstler

lebten, theils der Umstand, dass sie keine in dem Gedächtniss der

Zeitgenossen und Nachkommen festhaftenden Monumentalwerke, sondern

kleine Tafelbilder fertigten, haben einen traurigen Mangel an sicherer

historischer Kunde zur Folge. Es fehlt weder an Namen, noch an Werken,

aber beide zu verbinden hält bei den nothwendigen Schwankungen aller

Urtheile, die sich auf das Stylgefühl gründen, überaus schwer. Auch

fehlt es bei der gleichmässigen Technik in der _Eyck_'schen Schule und

dem geringen Hervortreten der subjektiven Weise der Künstler an

übersichtlichen inneren Unterschieden. An _Hubert van Eyck_ reihen sich

_Peter Christophsen_, von welchem eine Madonna in Frankfurt a. M. 1417,

der hl. Eligius als Goldschmied (in Köln bei Oppenheim) vom Jahr 1449

und zwei Altarflügel im Berliner Museum, vom Jahr 1452 datirt,

vorkommen, _Gerhard van der Meere_ in Gent und ein sonst unbekannter

_Jodocus_ von Gent an. Ausserdem besitzen die Münchner Pinakothek

(Melchisedech und Mannasammeln, die Gefangennehmung Christi), das

Berliner Museum (Elias und das Passafest, mit den erstgenannten in

München ein Werk bildend, wozu die Mitteltafel: das Abendmahl in der

Peterskirche zu Löwen bewahrt wird), das Madrider Museum (zwei

Flügelbilder vom Jahr 1438 mit dem Donator _Werlis_ aus Köln), das

Antwerpner Museum (7 Sakramente), Werke, welche jedenfalls der älteren

Schule der _Eycks_ angehören, mag schon über ihren bestimmten Urheber

Streit und Zweifel herrschen. Nach dem Stifter der Schule besitzt den

weitest verbreiteten Ruhm der ältere _Roger van der Weyden_ (u.

1400-1464) in Brüssel sesshaft und längere Zeit in Italien thätig.

Authentische Bilder dieses Meisters, dessen scharfe Charakteristik

innerer Seelenzustände, graziöse Malerei und treffliche Zeichnung von

alten Schriftstellern gerühmt wird, besitzen wir nicht; doch haben die

Madonnen mit Heiligen im Städel'schen Museum, und der sogenannte

Reisealtar _Karl_ des V., welchen König _Johann_ der Karthause von

Miraflores schenkte, im Berliner Museum mit der Kreuzabnahme als

Hauptbild (nur Kopie?) den grössten Anspruch auf den Namen _Rogers_. Von

einem grossen Werke im Brüsseler Rathhaus, welches heroische Akte der

Gerechtigkeit: Herkenbald und Trajan in 4 Bildern behandelte, und

_Dürers_ Bewunderung erregte, haben wir nur schriftliche Nachrichten.

Ausserdem werden ihm der Johannesaltar (im Berliner Museum), das jüngste

Gericht im Hospital zu Beaune, der hl. Lukas (Münchner Pinakothek), die

Anbetung des Kindes (in München und Berlin), Bathseba und David

(Stuttgart) mit grösserem oder geringerem Rechte zugeschrieben. Aehnlich

wie _Roger_ haben auch zwei andere Zeitgenossen, _Hugo van der Goes_ aus

Gent (u. 1420-1473) und ein _Justus_ von Gent (1474 thätig) in Italien

Werke aufzuweisen, jener in S. M. nuova zu Florenz: die Geburt Christi

mit Flügeln, und dieser in S. Agata zu Urbino: die Einsetzung des

Abendmahles; doch folgt daraus keineswegs ein längerer Aufenthalt dieser

Künstler jenseits der Alpen, da zwischen den flandrischen Städten und

dem Süden ein eifriger Handelsverkehr herrschte, und die Bestellungen in

Brügge oder Gent selbst erfolgen konnten.

Die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts brachte die _Eyck_'sche

Kunstrichtung zur allgemeinen Herrschaft in den Niederlanden und den

benachbarten Reichen, und zeigt einen staunenswerthen Reichthum an

Künstlernamen. Als _Karl der Kühne_ 1467 seine Hochzeit in Brügge

feierte, konnte er behufs dekorativer Arbeiten über hundert aus Tournay,

Brüssel, Antwerpen, Cambray, Arras, Valenciennes, Löwen, Ypern

herbeigeeilte Maler und Kunsthandwerker gebieten; wir werden den

flandrischen Einfluss in Frankreich, Spanien, Deutschland waltend

erblicken, und stossen auch im benachbarten Holland und Brabant auf

Schüler und Nachfolger der Brüder _Eycks_. In Holland lernen wir _Dirck

Stuerbout_ von Harlem (thätig 1462) kennen, welcher im Rathhause zu

Löwen ähnliche %historische% Schilderungen ausgezeichneter

Gerechtigkeitspflege malte wie _Roger_ in Brüssel, dann _Gerhard_ von

Harlem und _Albert Ouwater_. Von den zahlreichen Bildern, welche früher

dieser holländischen, in der Färbung kühleren, in der Composition oft

trockenen Schule zugeschrieben wurden, ist das %Danziger Altarbild% das

berühmteste. Es wurde 1467 gemalt und kam 1473 als Kriegsbeute nach

Danzig. Auf dem Mittelbilde wird das jüngste Gericht (Hauptfigur des hl.

Michael), auf den Flügeln die Hölle und das Paradies mit Aufwand aller

Farbenpracht, ausgestattet mit humoristischen Zügen in lebendiger,

überaus naturwahrer Weise, zur Darstellung gebracht. Die Urheberschaft

wird bald _Ouwater_, bald _Justus_ von Gent, bald _Hemling_ zugemessen.

Der letztgenannte Meister hat den grössten Anspruch darauf.

Während die _Eyck_'sche Kunst siegreich nach aussen sich verbreitete,

blieb sie auch in ihrer eigentlichen Heimath nicht ohne Fortbildung. Sie

knüpft an den Namen _Hans Hemling_ oder _Memling_ an und führt den

Realismus in der Composition wie in der Ausführung siegreich durch. Das

symbolische Element tritt zurück, die Vorliebe für die ausführliche

Schilderung der Erscheinungswelt steigt. Der landschaftliche Hintergrund

wird selbständiger und reicher behandelt, die Haupthandlung durch

mannigfache Nebenscenen belebt, die Färbung ist weicher, in der

Gruppirung noch häufig die architektonische Symmetrie festgehalten, aber

die Bewegung der Einzelgestalten freier und mannigfacher. Ueber

_Hemlings_ Bildungsgang und Lebensverhältnisse belehrt uns nur eine

flüchtige Tradition. Sie gibt ihm zum Lehrer _Roger v. d. W._ und lässt

den Künstler nach der Schlacht bei Nancy (1477) krank und hülflos nach

Brügge zurückkehren, wo er im Johanneshospitale freundliche Aufnahme und

Heilung fand. Als das Land, wo er starb, gilt, obwohl unbegründet,

Spanien. Durch die Namensunterschrift beglaubigte Bilder sind bis jetzt

bloss zwei entdeckt worden, beide im Johanneshospitale bewahrt, und im

Jahre 1479 gearbeitet. Das eine stellt die Anbetung der Könige mit der

Geburt Christi und der Darstellung im Tempel auf den Flügeln, das andere

die Vermählung der hl. Catharina (Johannesaltar) vor. Ebendort befindet

sich ein anderes Hauptwerk des Meisters, der Kasten der hl. Ursula, mit

6 Bildern aus der Legende der Heiligen. Gerade die kleinen Verhältnisse

der Tafeln gestatteten _Hemling_ eine freie Entfaltung seiner Vorzüge,

und liessen ihn hier ein Werk schaffen, welches in der einfachen

Klarheit der Erfindung, in der zarten, ausdrucksvollen Ausführung und in

der Schönheit des Colorites seinesgleichen sucht. _Hemlings_ Name

besitzt einen viel zu guten Klang, als dass nicht eine endlose Zahl von

Bildern mit demselben geschmückt würde. Mit verhältnissmässiger

Sicherheit dürfen folgende Werke auf ihn zurückgeführt werden: Das

grosse Flügelbild mit der Passion im Lübecker Dome (1491), die

sogenannten 7 Freuden Mariä in München und die 7 Leiden in Turin, die

Kreuzabnahme im Johanneshospitale zu Brügge, eine Madonna mit dem

Stifter _Martin_ von Niewenhoven ebendort, eine andere im Strassburger

Museum und der Reisealtar _Karl_ V. im Madrider Museum: Anbetung der

Könige mit der Geburt Christi und der Darstellung im Tempel auf den

Flügeln. Die blosse Inhaltsangabe reicht hin, die Eigenthümlichkeit

_Hemling_'scher Bilder, dass nicht allein eine zusammengehörige

Geschichtenfolge auf mehreren Tafeln vertheilt ist, sondern eine Tafel

die mannigfachsten Momente einer Begebenheit in epischer Breite vor die

Augen stellt, zu verdeutlichen. Dieselbe kommt zwar auch anderwärts vor,

nirgends jedoch ist sie von so grossem Einflusse auf den Styl und

Charakter des Künstlers. Ergänzend muss noch _Hemlings_ Thätigkeit als

Miniaturmaler erwähnt werden. Das bedeutendste Werk dieser Gattung ist

das Gebetbuch des Cardinal _Grimaldi_ in der Markusbibliothek zu

Venedig, von _Hemling_ mit Hülfe des _Livin_ von Antwerpen und _Gerhard_

von Gent mit Randzeichnungen und selbständigen Gemälden geschmückt.

Obgleich uns kein Name von Schülern _Hemlings_ erhalten ist, so

unterliegt doch der nachhaltige Einfluss auf seine Zeitgenossen keinem

Zweifel. Dass aber schon das nächste Geschlecht, von einer geistigen

Unruhe weiter getrieben, sich mit der _Eyck_'schen Kunstweise nicht

mehr begnügte und nach neuen Bahnen suchte, lag in der Nothwendigkeit,

den Realismus in allen Consequenzen zu vollenden. Dieser barg ein

doppeltes Element in sich, er zerstörte die mittelalterliche

Anschauungsweise und verweltlichte die Kunst, sei es, dass er die

Unterordnung der äusseren Erscheinungswelt unter allgemeingiltige

geistige Ideen verwarf, sei es, dass er die letzteren in phantastischer

Willkür sich auflösen liess; er wollte aber auch auf entgegengesetztem

Wege den älteren Idealismus durch die dramatische Composition und die

Grösse und Gewalt der äusseren Formen erreichen. Den ersten Weg schlug

die %jüngere holländische%, den anderen die %Brabanter% Schule ein.

_Lucas_ von Leyden (1494-1533), der Schüler des wenig bedeutenden

_Cornelius Engelbrechtsen_ (1468-1533), mehr Kupferstecher als Maler,

bricht der weltlichen Kunst, welche das gemeine Leben zum Vorwurfe ihrer

Darstellungen nimmt, und auch religiöse Scenen als Genrebilder

behandelt, Bahn. Sein jüngstes Gericht im Rathhause zu Leyden besitzt

keine grossen Verdienste; dagegen sind sein Zahnbrecher (Devonshirehouse

in London), seine Spieler (Wiltonhouse) ebenso charakteristisch für die

Richtung des Künstlers, als folgenreich für die spätere holländische

Kunst. Das phantastische Element wird vorzugsweise durch _Hieronymus

Bosch_ aus Herzogenbusch ausgebildet, für dessen Zerrbilder seltsamer

Weise _Philipp_ II. von Spanien eine besondere Vorliebe besass. Noch

jetzt bewahrt Spanien seine wichtigsten Werke: Anbetung der Könige, wo

das Landschaftliche vor den Figuren vorherrscht, Versuchung des hl.

Antonius, Sturz der Engel, Triumph des Todes, die Eitelkeit der Welt,

sämmtlich im Madrider Museum und durch die wunderlichsten Spukgestalten

und Karikaturen ausgezeichnet. Auch das Berliner Museum bewahrt eine von

reicher Erfindungskraft zeugende, aber durch die Hässlichkeit der Formen

anwidernde Darstellung der Hölle.

An der Spitze der wenig bekannten Brabanter Schule steht _Quintin

Messys_, der Schmied von Antwerpen ([+] 1529). Er verwarf die kleinen

Verhältnisse des flandrischen Styles, ebenso wie die Zersplitterung des

Raumes durch endlose Schilderungen und den Detailreichthum, suchte durch

die dramatische Kraft der abgeschlossenen Composition, durch mächtige

und ausdrucksvolle Formen zu wirken. Seine Hauptwerke sind die

Kreuzabnahme im Antwerpener Museum, mit den Martyrien Johannes d. T. und

des Evangelisten auf den Flügeln, und ein Flügelaltar (Anna und Maria)

in der Peterskirche zu Löwen. Ausserdem schuf er ein vielbeliebtes und

oft kopirtes Genrebild: die beiden Geizhälse. (Mehrere Exemplare dieses,

sowie andere gewöhnlich auf _Quintin_ geschriebene Sittenbilder rühren

von seinem Sohne _Johann Messys_ her.) Es konnte aber dieses Streben

nicht ohne Umwege zur Vollendung gelangen, da den Künstlern dieses

Zeitalters die Formstudien fehlten und sie auf ihrer Bahn nothwendig an

die italienische Kunst anstreifen mussten. Dann lag aber das Eingehen

auf den Idealismus des _Cinquecento_ näher und bequemer, als die

abgeschlossene Entwickelung eines verwandten Styles. In der That kehren

auch die niederländischen Meister des 16. Jahrhunderts der heimischen

Weise den Rücken und werden Anhänger der römischen Schule, so _Joh.

Gossaert_ oder _Mabuse_ (u. 1469-1532), _Bernhard van Orley_ aus Brüssel

(1490-1560), _Johann Schoreel_ aus Holland (1495-1562), _Michael Coxcie_

aus Mecheln (1497-1592), _Martin van Veen_ oder _Heemskerk_ (1498 bis

1574), bei welchen Meistern zwischen den Werken, welche sie vor und nach

ihrer italienischen Studienzeit fertigten, wohl unterschieden werden

muss. Die italienisirende Richtung und Vorliebe bald für _Raphael_, bald

für _Michelangelo_ steigert sich im Laufe des 16. Jahrhunderts und lässt

bei der jüngeren Künstlerfolge die heimische Tradition vollkommen

zurücktreten: _Lambert Suterman_ oder _L. Lombard_ (1506-1560), _Frans

Vriendt_ oder _Floris_ (1520-1570), der »flandrische Raphael« (Loth mit

seinen Töchtern im Berliner Museum), die Brüder _Franck_, _Fr.

Pourbus_ d. ä., ebenso wie sein Sohn gleichen Namens, beide als

Porträtmaler verdienstlich, _Martin de Vos_ 1534 bis 1604

(Schlosskapelle in Celle), nach _Floris_ Tode das Haupt der

niederländischen Schule und gleich diesem von einer grossen Zahl von

Schülern umringt, _Carl van Mander_, _Barthol. Spranger_, _Goltzius_ und

zahlreiche Andere. Dass die Werke dieser Meister zu den unerfreulicheren

Erscheinungen der Kunstgeschichte gehören, und namentlich alle Wahrheit

und Poesie vermissen lassen, ist bei der herrschenden Manierirtheit in

ihren italienischen Vorbildern doppelt begreiflich, dennoch aber der

Glaube, diese ganze Richtung sei eine blosse Abirrung ohne

Nothwendigkeit und Gesetz, in keiner Weise gerechtfertigt.

§. 109.

Auch die deutsche Malerei des 15. Jahrhunderts vollzog den Uebergang zum

unmittelbar lebendigen Realismus, und sagte sich vom typischen

Idealismus los; sie vollzog ihn aber nicht in selbständiger

Abgeschlossenheit, sondern unter der Einwirkung der flandrischen Schule.

Am frühesten und beinahe ohne Gegengewicht zeigt sich dieser Einfluss in

den benachbarten rheinischen Schulen; später und bedingter taucht er im

inneren Deutschland auf. Hier findet auch die deutsche Kunst ihre

weitere Fortbildung, und im 16. Jahrhundert ihren Gipfelpunkt, ohne dass

wir im Stande wären, mehr als die Spitzen der künstlerischen Thätigkeit

in Deutschland zu erkennen. Die geringe Kunde von deutschen Künstlern,

die Namenlosigkeit so vieler Werke, der auffallende Umstand, dass viele

Schulen nur durch einen einzigen Namen oder eine Künstlerfamilie

vertreten sind, vor und nach welchen wieder dunkle Nacht herrscht, hat

seinen Hauptgrund in den inneren Zuständen der deutschen Kunst. Sie hält

am festesten am Handwerksboden und lebt in dem engsten Zunftverbande.

Allerdings theilt sie alle Vortheile, welche den bildenden Künsten aus

dem Zusammenhange mit dem Handwerke entwachsen: die sichere Technik, die

lebendige Tradition, das feste Beherrschen des Erworbenen; aber sie muss

auch die Nachtheile, welche aus der Abgeschlossenheit in einer

engbegrenzten Bildungssphäre hervorgehen, tragen. Andere Sammelplätze

künstlerischer Thätigkeit, in den Niederlanden, in Italien, entgehen der

letzteren durch häufigere Berührungspunkte nach aussen, einen

erweiterten Wirkungskreis der Künstler, und ein vielseitigeres Leben

derselben, während die deutschen Reichsstädte die Anschauungen und den

Formensinn ihrer »Stadtmaler« nur in beschränkter Weise anregen konnten.

Gerade der durch das Colorit, die Mächtigkeit und den Adel der Formen

wirkende Realismus der Malerei aber muss ein weites Gebiet der

Erscheinungswelt beherrschen, und den Reichthum der Erde selbst schauen

und geniessen. Kein Wunder, wenn bei der Mehrzahl der deutschen Werke

dieser Periode das Harte, Eckige, oft Hässliche der Formen vorwaltend

gefunden, und bei den Künstlern das Bewusstsein der Grenzlinie vermisst

wird, welche die Phantasie von der Phantastik, die lebendige Wahrheit

von Verzerrungen und Uebertreibungen des Ausdruckes scheidet. Diese

Mängel fallen in den ausgeführten Tafelbildern am grellsten auf. Zum

Glücke beschränkt sich aber die Thätigkeit der altdeutschen Schulen

nicht auf die Fertigung derselben; neben der Oelmalerei wird der

Holzschnitt und Kupferstich eifrig gepflegt, und in %diesen%

Kunstgattungen die positive Seite der altdeutschen Kunst glänzend

entwickelt. Man irrt, wenn man den altdeutschen Malern Phantasiearmuth

vorwirft, und sie unfähig erachtet, geistige Zustände mit Wahrheit und

lebendiger Kraft zu schildern. Ihre Phantasie überschreitet im

Gegentheile oft die Schranken der malerischen Ausdrucksmittel, und lässt

die äusseren Formen der Gedankenfülle nachhinken; ebenso gross sind ihre

Verdienste als Physiognomiker und Charakterzeichner. Um nun diese

Eigenthümlichkeiten frei entwickeln zu können, bedurfte es eines absolut

gefügigen, jeder Wendung der Phantasie folgenden Materiales, welches

keinen Anspruch darauf macht, das Auge zu einem längeren Beharren bei

den äusseren Formen zu zwingen, auf den Schein glanzvoller Realität

verzichtet, und einen Ueberschuss des Inhaltes über die Form aufweist.

Dieses Material ist der Holzschnitt und der Kupferstich, Kunstgattungen,

welche gegenwärtig meist nur zur Vervielfältigung grösserer Bildwerke

dienen, ursprünglich aber die gleiche Selbständigkeit, wie z.B. die

Oelmalerei, besassen. Der Holzschneider und Kupferstecher war nicht

Kopist, sondern auch der Erfinder seiner Tafeln.

Unter diesen Umständen ist es begreiflich, dass die Erfindung und die

Ausbildung dieser Kunstgattungen vorzugsweise dem germanischen Norden

anheim fällt. Unbestritten ist der Holzschnitt ein deutsches Produkt.

Bereits das 14. Jahrhundert kannte in Ulm Briefmaler (Verfertiger

illuminirter Holzschnitte) und Formenschneider; aus dem Beginne des 15.

Jahrhunderts (1407) hat sich in Augsburg ein Holzschnitt (hl. Mauritius)

erhalten; der gleichen Zeit entstammen mehrere Blätter aus Tegernsee;

andere tragen das Gepräge der altkölnischen Schule (hl. Barbara und

Katharina im Berliner Kupferstichkabinet), können daher auch nur im

Anfange des 15. Jahrhunderts entstanden sein. Schliesslich wäre noch der

Buxheimer Christoph (im Louvre), mit dem Jahre 1423 bezeichnet, welcher

lange Zeit vor allen anderen Schnitten das höchste Alter für sich in

Anspruch nahm, zu erwähnen. In Bezug auf den Kupferstich streiten

Italien und der Norden um den Vorrang der Erfindung. Nach _Vasaris_

Erzählung soll der Goldschmied _Maso Finiguerra_ die Kunst, von

vertieften Zeichnungen Abdrücke zu nehmen, zuerst erfunden haben. Auch

zeigen die ältesten italienischen Kupferstiche eine nielloartige

Behandlung, so dass die Ableitung der Kupferstiche von den Nielloplatten

nicht unbegründet erscheint. Während aber kein italienischer Kupferstich

das Jahr 1471, wo _Baccio Baldini_ und _Sandro Botticelli_ den Monte

santo di Dio herausgaben, überragt, kommen in Deutschland bereits im

Jahre 1461 (maître aux banderoles in der Basler Bibliothek) und 1466

(der niederdeutsche Meister $E. S.$) von längerer Kunstübung zeugende

Blätter vor. Für das höhere Alter der deutschen und niederländischen

Kupferstichkunst spricht ferner eine alte Tradition, welche den

berühmten _Martin Schön_ in Colmar als ihren Erfinder preist. Die

Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass _Martin Schön_, ein Schüler des

älteren _Roger_, diese Kunst in den Niederlanden erlernte, aus welcher

Landschaft mehrere der ältesten Kupferstiche, ganz in der Weise der

_Eycks_ gearbeitet, stammen. Von den Niederlanden wandert mit der

Malweise die Kupferstichkunst nach Deutschland; während aber die erstere

in den Händen der deutschen Nacheiferer an Werth verliert, wird die

letztere erst auf deutschem Boden zur Vollendung entwickelt.

§. 110.

Wir beginnen die Aufzählung der deutschen Malerschulen des 15.

Jahrhunderts mit der %Niederrheinischen% und %Kölnischen%. Die

unmittelbare Schule Meister _Stephans_ tritt uns in dem Maler der

Ursulalegende (Ursulak.) in ihrer gänzlichen Verflachung entgegen. Desto

energischer erscheint der Fortschritt zum Realismus, desto eingehender

das Studium der Niederländer in dem namenlosen Meister der

_Lyversberg_'schen Passion oder Pseudoisrael (u. 1463), und zahlreichen

verwandten Künstlern. Der genaueren Specialforschung bleibt es

vorbehalten, die erhaltenen Werke zu sondern und der einreissenden

Sucht, Alles auf denselben Namen zurückzuführen, eine Grenze zu setzen.

Wesentlich verschieden von dem hell und bunt färbenden, übertrieben

ausdrucksvollen Meister der Passion (8 Tafeln, ehemals im Besitze

_Lyversbergs_, jetzt des Herrn _Baumeister_ in Köln), von dessen Hand

auch die Altarbilder in Linz und Sinzig am Rheine angeführt werden, sind

die Scenen aus dem Leben Mariä (in der Münchner Pinakothek und bei Herrn

_Neven_ in Köln), und andere im Museum und im Privatbesitze zu Köln

befindliche Bilder. In den Werken zweier namenloser Meister (die hl.

Katharina und Barbara mit Donataren bei Herrn _Dormagen_, und drei

weibliche Heilige bei Herrn _Clave_ in Köln, sowie die Legende des hl.

Sebastian im städtischen Museum) wird mit Glück der lebendigen

Naturwahrheit eine anmuthige Kopfbildung verknüpft; in dem

letztgenannten grell gefärbten Bilde aber auch schon der knitterige

Faltenwurf beliebt. Die gleiche Grundlage der flandrischen Einwirkung

offenbaren auch %Calcarer% Werke, welche auf den Namen eines älteren

und jüngeren Meisters von _Calcar_ geschrieben werden (Hauptaltar in

Calcar, Mater dolorosa in der Münchner Pinakothek u. a.), und durch die

formengerechte Zeichnung, die Mannigfaltigkeit des Ausdruckes, den

gesteigerten Naturalismus in der Composition hervorragen. Aus dem

letzteren zu einem höheren Style sich emporzuringen und der äusseren

Lebendigkeit auch ein tieferes inneres Leben beizugesellen, ist das Ziel

zweier Kölner Künstler um das Jahr 1500, des _Pseudolukas_ und des

_Pseudoschoreel_, welche gegenwärtig nach ihren Hauptwerken: Meister des

Bartholomäus oder Thomas und Meister vom Tode Mariä, benannt werden.

Dass auch dieselben nur die Spitzen einer zahlreichen Künstlergruppe

vorstellen, unterliegt keinem Zweifel. Der Erstgenannte, auch Meister

_Christoph_ betitelt, suchte dies Ziel durch Zierlichkeit der Wendungen,

durch den Reichthum äusserlicher Motive zu erreichen (Hauptwerke: in der

Münchner Pinakothek, Bilder mit Heiligenfiguren, im Privatbesitz zu

Köln, die Kreuzigung, und Thomas, die Wundmale berührend, beide

Flügelbilder); der andere bedeutendere Meister durch eine feinere

Charakteristik innerer Zustände und affektvolle Darstellung (Hauptwerke:

Tod der Maria in der M. Pinakothek, Klage um den Leichnam Christi im

Städel'schen Museum, Ausgiessung des hl. Geistes in der Abel'schen

Sammlung zu Stuttgart u. a.). Die Vorliebe, welche diese jüngere Kölner

Schule für Passionsscenen hat, ist ebenso bedeutsam, als ihr

Zusammenhang mit der späteren niederländischen Kunst (_Quintin Messys_)

unbestreitbar. Noch bleiben mehrere Kölner Maler des 16. Jahrhunderts

anzuführen, wie _Johann v. Melem_, der als Formschneider berühmte

_Anton_ von Worms (Prospektus von Köln) und _Barthol. Bruyn_ (-1560),

mit welchem die selbständige Kölner Schule abschliesst, um sich in die

Nachahmung der italienischen Manier zu verlieren. Sein Hauptwerk ist der

Hochaltar im Xantener Dome; zu seinen besseren Leistungen gehören

mehrere Bildnisse. Die Identität des Kölner Styles in der Malerei und

Bildnerei wird ersichtlich in den Orgeldekorationen zu S. Pantaleon und

Maria auf dem Kapitol.

Bedeutender und anziehender ist die Entwickelung der Malerei in

%Westfalen%. Der conservative Kunstcharakter dieser Landschaft liess

noch einzelne Züge der älteren Weise bestehen und die flandrische

Lebendigkeit mit einer eigenthümlichen idealen Anschauung sich

verbinden. Als Hauptmeister dieser Richtung erscheint ein Künstler, von

welchem die Fragmente des %Liesborner% Altares (aus dem Schlusse des 15.

Jahrhunderts), gegenwärtig in England, herrühren. Andere im

Privatbesitze befindliche Bilder deuten eine zahlreiche Schule an,

welche sich um diesen deutschen _Fiesole_ gruppirte, ohne dass der immer

mächtigere Realismus auf die Dauer abgewehrt werden konnte. Er zeigte

sich in den Werken der Soester Malerschule (Flügelaltar in der

Marienkirche, Triptychon des Meisters _Suelnmeigr_, Altar des Jarenus

(?) im Berliner Museum) und in den Werken des _Victor_ und _Heinrich

Dunnwegge_ zu Dortmund. In der späteren Zeit des 16. Jahrhunderts tritt

die Künstlerfamilie %zum Ring% in Münster (_Ludger_ d. Ä. u. J.,

_Hermann_) thätig auf, theilweise, wie noch andere namenlose

westfälische Bilder an die jüngere Kölner Schule anmahnend.

Tiefer in Deutschland tritt uns der niederländische Einfluss am

Oberrheine und in Schwaben entgegen. Dort bethätigt ihn _Martin Schön_

oder _Schongauer_, zu %Colmar% thätig, einer Ulmer Künstlerfamilie

entsprossen, aber in den Niederlanden (durch den älteren _Roger_)

gebildet (u. 1420-1488 oder 1499?). Geringer ist die Zahl und auch der

Ruhm seiner Oelgemälde, als jener der von ihm gefertigten Kupferstiche,

deren man 119 Blätter religiösen und sittenbildlichen Inhaltes kennt.

Die ersteren sind vorzugsweise in Colmar verwahrt (die Madonna im

Rosenhage, Anbetung des Christkindes u. a.), sonst auch in München

(Davids Einzug), in Rom (Tod der Maria in P. Sciarra) vorhanden. Sie

zeigen bei mageren Formen einen tiefen Ausdruck, einen mehr nach innen

gekehrten, als mit der ausführlichen Schilderung von Aeusserlichkeiten

beschäftigten Sinn, eine mehr zeichnende als malende Behandlung, und im

Ganzen einen Meister, der sich im freien Kupferstiche wohler fühlt, als

in der gebundenen Oelmalerei. Ueber seine gewiss zahlreiche Schule

fehlen uns alle Nachrichten.

In Schwaben, wo noch im 15. Jahrhundert der typische Idealismus sich

herrschend erhielt, die Künstlerfamilien der _Beham_, _Acker_, _Schön_,

_Lindenmayer_, _Stocker_, _Knechtelmann_ blühten, und die Werke des

_Lukas Moser_ (Tiefenbronn), _Ulrich_ zu Maulbronn, eine verwandte

Richtung mit der gleichzeitigen Kölner Schule aufweisen, brachte

_Friedrich Herlen_, in Ulm und Nördlingen thätig ([+] 1491), die

niederländische Weise in Aufnahme. Man kann unter niederländischer

Arbeit schwerlich die bunt gefärbten Altarschnitzwerke verstehen, da

dieselben schon viel früher in Deutschland bekannt waren, wohl aber hat

das realistische Kunstprincip der flandrischen Schule diesen

eigenthümlichen Kunstzweig, der Skulptur und Malerei äusserlich

aneinander knüpfte, und auch innerlich verwebte, zu reicher Entwicklung

gebracht. Schwaben ist vor den meisten deutschen Landschaften an

polychromer Holzbildnerei reich bedacht. Nur Pommern besitzt eine

ähnliche Fülle mit der Malerei verbundener Skulpturen (ausserdem

verdient _Brüggemans_ Altar in Schleswig eine besondere Erwähnung). Von

dem oben erwähnten _Friedrich Herlen_ rührt der Altarschrein in der

Jakobskirche zu Rothenburg a. d. T. 1466 her; ähnliche Werke sind in

Nördlingen, Bopfingen, Herrenberg (v. 1450), Gmünd, Hall, Kreglingen,

%Blaubeuren% u. a. vorhanden. Künstlernamen kommen, wie es diese

Kunstgattung mit sich bringt, selten vor. Den besten Klang besitzt jener

_Jörg Syrlin's_ d. Ä. zu Ulm (u. 1458-1482 thätig), von dessen Hand zwar

keine bemalten Altäre aufgewiesen werden können; wohl aber waren die

Steinskulpturen am sogen. Fischkasten (Marktbrunnen) farbig behandelt,

und nehmen seine Holzarbeiten eine gewisse Mustergiltigkeit in Anspruch.

_Syrlins_ Einfluss erstreckte sich über seine Familie hinaus, und würde

die Blüthe der Holzschnitzerei in Oesterreich miterklären, wenn sein

Aufenthalt in Wien beglaubigt wäre. Das ihm zugeschriebene Chorgestühl

im Stephansdome war von _Wilh. Rollinger_ (1484) verfertigt worden. Auch

ist eine selbständige Entwickelung einer österreichischen Maler- und

Bildhauerschule, vertreten durch _Mich. Pacher_ von Brauneck

(Flügelaltar in S. Wolfgang, in Gries bei Botzen und im Privatbes. in

München), _Ruheland_, mehrere durch blosse Monogramme bezeichnete

Meister, Meister _Pilgram_ (Kanzel im Stephansdome), _N. Lerch_ und

_Michael Dichter_ (Grabmal Friedrichs III.), nicht unwahrscheinlich.

_Fritz Herlen_ und seine Familie weichen vor dem Ruhme zurück, welcher

um die %Ulmer% Malerschule sich sammelt. _Hans Schülein_ (Tiefenbronn

bei Calw), namentlich aber _Barthol. Zeilbloom_ (1468-1517 thätig),

bilden ihre Spitze. Des Letzteren Werke (ausser dem Altarwerke auf dem

Heerberge bei Gaildorf, meist im Privatbesitze [Abel] zu Stuttgart),

zeigen den Meister mit sinniger Phantasie begabt und der Farbengebung

nicht wenig kundig; weniger naturalistisch als sein Nachfolger _Martin

Schaffner_ (1499-1535 thätig), auf welchen bereits Italien zu wirken

begann, fesselte er durch die biedere Schlichtheit des Ausdruckes, und

musste, nach der grossen Zahl der in seinem Geiste gemalten Werke zu

schliessen, bei seinen Zeitgenossen grosses Gefallen erregt haben. Die

Schicksale der %Augsburger% Malerschule in der ersten Hälfte des 15.

Jahrhunderts sind wenig bekannt; ebenso gering ist unsere Kenntniss der

späteren Zustände, wenn wir die beiden Künstlerfamilien der _Holbein_

und _Burgkmaier_ ausnehmen, deren Ruhm weit über ihre Vaterstadt hinaus

reicht. In drei Generationen üben diese Familien ihre Kunst; während

aber die _Holbeins_ im jüngsten Gliede die höchste Bedeutung erringen,

ist die jüngste Generation der _Burgkmaier_ unbedeutend, und der

manierirten Nachahmung der Italiener verfallen. Ein Denkmal gemeinsamer

Thätigkeit beider Familien bewahrt die Augsburger Galerie in den

Darstellungen der 7 Hauptkirchen Roms, deren untere Hälfte die Kirchen

abbildet, die obere die betreffenden Kirchenheiligen verherrlicht. Von

_Hans Holbein_, dem Grossvater, stammt die Kirche S. Maria Magg. mit der

Krönung der Madonna (1499), ein Bild von anmuthigen Formen und

harmonischer Färbung, weniger berührt von naturalistischen

Uebertreibungen, als die Werke seines Sohnes _Hans Holbein_ d. Aelt.

(1460-1526), von welchem die Augsburger Galerie, nebst dem hl. Paulus,

noch die Dreieinigkeit und die Verklärung Christi besitzt. _Thomas

Burgkmaier_ ([+] 1523), fertigte die hl. Sebastian und Laurentius, in

derber, geschmackloser Lebendigkeit; sein berühmterer Sohn, _Hans

Burgkmaier_ (1472-1599?), arbeitete die Kreuzigung, den hl. Petrus und

Johannes d. Evang. für den oben angeführten Bilderkreis. Die Stärke des

letztgenannten Meisters liegt aber nicht in seinen, oft an Schnitzwerk

erinnernden Oelbildern, sondern in seinen überaus zahlreichen, technisch

und poetisch gleichbedeutenden Holzschnitten (Triumphzug Kaiser

Maximilians, Weisskunig, die östreichischen Heiligen, Neues Testament,

im Ganzen 700 Blätter). Unter seinen Oelbildern wird, bezeichnend für

die Richtung der Zeit, ein kleines Kabinetstück in Nürnberg: Maria mit

der Traube, am meisten gerühmt. _Hans Holbein_ d. J. gehört wohl nach

Geburt und erster Bildung zur Augsburger Schule. Doch behielt er

keineswegs in seinen Werken den Lokalcharakter bei, und vertauschte auch

Augsburg mit Basel als Aufenthalt, wohin sein Vater, ung. 1508, als

Malermeister zur Ausschmückung des Rathhauses berufen wurde.

Idealistisch, wie allerwärts in Deutschland, war der ältere

%fränkische% Kunststyl, ehe theils der niederländische Einfluss,

theils die veränderte Zeitrichtung eine Gegenwirkung hervorrief und

die Schule auf die Seite des grellen, oft formlosen Naturalismus

herüberbrachte. Ein leiser Uebergang, der Weise des Kölner Meisters

_Stephan_ vergleichbar, kündigt sich bereits im Imhofschen Altare vom

Jahre 1420 an, sowie in der Waldburgischen Gedächtnisstafel in der

Frauenkirche zu Nürnberg (1430); der flandrischen Richtung verwandt,

aber noch maassvoll in der Schilderung, ist der Löffelholzische

Altar in der Sebalduskirche (1443). Dann tritt uns aber plötzlich

in den Werken des Meisters _Michael Wohlgemuth_ (1434-1519) der

neue Styl handwerksmässig zugeschnitten, geistig verkümmert und

grell übertreibend entgegen; es schwindet unter dem mechanischen

Gewerbsbetriebe die technische Tüchtigkeit, mit dem verschlechterten

Machwerke sinkt auch die Phantasiebildung. Zu den besseren Werken

_Wohlgemuths_ gehören der Zwickauer Altar (1479), die Flügel des

Chemnitzer Altares im Dresdener Alterthumsmuseum, der Peringsdorfer

Altar in der Moritzkapelle zu Nürnberg (1487), die Altäre zu Schwabach

(1506), Heilsbronn u. a. Tüchtiger als seine Bildtafeln, und durch

die naive Ausführlichkeit der Formenschilderung anziehend, sind die

bemalten Schnitzwerke, welche in der Regel die Mitte der Altarwerke

ausfüllen. Ueberhaupt bilden die Leistungen in der Skulptur die

Glanzseite der fränkischen Schule. Viele und darunter treffliche Werke,

wie die betende Maria in dem Landauer Brüderhause (Schnitzwerk) und die

ehemals bunt bemalte Rosenkranztafel auf der Burg (7' hoch, 5' breit)

sind namenlos. Von namhaften Meistern sind anzuführen: der früher

in Krakau thätige _Veit Stoss_ ([+] 1533), von welchem ausser einem

Entwurfe zum Sebaldusgrabe der berühmte englische Gruss (Schnitzwerk)

in der Lorenzkirche (1518), ein Kruzifix in der Sebalduskirche und eine

Anbetung der Hirten in der oberen Pfarre zu Bamberg herrühren; _Tilman

Riemenschneider_ (geb. zu Osterode [+] als Bürgermeister zu Würzburg

1531), ein handwerksmässiger Naturalist von weitverbreitetem Rufe

(Grabmal König Heinrichs im Bamberger Dome, Grabmonument in Würzburg);

_Loyen Hering_ in Eichstädt; _Seb. Lindenast_, der kunstreiche

Kupferschmied von Nürnberg; _Adam Kraft_ ([+] 1507) in Nürnberg.

Fleissig und betriebsam, in den Formen peinlich ausführlich, aber im

Machwerke sorgfältig und gediegen, jedem Idealismus fremd, erscheint

_A. Kraft_ als der würdigste Vertreter der Nürnberger Kunstbildung.

Seine Hauptwerke in Stein, sämmtlich in Nürnberg aufgestellt, sind

die 7 Fälle Christi an den Stationen zum Johanniskirchhofe, die

Grablegung Christi auf dem letzteren selbst, die Passion oder das

Schreier'sche Begräbniss (34' lang) an der Sebalduskirche, das Relief

über der Stadtwage, ein vortreffliches Genrebild, und das 64' hohe

Sakramentshäuschen in der Lorenzkirche. Die höchste Blüthe erreicht

die Nürnberger Bildnerei in der Rothgiesserfamilie der _Vischer_. Von

dem älteren Namensgenossen, _Hermann Vischer_ ([+] 1487), stammt das

Taufbecken in der Wittenberger Stadtkirche; dem berühmteren Sohne,

_Peter Vischer_ (thätig 1489-1529), aber verdankt die deutsche Skulptur

ihre bedeutendsten Werke. Obgleich er in seinem persönlichen Wirken

sich keineswegs von seinen Nürnberger Fachgenossen unterscheidet,

und gleich diesen die Kunstthätigkeit mit dem Handwerksbetriebe naiv

verbindet, so kann dennoch seine Richtung nicht aus der Nürnberger

Lokalbildung erklärt werden. Auf welchem Wege er sich von der lokalen

Manier befreite, und es erlernte, frisches, naturwahres Leben seinen

Gestalten einzuverleiben, ohne in das Harte und Eckige zu verfallen,

und antike Motive zu verwerthen, ohne seine deutsche Eigenthümlichkeit

aufzugeben, ist unbekannt; desshalb aber seine Verdienste gering

anzuschlagen und ihn zu einem blossen Giesser nach fremden (_Veit

Stossens_) Modellen herabzuwürdigen, unbegründet und thöricht. Die

Zahl der von ihm gefertigten oder ihm zugeschriebenen, im Werthe

ungleichen Grabplatten, ist sehr bedeutend. Sie befinden sich in

Römhild (Grafschaft Henneberg), Magdeburg, Breslau, Bamberg, Krakau,

Nürnberg, und zeigen, soweit sie aus seiner früheren Zeit stammen,

noch Anklänge an die zeitgenössische Nürnberger Kunstweise. Erst in

seinen späteren Werken gelangt er zur vollen Selbständigkeit. Dieselbe

und die Eigenthümlichkeit des _Vischer_'schen Styles lernt man besser

als an dem berühmten Sebaldusgrabe (1508-1519) mit seinen 12 Aposteln,

zahlreichen Reliefbildern und Dekorationsfiguren in den Reliefbildern

zu Regensburg (Christus bei Lazarus Schwestern im Dome), zu Wittenberg

(Krönung Mariä in der Schlosskirche und Denkmal Friedrichs des Weisen

ebendort), zu Berlin (Orpheus und Eurydike in der Kunstkammer) und in

der kleinen Apollostatue im Landauer Brüderhause kennen. Von seinen

fünf Söhnen, welche am Sebaldusgrabe thätig zugriffen, erreicht keiner

eine besondere Höhe, dagegen offenbart sich als ein tüchtiger Schüler

_Peter Vischers_ der Schöpfer des bekannten Gänsemännchens: _Pancr.

Labenwolf_ (1492-1563).

§. 111.

Alle bis jetzt betrachteten deutschen Kunstschulen ermangeln nicht

der Entwickelungsfähigkeit, werden aber durch ungünstige äussere

Verhältnisse an raschen Fortschritten gehindert. Wenn die spätere

geniale Sonderstellung der Künstler den Verfall der Kunst bedingte,

so hat die knappe Einordnung der alten deutschen Meister in den

Handwerksverband das Zusammenwirken in weiten Kreisen, den freien

Aufschwung zur Vollendung abgewehrt. Wir erfahren selten von Schülern,

desto häufiger von Gesellen, und scheiden die einzelnen Werke richtiger

nach Lokalgruppen, als nach besonderen Individuen. Dass trotz dieser

mannigfaltigen Schranken einzelne Meister zu grosser Vollendung sich

erheben und ihren Schöpfungen einen allgemein giltigen Werth zu

verleihen wissen, verdient nur eine desto höhere Bewunderung. Wir

zollen sie auch gegenwärtig, nachdem unser Kunsturtheil eine heilsame

Läuterung erfahren, in vollem Maasse dem Nürnberger Goldschmiedsohne

_Albrecht Dürer_ (1471-1528) und dem vielwandernden _Hans Holbein_ d.

J. (1498-1554).

_Dürers_ Ausgangspunkt ist die fränkische Schule. Fünfzehnjährig kam

er zu Meister _Wohlgemuth_ in die Lehre, blieb in dessen Werkstätte,

weidlich von den »Mitknechten« geplagt, drei Jahre, und ergriff

sodann, der Handwerkssitte gemäss, den Wanderstab. Im Jahre 1494

heimgekehrt, wurde er Meister, heirathete und begann seine selbständige

Wirksamkeit. Aus der ersten Periode derselben (1505) wissen wir,

charakteristisch genug, nur von wenigen Oelbildern, und diese sind

beinahe durchgängig Porträte (Selbstporträte vom Jahr 1498 in der

Uffizigalerie, ein anderes, in ausgebildeter Technik vom Jahr 1500

in der Münchner Pinakothek u. a.) Die grösste Thätigkeit entfaltet

er auf dem Gebiete des Holzschnittes und Kupferstiches (Offenbarung

Johannes 1498, Adam und Eva, Kupferstich 1502). Es erklärt sich diese

freiwillige Einschränkung aus der richtigen Selbsterkenntniss und

Abschätzung seiner Kräfte. _Dürer_ verläugnet nicht den deutschen

Kunstcharakter; die Tüchtigkeit als Charakterzeichner, die geringe

Beachtung der formellen Schönheit, ein unüberwindlicher Hang, sich

im Gedankenspiel zu ergehen, wodurch die Formen zum unselbständigen

Ausdrucke herabgesetzt werden, und die Darstellbarkeit dem poetischen

und phantastischen Reize, der im Inhalte liegt, zum Opfer wird, sind

Kennzeichen, welche _Dürer_ eben so sehr als seinen Fachgenossen

ankleben. Auch darin kommt er mit den letzteren überein, dass ihn bei

der Feststellung der Kopfformen häufig subjektive Willkür leitet, und

seine Gewandmotive selten günstig für die Entwickelung der Körperformen

sich gestalten. Bei aller Schärfe der Auffassung gilt ihm doch nicht

die Natur als ausschliessliche Richtschnur. Auch die Farbe, so glänzend

sie auch strahlt, folgt vielfach mehr der Eingebung der Phantasie, als

dass sie die äussere Erscheinung wiedergäbe, sie ist erfunden, wie

jene Kopfformen. Wodurch aber _Dürer_ die meisten Künstler überragt,

das ist die unerschöpfliche Fülle dichterischer Gedanken, sein tiefer

Humor. Das Bewusstsein dieser Gaben musste ihn nothwendig das gefügige

Material des Stiches und Schnittes, diese Schnellschrift der Kunst, den

spröderen malerischen Formen so lange vorziehen lassen, bis er auch

nach dieser Seite seine Entwickelung vollendete. Dieselbe beförderten

zwei Reisen, welche er in längeren Zwischenräumen, 1506 nach Venedig,

1520 (in Geschäftsangelegenheiten) nach den Niederlanden vollführte.

Die tiefe Einwirkung der venetianischen Malweise spricht sich

besonders deutlich in dem (am Strahov in Prag verwahrten) sogenannten

Rosenkranzbilde aus. Die Madonna, von Engeln gekrönt, ertheilt an den

Kaiser, das Christkind an den Papst einen Rosenkranz; die gleiche

Handlung vollziehen an den umstehenden Personen der hl. Dominik und

mehrere Engel. Dieses Werk wurde in Venedig 1506 verfertigt, und so

weit die traurige Uebermalung einen Schluss auf den ursprünglichen

Zustand gestattet, auch in venetianischer Weise, ganz verschieden

in der Farbenharmonie und im Farbenauftrag von seinen früheren

Werken ausgeführt. Eine ähnliche Einwirkung der Niederländer wird in

einzelnen seiner letzten Werke offenbar. Nicht wenig gewinnt _Dürers_

Künstlergrösse durch die Einsicht in sein stetiges Fortschreiten,

in sein unablässiges Streben nach Vollendung. Hat _Dürer_ seine

Entwickelungskraft erschöpft? Er selbst in einem merkwürdigen

Geständnisse (von Melanchthon überliefert) verneint es und beklagt die

Unmöglichkeit, die erst als Greis gewonnene Erkenntniss künstlerisch

zu verwerthen. Wohin dieselbe ihn geführt hätte, bezeichnet er selbst,

indem er die simplicitas als das höchste Ziel der Kunst aufstellt, und

seine älteren bunten Bilder verdammt.

Mit der Rückkehr aus Venedig beginnt _Dürers_ fruchtbarste und beste

Zeit. Wir zählen aus dem Gebiete der religiösen Malerei folgende

Hauptwerke auf: die Marter der Zehntausend 1508 (Belvederegalerie), in

der Composition zerstreut und unerquicklich, in der Ausführung überaus

fleissig; die Dreifaltigkeit von Heiligen angebetet 1511 (ebendort);

die Geburt Christi und die Klage um Christus in der Münchner

Pinakothek; der Tod der Maria in Porträtgestalten wiedergegeben

(Belvedere), und schliesslich die vier lebensgrossen Charakterfiguren

des Johannes, Petrus und Markus, Paulus (Pinakothek) 1526, auch als die

vier Temperamente bezeichnet, und von _Dürer_ unter dem Einflusse der

herrschenden Zeitideen, in einem wahrhaft monumentalen Style, unendlich

verschieden von seiner älteren Manier geschaffen. Unter den zahlreichen

Bildnissen, welche _Dürer_ malte, hat das überaus scharf gezeichnete

Porträt des Hieronymus Holzschuher in Nürnberg (1526) den grössten

Ruhm erlangt; nicht minder bedeutend sind aber auch die in Köpfen

gestochenen Bildnisse (Melanchthon, Pirkheimer, Erasmus von Rotterdam

u. A.), wie denn überhaupt in den _Dürer_'schen Stichen und grossen

Holzschnittwerken die Eigenthümlichkeit des Meisters hell strahlt und

seine sprudelnde Phantasie unsterbliche Denkmale sich setzte. Sein

Ritter und der Tod, die Melancholie, die hl. Hubertus und Hieronymus,

woran sich die köstlichen Randzeichnungen zum Gebetbuche K. Maximilian

anreihen lassen, charakterisiren vortrefflich _Dürers_ selbständigen

Dichtersinn und allseitige Phantasiebildung. Unter den von ihm

herausgegebenen Holzschnittwerken verdienen die grosse und die kleine

Passion, das Leben der Maria (1511), die Ehrenpforte des K. Maximilian

(1515) und der Triumphwagen des Kaisers (1522) besondere Erwähnung.

Auch die Leichtigkeit des Schaffens darf nicht bei der Beurtheilung

_Dürers_ übersehen werden. Er war als Schnellmaler berühmt und in allen

Zweigen der Kunst, auch als Miniaturmaler, Bildhauer und theoretischer

Schriftsteller thätig. Die Zahl der von ihm gefertigten Kupferstiche

beläuft sich auf 108, der Holzschnitte (d.h. der Zeichnungen zu

Holzschnitten) auf 170. Einer so ausgedehnten Thätigkeit musste auch

ein entsprechend ausgedehnter Einfluss auf seine Kunstgenossen zur

Seite gehen. In der That lenkte _Dürer_ zahlreiche Künstler in seine

Bahn und besass eine reiche Nachfolge. Dass sich dieselbe nicht über

die zweite Generation hinaus erstreckte, daran trugen theils die

allgemeinen deutschen Kunstverhältnisse, theils die Zeitstürme und die

ihnen folgende Erschlaffung des deutschen Geistes die Schuld.

Den zweiten deutschen Grossmeister lernen wir im jüngeren _Hans

Holbein_ kennen. Frühreif, elastischen Geistes, unter günstigen

Bedingungen gebildet, und in verhältnissmässig glänzenden Verhältnissen

lebend, schliesst er seine Laufbahn als Porträtmaler. Nicht als ob

diese Kunstgattung den Stempel der Unbedeutendheit an sich trüge, oder

_Holbeins_ individuelle Grösse dadurch beeinträchtigt würde, aber

immerhin bezeichnet es das Wesen der deutschen Kunst, dass _Dürers_ und

_Holbeins_ berühmteste Malerwerke, die vier Apostel und die Madonna

mit der Familie Meyer, das eine einzelne Charaktergestalten gibt, das

andere förmlich in die Porträtsphäre herabsteigt, und dass auch die

grössten deutschen Künstler, theils durch äussere Umstände gehindert,

theils durch den eigenen Bildungsgang gehemmt, an reiche historische

Compositionen nicht herankommen. Einen Schlüssel zur Erklärung dieser

Thatsache liefert auch die Stellung derselben zu der bis dahin

allgemein giltigen Weltanschauung. Namentlich _Holbein_ zeigt sich

dem traditionellen Ideenkreise fremd, und in den neuen Anschauungen

heimisch. Die symbolische Auffassung weicht der dramatischen, eine

derbe Spottlust, oft zum Humor gesteigert, bricht sich Bahn, die

Antike tritt auch im Stoffkreise berechtigt auf, freie allegorische

Erfindungen lassen die Einwirkung der Zeitströmungen bemerken. Auch

_Holbein_ muss den Einfluss Italiens über sich ergehen lassen. Sind

wir auch über seinen näheren Bildungsgang im Dunkeln, so bleibt doch

sein Studium oberitalienischer Meister unbestritten. _Holbein_ ist

aber der einzige und erste Deutsche, welcher sich ungestraft der

Fremde zuwendet, und die völlige Freiheit, die Fähigkeit, zu sich

selbst zurückzukehren, sich wahrt. Noch aus _Holbeins_ frühester, in

Augsburg verlebter Jugend, stammen mehrere, theils in Augsburg, theils

in München verwahrte Bilder (Märtyrium des hl. Sebastian); während

seines Aufenthaltes in Basel fertigte er das Aushängeschild eines

Schulmeisters, zwei vortreffliche Sittenbilder, die Geburt Christi

und die Anbetung der Könige (Freiburger Münster), die fast gänzlich

zerstörten Fresken im Basler Rathhause (römische und griechische

Geschichten) und nach einer in Italien unternommenen Studienreise den

Leichnam Christi und die dramatisch überaus wirksamen acht (kleinen)

Bilder der Passion (sämmtlich in der Basler Sammlung). Aus dem Jahre

1529 stammt die Madonna als Schutzfrau der Familie Meyer (in zwei

Exemplaren: im k. Schlosse zu Berlin und in der Dresdner Galerie), ein

Bild, welches weniger durch den Reiz der Farben, als durch den Ernst

der Auffassung und die kräftige Wahrheit wirkt. In England, wohin er

1526 berufen wurde und mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Tode

verweilte, widmete er seine Thätigkeit, mit geringen Ausnahmen (Triumph

des Reichthumes und der Armuth, eine verloren gegangene Freske im

Hansahofe), dem Bildnissfache, in welchem er nur von wenigen Künstlern

erreicht wird. Dass das Porträt Moretts in Dresden lange Zeit auf

_L. da Vinci_ geschrieben werden konnte, ist in mehrfacher Hinsicht

bedeutungsvoll.

_Holbeins_ Wirken würde unvollständig beurtheilt werden, wenn man

seine Zeichnungen zum Todtentanze zu erwähnen vergässe. Schwerlich

gab es eine Idee, welche dem Zeitgeiste und dem phantastischen Zuge

der deutschen Kunst besser entsprach, als die alle Stände und Alter

unerbittlich ergreifende Gewalt des Sensenmannes. Während aber in

den gewöhnlichen Darstellungen (Dominikanerkloster in Basel, Lübeck,

Dresden) die Vorstellung in trockener Wörtlichkeit wiedergegeben wird,

hat _Holbein_ (und gleich ihm der Berner Dichter, Maler, Krieger,

Politiker und Reformator, _Niclas Manuel_ [1484-1530], in den nur in

Kopien erhaltenen Fresken im Dominikanerkloster zu Bern), des Todes

Thätigkeit mit beissendem Humore in geistreich gedachten lebendigen

Zügen geschildert. Schon in diesem Bilderkreise klingt das Tendentiöse

der deutschen Kunst des 16. Jahrhunderts durch, welches in den

fliegenden Blättern der nächstfolgenden Zeit noch stärker ausgebeutet

wurde, und die Kunst zu einem wirksamen Agitationsmittel machte, aber

ihr die Gelegenheit zur ruhigen Ausbildung anübte.

Diesen beiden eben geschilderten Meistern schliesst sich, weniger weil

er die deutsche Kunst zur Vollendung, als vielmehr zum Ende brachte,

_Lucas_ (Sunder?) _von Cranach_ (1472-1553) an. Ein treffliches

Beispiel der Vielgeschäftigkeit deutscher Künstler -- er trieb auch

das Apotheker- und Buchhandelgeschäft, sowie den Papierhandel,

als Gewerbe -- in die Zeitereignisse innig verflochten, und an

der kirchlichen Polemik auch als Künstler (Passional Christi und

Antichristi) betheiligt, bewahrt _Cranach_ die Formenbeschränktheit

seiner älteren Genossen, bricht aber gleichzeitig mit der bis dahin

giltigen Kunsttradition. Die Einführung von Bildnissen in seinen

Altartafeln ist keineswegs der Ausfluss eines naiven Naturalismus,

sondern Tendenzsache, und soll eine den Zeiterscheinungen

entsprechende neue Symbolik liefern. Seine antiken Schilderungen

(Apollo und Diana, Venus, Herkules und Omphale) scheiterten, wie

die Darstellungen des Nackten überhaupt (Adam und Eva), an seiner

mangelhaften Formenkenntniss, und verletzen oft durch den unreinen

Sinn. Anziehender sind _Cranachs_ volksthümlich derbe Uebertragungen

alter Mythen und Sagen (Simson und Delila in Augsburg, Prinz Paris oder

Alfred und Albonak in Wörlitz, der Mund der Wahrheit in Schleisheim,

der Jugendbrunnen in Berlin), in welchen die Verwandtschaft mit

gleichzeitigen Volksdichtungen deutlich durchschlägt, und reiche

kulturgeschichtliche Beziehungen aufgewiesen werden können. Bei

seinem handwerksmässigen Betriebe der Kunst fällt es oft schwer, die

eigenhändigen Werke von der Gesellenarbeit zu scheiden; auch wurde in

jüngster Zeit gegen die Authentizität mehrerer Altartafeln Einsprache

erhoben, wie z. B. gegen das grosse Schneeberger Altarwerk, jenes zu

Wittenberg und Halle. Auch das berühmte Altargemälde in der Stadtkirche

zu Weimar: Christus am Kreuze mit Johannes d. T., Luther und _Cranach_

rührt nur theilweise von dem Letzteren her. Andere Werke sind im

Dome zu Glogau, Meissen und in den verschiedenen deutschen Galerien

vorhanden. Unter seinen zahlreichen Schülern, welche _Cranachs_

Weise das ganze 16. Jahrhundert festhielten, erscheint sein Sohn und

Nachfolger im Bürgermeisteramte zu Wittenberg, _Lucas Cranach_ d. J.,

als der bedeutendste.

Auch an den jüngeren _Holbein_ und _A. Dürer_ schlossen sich mehrere

Künstler an, an jenen _Hans Asper_ in Zürich und _Chr. Amberger_,

ein guter Bildnissmaler in Augsburg; _Dürers_ Weise beherrschte

vorzugsweise die Nürnberger Kunst: _Hans (Wagner)_ von Kulmbach

([+] 1545), _Hans Schäuffelein_ ([+] 1539) aus Nördlingen, _Alb.

Aldegrever_ ([+] 1562) aus Soest, _Alb. Altdorfer_ ([+] 1538), dessen

Alexanderschlacht und Susanna in der Münchner Pinakothek die Richtung

der deutschen Kunst trefflich charakterisiren und die Unmöglichkeit

einer Fortentwickelung auf diesem Wege, wo die Naivität in eine

kindische Auffassung ausartet, darthun, _Melch. Fesele_, _Barthol._ und

_Hans Beham_, der erstere, sowie _Georg Pencz_ ([+] zu Breslau 1550),

in der Folgezeit italienischen Einflüssen unterworfen, _Jak. Bink_,

der Miniaturmaler _Nic. Glockendon_ (Aschaffenburg und Wolfenbüttel),

nahmen sämmtlich von _Dürer_ ihren Ausgangspunkt. Die Mehrzahl dieser

Meister waren auch Kupferstecher und arbeiteten Zeichnungen für den

Holzschnitt, welcher in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, so

lange er den Charakter der Federzeichnung bewahrte, zu grosser Blüthe

emporstieg und in den Kämpfen der Zeit eine wirksame Waffe darbot.

Zu den berühmtesten Formschneidern des 16. Jahrhunderts gehört _Hans

Lützelburger_, mit dem jüngeren _Holbein_ enge verbunden; in der

zweiten Hälfte des Jahrhunderts entwickelt namentlich der vielseitige

_Jost Amman_ aus Zürich (1539-1591) eine staunenswerthe Thätigkeit.

Die Zahl der von ihm gezeichneten Holzstöcke konnte kaum auf einem

Lastwagen fortgeschafft werden.

Zwar nicht zur Schule _Dürers_ gehörig, doch seinem Einflusse

unterworfen, erscheinen der oberdeutsche Maler _Hans Baldung Grien_

([+] 1552 zu Strassburg) und _Matthias Grünewald_ von Aschaffenburg

(u. 1516 thätig). Das Hauptwerk des ersteren ist der Hochaltar im

Freiburger Münster, dessen äussere Seitentafel (Geb. Chr.) durch

den glücklich angebrachten Lichteffekt anzieht, wie die andere

(Flucht nach Aegypten) durch die durchwehende poetische Stimmung.

_Grünewald_, welcher wohl auch als Lehrer _Cranachs_ gilt, überragt

seine Zeitgenossen in merkwürdiger Weise durch die harmonische Kraft

der Farbe und ein feineres Formengefühl, ohne aber eine scharfe

Charakterzeichnung zu besitzen. Seine Werke sind in der Frauenkirche

zu Halle, in Annaberg, Münchner Pinak., Colmarer Galerie (Isenheimer

Altar) u. a. vorhanden.

§. 112.

Der flandrische Einfluss, welcher die Entwickelung der deutschen

Kunst des 15. Jahrhunderts so wesentlich bestimmte, durchzog auch das

%französische Gebiet%. Ehe die italienische Kunst hier herrschend

auftrat, wirkte, unter dem oben erwähnten Einflusse, den neueren Styl

vorbereitend, und blühte besonders in %Tours%, eine selbständige

französische Schule. Namen und Werke dieser Schule sind uns bewahrt

worden: _Jean Fouquet_, der Hofmaler Ludwigs XI. (Miniaturbilder),

_Jean Hesdin_, _Pierre Valence_, _Pinaigrier_, _Claude Vignon_, _Abr.

Bosse_, _J. Clouet_ (Porträtmaler), _Mich. Colomb_ (Brunnen in Tours

1510) u. A. Als unmittelbarer Schüler der flandrischen Meister gilt

der König _René_ von Anjou (1408-1480), welcher ausnahmsweise vom

italienischen zum flandrischen Style überging, und den letzteren

in seinen Altarwerken (Villeneuve bei Avignon, Aix), wie in seinen

Miniaturbildern treu befolgte.

In %Spanien%[93] gelangte das nationale Element stets nur in

grösseren Unterbrechungen zum künstlerischen Ausdrucke; mehr als in

anderen Landschaften herrschten hier fremde, bald italienische,

bald flandrische Einflüsse. Die älteren Skulpturen vom 11.-13.

Jahrhundert zeigen den in der romanischen und germanischen Periode

allgemein herrschenden Styl. Auch der Styl des 14. Jahrhunderts

(Skulpturen im Kreuzgange und in der Sakristei zu Burgos) entspricht

dem gleichzeitigen nordischen; seit dem 15. Jahrhundert mischen sich

durch eingewanderte flandrische und italienische Künstler fremde Weisen

der heimischen Kunst bei. Die Grabmonumente in Avila, Toledo, Sevilla,

Granada u. a. sind häufig von italienischen Künstlern ausgeführt (_M.

Domenico_, _Alexandro_, _Miguel_, _Torregiano_ aus Florenz, _Leoni_ aus

Arezzo, _Th. Torné_, _Ad. Vuibaldo_, _Peralta_ aus Genua); auch _Alonso

Berruguete_ machte im 16. Jahrhundert seine Studien in Italien, welche

seltsam genug in Holzskulpturen (Valladolid) von ihm verwerthet wurden.

An letzteren ist Spanien ausnehmend reich. Noch im 17. Jahrhundert

wurde die Holzschnitzerei in Verbindung mit der Polychromie mit grossem

technischen Geschicke (Emailschein der Färbung) geübt, und die in der

früheren Zeit erworbene Tüchtigkeit festgehalten. Ob nicht nordischer

Einfluss auch hier sich geltend machte, ist nicht entschieden. Im 15.

Jahrhundert werden deutsche Künstler nach Sevilla berufen, um den

grossen Altar in der Kathedrale zu Sevilla zu fertigen: _Dankart_,

_Jorge Fernandez_ und dessen Bruder _Alexo_. Im 16. Jahrhundert werden

_Felipe de Vigarny_ aus Burgund (Granada und Toledo), _Diego Copin_ aus

Holland (Toledo), _Gregorio Fernandez_, geb. 1566 (Valladolid), _Juan

de Juni_ ([+] 1614) und _Estévan Jordan_ besonders gerühmt.

Die spanischen Gemälde des 15. Jahrhunderts (Kathedrale von Salamanca,

Barcelona) entsprechen dem gleichzeitigen italienischen Style, welcher

in einem einzelnen Falle (Alhambra) schon im 14. Jahrhundert auf

spanischem Boden auftritt; seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts

geht neben dieser italienischen Weise die _Eyck_'sche Schulrichtung

einher, vertreten sowohl durch eingewanderte Niederländer, wie durch

eingeborene Künstler: _Juan Sanchez de Castro_ in Sevilla, _Fernando

Gallegos_ in Salamanca, _Antonio del Rincon_ (1446-1500) in Granada

u. A. Im 16. Jahrhundert kam hier wie überall die italienische

Manier zur grössten Geltung. Die Miniaturmalerei, welche bis zum

Schlusse des 16. Jahrhunderts in der Verzierung von Missalen und

Chorbüchern die reichste Pflege fand, befolgt im Ganzen das gleiche

Entwickelungsgesetz, wie die Tafelmalerei.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 23 / 33 题