3. Malerei.

§. 99.

Wir verliessen die italienische Malerei auf der Stufe freier

individueller Composition, aber noch wenig ausgebildeter Formen. Wohl

wird schon im 14. Jahrhundert auf die Naturwahrheit und die reale

Schilderung des Lebens Rücksicht genommen. Um dies Streben aber zur

Vollendung zu bringen, muss dem Künstler eine reiche Formenfülle zu

Gebote stehen, auch das tiefere Wesen der malerischen Erscheinung mit

feinem und eindringlichem Sinne erfasst werden. Diese Formenfülle

zu schaffen, durch das Studium des Nackten und der Gewandung, durch

die genauere Kenntniss der Gesetze, welche den Körperformen an sich

und in ihren bestimmten Erscheinungen (Anatomie und Perspektive)

zu Grunde liegen, die Wirkungskraft der Bilder zu erhöhen und der

Phantasie vollkommene Ausdrucksmittel entgegenzuführen, ist die Aufgabe

des 15. Jahrhunderts. Natürlich muss die italienische Malerei bei

solchen Bestrebungen ein realistisches Gepräge annehmen und zuweilen

die ideale Wahrheit vermissen lassen. Es führen dieselben namentlich

zu einer behaglichen Breite der Composition, zum Herabziehen der

Darstellung in die nächste Gegenwart. Das Porträt findet Eingang

auch in religiöse Scenen; zu den handelnden Personen gesellt sich

ein weiter Zuschauerkreis, ausgefüllt durch die kräftigen Bürger des

15. Jahrhunderts. Die eigentliche Handlung wird in den Hintergrund

gerückt und nur als Motiv zur Schilderung zeitgenössischer Sitte und

weltlichen Lebens benützt. Diese Neigungen rufen eine Verwandtschaft

der florentinischen Malerei -- denn Florenz ist auch im 15. Jahrhundert

der Vorort der italienischen Kunst -- mit der niederländischen hervor,

welche auch äusserlich durch die Gunst niederländischer Maler bei den

Florentinern und durch die Annahme der Oelmalerei kundgegeben wird.

Der Maler _Antonello da Messina_ soll die letztere über die Alpen

gebracht und zuerst dem _Domenico Veneziano_ mitgetheilt haben. Dieser

machte sie in Florenz, und zwar dem _Andrea del Castagno_, bekannt.

Doch geht diese Verwandtschaft über eine bestimmte Grenze nicht

hinaus und erhält durch die Liebe zu reinem Formenmaasse und durch

den altheimischen plastischen Sinn ein starkes Gegengewicht. Weder

gewinnt das landschaftliche Element eine so grosse Ausdehnung wie

in der nordischen Kunst (_Alesso Baldovinetti_ 1425-1499 macht eine

Ausnahme; seine Geburt Christi im Vorhofe der Annunciata zu Florenz

wird wegen der fleissig-mühsamen Ausführung und der reichen Landschaft

gerühmt, aber eben desshalb hier ein direkter niederländischer Einfluss

vermuthet), noch siegt der formlose phantastische Zug oder der um

die Form unbekümmerte derbe Naturalismus über die reinen Linien.

Man braucht nur die Vorliebe für das Nackte, die Eigenthümlichkeit

der italienischen Gewandmotive, die Sorge für den übersichtlichen

Gruppenbau zu betrachten, um sich von der Scheidewand zwischen

nordischer und italienischer Kunst zu überzeugen. So wenig als die

Gegenwärtigkeit in der Composition, d.h. das Uebertragen der Handlung

auf den unmittelbar heimischen Boden, kann das einseitige Verfolgen

einzelner Formengesetze, die ausschliessliche Betonung der Perspektive

oder Anatomie auffallen. Die erstere soll nach _Vasari_'s Erzählung das

Hauptaugenmerk des _Paolo Uccello_ (1389-1472) gebildet haben; später

wird _Piero della Francesca_ (1408-1496) wegen seiner Kenntnisse in

der Perspektive und Geometrie, sowie wegen seiner Fertigkeit in der

Verkürzung der Figuren gerühmt. Die anatomische Richtung in einseitiger

Härte wird namentlich durch _A. Verrocchio_ und _A. Pollajuolo_,

welche durch ihre plastische Thätigkeit in diese Richtung getrieben

wurden, sowie durch _Andrea del Castagno_ ([+] 1480) vertreten. Die

bewusste und grundsätzliche Nachbildung der Antike ist keineswegs

im 15. Jahrhundert allgemein gültig, sie erscheint vielmehr nur als

Lokalcharakter der %paduanischen% Malerschule. Nicht als ob hier die

der Antike nachstrebende Kunstweise traditionell gewesen wäre; als aber

der Maler _Jacopo Squarcione_ (1394-1474) seine auf Reisen in Italien

und Griechenland gesammelten Antiken in seiner Vaterstadt aufstellte,

und einen regelmässigen Schulunterricht nach denselben einführte,

musste diese Richtung nothwendig eine Zeit lang vorherrschen. Sie hat

ihren Hauptvertreter in dem Paduaner _Andrea Mantegna_ (1430-1506)

und zählt als Hauptwerk, in welchem sich das Einleben in die Antike

am schärfsten ausspricht, dessen Triumphzug Cäsars, in 9 Bildern mit

Leimfarbe gemalt (in Hamptoncourt bei London), auf. Nicht darin allein,

sondern auch in der überaus scharfen Auffassung der Natur, welche ihn

in seinen älteren Werken zu einer mageren Härte verführte, in der

energischen Durchführung der perspektivischen und der Farbenwirkungen

liegt _Mantegna_'s Verdienst. Seine ausgedehnteste Wirksamkeit fand

er am Hofe der befreundeten Gonzagas in Mantua, ohne dass sich jedoch

Wesentliches hier von ihm erhalten hätte. (Hauptwerke: Wandmalereien

in der Eremitenkirche zu Padua, Tafelbilder in Verona, Rom, Florenz,

%Paris%, Berlin u. s. w.) Die paduanische Schule bildet den Ferment in

der Entwicklung der meisten übrigen Schulen, von ihr ist ebensowohl die

Schule von Bologna (_Marco Zoppo_) wie die lombardische (_Bramantino_)

abhängig; sie übte auf die Venetianer (_Jac. Bellini_, _B. Vivarini_,

_C. Crivelli_), Ferraresen und wahrscheinlich auch Florentiner

Einfluss, und zählte sonst noch zahlreiche Künstler zu ihren

mittelbaren Nachfolgern, u. A. _Melozzo da Forli_ (Himmelfahrt Christi

in S. Apostoli in Rom).

Während alle hier genannten Künstler und Künstlergruppen mit

raschem Schritte neue Bahnen aufsuchen, begegnen wir noch einzelnen

conservativen Künstlerkreisen, welche nur geringen Antheil an der

Formenentwicklung in der zeitgenössischen Kunst nehmen, durch eine

eigenthümliche Zartheit der Empfindung, durch naive Heiterkeit oder

stillvergnügte Frömmigkeit die ältere Richtung zu einer zweiten,

überaus anziehenden Blüthe bringen. An der Spitze steht _Gentile da

Fabriano_ ([+] 1450), ein Schüler des _Allegretto Nuzi da Gubbio_. Es

haben sich nur wenige Werke desselben erhalten (Anbetung der Könige

in der florentinischen Akademie 1423, ein ähnliches Bild im Berliner

Museum, Krönung der Madonna in Mailand), sie genügen aber vollkommen,

um den anmuthigen Sinn des Meisters, seine Freude an heiteren

Lebensschilderungen zu charakterisiren. Vielleicht sein Schüler,

jedenfalls auf das Innigste mit ihm verwandt, nur eingeschränkter in

der Phantasie, ist das Ideal des kunstliebenden Klosterbruders: _Fra

Giovanni Angelico da Fiesole_, ein Dominikanermönch (1387-1455). Sein

Beiname _Angelico_ charakterisirt ebenso gut seine Richtung, wie der

Name _Gentile_ die künstlerischen Eigenschaften des früher genannten

Meisters. Die Gruppen in seinen Tafelbildern, die gleichartigen

Kopfformen, die Schüchternheit der Bewegungen, Alles spricht noch

für seine Anhänglichkeit an die ältere Kunstsitte; innerhalb dieser

Schranken weiss aber _Fiesole_ durch das religiöse Pathos seiner

Schilderungen, durch den zarten und lieblichen Ausdruck der Köpfe,

durch die reiche heitere Färbung im höchsten Grade zu fesseln (Fig.

91). Er ist der Vertreter der kirchlichen Kunst während des 15.

Jahrhunderts, er ist aber weiter der vollendetste und darum auch

noch in neuester Zeit nachgeahmte Träger der religiösen Malerei

überhaupt. Tafelbilder von _Fiesole_'s Hand sind gar häufig (Galerie

der florentinischen Akademie, Louvre [Himmelfahrt Mariä], Perugia

u.s.w.); viel bedeutender sind die Freskobilder, mit welchen er ausser

der Kapelle des _P. Nikolaus_ im Vatikan (Leben der hh. Stephan und

Laurenz) und dem Dome von Orvieto, die Zellen, den Kapitelsaal und

den Kreuzgang des Klosters S. Marco in Florenz schmückte. Hier ist

namentlich die rührende Darstellung der Kreuzigung im Kapitelsaale der

grössten Beachtung werth.

[Illustration: Fig. 91. Fra Giovanni Angelico.]

_Fiesole_'s Richtung konnte natürlich gegenüber den entgegengesetzten

Bestrebungen seiner Zeitgenossen nicht durchgreifen; selbst seine

unmittelbaren Schüler, wie _Benozzo Gozzoli_, wurden auf die Bahn

des Realismus gezogen, doch blieb er nicht ohne Einfluss auf die

Kunstweise seiner Zeit; er hält durch sein Beispiel das religiöse

Kunstelement aufrecht und bildet eine wohlthätige Ergänzung der übrigen

Bestrebungen; in ähnlicher Weise wie in der zweiten Hälfte des 15.

Jahrhunderts die umbrische von den Sienensern, von _Gentile_ u.A.

angeregte Schule (_Benedetto Bonfigli_, _Fiorenzo di Lorenzo_, _Matteo

da Gualdo_, _Pietro A. da Fuligno_ u. A. später zu nennende) ergänzend

den Florentinern entgegentritt.

§. 100.

Als das Haupt der Florentiner Schule gilt mit Recht _Tommaso_ aus der

Familie der Guido, gewöhnlich _Masaccio_ genannt (1402-1443). Seine

Künstlerbildung verdankt er dem _Masolino da Panicale_ ([+] ung.

1418), einem um die Freskotechnik verdienten Manne, welcher wieder als

der Schüler des wenig bekannten _Starnina_ angeführt wird. Man irrt

nicht, wenn man der gleichzeitigen Skulptur einen grossen bestimmenden

Einfluss auf den florentinischen Malerstyl zuschreibt, wodurch

die unter den letzten Ausläufern _Giottos_ sinkende Kunst wieder

aufgefrischt wurde, und die verbesserte Technik, die dadurch gewonnene

Möglichkeit harmonischer Färbung und zarter Carnation als weiteres

Förderungsmittel annimmt.

_Masaccios_ Styl kann man nicht an den ihm zugeschriebenen Fresken in

S. Clemente in Rom, wohl aber an den Gemälden in der Karmeliterkirche

(Cap. Brancacci) zu Florenz erkennen. _Masolino_ hatte hier das

Leben Petri begonnen, nach _Masaccios_ frühem Tode ein späterer

Florentiner _Filippino Lippi_ das Werk beschlossen. _Masaccios_

Bilder, ausgezeichnet durch die klare und würdige Lebendigkeit der

Composition, die treffliche Rundung der Körper, die Durchbildung des

Nackten, die feinere Berechnung der Lichtwirkungen haben für das 15.

Jahrhundert die gleiche Bedeutung, wie zwei berühmte Cartone _Vincis_

und _Michelangelos_ für das 16. Sie dienten den Zeitgenossen als

unerschöpfliches Studium, und vererbten _Masaccios_ Weise nicht nur auf

einzelne Nachfolger, sondern auf die gesammte Schule.

Die Verdienste und Eigenthümlichkeiten der Letzteren lernt man nicht

an den Tafelbildern, die sie nur nebenbei fertigten, sondern an den

Freskogemälden erkennen. An diesen gewahrt man den immer weiter

vordringenden Realismus, das energische Streben nach lebensvoller

Auffassung und sinnlich wahren Formen, so schon an den Werken eines

jüngeren Zeitgenossen _Masaccios_, des abenteuernden _Fra Filippo

Lippi_ ([+] 1469) in Prato (Leben des h. Stephans und Johannes des

Täufers) und Spoleto (Scenen aus dem Leben Maria's). Ungleich in

der Ausführung, oft nur flüchtig und sorglos bemüht, die Räume mit

Gestalten auszufüllen, hält _Lippi_ daran fest, die unmittelbare

Naturwahrheit der einzelnen Gestalten durch eine lebhaft bewegte

Handlung und affektreiche Schilderungen zu unterstützen. Dieses

Streben theilt sich seinen Schülern _Francesco di Pesello_ und

_Sandro Filippi_, genannt _Botticelli_, 1437-1515 (Hauptwerk in der

Sixtina: Leben Moses in zwei Bildern, jenes, welches Moses Geschichte

von der Tödtung des Aegypters bis zum Auszuge schildert, ungemein

grossartig in der Bewegung und im Ausdrucke, und die Versuchung

Christi) mit (Fig. 92), und durch den Letzteren auch seinem Sohne

_Filippino Lippi_ (1460-1505). Dieser oft flüchtig wie sein Vater

und hastig bewegt wie sein Lehrer, beweist in anderen Werken wieder

einen Schönheitssinn von seltener Reinheit (Madonnaköpfe) und eine

schwungvoll dramatische Auffassung (Fresken in del Carmine, S. Maria

novella [Apostelgeschichte] in Florenz und M. sopra Minerva [Leben des

h. Thomas] in Rom).

[Illustration: Fig. 92. A. Botticelli.]

Verschieden von dieser Malergruppe, weniger auf bewegte Handlungen

und affektvolle Bewegungen, als auf die sinnliche Wahrscheinlichkeit

und Richtigkeit in der Charakteristik des Einzelnen zielend, ist der

Styl des mit dem Alter zurückschreitenden _Cosimo Roselli_ ([+] 1506),

dessen bestes Werk die Versetzung eines wunderthätigen Kelches in

S. Ambrogio zu Florenz darstellt (ausserdem Fresken in der Sixtina und

mehrere Tafelbilder). Das Höchste in dieser ruhig gemessenen Auffassung

des Lebens leistet _Domenico Ghirlandajo_ (1449-1495). Er vor Allen

weiss den Darstellungen der heiligen Geschichte eine unmittelbare

gegenwärtige Wahrheit zu verleihen, indem er sie im Kreise seiner

Zeitgenossen, ruhigen, aufmerksamen Zuschauern mit würdigen Köpfen

und edel abgemessener Haltung, sich ereignen und abwickeln lässt, und

erwirbt in stetigem Wetteifer mit sich selbst und den anderen Künstlern

eine immer grössere technische -- seine Fresken sind unübertrefflich

gemalt -- und künstlerische Vollendung. Die naive Unbefangenheit, mit

welcher er Porträtfiguren entfernten historischen Scenen einverleibt,

hat durchaus nichts Störendes, erhöht vielmehr nur den Reiz der

malerischen Behandlung. Hauptwerke: In der Sixtina: Berufung der

Apostel 1480, in Ognissanti zu Florenz: das Abendmahl 1480, Trinita:

Leben des hl. Franciskus 1485, %S. Maria Novella%, Leben der Maria

1490, Dom in Pisa: Engelreihen 1494. _Domenico_'s nächste Nachfolger

sind seine Brüder _David_ und _Benedikt_ und _Francesco Granacci_, sein

grösster Schüler aber _Michel Angelo._

Neben diesen Hauptrichtungen nimmt _Benozzo Gozzoli_ (1424 bis 1485)

eine eigenthümliche Stellung ein. Er theilt mit seinen Zeitgenossen,

besonders mit _Domenico_, das freudige Behagen an Schilderungen der

unmittelbaren Wirklichkeit und ergeht sich in wahrhaft epischer Breite;

auch %seine% Werke sind durch den Reichthum der Motive, die liebevolle

Ausführung, die Fülle lebendiger Episoden überaus anziehend, doch

weiss er die plastischen Formen minder gut handzuhaben, und wirkt mehr

durch die Anmuth, mit welcher er Körperbewegungen darzustellen und

selbst rasch vorübergehende Situationen festzuhalten weiss, und durch

jene zarte Physiognomik, welche _Fra Angelico_, sein Lehrer, zuerst in

das Leben gerufen hatte. An dem reichen Bilderschmucke in der Kapelle

des Palastes Riccardi (Verkündigung der Hirten und Zug der Könige) und

an den 24 Wandbildern aus dem alten Testamente, welche er im Laufe von

16 Jahren (1469-1485) an der Nordwand des Pisaner Campo santo fertigte,

lernt man die liebenswürdigen Eigenschaften des launigen Meisters am

besten erkennen.

Wir sehen auf solche Weise am Schlusse des Jahrhunderts unter überaus

günstigen äusseren Verhältnissen eine allseitige Regsamkeit in Florenz

verbreitet, und die nahe Vollendung der künstlerischen Entwicklung

verkündigt. Nicht vergessen darf die bereits früher erwähnte streng

plastische Richtung einzelner Maler bleiben, welche in _Pier di Cosimo_

(1441-1521) und in dem Vorgänger _Michelangelos_, _Luca Signorelli_

aus Cortona (1440-1521), einem Schüler des _Pier della Francesca_,

aus ihrer Einseitigkeit gerissen und mit den Resultaten der sonstigen

Bestrebungen harmonisch vereinigt wird. _Lucas_ Hauptwerk im Dome zu

Orvieto: die Geschichte des Antichrist, die Auferstehung der Todten,

die Hölle und das Paradies ist durch die Gedankenfülle der Composition,

und das vollständige Beherrschen der Form, die Kenntniss des Nackten

und die Reinheit der Gewandmotive den edelsten Erzeugnissen der

italienischen Malerei ebenbürtig.

§. 101.

Die Vollendung, welcher die italienische Malerei am Ende des 15.

Jahrhunderts raschen Schrittes entgegeneilt, konnte nur durch das

Zusammenfassen der bis dahin vereinzelten Vorzüge im Schoosse einer

schöpferischen Phantasie und durch den Rückgang zum Idealismus bewirkt

werden, welcher das Zufällige und nur Lokalgültige in der Auffassung

und Darstellung aufhebt, sich in den Gegenstand vertieft, ihn in seinem

ewigen Wesen und in allgemein gültigen Formen wiedergibt. Die Männer,

welche diesen Prozess vollführen, gehen zwar aus Lokalschulen hervor,

gehören aber in ihrer Wirksamkeit denselben nicht mehr an und haben

auch keine Lokalschulen zur Nachfolge. Ihr Einfluss erstreckt sich auf

die gesammte italienische Kunst und bald noch darüber hinaus. Die

Reihe derselben beginnt mit dem allumfassendsten Talente Italiens, mit

_Leonardo da Vinci_ (1452-1519). Gleich _Lorenzo di Credi_ ([+] 1536),

auf dessen Fortbildung der geniale Mitschüler den grössten Einfluss

übte, in der Werkstätte _Verrocchio's_ erzogen, überbot er nach

kurzer Zeit den Meister, wie man aus der Taufe Christi des letzteren

(Florentiner Akademie) ersieht, in welchem Bilde ein Engel von

_Leonardos_ Hand stammt. Sein grenzenloser Thätigkeitstrieb, welcher

jede Wissenschaft und Kunstfertigkeit sich anzueignen bemüht war,

hinderte die Anfertigung zahlreicher Malerwerke, welche überdies noch

hart vom Schicksale mitgenommen wurden. Von seinen Jugendwerken hat

sich nichts Sicheres erhalten, es sei denn, dass man die vortrefflich

gemalte Medusa (Uffizigalerie) und die Madonna mit dem Blumenglase

in der Sammlung Borghese für Originale ansieht. Um das Jahr 1480

veränderte _Leonardo_ seinen florentinischen Aufenthalt mit Mailand, wo

_Lodovico Sforza_ einen reichen Kreis von Künstlern und Gelehrten um

sich sammelte. Der Ruf nach Mailand galt nicht so sehr dem Maler als

dem Musiker, oder vielmehr dem praktischen Encyclopädisten, welcher

in einer kurzen Denkschrift an den Herzog freimüthig und bescheiden

seine universelle Befähigung entwickeln durfte, ohne Gefahr, Lügen

gestraft zu werden. _Leonardo_ rühmt sich daselbst als Kriegs- und

Civilbaumeister, als Ingenieur und Artillerist, als Bildhauer und

Maler. Wir müssen als Ergänzung noch seine grossen Verdienste um

die Naturforschung, Geometrie, Anatomie anfügen. Wenn man aber aus

dieser weitausgreifenden Wirksamkeit den Schluss zieht, _Vinci_

habe an der Malerei eben auch nur das wissenschaftliche Interesse

eines Experimentators gehabt, so unterschätzt man seinen Geist. Die

grossen Verdienste, besonders um die Verbesserung der Oeltechnik

zum Schaden für die Dauer der eigenen Werke, seine epochemachenden

Beobachtungen über die Luftperspektive, das Colorit (er hat zuerst

die selbständige Poesie der Farbe aufgewiesen und das Vorherrschen

der Zeichnung über die Farbe beseitigt) zugegeben, bleibt doch noch

seine kunstgeschichtliche Bedeutung nicht vollständig begriffen. Sie

liegt in dem selbstthätigen Schöpferakte, mit welchem er die ganze

bisherige Kunstentwicklung organisch verband. Man betrachte sein

Hauptwerk, das Abendmahl im Refectorium des Klosters delle grazie zu

Mailand, welches nur als traurige Ruine auf unsere Tage gekommen ist,

nachdem die geringe Vorsicht des Meisters (es ist in Oel auf einer

feuchten Wand gemalt), die Wuth der Elemente und die Barbarei der

späteren Geschlechter an seinem Verderben gearbeitet. Die Handlung ist

aller naturalistischen Hüllen entkleidet, in ihrer ewigen Wahrheit

erfasst und mit ergreifendem dramatischen Leben geschildert. Die

Gruppen bauen sich frei und dennoch in wohlgefügtem Rhythmus auf; die

einzelnen Gestalten sind ebenso sehr vom bloss allgemeinen Typus, wie

von der zufälligen Porträtwahrheit entfernt, vielmehr als historische

Charaktere gefasst.

Andere Malerwerke aus der Mailänder Periode sind das Porträt des

Herzogs _Lodovico_ und das unter dem Namen la belle ferronière bekannte

Frauenbildniss, jetzt auf den Namen der _Lucretia Crivelli_, einer

Geliebten des Herzogs, geschrieben, im Louvre. Nach dem Sturze _Moros_

1499 kehrte _Vinci_ nach Florenz zurück, doch nicht ohne bereits einen

bleibenden Einfluss auf die weiteren Schicksale der lombardischen

Schule gewonnen zu haben. Der Carton, welchen er in Florenz entwarf,

die hl. Anna neben der Madonna mit dem Kinde und dem kleinen Johannes

ist unversehrt in der Londoner Akademie erhalten; weniger günstig war

das Schicksal einem andern berühmteren Cartone. _Michelangelo_, der

bis dahin nur wenig im Malerfache gearbeitet, und _Vinci_ erhielten

den Auftrag, den Rathhaussaal mit historischen Gemälden zu schmücken.

_Michelangelo_ (1504) entwarf die Schilderung eines Ueberfalles der

Florentiner, die eben im Arno baden, durch die Pisaner; _Vinci_

(1503) wählte den Sieg der Florentiner über _Piccinino_ bei Anghiari

(1440) zum Gegenstande. Wir besitzen ein eigenhändiges Programm des

Meisters über den Inhalt des Bildes, nach welchem dasselbe eine grosse

Verwandtschaft mit der Constantinsschlacht _Raphaels_ aufwies; erhalten

hat sich jedoch nichts als eine Reitergruppe, um die Fahne kämpfend,

und auch diese nur in dem fremdartigen Gewande von Nachbildungen. Das

gleiche Schicksal, um so auffallender, als beide Werke das Hauptstudium

der Florentiner Künstler bildeten, fand übrigens auch _Michelangelos_

Werk, welches spurlos verschwunden wäre, wenn nicht schon frühzeitig

Kupferstecher einzelne Gruppen gestochen und _Bastiano Aristotile_

das Ganze skizzirt hätte. Die Zeit vom Jahre 1502-1516 wurde durch

mehrfache Reisen nach Mailand, Rom ausgefüllt, und praktischen

Beschäftigungen und wissenschaftlichen Studien, welche den Meister nur

selten zum Pinsel greifen liessen, gewidmet. Der Ruf an den Hof _Franz

I._ nach Frankreich 1516 kam der Kunst wenig zu Gute, da _Leonardo_

bereits 1519 zu S. Cloud starb.

Die Zahl kleinerer Bilder, die auf _Vincis_ Namen in den verschiedenen

europäischen Galerien geschrieben werden, ist keineswegs gering, doch

gehört die Ausführung bei den meisten seinen Schülern an. Unbestrittene

Originale sind das leider verblasste Bild der _Mona Lisa_ und Johannes

des Täufers im Louvre, die Madonna unter dem Felsen in Charlton (das

bekanntere Bild im Louvre ist nur eine Kopie), eine Madonna in Wien

(_Esterhazy_), eine hl. Familie bei Woodburn in London, eine Madonna

in Fresko in S. Onofrio in Rom u. a. Dagegen gehören die vielgerühmte

Flora (_la Colombine_) in Petersburg, die Leda (_Caritas_) im Haage,

die zwei Halbfiguren (_Modestia_ und _Vanitas_) in der Galerie

Sciarra zu Rom, die Vierge aux balances (von _Ces. da Sesto_) und

Christus mit den Schriftgelehrten (Londoner Galerie) nicht _Vinci_,

sondern grösstentheils seinem Schüler _Bernardo Luini_ an. Dieser

Meister, der den besten Theil seiner Werke und mit ihnen auch seinen

Ruhm an _Leonardo_ abgeben musste, hat mit seltener Innigkeit die

Eigenthümlichkeiten des Lehrers erfasst und in anmuthiger Weise, durch

einen glänzenden Farbensinn unterstützt, wenn auch die charaktervolle

Zeichnung abschwächend, weiter gebildet. Seine Hauptwerke sind die

Fresken in Lugano 1529 (Kreuzigung) und in Saronno 1530 (Leben der

Madonna); auch Mailänder Kirchen und die Brera bewahren zahlreiche

Arbeiten _Luini's_, sowohl in Oel, wie in Fresko ausgeführt, und

die letzteren besonders durch die Farbengluth ausgezeichnet. Es ist

bezeichnend, dass die Technik _Leonardos_ auf die Lombarden eine so

unwiderstehliche Wirkung übte, dass darüber die Eigenthümlichkeit

der einzelnen Künstler fast gänzlich in den Hintergrund tritt, so

bei _Marco d'Oggiono_ ([+] 1530), _Andrea Salaino_, _Beltraffio_

(1467-1516), _Fr. Melzi_ (g. 1491), _Cesare da Sesto_ u. A. Nur der

überaus fruchtbare _Gaudenzio Ferrari_ (1484-1549) eignet sich eine

gewisse Selbständigkeit an, welche durch seine umbrischen und römischen

Studien begründet ist. Das blühende Colorit, auch in der Freskomalerei,

charakterisirt ihn, wie alle Lombarden; daran knüpft sich aber eine

grössere Erfindungskraft und freiere Composition, als sonst bei seinen

Landsleuten angetroffen wird.

§. 102.

Nicht minder fruchtbringend und folgenreich als der Mailänder

Aufenthalt war _Vincis_ Wirksamkeit in Florenz. Ihm und der

gleichzeitigen Thätigkeit _Michelangelos_ verdanken zahlreiche

Florentiner die idealere Formengebung, die weichere Modellirung und

reizendere Färbung. Unter diesen letzten Ausläufern der Florentiner

Lokalschule ist zuerst der Dominikaner _Fra Bartolommeo della

Porta_ (1469-1517) zu nennen, in der Geschichte der Technik wegen

der Einführung des Gliedermannes und Ausbildung der Malerei mit

durchsichtigen Farben (Lasuren) berühmt. Leider ist sein grosses

Freskobild, das jüngste Gericht in S. Maria Novella, fast gänzlich zu

Grunde gegangen; dagegen haben sich zahlreiche Tafelbilder erhalten,

welche bei einfacher Composition durch das Würdige der Bewegungen,

den einfachen Fluss der Gewandmotive, den Schmelz des Colorites eine

grosse Anziehungskraft üben. Zu seinen berühmtesten Werken gehört der

hl. Markus in der Galerie Pitti, Madonna in der Galerie der Akademie

zu Florenz, Anderes in Lucca, Paris, Besançon, Wien. In seiner Weise

malten noch _Mariotto Albertinelli_ und _Fra Paolo da Pistoja_.

Noch sichtlicher den Coloristenschulen sich zuneigend, dabei aber

auch von _Michelangelo_ berührt, erscheint ein jüngerer Florentiner

_Andrea Vanucchi del Sarto_ (1488-1530). Unter seinen Freskowerken

haben die Bilder aus dem Leben des hl. Philipp in der Annunziata und

besonders die Madonna del Sacco, nach dem Sacke benannt, auf welchen

der hl. Joseph lehnt, den grössten Ruhm. Seine Staffeleibilder, meist

Madonnen und heilige Familien (Uffizigalerie des Marquis _Hertford_,

und die Disputa-Heilige in ruhiger Unterhaltung begriffen -- in der

Galerie Pitti), sind durch frische Färbung bemerkenswerther als durch

die Durchbildung der Köpfe. _Andrea_ arbeitete gleich wie _Rosso

Rossi_ (1496 bis 1551) längere Zeit in Frankreich, wohin _Franz I._

zahlreiche italienische Künstler berief. Schüler _del Sartos_ sind

_M. Franciabigio_, _Jacopo da Pontormo_ und die Brüder _Puligo_. Noch

bleiben zwei Florentiner zu erwähnen, in welchen sich die Lokalkunst zu

einer eigenthümlichen Blüthe emporhob: _Raffaellino del Garbo_ (1476

bis 1524) in seinen älteren Werken, ehe er sich an _Michelangelo_

und _Raphael_ anschloss, und _Ridolfo Ghirlandajo_ ([+] 1560), des

_Dominico_ Sohn. Seine Darstellungen aus dem Leben des hl. Zenobius

(Uffizi) athmen eine Lebensfrische, eine Kraft der Charakteristik, wie

sie nur von den ersten Meistern der Zeit erreicht wurde.

§. 103.

Die Spitze der Entwicklung hat die italienische Malerei in keinem der

genannten Meister erreicht, bald fehlte es an den günstigen äusseren

Bedingungen, bald an der Tiefe und Vielseitigkeit der Phantasie. Sie

bildet erst _Raphael Santi_ (1483-1520), welcher eben immer machte, was

Andere zu machen wünschten. Ohne _Vincis_ und _Michelangelos_ Vorgang,

ohne die Einwirkung _Fra Bartolommeos_ und anderer Florentiner ist

_Raphaels_ Grösse unbegreiflich. Er steht aber nicht allein auf den

Schultern dieser Männer, er schliesst auch die Gegensätze, in welchen

sich die italienische Kunst bis dahin hauptsächlich bewegte, zusammen.

Als Anhänger der umbrischen Schule tritt er in Florenz auf, bemächtigt

sich mit energischer Kraft der Eigenthümlichkeiten dieser Schule und

macht auf diese Art als persönliche Entwicklungsstufen durch, was bis

auf seine Zeit die verschiedenen Richtungen trennte.

Die kunstgeschichtliche Stellung der umbrischen Schule wurde bereits

oben angedeutet. Zwar nicht der älteste, aber doch der erste bedeutende

Vertreter derselben ist _Niccolo Alunno_ aus Fuligno (u. 1460 thätig).

Die Richtung, die _Niccolo_ und seine Nachfolger einschlugen, ist für

die Entwicklung einer grösseren Gedankenfülle und eines ausgedehnten

Formenreichthums nicht günstig; der schwärmerisch-sehnsüchtige Zug, der

Ausdruck begeisterter Hingebung und überirdischen Seelenfriedens kann

nur bei einem eingeschränkten Ideenkreise ungestört sich äussern. Damit

hängt auch das besondere Gelingen der Frauengestalten in der umbrischen

Schule, die Ausbildung der Madonnenmalerei und das häufige Verflachen

der Künstler nach dem Ausleben der jugendlichen Innigkeit zusammen. Von

_Niccolo_ haben sich vorzugsweise Staffeleibilder erhalten, darunter

die Verkündigung in S. Maria nuova zu Perugia, Anbetung des Kindes

(1483) in Nocera u. a. Den von _Niccolo_ gegebenen Anregungen folgten:

_Bernardino di Betto_, genannt _Pinturicchio_ (1454-1513), welcher

in seiner besseren, früheren Zeit die Empfindungstiefe der Umbrier

mit reicherer Charakteristik und Formenkenntniss glücklich verbindet

(Hauptwerke: Fresken in Araceli [Leben des hl. Bernardin], S. Croce

[Kreuzerfindung] und im Vatikan in Rom, Libreria zu Siena [Leben des

Aeneas Sylvius], Dom zu Spello und Tafelbilder: Madonna mit Heiligen

in der Akademie zu Perugia), _Andrea di Luigi_, genannt _l'Ingegno_

(Madonna auf dem Kapitol, anderes in Assisi) und der Lehrer _Raphaels_:

_Pietro Vannucci Perugino_ (1446-1524), dessen voller Werth gleichfalls

nur aus seinen älteren Werken erkannt wird. Durch das Studium

florentinischer Meister (_Verocchio_) suchte er die Schranken der ihm

früher angelernten Richtung zu durchbrechen. Dass er es mit nicht

geringem Erfolge that, beweisen seine Fresken in der Sixtina (1480).

Doch kehrte er nach seiner Ansässigkeit in Perugia wieder zur älteren,

nur freier behandelten Kunstweise zurück. Seine Werke sind einförmig,

ohne besondere dramatische Lebendigkeit erfasst, aber überaus anziehend

durch die lyrische Innigkeit, den zarten Schmelz seiner jugendlichen

Köpfe und die reiche Wirkung des Colorites. Seine Madonnenbilder (im

Louvre aus der Haager Sammlung, Villa Albani bei Rom, Vatikan, Uffizi,

Fano, Münchner Pinakothek, Wiener Belvedere) werden mit Recht als

Ideale jungfräulicher Zartheit gerühmt; ausserdem sind zu nennen:

die Kreuzabnahme in der Galerie Pitti, Himmelfahrt Christi in Lyon,

Himmelfahrt Mariä und Christi am Oelberge in der Florentiner Akademie,

dann das Wandbild (Christus am Kreuze) in der Kirche de' Pazzi zu

Florenz und die Fresken im C. d. Cambio zu Perugia.

Die Schüler _Peruginos_: _Giovanni lo Spagna_ (Spoleto, Trevi, Assisi),

_Eusebio di Giorgio_, _G. Manni_, _Adone Doni_ u. A. verfielen

theils in das Handwerksmässige, theils opferten sie ihre lokale

Eigenthümlichkeit der durch _Raphael_ geschaffenen Weise, welche

hier wie überall alles neben ihr Bestehende aufzehrte. Der grossen

Stylverwandtschaft wegen muss noch ein Meister von Bologna, der

Goldschmied _Francesco Francia_ (eigentlich _Raibolini_) (1450-1517),

der umbrischen Schule angereiht werden. Welchen Anregungen _Francia_

die Ausbildung seines anmuthig lebendigen Formen- und kräftigen

Farbensinnes, seines reinen Gefühles verdankt, lässt sich geschichtlich

nicht nachweisen; doch spricht die grösste Wahrscheinlichkeit nächst

den Venetianern für Perugino. Ausser in Bologna, dessen Pinakothek

mehrere treffliche Bilder von _Francia_ bewahrt (sowie die Kirche

S. Cecilia theilweise von ihm selbst ausgeführte Fresken, reich an

lieblichen Formen), kommen auch in Dresden (die hl. drei Könige),

München, Köln, in der Londoner Nationalgalerie (Christus von seiner

Mutter und Engeln beweint) u. s. w. Bilder von seiner Hand vor. Auch

nach Siena reicht der umbrische Einfluss (_Pacchiarotto_), ohne aber

besondere kunstgeschichtliche Folgen nach sich zu ziehen.

§. 104.

Im Schoosse der umbrischen Schule erhielt _Raphael_ seine erste

Bildung.[89] Sein Vater _Giovanni_, in Urbino ansässig, selbst

Künstler und Schriftsteller, und als Künstler, wie seine Fresken zu

Cagli (Deleg. Urbino) und die in der ankonatischen Mark häufigen

Tafelbilder zeigen, nicht der Unbedeutendsten einer, leitete _Raphaels_

Unterricht bis in dessen elftes Jahr. Dass er bereits in diesem Alter

dem Vater werkthätige Hülfe geleistet, läuft als Sage um, ohne dass

aber darüber irgend ein sicherer Beleg vorhanden wäre. Nach des Vaters

Tod, und nachdem er eine Zeit lang den Unterricht _Luca Signorellis_

und _Timoteo Vitis_ genossen, kam _Raphael_ 1495 in die Werkstätte

des _Perugino_. In mehreren Arbeiten _Peruginos_ wird die Theilnahme

des Schülers vermuthet (der junge _Tobias_ in Mailand bei _Duca

Melzi_, Anbetung des Christkindes im Vatikan, Auferstehung ebendort,

irrthümlich auch an den Fresken im Wechselgericht zu Perugia);

selbständige Werke, in der Anlage _Peruginos_ Styl überragend, in

der Ausführung noch schülerhaft befangen, kommen erst seit dem Jahre

1500 vor: Kirchenfahne (Dreieinigkeit mit Heiligen) in Città di

Castello, Kruzifix mit Heiligen (früher in der Galerie Fesch), die

Madonna mit dem Stieglitz in Berlin, Madonna der Gräfin Alfani und

im Hause Connestabile zu Perugia, die Krönung der Maria (1503), und

am Schlusse dieser ersten peruginischen Periode die Vermählung der

Maria (_lo Sposalizio_ 1504) in der Brera, anderer kleinerer Bilder

und der Entwürfe zu den Bildern in der Libreria zu Siena nicht zu

erwähnen. _Raphael_ folgte dem Beispiele seines Lehrers, als er zu

Ende des Jahres 1504, dem Gonfaloniere _P. Soderini_ als talentvoller

Maler warm empfohlen, Perugia mit Florenz vertauschte, wo bereits _L.

da Vinci_ und _Michelangelo_ der neuen Kunstrichtung Bahn gebrochen

hatten. Sein Aufenthalt währte nur wenige Monate, während welcher Zeit

die M. del Granduca in Florenz und einige Porträte entstanden sind.

In dieselbe Zeit versetzt eine übrigens bestrittene Unterschrift das

1845 entdeckte Freskobild: das Abendmahl in dem ehemaligen Kloster

S. Onofrio (Via Faenza). Das Auge jedes Beschauers entscheidet sich

unbedingt für _Raphaels_ Urheberschaft; nicht allein, dass die Mischung

peruginischer und florentinischer Kunstbildung vollkommen deutlich

ist, so besitzen einzelne Köpfe (_Thomas_, _Jakob d. J._) das Gepräge

der specifisch raphaelischen Formen, daher denn auch namentlich in der

Künstlerwelt jeder Zweifel an dem raphaelischen Ursprunge verbannt

ist. Auf der anderen Seite lassen sich gewichtige historische Bedenken

nicht wegläugnen. Gegen den gewöhnlichen Fortgang in Künstlerstudien

erscheint die Technik viel weiter vorgerückt, als die Composition,

welche sich noch streng an die ältere Auffassung des Gegenstandes

hält, und auch chronologisch ist das Werk, nachdem die Kürze des

ersten florentinischen Aufenthaltes feststeht, schwer einzureihen.

Im Jahre 1505 brachten mehrere Bestellungen _Raphael_ nach Perugia

zurück, wo er eine Madonna mit Heiligen (Neapel), eine Altartafel

ähnlichen Inhaltes (Blenheim bei Oxford) und in Fresko: Christus in

der Glorie mit Heiligen (S. Severo) malte. Schon im Herbste desselben

Jahres kehrte er nach Florenz zurück und verweilte hier mit Ausnahme

kürzerer Reisen nach Bologna, Urbino, Perugia, bis ihn der Ruf des

Papstes _Julius II._ im Jahre 1508 nach Rom führte. Seine Thätigkeit

während dieses zweiten Florentiner Aufenthaltes beschränkt sich auf die

Fertigung von Staffeleibildern, unter welchen ausser der pathetischen

Grablegung in der Galerie Borghese zu Rom (1507), den drei Grazien (in

England, wo?) und mehreren Porträten (Selbstporträt in Florenz) die

Madonnenbilder den grössten Ruhm geniessen: die Jungfrau im Grünen

(Wiener Belvedere), die Madonna mit dem Stieglitz (Tribüne in Florenz),

_la belle jardinière_ (1507) im Louvre, Madonna aus dem Hause Tempi in

München, aus dem Hause Colonna in Berlin, die hl. Familie aus dem Hause

Canigiani, bemerkenswerth wegen der festgeschlossenen Composition, in

München, Madonna del baldacchino mit Heiligen und Engeln im Palaste

Pitti zu Florenz, und die Himmelfahrt Mariä in England, beide Bilder

von anderer Hand vollendet.

Erst in Rom, mit der Schöpfung monumentaler Werke betraut, fand

_Raphael_ den rechten Boden für die freie Entwicklung seines

Geistes. Er begann mit der Ausmalung der päpstlichen Prunkgemächer

im vatikanischen Palaste, den sogen. Stanzen, ohne jedoch das Ende

dieses ausgedehnten Werkes zu erleben. Die Macht des Papstthumes und

die göttliche Herrlichkeit der Kirche zu schildern, dazu trieb die

Bestimmung der Säle. Diese Macht und Herrlichkeit offenbart sich für

die Italiener des 16. Jahrhunderts nicht allein in geschichtlichen

Wunderthaten, im Siege über äussere Feinde, in der Anerkennung durch

die weltlichen Herrscher; für _Raphaels_ Zeitalter knüpft sich

nothwendig daran die Wiedererweckung der Wissenschaften und die Blüthe

der Künste. So wird die Verherrlichung des kirchlichen Wesens in der

Phantasie des Künstlers gleichzeitig zur Apotheose der Zeitbildung und

ihrer doppelten Wurzeln im christlichen Bewusstsein und in der antiken

Tradition. Die Auffassungsweise war nach der Richtung der Zeit und

nach dem Vorgange der Dichter die allegorisch-historische, zu welcher

ohnedies die Gegenstände der Darstellung selbst drängten. Was die

besondere Anordnung anbelangt, so enthalten die Wände die Hauptbilder,

und unter denselben grau in grau gemalte Sockelbilder, auf den Inhalt

der Hauptbilder bezügliche Nebenscenen; an der Decke wird jener zumeist

in symbolischen Darstellungen weiter geführt. Im Folgenden werden nur

die Hauptbilder angegeben.

1. _Stanza della Segnatura_ (1508-1511): Allegorische Darstellung

der Grundlagen, auf welchen das geistige Leben des Jahrhunderts: die

religiöse und weltliche Wissenschaft, das Recht und die Poesie beruhen.

In der %Disputa%, dem zuerst ausgeführten Bilde, ist die Basis des

religiösen Wissens, das Sakrament, verherrlicht, wie es offen angebetet

wird im Himmel von den Männern des alten und neuen Testamentes, und im

Geheimniss auf Erden geschaut von den Kirchenlehrern und Theologen; der

%Parnass% feiert die Einheit der älteren und neueren Poesie, gibt den

Musenführer im Bilde des Improvisators _Giacomo Sansecondo_, und reiht

den Sängern des Alterthums die italienischen Dichter an; in der %Schule

von Athen% sehen wir die Vorbilder der neueren Bildung, die Denker der

Antike in lebendiger Situation und meisterhaftem Style geschildert;

als Fundament der %Jurisprudenz% wird in einem Doppelbilde, welche

Anordnung durch das Wandfenster bedingt ist, die Uebergabe der

Dekretalen und des justinianischen Codex dargestellt.

2. _Stanza d'Eliodoro_ (1512-1515): Rettung der Kirche vor äusseren

und inneren Feinden, mit Anspielungen auf Zeitereignisse, welcher

Umstand auch das Auftreten von Zeitgenossen in Scenen der Vergangenheit

erklärt: Vertreibung Heliodors aus dem Tempel von Jerusalem, die

wunderbare Messe von Bolsena, die Befreiung Petri aus dem Kerker des

Herodes (mit künstlichem Lichteffekte) und die Befreiung Roms von

Attila.

3. _Stanza dell'Incendio_ (1515): Darstellungen aus dem Leben der

Namensverwandten des regierenden Papstes: _Leo III._ und _IV._ mit

ähnlicher apologetischer Tendenz, wie die Bilder des zweiten Saales:

die %Löschung des Brandes% in Borgo durch den päpstlichen Segen, der

Sieg bei Ostia über die Sarazenen, der Reinigungseid _Leos III._ und

die Krönung _Karls_ d. Gr. durch den Papst.

4. Die _Sala di Constantino_ (theilweise nach _Raphaels_ Zeichnungen

von seinen Schülern 1520 ausgeführt) schildert die wunderbare Gründung

der Kirche: die Erscheinung des Kreuzes, %die Constantinsschlacht%

(Meistercomposition der allegorisch-historischen Kunst), die Taufe

_Constantins_ und die Schenkung Roms an den Papst.

Die Erhaltung dieses grössten Werkes der neueren Kunst lässt leider

viel zu wünschen übrig, namentlich in den älteren, grösstentheils von

_Raphael_ selbst ausgeführten Sälen.

Während _Raphael_ noch an den Stanzen arbeitete, erhielt er von

Papst _Leo X._ den Auftrag zu zwei anderen ausgedehnten Malerwerken.

Um den älteren Theil des Vatikans ziehen sich offene Hallen in

drei Stockwerken, von welchen die mittleren ihren dekorativen und

figürlichen Schmuck _Raphael_ verdanken. Die dreizehn Kuppelgewölbe

dieser Loggien enthalten (je 4) Darstellungen aus dem alten und

(in der letzten Kuppel) neuen Testamente in kleinen Bildern, die

sogen. %Bibel Raphaels%, nach den Entwürfen des Meisters von seinen

Schülern ausgeführt, die Pfeiler und Wände aber sind mit geistreichen

dekorativen, im Sinne der Antike behandelten Motiven, Blumen-,

Fruchtgewinden, Arabesken von der Hand des in diesem Kunstfache

vollendeten _Giov. da Udine_ bedeckt. Die Wichtigkeit, welche dieser

Dekorationsstyl in den späteren Zeitaltern erreichte, konnte leider

das Verderben der Originale nicht hindern. Das zweite Werk, welches

_Raphael_ im Auftrage des Papstes (1513-14) fertigte, sind die Kartone

zu den für die sixtinische Kapelle bestimmten 10 Tapeten. Sie wurden in

Arras gewirkt und sind noch, obgleich vielfach verletzt und verblichen,

erhalten; von den Originalkartons (in Hamptoncourt) gingen drei spurlos

verloren. Ihr Inhalt ist aus dem Leben der Apostelfürsten geschöpft,

und in grossartigen dramatischen Zügen, mit feiner Berechnung der

Wirkungskraft des Materials, in welchem die Zeichnungen ausgeführt

wurden, dargestellt: Petri Fischzug, Uebergabe der Schlüssel, Heilung

des Lahmen, %Tod des Ananias%, %Bestrafung des Elymas%, Paulus und

Barnabas von den Einwohnern von Lystra göttlich verehrt, und %Pauli

Predigt in Athen%.

Zwischen den früher und später ausgeführten Bildern _Raphaels_ bemerkt

man mannigfache Unterschiede, zunächst jenen, dass die ersteren meist

von _Raphaels_ eigener Hand ausgeführt sind, während bei letzteren der

technische Theil der Arbeit gewöhnlich den Schülern überlassen bleibt;

im Laufe der Zeit steigert sich auch die Compositionskraft und die

Ideenfülle; der Kreis des Einfachschönen, der anmuthigen Innigkeit,

in welchem sich die Jugendwerke _Raphaels_ bewegen, wird siegreich

überschritten; die dem Meister eigenthümliche Grazie verbindet sich

mit epischem Reichthum und dramatischem Leben; inhaltsvolle Gedanken

durchziehen die Gruppen und einzelnen Gestalten, und geben selbst

ausgedehnten Bilderkreisen eine innere Einheit. Auf diese Umwandlung

der _Raphael_'schen Kunst, welche eine Vergleichung früherer und

späterer Werke, z. B. des Sposalizio mit der sixtinischen Madonna und

der Transfiguration, die Fresken von S. Severo und selbst der ersten

römischen Werke mit den Tapeten und der Constantinsschlacht, mit der

wünschenswerthesten Deutlichkeit darlegt, hatte _Michelangelo_ einen

mitbestimmenden Einfluss. _Michelangelo_ war zwar zur Ausführung

plastischer Werke nach Rom berufen, aber bald zur Vertauschung

des Meissels mit dem Pinsel gezwungen worden. Er erhielt gegen

seinen Wunsch 1508, wie man sagt, auf das hinterlistige Betreiben

_Bramantes_, den Auftrag, die Decke der sixtinischen Kapelle zu malen.

Trotz seines Widerwillens musste gerade dieses in wenigen Jahren

vollendete Werk den Ruhm des Meisters vorzugsweise begründen. Die

Gemälde der architektonischen Grundlage anzupassen, lag damals schon

ausser dem Geiste der Zeit. _Michelangelo_ malte ein selbständiges

architektonisches Gerüste, getragen und gestützt von dekorativen

Figuren, und ordnete diesem Scheinbaue die Gemälde, deren allgemeinen

Inhalt die Vorgeschichte der Erlösung bildet, ein. Die flache Mitte der

Spiegelwölbung enthält die Geschichten der Genesis, eine Bilderreihe,

nicht minder gross durch den erhabenen Schauer, der ihn durchweht,

als durch die in ihm geoffenbarte Schöpferkraft des Künstlers.

_Michelangelo_ stellte hier für ewige Zeiten den Typus Gott Vaters

fest, wie in den Propheten und Sibyllen am Gewölberande die allgemein

giltigen Charaktere für diesen Gestaltenkreis. Nicht minder reich, die

ganze Skala des Ausdruckes von erhabener Verzückung und plastischer

Kraft bis zur innigzarten Ruhe umfassend, sind die Vorfahren Mariä

und die Retter Israels: Judith, David, Moses, Ahasverus, welche die

Stichkappen und Gewölbeecken zieren.

Es konnte nicht fehlen, dass dieses grossartige Werk schon durch seinen

Gegensatz zur Geistesrichtung _Raphaels_ auf den letzteren einen

tiefen Eindruck übte. Wo _Raphael_ sich in unmittelbarer Nachbildung

versuchte, wie in dem Propheten Jesaias (S. Agostino), blieb er hinter

dem Gegner zurück, wo er aber die Auffassungsweise des letzteren frei

verarbeitete und mit seinem reinen Schönheitssinn verwebte, wie in den

vier Sibyllen (S. Maria del pace) und in dem kleinen Oelbilde: Vision

des Ezechiel (G. Pitti), in den Kuppelbildern der Kap. Chigi (S.M. de

popolo), erreicht er die gleiche Vollendung. Seinen heiteren, reinen

Schönheitssinn bewahrte _Raphael_ unter allen Umständen; er allein

machte ihn fähig, mit Freiheit den Geist der Antike zu erfassen und

ihrem Kreise die reizendsten Motive zu entlehnen. Den Beweis dafür

liefern seine Fresken in der Farnesina, die Meeresfahrt der Galathea

und die Geschichte der Psyche (1518), sowie in Bibienas Badezimmer im

Vatikan: launige Schilderungen aus dem Leben Amors und Venus; beide

zuletzt genannten Werke grösstentheils von seinen Schülern ausgeführt.

Die Bewunderung für _Raphael_ steigt noch bei der Betrachtung seiner

Produktivität. Die Zahl seiner Werke, welche die gesammte Stoffwelt

ausbeuten und keine auch noch so geheime Falte der Phantasie bei

_Raphael_ unvertreten zeigen, geht weit über ein halbes Tausend

(287 Bilder, 576 Zeichnungen und Entwürfe, also bei einer 20jährigen

Thätigkeit 43 Werke in jedem Jahre) hinaus. Wir zählen darunter:

14 Madonnen mit Heiligen, 35 hl. Familien mit 4 und mehr, 30 mit 3

Figuren, 37 einfache Madonnenbilder, 14 Darstellungen aus dem Leben

der Maria, 24 aus dem Leben anderer Heiligen, 80 Männer- und 15

Frauenbildnisse. Wir können nur die hervorragendsten Staffeleiwerke,

nach Möglichkeit chronologisch geordnet, und alle zweifelhaften

ausgeschieden, angeben.

1508-1512: Die Porträte des Papstes Julius II. in mehreren Exemplaren

(Gal. Pitti), des Bindo Altoviti (München), die fälschlich sogen.

Fornarina in der Tribuna, mit venetianischer Glut gemalt, die ächte

Fornarina im Pal. Barberini in Rom. Die Madonna aus dem Hause Alba

(Petersburg), Madonna aus dem Hause Aldobrandini (Privatbes. in

London), die Madonna mit dem Diadem, vom schlafenden Kinde den Schleier

hebend (Louvre), M. di Fuligno (1511) im Vatikan, M. dell' impanata

(Pitti), Mad. in der Sammlung _Rogers_ in London.

1512-1515: Die Madonna mit dem Fische in Madrid, die hl. %Cäcilia% in

Bologna, von vollendeter Farbenharmonie, la vierge aux candelabres in

England.

1515-1520. Porträte: Gf. Castiglione (1515) im Louvre, Johanna von

Arragonien (in vielen Exemplaren), Papst Leo X. mit zwei Cardinälen

(1518) in der Gal. Pitti, der %Violinspieler% (1518) im Pal. Sciarra

zu Rom, Card. Bibbiena und F. Inghirami in der Gal. Pitti u. A. Die

%M. della Sedia% 1516, Rundbild im Pal. Pitti, M. della tenda, mit dem

Vorhange (München und Turin), die hl. Familie (%Perle%) in Madrid, die

grosse und kleine hl. Familie im Louvre, der hl. Michael 1517 und die

hl. Margaretha ebendort, die %sixtinische Madonna%, nach _Rumohrs_

Muthmassung ein Fahnenbild (1518), in Dresden; die Kreuztragung

in Madrid, von welcher neuerdings behauptet wird, dass ihr bloss

eine flüchtige Skizze _Raphaels_ zu Grunde liege, und _Raphaels_

Schwanengesang, die erst nach seinem Tode vollendete %Verklärung% im

Vatikan. Dem Entwickelungsgange _Raphaels_ vollkommen entsprechend,

fallen die reichen componirten Staffeleibilder und die das lyrische

Maass überschreitenden Madonnen vorzugsweise in sein späteres Alter. In

der Transfiguration droht der dem Bilde eingehauchte Gedankengehalt,

die tiefsinnige Symbolik, beinahe den Rahmen zu sprengen. Ob _Raphael_,

wäre er nicht vom Schicksale mitten in seiner Jugendblüthe der Erde

entrissen worden, die Gefahr einer berechnenden, mehr an den Verstand

und die äusseren Sinne, als an die Phantasie gerichteten Reflexion

von sich fern gehalten hätte, wer kann dies entscheiden? Seine Schule

entspricht nicht der vollendeten Grösse des Meisters, und zeigt bereits

die italienische Kunst von ihrem Gipfel herabgleitend. Doch liegt die

Ursache davon auch in der Unmöglichkeit, die graziöse Schönheit des

_Raphael_'schen Styles auf dem Wege des Lernens zu erwerben.

An der Spitze der Schule steht _Giulio_ (Pippi) _Romano_ (1492

bis 1546), dessen Theilnahme an zahlreichen Werken _Raphaels_,

gemeinschaftlich mit _Gian Fr. Penni il fattore_, bereits früher

gedacht wurde, dessen Styl jenem des Lehrers auch am nächsten

kommt, ohne jedoch eine nüchterne Auffassung und Künstlichkeit der

Composition zu vermeiden. Seine bedeutendste Thätigkeit entwickelte

er seit 1524 in Mantua, wo er im älteren Palaste die Jagd der Diana

und den trojanischen Krieg, in dem von ihm erbauten Palaste del Te den

Gigantensturz, reich an theatralischen Effekten, und die Geschichte

der Psyche malte. Hier schon beginnt die Gedankenlosigkeit, der leere

Formalismus sich geltend zu machen, woran nach wenigen Menschenaltern

die gesammte italienische Kunst krankt. Unter seinen wenig zahlreichen

Staffeleibildern verdienen die älteren (Tod des hl. Stephan in

S. Stefano zu Genua) unbedingt den Vorzug. Je höher _Raphaels_ Ruhm

stieg, desto grösser wurde auch die Zahl seiner Schüler und Gehülfen.

Sie kamen von den mannigfachsten Lokalschulen herbeigeströmt, aus

Florenz (_Perino del Vaga_ [+] 1547), Bologna (_Timoteo Viti_

1470-1523, _Bart. Ramenghi_, genannt _Bagnacavallo_ 1484-1542), Ferrara

(_Benvenuto Tisio_, genannt _Garofalo_ 1481-1559), Venedig (_Giov. da

Udine_ [+] 1564), Neapel (_Andrea Sabbatini_ aus Salerno 1480-1545)

und verbreiteten nach der Auflösung der römischen Kunstgenossenschaft

die erworbene Manier in allen Gauen Italiens. So stossen wir ausser

den genannten Schülern auf Raphaelisten in Florenz, Neapel (_Polidoro

da Caravaggio_), Bologna (_Innoc. da Imola_), Ferrara (_Dosso Dossi_),

Mantua (_Fr. Primaticcio_ [+] 1570), Genua u. a.

§. 105.

_Michelangelos_ Namen wurde unter den Begründern der italienischen

Kunstblüthe aufgezählt; er trat uns als Zeitgenosse _Raphaels,_ als

einer der Doppelgipfel des _Cinquecento_ entgegen; auch jetzt bei

der Schilderung des Verfalles der italienischen Kunst muss wieder

mit ihm begonnen werden. Kein Vorwurf haftet an dem grossen Manne,

weil aus seinen Gebilden oft ein herber Geist spricht, oder weil er

in der Oelmalerei nicht das rechte Ausdrucksmittel seiner Fantasie

fand. Abgesehen davon, dass dieser scheinbare Mangel dadurch gehoben

würde, dass er seine Zeichnungen von farbenkundigen Meistern (_Marcello

Venusti_, _Sebastiano da Piombo_) ausführen liess, so ist selbst

_Michelangelos_ geringes Geschick als Oelmaler mehr als zweifelhaft

geworden, nachdem zu dem Rundbilde der hl. Familie in Tempera

(Tribüne) neuerdings das Porträt der Vittoria Colonna (seit 1851 in

Rom) als ein Originalwerk hinzukam. Wohl aber muss ihm als Schuld

angerechnet werden: das Verleiten zur willkürlichen Behandlung der

Ideen, zur unbedingten Ueberordnung der künstlerischen Laune über den

objektiven Inhalt der Darstellung, zum virtuosen Formalismus und zur

Bravourcomposition. Ganz leise klingen schon diese Irrungen in den

späteren Werken _Michelangelos_ an. Er schritt, gleichzeitig in der

paulinischen Kapelle im Vatikan mit der Darstellung der Bekehrung

Pauli und Kreuzigung Petri beschäftigt, im Jahre 1531 an das %jüngste

Gericht%, welches die Altarwand der sixtinischen Kapelle einnimmt, und

vollendete das Werk als 67jähriger Mann. Die gewaltig erschütternde

Wirkung der Composition, die an die Worte des berühmten _Dies iræ_

mahnt, die unübertreffliche Vollendung in der Zeichnung, die siegreiche

Bewältigung aller Formenschwierigkeiten, dies Alles hat dem Riesenbilde

die wohlverdiente Unsterblichkeit gesichert; doch kann nicht verhehlt

werden, dass eine erschöpfende Darstellung der Idee hier nicht erreicht

ist, und _Michelangelos_ Kunst der Gruppirung, in ein äusserliches

Schulgewand gekleidet, zum Verderben führen musste. In der That ist

es die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorherrschende

Schule _Michelangelos_ in Florenz und Rom, welche uns plötzlich in den

tiefsten Kunstverfall führt. Schnellmaler, mit der Hand über die Mauer

oder Tafel fliegend, als »wären sie mit den Türken im Handgemenge«,

nur äusserlichen Effekten nachhaschend, in Wahrheit aber ebenso roh in

der Zeichnung und matt in der Farbe, als gedankenlos, können sie weder

der Einwirkung der grossen Meister, die wie ein Alp auf ihnen lastet,

sich entschlagen, noch das Wesen der letzteren in Wahrheit erfassen.

Sie schaffen nicht, sie machen nur, sie haben keinen Styl, nur Manier,

der abstrakten Kunstregeln und kritischen Meinungen die Fülle, aber an

poetischer Empfindung und malerischem Sinne den grössten Mangel. Die

unmittelbaren Schüler _Michelangelos_, wie _Fra Sebastiano da Piombo_

1485-1547, welcher die Vorzüge der Venetianer Schule (Altarblatt

in S. Crisostomo in Venedig) mitbrachte, und in seinem Hauptwerke

(Auferweckung des Lazarus im Wettstreite mit Raphael, gegenwärtig in

der Londoner Nationalgalerie), die Compositionskraft seines zweiten

Lehrers nur frei benützte, oder %Daniel von Volterra% (Kreuzabnahme in

S. Trinità in Rom), lassen noch wenig von dem Verfalle ahnen, welcher

in der zweiten Generation desto greller auftritt. Diese bilden der

bekannte Kunstschriftsteller _Giorgio Vasari_ aus Arezzo (1512-1574),

_Angiolo Bronzino_, _Santi Titi_ und die römischen Maler _Girol.

Sermoneta_, _Taddeo_ und _Feder_. _Zuccaro_ (Kuppel des Florentiner

Domes), _Cavaliere d'Arpino_, die Bologneser _Pr. Fontona_, _Dion.

Fiammingo_ (_Calvart_ aus Antwerpen), _Luca Longhi_ u. A.

Dort, wo die erdrückenden Einwirkungen der grossen Künstler des

_Cinquecento_ weniger unmittelbar vorherrschen, wie in Siena und

Neapel, tritt auch der Manierismus weniger grell auf. Siena erfreute

sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts einer höheren Blüthe,

als die anderen, sich auslebenden Lokalschulen. Es verdankt dieselbe

dem Lombarden _il Sodoma_ (eigentlich _Gianantonio Razzi_, [+] 1549),

welcher in seinen Werken den Einfluss _Vinci_'s durchblicken lässt, und

an Anmuth und Liebreiz mit den besten Künstlern wetteifert (Hauptwerke:

Hochzeit der Roxane und Alexander im Zelte des Darius in der Farnesina,

und die Fresken in S. Domenico und Bernardino zu Siena). Neben ihm

erscheinen _Domen_. _Beccafumi_ (Mosaikboden im Domchore), _Balth.

Peruzzi_, _Arcangiolo Salimbeni_, _Fr. Vanni_ u. A. thätig. Auch

Neapel, wo seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts eine abgesonderte

realistische Richtung auftaucht und ein unmittelbarer flandrischer

Einfluss sich geltend macht _(Col Antonio da Fiore_, [+] 1444, _Ant.

Solario_, genannt _lo Zingaro_, die Brüder _Donzelli_), widersteht

glücklich den ärgsten Verirrungen des Manierismus.

§. 106.

%Oberitalien% nimmt neben Florenz und Rom eine selbständige Stellung in

Anspruch. Weniger berührt von antiken Traditionen, findet es auch nicht

in der Ausbildung des plastischen Styles das unmittelbare Ziel der

Kunst, sondern entwickelt eine strenger malerische, im Colorite

wirkungsreiche Richtung. Die übrigens rasch verfallende Schule von

%Parma% nimmt von _Antonio Allegri da Correggio_ (1494-1534) ihren

Ausgangspunkt. Auf seinen Bildungsgang nahm sowohl die Schule

_Mantegnas_ und die ältere lombardische (_Fr. Bianchi Ferrari_),

namentlich aber _Leonardo da Vinci_'s Farbengebung Einfluss. Ob er Rom

gesehen, ist eine vielfach bezweifelte, neuerdings jedoch wieder

wahrscheinlich gemachte Thatsache. _Correggios_ Idealismus beruht auf

der erhöhten Stimmung, welche er seinen Gestalten verleiht; sie treten

aus dem Kreise der ruhigen Empfindung und des gemessenen Ausdruckes

heraus, geben sich unbeschränkt einer begeisterten Aufregung, einer

jubelnden Bewegung hin, und athmen eine leidenschaftliche Innigkeit,

welche, wenn sie auch oft der objektiven Wahrheit zu nahe tritt, doch

niemals ohne ergreifenden Eindruck bleibt. Aus dieser Grundrichtung

entwickelt _Coreggio_ eine eigenthümliche Formengebung. Ruhige,

übersichtliche Formen hätten jener schlecht entsprochen; die bewegte

Stimmung theilt sich den Körpern mit, und zeigt dieselben in den

mannigfachsten perspektivischen Verkürzungen, eine Vorliebe, welche

schon bei _Coreggio_ zur gänzlichen Vernachlässigung der

architektonischen Gesetze führte und bei seinen Nachfolgern in eine

widerliche Affektirtheit ausartet. Die wesentlichste Unterstützung

seiner Gefühlsweise fand er aber in der Ausbildung des Helldunkels.

_Coreggio_ pflegte seine Bilder hell zu untermalen und dann in der Farbe

noch höher zu stimmen, wobei er das reine weisse Licht, wie den

farblosen Schatten vermied, Licht und Schatten in feinen Abstufungen

ineinander verschmelzen liess, ihre Gegensätze aufhob, und so den seiner

künstlerischen Stimmung entsprechenden, fast überirdischen Lichtschimmer

erreichte.[90] An den zahlreichen Tafelbildern tritt die

Eigenthümlichkeit seiner Farbengebung besonders deutlich hervor. Noch

nicht völlig ausgebildet erscheint sie in seinen Jugendwerken: Mad. mit

dem hl. Franziskus (1514) in Dresden und vier Heilige in der Galerie

Ashburtons in London. Vollendet entwickelt ist sie in der Vermählung der

hl. Katharina (Louvre), Ruhe in Aegypten oder la Zingarella (Neapel),

Madonna mit dem hl. %Hieronymus% (Parma), und in den herrlichen

Bilderschätzen, welche die Dresdener Galerie von _Coreggios_ Hand

bewahrt: Die Anbetung der Hirten oder hl. Nacht, die thronende Madonna

von Heiligen umgeben, nach den Hauptfiguren des hl. %Sebastian% und

Georg genannt, und die liegende Magdalena. Andere Werke von gleicher

Schönheit bewahren Londoner Galerien: Ecce homo, Christus am Oelberge,

hl. Familie (la v. au panier). Nicht minder wirkungsvoll weiss

_Coreggio_ den Liebreiz und Lustschauer in mythologischen Genrebildern

zu schildern: Erziehung Amors durch Venus und Merkur (Londoner

Nationalgalerie), Ganymed (Wien), Diana (G. Borghese), Antiope (Louvre),

Leda (Wien und Berlin), Jo (Berlin) u. a. Die überwältigende Kraft des

Ausdruckes, welches _Coreggio_ diesen Schilderungen verleiht, beweist am

besten das Schicksal der (stark erneuerten) Berliner Bilder, als sie

noch in der Galerie Orleans zu Paris sich befanden. _Coreggios_

Thätigkeit als Freskomaler beschränkt sich auf Parma, wohin er 1518

berufen wurde: Mythologische Malereien im Nonnenkloster S. Paolo, die

Kuppel in S. Giov. Bapt. (Himmelfahrt Christi), und die Domkuppel

(Himmelfahrt Mariä); das letztere Werk, trotz der durch das Ganze

waltenden begeisterten Stimmung, wegen der verworrenen Anordnung

(Froschragout) minder erfreulich. Dagegen zeigt ein kleineres

Freskogemälde: Madonna mit dem Kinde in der Galerie zu Parma, alle Reize

seiner Auffassungsweise in hohem Grade.

_Coreggios_ Schüler brachten die von dem Meister ererbte Richtung zum

raschen Falle. Seine poetische Empfindungskraft liess sich nicht auf

mechanischem Wege aneignen und führte, wo sie ohne innere Befähigung

nachgeahmt wurde, zur widerlichen Manier; hinsichtlich der

Formenreinheit stand schon _Correggio_ selbst dem Abwege nahe, und wie

es bei Schulüberlieferungen stets vorkommt, dass die Schüler die Fehler

des Meisters am besten lernen, übersprangen die Nachfolger diese

Grenzlinie zuerst. Durch die Aufnahme des römischen Styles aber die

heimische Weise zu verbessern, war bei dem schroffen Gegensatze beider

Richtungen unthunlich. _Franc. Mazzuoli, il Parmegianino_ (1503-1540)

erlangte noch den grössten Ruhm und besitzt in seinen Jugendwerken (Mad.

mit Johannes d. T. und Hieronymus in der Londoner Nationalgalerie) das

grösste Verdienst; später weiss er nur durch übertrieben gestreckte

Verhältnisse und eine affektirte Beweglichkeit zu wirken. Doch weist bei

ihm, wie bei den anderen unmittelbaren Nachfolgern (_Fr. Rondani_,

_Bern. Gatti_, _Lelio Orsi_ u. A.), die meisterhafte Handhabung des

Colorites noch den Zusammenhang mit _Coreggio_ auf; dagegen übertrifft

in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Schule von Parma alle anderen

an Manierirtheit.

§. 107.

%Venedig% stellt geographisch und politisch eine Welt für sich vor.

Abgesperrt von der Terra ferma, auf den Handelsverkehr mit dem

fernen Osten, als seine Machtquelle, angewiesen, im Besitze einer

eigenthümlichen selbständig entwickelten Verfassung, welche mit

dem Leben und Denken des Volkes eins geworden ist, nimmt Venedig

auch in der Kunstwelt eine entsprechende unabhängige Stellung ein.

Hier hat sich die byzantinische Weise nicht allein lange Zeit --

bis tief in das 14. Jahrhundert -- erhalten, sondern auch, obzwar

nicht auf die Dauer, eine lebendige innere Entwickelung erfahren

(Mosaiken in der Kap. Zeno in S. Marco). Und als sie endlich, nicht

ohne einen zähen Widerstand, wich, da geschah es nicht in Folge der

Einwirkung der mittelitalienischen Schulen, sondern weil bereits die

Lokalbildung auch für den künstlerischen Ausdruck reif geworden war.

Dieser altvenetianische Styl lässt in dem warmen, durchsichtigen

Colorite das Wesen der späteren Kunst ahnen; er ist zierlich glänzend,

in der Composition einfach, oft alterthümlich, in der Ausführung

durchgebildet, eine ernste Würde der Gestalten, einen weichen

Linienfluss erstrebend. Von byzantinischen Einflüssen noch nicht völlig

befreit, erscheint _Niccolo Semitecolo_ (ung. 1350), vorgeschritten

in der Behandlung der Gewänder und Köpfe: _Lorenzo Veneziano_ (1367),

_Michele Mattei_ aus Bologna, _Niccolò di Pietro_ (1397), _Mich.

Giambono_ (1430), von welchem der Mosaikschmuck in der Kap. di mascoli

in S. Marco herrührt, und auch durch den Realismus der Darstellung

anziehend, zwei muranische Künstler, _Giovanni_ (ein Deutscher?) und

_Antonio Vivarini_ (1440). Ein jüngerer _Vivarini_, _Bartolomeo_,

bringt ein neues Element in die Schule, indem er in der Zeichnung den

Styl _Mantegnas_ wiedergibt und eine schärfere Charakteristik anstrebt;

doch wird dieser Einfluss durch die eigenthümliche Lokaltradition und

die Gegenwirkung _Gentiles_ vor jeder einseitigen Geltung bewahrt,

und bald darauf durch die Kenntniss der Oelmalerei der altheimischen

Kunstweise eine grossartige, stetige Entwickelung verliehen.

_Antonello_ aus Messina hatte diese Technik, wie schon früher erwähnt

wurde, den Niederländern, deren Styl in seinen älteren Werken

(Museum in Palermo und Berlin) deutlich durchscheint, abgesehen und

nach Venedig verpflanzt. Erst im Besitze dieses Ausdrucksmittels

konnten die Venetianer ihrer Liebe zur leuchtenden Farbe genugthun,

das wirkliche Leben, welchem sie weder in der Composition, noch in

der Formgebung sich entfremdeten, im schmucken Glanze und üppigen

Reichthume wiederspiegeln und die einzelnen Gestalten mit gehobener,

adeliger Würde, dem Gepräge ernster Tüchtigkeit und kräftigen Sinnes

bekleiden. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt die zweite Periode

der venetianischen Malerei, eingeleitet durch _Gentile Bellini_

(1421-1501) und _Marco Basaiti_ (-1520), vorzugsweise vertreten

durch _Giovanni Bellini_ (1426-1516), dessen Künstlergrösse auch im

höchsten Alter nicht sinkt, welchen noch _A. Dürer_ 1506 als den

»pest im gemell« preist. Seine in venetianischen Kirchen und Galerien

(Madonna in der Kirche ai frari 1486, andere in der Akademie, S. Giov.

e Paolo, Zaccaria 1505, %Chr. in Emaus% in S. Salvatore u. a.)

überaus zahlreichen Werke zeigen seine Compositionen von jener in

Venedig gewöhnlichen ruhigen Art, welche dem Künstler gestattet, auf

die Durchbildung der einzelnen Gestalten allen Nachdruck zu legen,

verbunden mit einer überaus wirksamen Kraft und Tiefe des Colorites.

An _Giov. Bellini_ reiht sich eine grosse Schaar von Schülern und

Nachfolgern _(Girolamo di S. Croce_, _Giambattista Cima da Conegliano_,

_Andrea Previtali_, _Vinc. Catena_ u. A.); auch ausserhalb Venedigs,

in der Lombardei, wird sein Einfluss, verbunden mit den Nachwirkungen

_Mantegnas_, ersichtlich, z. B. in Verona (_Girolamo dai Libri_), Como

u. s. w. Von der _Bellini_'schen Kunstweise unabhängig, aber nichts

desto weniger vom venetianischen Geiste vollkommen durchdrungen,

sind _Vittore Carpaccio_'s (-1522) Sittenschilderungen im Rahmen

religiöser Vorgänge. Sein Auge hat sich an den Bauten, Trachten und

Gestalten Venedigs gesättigt, seine Phantasie in diesem Kreise sich

eingeschlossen, so dass sich seine Darstellungen aus dem Leben der

Heiligen (Ursula, Wunder des Kreuzpartikels u. s. w.) zu reichen

Schilderungen altvenetianischen Lebens gestalten. Diese Vorliebe, die

religiösen Geschichten der venetianischen Oertlichkeit anzupassen und

sich in glänzenden Schilderungen zeitgenössischer Sitte zu ergehen,

haftet auch in der Folgezeit an der venetianischen Kunst; doch knüpft

die Blütheperiode der Venetianer keineswegs aus diesem Grunde etwa

an _Carpaccio_ an, sie geht aus der Schule _Bellinis_, welcher alle

Häupter der venetianischen Kunst: _Giorgione_, _Palma_, _Tizian_ zu

seinen Schülern zählt, hervor.

Mag es die Sinnenfreude und befriedigte Lebenslust sein, welche die

Venetianer schildern, oder das leidenschaftliche religiöse Pathos, die

Charakterkraft und die vornehme Selbstbeherrschung in den männlichen,

die üppige Schönheit in den weiblichen Bildnissen, mögen sie einzelne

Gestalten in ruhig ansprechender Situation vereinigt malen, oder ihnen

einen allegorischen Gedanken zu Grunde legen, oder schliesslich

historische Scenen beschreiben, immer bleibt die %Farbe% das

vorzugsweise Ausdrucksmittel ihrer Phantasie. Sie führen die breite

Pinselführung, den pastosen Farbenauftrag ein, wissen durch die Farbe

den Formen Rundung und Leben zu geben. Meister in der Farbenharmonie

und ebenso sehr befähigt, durch Combinationen der Töne die lebhafteste

wie die zarteste Wirkung hervorzurufen, haben sie auch für die Wirkung

des Lichtes, namentlich auf nackte Formen, einen überaus feinen

Beobachtungssinn. Obgleich sie die starken Schatten und grellen

Gegensätze vermeiden, und gleichsam nur »mit Licht malen,« fehlt es

weder dem Colorite an Tiefe, noch den Formen an Modellirung. Durch die

Farbenpoesie entfernen die Venetianer sich von der naturalistischen

Auffassung, welcher sie auch in den Gewandmotiven keineswegs huldigen,

und verleihen ihren Bildern eine der Antike verwandte ungebrochene

Schönheit.

_Giorgio Barbarelli_, gen. _Giorgione_ (1477-1511), eröffnet den Reigen

der venetianischen Farbenkünstler. Noch wirft der weltliche Glanz,

welchen die venetianischen Bilder so vollendet schildern, keinen Reflex

auf die Lebensverhältnisse der Künstler. Nach herkömmlicher Sitte

beginnt _Giorgione_ seine Thätigkeit mit der Fertigung von

Betteneinfassungen und Vertäfelungen für Kabinete; er errichtet selbst

eine Malerbude, in welcher er Schilder, Schränke, Kisten mit Gemälden

schmückt, und dekorirt Häuserfaçaden mit Fresken. Dies hindert ihn

keineswegs, in seinen leider seltenen Tafelbildern eine ergreifende

Poesie zu entfalten und selbst gleichgiltigen und uns unverständlich

gewordenen Vorgängen eine unwiderstehliche Anziehungskraft zu entlocken,

so z. B. dem sogen. Astrologen (ehemalige Galerie Manfrini), dem

Conzerte (Galerie Pitti) u. a. Die Porträte fasst _Giorgione_ häufig als

Charakterköpfe auf und versetzt sie in eine besondere Situation

(Lautenschlägerin, der Musikmeister); in anderen Bildern erfindet er

nach Novellistenart die Motive und gibt unterhaltende Schilderungen aus

dem Leben, psychologische Gemälde. Historische Bilder von _Giorgione_

sind selten, und die meisten dafür ausgegebenen Galeriestücke unächt,

die vorhandenen aber, hinsichtlich der Technik, der innigen Poesie und

der reichen lebendigen Motive, von dem grössten Reize: Findung Moses in

der Brera, Seesturm in der venetianischen Akademie, Jakob und Rahel in

Dresden.

In _Tizian Vecelli_ aus Cadore, dem »Könige der Maler« (1477 bis 1576),

findet _Giorgiones_ Richtung, wie die venetianische Kunst überhaupt,

ihre Vollendung; in ihm erscheint auch Alles, was die letztere

auszeichnet, persönliches Eigenthum. Die Geschichte seines Lebens ist

auch schon die Geschichte der venetianischen Kunst.[91]

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 22 / 33 题