2. Bildnerei.

§. 96.

Die Betrachtung der italienischen Bildnerei seit dem 15. Jahrhundert

wird uns die meisten Namen, die wir in der Geschichte der Baukunst

kennen lernten, wieder vorführen. Es lag trotz der verschiedenen

Natur der einzelnen Kunstgattungen doch genug des Verwandten und

Einheitlichen in ihnen, um den Künstlern eine allseitige Thätigkeit

zu gestatten. Wie sehr diese Einheit der bildenden Künste ihre

Entwickelung förderte, wissen wir erst jetzt, nachdem dieselbe verloren

gegangen ist, und jede Kunstgattung ihren eigenen Weg einschlägt,

richtig zu würdigen. Die Architektur litt zwar unter dem Einflusse

der Schwesterkünste, doch bleibt gerade das malerische Element ihr

bester Schmuck; die Plastik und Malerei aber konnten nur durch die

gegenseitige Unterstützung und Wechselwirkung zu der Höhe gebracht

werden, auf welcher wir sie im 16. Jahrhunderte erblicken.

Die Thatsache, dass Florenz und weiter Toskana die grösste Summe von

Künstlerkräften in sich vereinigt und für die Entwickelungsgeschichte

der italienischen Bildnerei den Mittelpunkt abgibt, wird auch dann

nicht wanken, wenn eine genauere Specialforschung uns die Kenntniss der

zahlreichen Lokalschulen eröffnet haben wird, welche sowohl in Bologna,

Ferrara, Venedig und im Lombardischen, wie in Unteritalien thätig

auftraten.

Die Bildnerei in Oberitalien wird häufig von Künstlerfamilien

getrieben, und vorzugsweise in Grabdenkmälern geübt. Eine solche

in Ferrara, Ravenna und Venedig thätige Bildnerfamilie sind die

%Lombardi%, _Pietro_ mit seinen Söhnen _Antonio_ und _Tullio_, und

andere im 16. Jahrhundert wirkende Namensverwandten. Von _Pietro

Lombardi_ rührte das Grabmal _Dantes_ in Ravenna her, so wie mehrere

in S. Francesco daselbst erhaltene Grabmäler der Polentas. Andere

Werke seiner Hand werden in Venedig bewahrt (S. Maria dei miracoli,

S. Stefano, Kap. Zeno in S. Marco), ebenso wie zahlreiche Arbeiten

seiner Söhne und Schüler (S. Francesco della Vigna, S. Giov.

Crisostomo, S. Martino, S. Sebastiano, und besonders S. Giovanni e

Paolo, ausserdem in S. Antonio zu Padua). Eine zweite venetianische

Bildnerfamilie bilden die %Bregni%: _Lorenzo_ und _Antonio_ (S. Maria

ai frari, S. Giov. e Paolo); unter den einzelnen Künstlern, bei

welchen eine Lokalfärbung sich bemerkbar macht, obzwar sie im

Allgemeinen der Entwickelung der italienischen Skulptur treu folgen,

sind hervorzuheben: _Andrea Riccio_ aus Padua (Bronzekandelaber in

S. Antonio, Grabm. der Torriani in S. Fermo in Verona), _Aless.

Leopardi u. A._ Den Zustand der lombardischen Bildnerei im 15. und

16. Jahrhundert kann man am besten an der Karthause bei Pavia erkennen,

deren Statuen- und Reliefschmuck bekanntlich so gross ist, dass

darüber die architektonische Wirkung des Baues verloren geht, so wie

an dem Mailänder Dome. Antonio Amadeo, Andrea Fusina, il Gobbo, und

später _Ant. Begarelli_ und der übermüthige _Marco Agrate_, der sich

_Praxiteles_ gegenüberstellte, sämmtlich nebst vielen Anderen an der

Karthause thätig, genossen bei ihren Zeitgenossen den grössten Ruhm.

§. 97.

Wir kehren nach dieser Andeutung der ausgedehnten Blüthe der

italienischen Bildnerei zu den Florentinern zurück. Der Wettstreit,

welcher sich über die Anfertigung der Bronzethüren am Baptisterium

1401 entspann, belehrt uns über den äusseren glänzenden Zustand der

florentinischen Kunst und die Namen der Hauptmeister. Nach getroffener

Auswahl unter den zahlreichen Bewerbern wurden sechs Meister, alle

Toskaner, zur Probearbeit zugelassen: _Brunelleschi_, _Jacopo

della Quercia_, _Niccolo_ aus Arezzo, _Francesco di Valdambrina_,

_Simone da Colle_ und _Lorenzo Ghiberti_. Der Letztere trug den

Preis davon. An der Tafel des _Jacopo della Quercia_ setzte man den

Mangel an Zartheit, an jener des _Niccolo_ ([+] 1417) die kurzen

Verhältnisse aus -- sie erschienen im Vergleiche zu _Ghibertis_ Arbeit

alterthümlich. Und in der That, wenn man die Bildwerke _Jacopos_, der

auch den Namen _della Fonte_ -- nach den Brunnenskulpturen in Siena

(1416-19) führt, namentlich die Grabdenkmäler in der Kathedrale und

in S. Frediano zu Lucca (andere Werke: Portal von S. Petronio in

Bologna, Bronzereliefs in S. Giovanni zu Siena) betrachtet, so stösst

man noch in der Anlage und Ausführung an Anklänge des älteren Styles,

von welchen sich _Lorenzo Ghiberti_ (1378-1455), ursprünglich ein

Goldschmied, vollkommen befreite. _Ghiberti_ that aber im Laufe seiner

Entwickelung noch mehr, als dass er in der Composition nach Klarheit

und zierlicher Gruppirung strebte, und die einzelnen Gestalten mit

lebendigem Ausdrucke und in der Form der Antike verwandt darstellte.

Die ältere Bronzethüre (1402-1424) bewahrt noch den einfachen

plastischen Styl; dagegen wollte er in der jüngeren (1424-1447) und

im Grabmale des heiligen _Zenobius_ (1439), wie er selbst sagt,

»die Natur auf alle Weise nachahmen, im Maasse, in den Lineamenten,

in schönen Zusammensetzungen und im Reichthume der Figuren.« Die

Composition erhält ein malerisches Gepräge, die Ausführung zeigt die

perspektivischen Gesetze berücksichtigt, der Hintergrund hat ein

flacheres Relief als der Vorderplan, die nahestehenden Figuren sind

grösser, die entfernteren kleiner gearbeitet. Beruht auch dieser

malerische Styl in der Plastik auf einer Verirrung der Phantasie, so

lässt sich dennoch die grosse Wirkung der _Ghiberti_schen Arbeiten,

namentlich der jüngeren, überaus reich dekorirten Bronzethüre, welche

_Michelangelo_ würdig hielt, an den Pforten des Paradieses zu stehen,

nicht wegläugnen. Gleich den Reliefs sind auch die Statuen _Ghiberti's_

am _Or S. Michele_ (heil. Stephan und Matthäus) in Bronze gegossen.

_Ghibertis_ Reliefstyl kann nur aus dem Anschluss an die

zeitgenössische Malweise erklärt werden. Wie die lombardischen

Bildhauer die Malereien ihrer Heimath wiedergeben, so befolgen auch

die florentinischen Bildner die Richtung, welche die Hauptkunst des

Zeitalters mit so grossem Erfolge eingeschlagen. Es galt aber in der

florentinischen Malerei der durchgreifende Realismus, die scharfe und

vollendete Auffassung der Natur als die nächste Aufgabe. Dasselbe

Streben offenbaren _Ghibertis_ Compositionen, den gleichen Weg schlägt

auch _Donatello (Donato di Betto Bardi 1383-1466)_ ein, nur dass er

den Hauptnachdruck auf die Charakteristik innerer Affekte legt, und

mit grosser Vorliebe bei der Schilderung leiblicher Bewegungen und des

äusseren Lebens verweilt. Er kommt dadurch den antiken Formen näher,

fällt aber gleichzeitig in die Gefahr, wie z.B. bei dem in S. Croce

bewahrten Holzkruzifixe, die ideale Wahrheit vermissen zu lassen. Die

wichtigsten Werke _Donatellos_, wie bei allen Bildnern seiner Zeit,

sind die Reliefarbeiten, in welchen er den antiken Styl mit grossem

Glücke wiedergab: Verkündigung in S. Croce, tanzende und musizirende

Kindergruppen bald in Marmor, bald in Bronze (Dom und Uffizigalerie in

Florenz, Kanzel in Prato und Altarstaffeln in S. Antonio zu Padua),

zahlreiche Reliefplatten an Grabmälern (Neapel, Rom, Montepulciano),

Kanzeln (S. Lorenzo in Florenz) u. s. w. _Donatellos_ Richtung brachte

es mit sich, dass er statuarische Werke mit grösserem Glücke als

_Ghiberti_ ausführte. Die Kenntniss des äusseren Lebens, die Fähigkeit

scharfer charakteristischer Auffassung, das energische Studium der

Antike, welcher er nicht selten Motive für seine Darstellungen

entlehnte (Schale mit Silen und einer Bacchantin), und durch Anregung

zu Sammlungen, durch Restauration verstümmelter Werke (Marsyas) seine

Anhänglichkeit bezeigte, waren ebenso viele Bedingungen zu einem

günstigen Erfolge in der statuarischen Kunst. Der Kahlkopf (zuccone)

auf dem Kampanile neben dem Dom und der hl. Georg und Markus am Or

S. Michele, die Judith in der Loggia dei Lanzi (Bronze), David in den

Uffizi, haben als treffliche Charakterbilder voll Wahrheit und Leben,

sowie als Zeugnisse für den wohlberechnenden technischen Verstand des

Meisters (die Feinheit der Ausführung machte er von der Entfernung

des Standpunktes abhängig, und vermied alle gespreizten Stellungen

und ungestützten Bewegungen), mit Recht einen grossen Ruhm erlangt.

Weniger glücklich war er in seinem Holzbilde der Magdalena (Baptist. zu

Florenz) und in der Bronzestatue Johannes d. T. im Dome zu Siena (auch

sonst noch und besser dargestellt), wo ihn sein realistisches Streben

auf die Würde der Erscheinung vergessen liess. Ausserdem rühren noch

von _Donatello_ mehrere Büsten und die Reiterstatue _Gattamelatas_ vor

S. Antonio in Padua, das erste in grossen Verhältnissen ausgeführte

Gusswerk Italiens, her. Sein längerer Aufenthalt in Padua verschaffte

ihm hier mehrere Schüler (_Jac. Vellano_, _Giovanni_ aus Pisa); den

grössten Einfluss übte er jedoch auf seine Zeitgenossen und Nachfolger

in Florenz. Einzelne derselben, welche noch mit der älteren Richtung

des _Andrea Pisano_ und _Orcagna_ zusammenhängen, wurden bereits

oben genannt, so _Niccolo_ aus Arezzo, in Florenz, Arezzo, Rom und

Bologna beschäftigt, und auch als Baumeister thätig. Gleichfalls

der älteren Richtung angehörig sind die Schüler des _Jacopo della

Quercia_: _Niccolo_ aus Bologna oder Dalmatien ([+] 1494) wegen seiner

Betheiligung am Grabmale des hl. Dominik in Bologna, _dell'arca_

genannt, und _Lorenzo di Pietro_ aus Siena ([+] 1482). Für eine andere

Gruppe von Bildnern können wir nur im Allgemeinen die Einwirkung

der florentinischen Hauptmeister annehmen und müssen sie denselben

nebengeordnet anführen: _Nanni d'Antonio di Banco_ ([+] 1421), eine

träge, aber bescheidene Natur, wie ihn _Vasari_ charakterisirt, dessen

Statuen am Or San Michele ihn nur als einen untergeordneten Künstler

erscheinen lassen; auch musste seinem geringen technischen Geschicke

_Donatello_ zu Hülfe kommen; _Matteo Civitali_ aus Lucca (1435-1501),

ein Meister voll des liebenswürdigsten naiven Naturalismus, den Malern

des 15. Jahrhunderts innig verwandt (Hauptwerke in Lucca, unter

ihnen ein hl. Sebastian [Kapelle des Volto santo], den angeblich

_Perugino_ kopirte), dann die Baumeister _Brunelleschi_ (Holzkruzifix

in S. Maria Nov. und Relief der Opferung Isaaks im Wettstreite mit

Ghiberti), _Benedetto da Majano_, als Holzarbeiter berühmt, aber auch

als Marmorbildner (S. Maria Nov., S. Croce und Misericordia) von

zahlreichen Verdiensten, _Francesco di Giorgia_ in Siena, _Michelozzo_

mit _Donatello_ gemeinsam thätig, _A. Filarete_ in Rom u. A.

Eine selbständige Stellung nimmt auch die Künstlerfamilie der _Robbia_

in Anspruch, durch das Betreiben eines eigenthümlichen Kunstzweiges,

der bemalten und glasirten Terrakotten, bekannt, und bis in das 16.

Jahrhundert (Santi Buglioni) thätig. Der Stifter, _Lucca della Robbia_

([+] nach 1472), ist _Ghiberti_ vielfach verwandt, und übertrifft ihn

noch in der Einfachheit der Gruppirung und der Wahrheit der Bewegungen.

Zu seinen früheren Arbeiten gehören die Marmorreliefs an der Orgelbühne

im Florentiner Dome, Musikchöre darstellend und mit überraschender

Lebendigkeit gearbeitet, dann die Bronzethüren an der Sakristei

daselbst (seit 1446), das Grabmal des Bischof _Ben. Federighi_ von

_Fiesole_ in S. Franc. di Paola; seine Hauptthätigkeit bezog sich aber

auf den Betrieb der bald zum Handelsartikel gewordenen Terrakotten. Die

ältesten derartigen Werke fertigte er für den Dom: Auferstehung und

Himmelfahrt Christi (1446), zahllose andere sodann mit Hülfe seiner

Brüder und Neffen (_Andrea_, geb. 1444) für Kirchen und Privatwohnungen

in Florenz, für Spanien, Frankreich und Neapel. Die Terrakotten sind

entweder weiss glasirt auf blauem Grunde oder auch vollständiger

bemalt. Formenschärfe ist diesen, in den meisten Museen Europa's

vertretenen Thonreliefs selten eigen, wohl aber eine ausdrucksvolle

Zierlichkeit und Anmuth.

Wichtiger ist die Reihe jener florentinischen Bildner des 15.

Jahrhunderts, welche die von _Ghiberti_ und _Donatello_ eingeschlagene

Richtung weiter verfolgen, und namentlich durch die Verbindung beider

Stylarten eine höhere Entwickelung anstreben. Obgleich _Ghiberti_

von grossem Einflusse auf die Folgezeit blieb, so bildete doch

nur _Donatello_ eine eigene Schule. _Antonio Pollajuolo_ ([+]

1498), welcher mit _Ghibertis_ Sohne, _Bonaccorso_, dem Meister an

der Laubwerkeinfassung der jüngeren Bronzethüre half, und gleich

_Ghiberti_ das Goldschmiedhandwerk mit dem grössten Erfolge übte,

kann als Bildhauer (Grabm. _Sixtus IV._ und _Innocenz VIII._ in der

Peterskirche) unmöglich _Ghiberti_ angereiht werden; dagegen zog

_Donatello_ mehrere unmittelbare Schüler, so den vielseitigen _Andrea

Verrocchio_ aus Florenz 1432-1488, _Desiderio da Settignano_ (thätig

1453), _Bertoldo_, der Leiter einer förmlichen, von _Lorenzo Medici_

gestifteten Kunstschule, _Antonio Rossellino_ u. s. w. Von den

Genannten besitzt _Verrocchio_, ursprünglich Goldschmied, die grösste

Bedeutung. Seine Marmorarbeiten (Relief am Grabmale der Tornabuoni in

der Uffizigal.) zeugen zwar von keiner grossen technischen Uebung, und

auch einzelne seiner Gusswerke (Christus und Thomas am Or S. Michele)

verrathen eine gewisse Trockenheit und ängstliche Ausführung, doch

gehören andere, wie der geflügelte Knabe mit dem Delphin unter dem Arme

auf der Brunnenschale im Pal. vecchio zu Florenz, die Reiterstatue

des _Colleoni_ in Venedig, zu den schönsten Werken des Jahrhundertes,

dessen künstlerische Richtung durch die strengen Naturstudien

_Verrocchios_ wesentlich mitbestimmt wurde. Er hat zwar den Gebrauch

der Gypsabgüsse nach der Natur nicht erfunden, wohl aber verbreitet

und zu künstlerischen Zwecken benützt. _Ant. Rossellino_ konnte schon

die von _Donatello_ empfangenen Anregungen mit der fortgeschrittenen

Technik und den fliessenderen Formen _Ghibertis_ in seinen Werken

(zahlreiche Grabmäler in Florenz, Neapel, Lyon, anmuthiges Presepio

in Maria di M. Oliveto in Neapel u. s. w.) verbinden. Wie _Antonio_,

so wurde auch sein Bruder _Bernardo_, dann _Desiderio_ und dessen

Schüler _Mino da Fiesole_ ([+] 1486) zumeist mit Grabskulpturen

betraut, in welcher Gattung von Kunstwerken die zweite Hälfte des

15. Jahrhunderts eine grosse Vollendung erreicht. Sie übertreffen

die älteren Grabmonumente in Technik und Ausführung, und halten doch

an der traditionellen Anordnung (Sarkophag in einer mit christlichen

Reliefs geschmückten Nische) fest; von den jüngeren unterscheiden sie

sich aber vortheilhaft durch die grössere Naivetät der Gedanken, die

unmittelbare Lebendigkeit der übrigens fast durchgängig malerischen

Composition. Nächst Florenz sind auch die Grabskulpturen in Rom, wo im

Anfange des Jahrhunderts _Paolo Romano_ mit mehreren Schülern blühte,

und später _Mino da Fiesole_ einflussreich wurde, bemerkenswerth. Am

Anfange des 16. Jahrhunderts kommt die Richtung, welche namentlich

_Donatello_ eingeschlagen, der bewegte, affektvolle Realismus, zum

vollständigen Durchbruche. Das malerische Element in der Bildnerei geht

keineswegs verloren, nur tritt es nicht mehr in der naiv reizenden

Weise der _Ghiberti_'schen Reliefkunst, sondern viel bewusster, in

leidenschaftlich bewegten, überkräftigen und überströmenden Formen

auf. Der Anschluss an die Antike schliesst bei aller Innigkeit das

Selbständige in den Gedanken und Formen der Bildnerei des _Cinquecento_

nicht aus; es werden ihr zahlreiche Motive der Darstellung entlehnt,

und die reinen plastischen Formen abgelauscht; was von der Antike nicht

gelernt wurde, worin sich die Zeit selbst produktiv erwies, das ist

die Herrschaft der Skulptur über die Baukunst, welche letztere nur

eine untergeordnete dekorative Geltung für sich in Anspruch nimmt,

das ist weiter die dramatische Tendenz in der Bildnerei, der Ausdruck

eines stürmisch erregten Lebens, die oft dämonische Grösse, welche in

den einzelnen Gestalten waltet. Den Schlüssel zum Verständnisse dieser

Kunstrichtung gibt die Geschichte des Zeitalters, gibt namentlich die

Lebensgeschichte des Mannes, welcher ihr einen klassisch vollendeten

Ausdruck gab -- _Michel Angelo Buonarotti_'s. Darin, dass die

Plastik des 16. Jahrhunderts vorzugsweise der Ausfluss einer scharf

ausgeprägten Individualität ist, liegt ihre fesselnde Wahrheit, aber

auch die Nothwendigkeit des raschen Verfalles. In den Händen anderer

Personen, welche zum abstrakten Gesetze stempeln, was in dem einzigen

schöpferischen Individuum das Resultat innerster Lebensthätigkeit ist,

musste sie zur conventionellen Lüge werden.

Neben _Michelangelo_ bemerken wir noch zahlreiche Künstler wirkend,

welche sich weniger scharf von dem Grunde der vorausgegangenen

Kunstentwicklung abheben, die ältere Richtung abschliessen, die

jüngere einleiten. Zu ihnen gehören _Andrea di Ferrucci_ aus Fiesole

([+] 1522), _Benedetto da Rovezzano_ ([+] nach 1550), vielfach

in dekorativer Skulptur thätig, in den Reliefs zum Grabe des hl.

_Gualberto_ (Uffizigalerie) noch an _Ghiberti_ erinnernd, dessen

malerischen Styl er aber in dem Grabmale _Soderinis_ (del Carmine)

zum Kunststücke übertrieb (er wollte in dem Baldachin schwarzes Tuch

nachahmen), _Baccio da Montelupo_ (eigentlich _Bartol. Lupi_), von

welchem ausser zahlreichen Holzkruzifixen die Bronzestatue des Ev.

Johannes am Or S. Michele bewundert wird, _Leonardo da Vinci_, wie

_Giovanni Rustici_, Schüler des _A. Verrocchio_. Das harte Schicksal,

welches _Leonardos_ Werke überhaupt traf, beraubte uns auch der

riesigen Reiterstatue des Herz. _Franz I. Sforza_, deren Modell

_Leonardo_ zweimal fertigte, ohne zum Gusse desselben zu gelangen.

Doch sollen die drei berühmten Statuen über der Hauptthüre des flor.

Baptisteriums: Johann Bapt., ein Pharisäer und Levite, ein Werk des in

Frankreich verstorbenen _Giov. Rustici_, unter _Leonardos_ Einfluss

entstanden sein. Sie gehören in der That zu den schönsten Schöpfungen

des 16. Jahrhunderts.

Aus der Schule _A. Pollajuolos_ ging _Andrea di Contucci_ aus Sansovino

(1460-1529) hervor. Weit zerstreut sind die zahlreichen Werke dieses

höchst bedeutsamen Meisters: in Portugal, Genua (Domk.), Loreto, wo er

die Marmorverzierung der santa casa leitete und einzelne Reliefs selbst

ausführte, Florenz (Taufe Christi in Statuen in S. Giov. und Kap.

Corbinelli in S. Spirito), Rom (S. Agostino: Gruppe der hl. Anna und

Madonna. Grabmäler in S. Maria del Popolo, berühmt wegen der Schönheit

der ornamentalen Theile) u. s. w. Steht schon _Andrea Sansovino_ dem

Genius _Buonarottis_ nahe, nur dass er in dem Ausdrucke der Kraft noch

Maass hält und eine grössere Milde entfaltet, so geht sein Schüler

_Jacopo Tatti Sansovino_ (1477-1570) noch tiefer in _Michelangelos_

Formengebung ein. _Tatti_ machte seine Kunststudien zuerst in Florenz

bei dem älteren _Sansovino_, dessen Beinamen auch ihm beigelegt

wurde, dann in Rom (Kopie _Laokoons_); nach der Plünderung Roms durch

den Connétable von Bourbon 1527 wanderte er nach Venedig, wo er als

Baumeister und Bildner eine grossartige Thätigkeit entfaltete und eine

zahlreiche Schule hinterliess. Von seinen älteren Werken ist namentlich

sein Bacchus (Uffizigal.) durch sein Ebenmaass und die freie Haltung

bemerkenswerth; in Venedig ragen die Sakristeithüre in S. Marco, nach

dem Muster des _Ghiberti_'schen Werkes, nur kräftiger und freier

gearbeitet, die Kolosse an der Treppe des Dogenpalastes: Mars und

Neptun, S. Marcus über dem Portale von S. Giulia, die Kanzelreliefs in

S. Marco und in der Kap. del Santo (Antoniusk.) in Padua hervor, wo der

neuere plastische Styl bereits in aller Schärfe auftritt. Seine Liebe

zur Antike bewiesen ausser den bereits angeführten Werken die Statue

des Apollon an der Loggetta des Glockenthurmes von S. Marco, die für

den Herzog von Ferrara gearbeitete Statue des Herkules und eine als

ungemein schön gerühmte Statue der Venus für den Herzog von Mantua.

Die Zahl seiner Schüler aus allen Theilen Italiens gibt _Vasari_,

nur auf die berühmteren sich beschränkend, auf zehn an, darunter den

Baumeister _Ammanati_ in Florenz, _Al. Vittoria_, in der Ausführung von

Marmorbildnissen geschickt, _Tizian_ aus Padua, _Danese Cattaneo_ und

_Girolamo_ aus Carrara, _Niccolo Tribolo_ in Florenz, _Luca Lancia_

aus Neapel u. s. w. Unter den Zeitgenossen _Michelangelos_ darf auch

_Raphael_ nicht unerwähnt bleiben, von welchem, ausser dem Jonas in

S. M. del popolo in Rom, die wunderbar schön componirte Gruppe des vom

Delphin getragenen todten Kindes (zu Downhill in Irland) als Proben

seiner allseitigen Grösse erhalten sind.

§. 98.

_Michelangelo Buonarotti_ (1474-1563), den wir bereits als Baumeister

kennen lernten und auch auf dem Gebiete der zuerst erlernten Malerei

verfolgen werden, bildet den Mittelpunkt der neuern italienischen

Bildnerei. Die Einheit in dieser bewunderungswürdig reichen, fast alle

Zweige des menschlichen Könnens und Wissens umspannenden Thätigkeit

gab sein gediegen ausgearbeiteter, nach dem Maassstabe eines Helden

zugeschnittener Charakter. Stürmisch und leidenschaftlich in seinem

Wollen und Dichten, ebenso wenig unbekannt mit persönlichen Leiden,

die ihn namentlich als Künstler hart trafen, wie mit tragischen

Conflikten, als es sich darum handelte, zwischen dem kunstliebenden

Fürsten und dem bedrohten Vaterlande zu wählen, als Künstler stolz und

vor keiner irdischen Grösse sich beugend, als Freund der zartesten

Regungen fähig, als Mensch erhaben denkend und einsam lebend -- so

schauen wir die persönliche Erscheinung des grossen Florentiners und

finden darin den Schlüssel zur Erkenntniss des Charakters seiner

Werke. Die ruhige Schönheit und Anmuth, den ungebrochenen Frieden zu

schildern, in lyrischen Zügen sich zu ergehen, am glänzenden äusseren

Schein der Dinge zu verweilen, war nicht seine Sache; er hatte, seiner

persönlichen Entwicklung entsprechend, nur Sinn für das dramatisch

Erhabene, für die Schilderung eines grossartig bewegten Lebens, für

das energische Erfassen der Grundzüge, welche hinter der zufälligen

äusseren Erscheinung lauschen. Dies erklärt _Michelangelos_ Grösse

als Bildhauer und das vorherrschende plastische Element in seinen

Malerwerken, seine Bedeutung als Freskomaler, seine geringe Liebe für

die Oelmalerei.

_Michelangelo_ erhielt seinen ersten Unterricht in der Malerwerkstätte

des Dom. _Ghirlandajo_, seine Bildung in der Skulptur gemeinsam

mit dem abenteuernden _Pietro Torrigiano_ (Hauptwerk: Grabmal

_Heinrichs VI._ in der Westminsterabtei) u. A. in der früher erwähnten

mediceischen Kunstschule. Die Erstlingswerke: Faunenkopf, Relief der

Centaurenschlacht in der Casa Buonarotti zu Florenz, ein Engel und

ein hl. Petronius am Grabmal des hl. Dominik in Bologna, zeigen noch

nicht den künstlerischen Charakter des Meisters in voller Entfaltung.

Aus seiner römischen Studienzeit (1496) stammen die vielbewunderte

Gruppe des Bacchus mit dem naschenden Satyr (Uffizigalerie), und

die gross gedachte und technisch vollendete Pietàs (Maria mit

dem Christusleichname) in der Peterskirche, aus dem Anfange des

16. Jahrhunderts (1501), nachdem er nach Florenz zurückgekehrt, der aus

einem verdorbenen Blocke geschickt herausgehauene David und die nur aus

dem Gröbsten gearbeitete, aber meisterhaft angelegte Statue des Ev.

Matthäus (in der florentinischen Akademie). Durch diese Werke und die

gleichzeitige Thätigkeit in der Malerei war _Michelangelos_ Ruf schon

zu grosser Höhe gelangt; der Auftrag, den ihm der geistesverwandte

Papst _Julius II._ gab, sollte denselben noch steigern, der Richtung

des Meisters genugthun und auch durch die äussere Riesenhaftigkeit

alles Vorhandene übertreffen. Es galt das Grabmal dieses Papstes zu

errichten. An dem dekorativen Unterbaue sollten nach dem ursprünglichen

Entwurfe (der aber mehrfach umgeändert wurde), ausser den

Bronzereliefs, 40 Statuen allegorischen, christlichen und heidnischen

Inhaltes angebracht werden, zuoberst aber der Sarg des Papstes, von

den Engeln der Trauer und der Freude getragen, ruhen. Wiederholte

Störungen verhinderten die Ausführung, und schränkten die grossartige

Anlage auf die gegenwärtige Gestalt (S. Pietro in vincoli) ein. Zwei

Gefesselte im Louvre, eine andere Gruppe im Palazzo vecchio zu Florenz

(ein Gefangener zu den Füssen eines nackten jugendlichen Helden),

die hart angefochtene, jedenfalls gewaltsam ergreifende Statue des

Moses, und jene des thätigen und beschaulichen Lebens an dem Grabmale

selbst, sind allein aus der Hand des Meisters hervorgegangen. Eine

Skizze des Moses, in Thon gebrannt, noch reiner im Ausdruck als die

grosse Statue, befindet sich auf Bellevue bei Cöpenick. Ein kaum

geringeres Missgeschick traf andere Arbeiten _Michelangelos_, wie

die Kolossalstatue _Julius II._, später in eine Kanone umgegossen,

der Kopf aber spurlos verschwunden. Auch die Grabmäler der _Julian_

und _Lorenzo di Medici_ in der Sakristei von S. Lorenzo zu Florenz

kamen nicht zur Vollendung. Man muss sich mit der Bewunderung der

einzelnen Gestalten begnügen, da der ideelle Zusammenhang derselben

untereinander und ihre Beziehung zum Denkmale unaufgeklärt bleibt. An

dem Sarkophage _Lorenzos_ ruhen die Morgen- und Abenddämmerung, an

jenem _Julians_ der Tag und die Nacht. Die Krone des Werkes, an welchem

mit Recht eine gewisse Absichtlichkeit der Stellungen getadelt wird,

ist die Statue _Lorenzos_, gedankenvoll sinnend (_il pensiero_) in

ruhiger, meisterhaft gedachter und ausgeführter Haltung. Noch bleiben

als Bildwerke _Michelangelos_ zu erwähnen: Christus mit dem Kreuze in

S. M. sopra Minerva zu Rom, Apollo in der Uffizigalerie, die Madonna

in S. Lorenzo zwischen den oben angeführten Grabmonumenten, die

Kreuzabnahme im Dom zu Florenz, P. _Paul III._ im Museum zu Neapel, und

eine Madonna, das Christkind vor sich haltend, in Notredame zu Brügge,

ursprünglich für Genua bestimmt.

Neben _Michelangelo_ konnte sich keine selbständige Richtung in der

Bildnerei erhalten. Sein Einfluss wurde für alle seine jüngeren

Zeitgenossen maassgebend und für das Schicksal der italienischen

Kunst entscheidend. Zum Guten konnte er nicht ausschlagen, da das

Grosse und Bedeutende an _Michelangelos_ Kunst Sache der persönlichen

Entwickelung war. Seine Gestalten greifen mehr nur in der Conception

über das Plastische hinaus; in der äusseren Form wusste er noch die

Gesetze der Bildnerei meisterhaft zu wahren oder durch den kühnen

Gedankenwurf zu motiviren; bei seinen Nachfolgern ging aber gerade in

der äusseren Gestaltung das Verständniss des Plastischen verloren, und

es blieb bei dem Uebermaasse der äusserlichen Hast und Bewegung, bei

den anatomischen Schaugerichten. Von seinen unmittelbaren Schülern

sind _Giacomo del Duca_, ein Sizilianer, _Raphael da Montelupo_, _fra

Giovanni Montorsoli_ zu nennen. Auch _Michelangelos_ böser Gegner,

_Baccio Bandinelli_ (1487-1559), dessen Leben bereits die schlimmen

Seiten des Künstlerdaseins offenbart, den Neid, die Eifersucht, die

Eitelkeit, die Geldgier, wovon die folgenden Zeitalter so reich

sind, musste sich dem Einflusse des grossen Meisters beugen. Seine

Werke oder wenigstens die Entwürfe zu denselben sind sehr zahlreich

(die wichtigsten: _Hercules_ und _Cacus_ vor dem Pal. vecchio zu

Florenz, das Grabmal _Giov. di Medici_ auf dem Platze S. Lorenzo, der

Chorschmuck im Dome u. s. w.), und noch immer den besseren Werken des

Jahrhunderts beizuzählen. Ausserdem gehören noch _Pierino da Vinci_,

_Guglielmo della Porta_, von welchem das geschätzteste Grabmonument

in der Peterskirche, jenes _Paul III._ herrührt, _Vicenzio Danti_,

_Giovanni da Bologna_, ein Niederländer von Geburt, und _Benvenuto

Cellini_ (1500-1572) zur Nachfolge _Michelangelos_. Der letztgenannte

Meister, durch seine ausführliche Selbstbiographie genugsam bekannt,

war zwar ursprünglich ein Goldschmied und erwarb auch in diesem und

den verwandten Fächern den grössten Ruhm (ein Salzfass oder richtiger

Tafelaufsatz, Becher und Kanne in Wien, ein Schild in Windsor,

Buchdeckel in Neapel); doch wirkte er auch als Bildhauer, wie das

Relief der Nymphe von Fontainebleau (Louvre), die Bronzestatue des

_Perseus_ in der Loggia dei Lanzi, die Kolossalbüste des hl. _Cosimus_

in der Uffizigalerie, ein Marmorkruzifix (in Spanien) u. a. beweisen.

Auf die durch _Cellini_ so vortrefflich getriebene Goldschmiedkunst

und die verwandten Zweige der Medaillenkunst, des Gemmenschnittes, der

Waffenschmiede muss ein besonderer Nachdruck gelegt werden, soll die

ganze Ausdehnung der italienischen Kunstblüthe richtig erkannt werden.

Die grosse Zahl der Männer, welche von Goldschmieden zu Kunstbildnern

emporstiegen, beweist an sich dies regsame Leben im Kunsthandwerke.

Von den florentinischen Goldschmieden des 15. Jahrhunderts führen

wir nur _Tommaso Finiguerra_ (1426-1464) an; er war als geschickter

Arbeiter in Niello (Metallplatten mit gravirten Umrissen) berühmt, und

soll nach _Vasari_ zuerst auf den Gedanken gekommen sein, von diesen

gravirten Platten Abdrücke in Schwefel und auf Papier zu machen,

und so den Kupferstich erfunden haben. Die erste zu diesem Zwecke

benützte Platte ist eine sogen. Pax (Platte, die bei feierlichen

Messen zum Friedenskusse herumgereicht wird) vom Jahre 1450. Der

unmittelbar von der Platte genommene Papierabdruck befindet sich im

Pariser Kupferstichkabinet. Gegen beide Thatsachen wurde von _Rumohr_

Einsprache erhoben. Es ist weder die Pax ein Werk _Finiguerras_,

noch der Pariser Abdruck von der Originalplatte genommen (?). Die

berühmtesten Medailleure des 15. Jahrhunderts sind in Oberitalien zu

Hause: _Vittore Pisano_, _Matteo Pasti_, _Giulio della Torre_, _Giov.

Pomedello_ aus Verona, _Giov. Fr. Enzola_ in Parma, _Sperandio_ in

Mantua, _Fr. Francia_ in Bologna, _Nicc. Cavallerino_ aus Modena u. A.,

woran sich die Steinschneider _Giovanni delle Carniuole_ aus Florenz,

_Domenico de' Cammei_ in Mailand, _Pier Maria da Pescia_ anreihen.

Beide Kunstzweige wurden im 16. Jahrhundert, wie die Arbeiten des

_Giov. Bernardi_, _Alessandro Cesati_, _Matteo dal Nasaro_, _Valerio

Vicentino_ u. A. beweisen, zur höchsten Blüthe getrieben.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 21 / 33 题