1. Baukunst.[88]

§. 94.

Die germanische Bauweise aufzugeben, hatte es in Italien, wo dieselbe

stets nur ein Scheinleben gefristet, ebensowenig Noth, als die

Grundlagen der römischen Architektur wieder in das Dasein zu rufen, zu

deren erweiterten Kenntniss der im 15. Jahrhundert wieder aufgefundene

Vitruv wesentlich beitrug. Ein allmäliges Hinübergleiten aus dem

germanischen in den %Renaissancestyl%, welchen Namen bekanntlich

der wiedergeborene antike Styl des 15. und 16. Jahrhunderts trägt,

ist früh bemerklich. Am deutlichsten spricht sich dasselbe in

der Karthause bei Pavia (1396-1473) aus, wo germanisches und

italienisches Baugefühl mit einander kämpfen, bis das letztere in der

brillanten, aber rein dekorativen Façade den Sieg davon trägt. Auch

die toskanischen Palastbauten des 15. Jahrhunderts in Florenz und

Siena athmen noch theilweise einen germanischen Geist, wenn gleich

die Profilirung und die Gesimse gewöhnlich nach antiken Vorbildern

gearbeitet sind. Es spiegeln sich in der massiven Anlage, in dem

ernsten burgartigen Charakter derselben die fehdereichen Zustände des

mittelalterlichen Toskana ab. Von den venetianischen Palästen kann man

das Gleiche behaupten, dass sie nicht nach einem abstrakten Scheine

gearbeitet und bloss dekorativ gehalten, sondern dem Lokalcharakter

dieses städtischen Staates angepasst sind und der künstlerischen

Tradition (byzantinische Formen) Rechnung tragen. Ueberhaupt hat

der Renaissancestyl in weltlichen Bauten grössere und dauerndere

Erfolge erzielt, als bei kirchlichen Anlagen, welche letztere den

Mangel eines organischen Zusammenhanges mit dem Kultus, das Absehen

von der üblichen und absolut berechtigten Tradition tief fühlen

lassen. Im Ganzen genommen nähern sich die Renaissancekirchen dem

Basilikentypus, nur dass sie häufig den Kuppelbau damit verbinden, die

Wölbekunst (Tonnengewölbe) fortführen, und nicht selten Pfeiler an der

Stelle der Säulen als Träger verwenden. Am störendsten erscheint der

Façadenbau, eine müssige Dekoration, ohne Zusammenhang mit dem inneren

Baue, selbständig gegliedert, an den Kirchenkörper nur angelehnt,

und ebenso auch zur Bedeutung des Bauwerkes gleichgültig. Nichts

bezeichnet schärfer das Wesen des Renaissancestyles, als dass man

seine Erfinder benennen kann. Dieser Ruhm gebührt den Florentinern

_Filippo Brunelleschi_ (1375-1444) und _Leo Baptista Alberti_

(1404-1472). _Brunelleschi_ wollte, wie _Vasari_ erzählt, die gute,

durch den »barbarischen deutschen« Styl verdrängte Bauweise wieder

in ihr Recht einsetzen. Er wanderte nach Rom, wo er Gesimse maass,

die Grundrisse der antiken Gebäude aufnahm, die Wölbungsweise der

Alten untersuchte, die verschiedenen Säulenordnungen studirte und

auf diese Weise den Grundstein zum Renaissancestyl legte. In seiner

praktischen Thätigkeit als Baumeister (die Kuppel am Dome zu Florenz,

deren Baugeschichte einen seltenen novellistischen Reiz besitzt, die

Kirche S. Lorenzo und S. Spirito, der Palast Pitti ebendort) ging er

jedoch nicht mit der Halsstörrigkeit eines Theoretikers vor, wusste

vielmehr mit seltenem Geschicke die durch das Studium der Antike

erworbenen technischen Erfahrungen den traditionellen Bauformen

anzupassen. Viel systematischer und einseitiger ist _Alberti_'s Wirken,

welchem die wissenschaftliche Begründung des Renaissancestyles, die

gründliche, aber desshalb auch nüchterne Nachbildung der römischen

Bauweise verdankt wird. Die Künstlergeschichte und die Geschichte der

Bautechnik räumt dem allseitig gebildeten, rastlos thätigen Meister

einen hervorragenderen Platz ein, als die Kunstgeschichte, welche ihn

wegen seiner abstrakt-gelehrten Richtung tief unter _Brunelleschi_

stellen muss. Seine unbedingte Verehrung der römischen Antike hatte

zwar in der Baukunst weniger unglückliche Folgen, als in der Poesie,

wo er das antike Versmaass auf italienische Gedichte zu übertragen

versuchte, führte ihn aber auch hier zu mannigfachen Missgriffen, so

wenn er z. B. die Façade an der im gothischen Style begonnenen Kirche

S. Francesco in Rimini einem römischen Triumphbogen nachbildet (1450),

und dieser Kirche eine nach dem Muster des Pantheon errichtete Kuppel

aufzusetzen beabsichtigt, oder wenn er die Kirche S. Andrea in Mantua

(erst nach seinem Tode vollendet) mit einem kassettirten Tonnengewölbe

bedeckt. Ausser diesen und anderen Kirchenbauten verdankt _Alberti_

auch der Palast Ruccellai in Florenz die Entstehung, seinen Schriften

aber: de re ædificatoria, l. X, de pictura l. III. und breve compendium

de componenda statua, die neuere Kunst ihre erste wissenschaftliche

Begründung.

Die Bauthätigkeit der florentinischen Zeitgenossen _Brunelleschi_'s

umfasst die mannigfachsten Gegenstände. %Kirchen%: S. Bernardino

in Perugia von _Agostino di Duccio_, dessen Ungeschick als Bildner

_Michelangelo_ die Gelegenheit gab, seine technische Meisterschaft

zu beweisen; Madonna del Calcinajo bei Cortona von _Francesco di

Giorgio Martini_ (geb. 1439); die Kirchen in der Stadt %Pienza%,

deren Bauwerke in einer Zeit und wie aus einem Gusse hervorgegangen,

treffliche Beispiele der neueren italienischen Architektur bieten,

von _Bernardo Rossellini_; mehrere römische Kirchen: S. Maria del

Popolo, die sixtinische Kapelle (1473), S. Agostino, sämmtlich von

_Baccio Pintelli_, welcher, wie alle früher genannten Meister, auch

als Civilbaumeister (Palast in Urbino, an welchem auch ein Slavonier,

_Luciano Laurana_, arbeitete, Ponte S. Sisto) eine grosse Thätigkeit

entwickelte, und ähnlich, wie _Brunelleschi_, noch in Einzelnheiten

die mittelalterliche Bautradition (Kreuzgewölbe, Fensterrosen)

festhielt; %Klosterbauten und Kapellen%, S. Marco in Florenz von

_Michelozzo Michelozzi_ ([+] nach 1472); andere Werke von demselben

Meister in Fiesole, Assisi; %Paläste%: in Florenz von _Michelozzo_,

_Simone Cronaca_ ([+] 1508), _Benedetto da Majano_, in Pienza von

_Rossellini_, in Siena, Urbino, Rom (venetianischer Palast von

_Giuliano da Majano_); %Triumphbogen%; Thore, Befestigungsbauten u.s.w.

Alle diese Meister bilden zusammen eine verwandte Künstlergruppe; sie

beschränken ihre Thätigkeit nicht auf einen Ort, sondern wirken in

einem weit ausgedehnten Kreise; doch bleiben neben ihnen, besonders

in Oberitalien, noch einzelne Lokalschulen bestehen, so in %Bologna%

(Laubengänge), in %Venedig% (Familie der Lombardi), dessen Kirchen

zahlreiche Motive dem byzantinischen Markusbaue entlehnen, und auch

in den Renaissancebauten (S. Zaccaria) eine eigenthümliche Ornamentik

bekunden, %Verona% (die Geburtsstätte des _Fra Giocondo_ [g. 1453],

dessen Thätigkeit als Baukünstler über Verona, Venedig [Entwurf zur

Rialtobrücke, welche aber nach dem Plane des _Scarpagnino_ und 1588

nach jenem des _Giovanni da Ponte_ ausgeführt wurde], Rom, Paris sich

erstreckt, dessen Namen auch in der antiquarischen und philologischen

Welt ruhmvoll klingt), %Mailand% u. s. w.

§. 95.

Die weitere Entwicklung der Architektur über diesen %älteren

Renaissancestyl% hinaus führt nicht zur fortschreitenden Vollendung.

Die Beziehungen zum unmittelbaren Leben und zur Tradition, die wir an

der Baukunst des 15. Jahrhunderts bemerkten, der berechtigte Rückhalt

gegen die unbedingte Aufnahme der Antike verschwinden, der Styl

wird schematischer, strenger den römischen Formen nachgebildet, die

Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Bauglieder noch mehr dem

individuellen Ermessen überlassen, der Composition hier die gleiche

Bedeutung wie in den Schwesterkünsten gegeben. Ein nicht minder

bezeichnendes Merkmal der italienischen Baukunst des 16. Jahrhunderts

ist die Fülle architektonischer Theorien, das nachhaltige Streben,

der neuen Bauweise eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, wie es

sich in den Lehrbüchern _Vignolas_, _Serlios_ und _Palladios_, in der

Lehre von den fünf Säulenordnungen (die sogenannte toskanische ist

die fünfte) kundgibt. Nirgend besser als an der Baugeschichte der

Peterskirche in Rom lassen sich die Wandlungen des Renaissancestyles

verfolgen.

[Illustration: Fig. 89. Grundriss der Peterskirche.]

Das fünfzehnte Jahrhundert hatte die Macht des Papstthums zu neuer

Blüthe gebracht, der päpstliche Hof seit _Nikolaus V._ und _Sixtus

IV._ der nationalen Bildung die gleiche Theilnahme zugewendet, wie

die anderen italienischen Fürsten. Rom, welches seit Jahrhunderten

neben Florenz, Siena, Pisa nur eine untergeordnete Stellung in

der italienischen Kunstgeschichte einnimmt, schickt sich an, den

Kunstreigen zu führen. Mit einer erhöhten Bauthätigkeit wird begonnen;

der Mittelpunkt der letzteren bleibt aber für mehr als ein Jahrhundert

die Peterskirche. Bereits unter _Nikolaus V._ entwarf _Rossellini_

den Plan zum Neubau, und es wurde hinter der alten Basilika der

Grund zu demselben gegraben. Nach einer Unterbrechung von fünfzig

Jahren wurde (1506) an die Fortsetzung des Begonnenen gedacht,

_Rossellinis_ Plan aber nicht im Geringsten beachtet, sondern von

_Donato Bramante_ (1444-1514), welcher schon früher in Mailand und

in Rom selbst (Belvedere im Vatikan) grössere Bauten geleitet, ein

neuer Plan ausgearbeitet. Nach demselben erhielt die Kirche die Form

eines griechischen Kreuzes mit einer Kuppel in der Mitte zwischen zwei

Glockenthürmen, und einem sechssäuligen Portikus an der Vorderseite.

Die Hauptpfeiler der Vierung, die Tribüne und das südliche Querschiff,

wurden noch zu _Bramantes_ Lebzeiten, und zwar hastiger, als es für

die Dauerhaftigkeit des Baues gut war, in die Höhe gebracht, der Bau

dann unter der Leitung _Giulianos da San Gallo_ (_di Bartolo_), von

welchem unter anderen die Umwandlung des Mausoleums _Hadrians_ in das

Castell S. Angelo herrührt, des _Giocondo da Verona_ und _Raphael_,

dessen Privatbauten in Rom (P. Vidoni) und Florenz (P. Pandolfini)

noch erhalten sind, fortgesetzt, dabei aber der Entwurf _Bramantes_

wenig beachtet. Was _Raphael_ vorgeschlagen, stürzte wieder sein

Nachfolger im Amte: _Balthasar Peruzzi_ aus Siena (1480-1536); dieser

ging vom lateinischen Kreuze im Grundrisse auf das griechische

zurück, gab jedem Arme die Form eines Halbkreises, setzte über die

vier Winkel des Kreuzes Glockenthürme, und umgab die grosse Kuppel

mit vier kleineren. Die schwierigen Zeitverhältnisse verhinderten

den raschen Aufbau, und gaben den Nachfolgern _Peruzzis_ Gelegenheit

zu neuen Plänen. Jene waren _Antonio da San Gallo d. j._ ([+] 1546),

dessen überladenes Modell der Peterskirche sich erhalten hat, aber

weniger zu Gunsten seines Schöpfers spricht, als der von ihm begonnene

und von _Michelangelo_ vollendete Palast Farnese und %Michelangelo%

selbst. Ihm verdankt das gegenwärtige Gebäude vorzugsweise seine

Entstehung (Fig. 89); seine Vollendung aber, wieder mit beträchtlichen

Abweichungen von dem Entwurfe _Michelangelos_, fällt erst in das

17. Jahrhundert. Die Kuppel wurde 1590 geschlossen, später durch

_Carlo Maderno_ der Westarm verlängert, also doch endlich die Form

des lateinischen Kreuzes durchgeführt, und von _Bernini_ der Bau

der Glockenthürme zu beiden Seiten der Vorhalle begonnen. Dieselbe

Leichtfertigkeit, welche den Kuppelbau charakterisirt, -- fast alle

Nachfolger _Bramantes_ begannen ihre Thätigkeit mit der Verstärkung

der Kuppelstützen, -- zeigte sich auch hier, und verhinderte den

Aufbau derselben. Auch fertig geworden, hätten sie das nichtssagende

Wesen der Façade wenig verändert. Wenn man mit dieser mäkelnden

Willkür, dieser unruhigen Planmacherei die Baugeschichte des anderen

Riesenwerkes der christlichen Kunst, jene des Kölner Domes, vergleicht,

so fühlt man rasch den Hauptmangel des Renaissancestyles heraus,

nämlich den Mangel an organischer Nothwendigkeit. Am wenigsten trifft

diese Rüge die Palastanlagen, bei welchen die glückliche Massenwirkung,

der regelmässige Wechsel der Säulenordnungen, das reine Verhältniss

der einzelnen Bauglieder zu einander und die reiche Dekoration auch

im 16. Jahrhundert vorherrscht. Rom zählt zahlreiche Paläste und

Villen aus dieser Zeit, z.B. den Palast Farnese von _A. Sangallo_, die

Farnesina von _Peruzzi_, die Cancelleria von _Bramante_, die Villa Pia

von _Pirro Ligorio_, den Lateran von _D. Fontana_ (1543-1607), andere

Bauten von _Vignola_, _Giulio Romano_ u. s. w. Auch Florenz (Ausbau

des Pittipalastes durch _B. Ammanati_ [1510-1592], _Baccio d'Agnolo_)

und Genua, der Hauptschauplatz der Thätigkeit _Galeazzo Alessis_ aus

Perugia (1500-1572), welchem die Strada nuova, die Kirche S. Maria

di Carignano, ein quadratischer Kuppelbau, der Palast Sauli ihre

Anlage verdanken, gehen auf die durch _Bramante_ angeregte Richtung

ein. Der venetianische Palaststyl des 16. Jahrhunderts schliesst sich

gleichfalls der antiken Formenbildung an, weiss sie aber mit der

traditionellen offenen Façadenarchitektur glücklich zu verbinden. Neben

der Schule _Bramantes_ und _Michelangelos_ wird die venetianische

Bauschule als Vorbild für die folgenden Zeitalter maassgebend. Sie

zählt zu ihren Häuptern _Sansovino_ (eigentlich _Jacopo Tatti_ aus

Florenz [1479-1570], dessen Künstlerruhm und persönliches Leiden

sich an den Bau der Markusbibliothek knüpft), _Sanmicheli_, _Giov.

da Ponte_, und namentlich _Andrea Palladio_ (1518-1580). Der Stadt,

welche ihn geboren, Vicenza, widmete er auch seine grösste Thätigkeit.

Ausser dem von ihm restaurirten Rathhause zählt man noch die Paläste

Prefettizio, Chiericati, Tiene, Ca' del Diavolo, Barbarano, Valmarana,

Capitanale, das Teatro Olimpico nach römischen Mustern und die nahe

gelegene, von _Goethe_ gepriesene Rotonda Palladiana, ein Kuppelraum

mit vier Portiken, als seine Werke auf. Anderes baute er oder wurde

nach seinen Rissen in Florenz, Venedig gebaut. Hier stammt auch ein

vielbenütztes neueres Kirchenmuster: il Redentore, von ihm (Fig.

90). Die Kirche ist einschiffig, mit Seitenkapellen, das Querschiff

im Halbkreise geschlossen, über der Vierung eine Kuppel errichtet.

Halbkreisfenster schneiden in das Tonnengewölbe, ein Giebelbau

römischer Ordnung bildet die Mitte der Façade, und wird unorganisch

genug von zwei Halbgiebeln, die für das Auge sich hinter dem

Mittelbaue ergänzen sollen, begrenzt. Im Gegensatze zu den älteren

Renaissancekirchen und den Palastanlagen wird nur eine Säulenordnung

angebracht, die Sitte, mehrere Säulenreihen übereinander zu setzen,

aufgegeben. Auch die Façade zu der von _Sansovino_ gebauten Kirche

Franc. della Vigna ist _Palladios_ Werk. Dass ein Zeitgenosse den Plan

_Sansovinos_ dahin abändern wollte, dass die Breite des Schiffes =

9 sei, dem Quadrat der heil. Dreizahl, und die Länge = 27, und dies

Gesetz aus _Platon_ ableitete, kann als Beweis für die Fortdauer der

Zahlenmystik gelten, welche man bekanntlich den mittelalterlichen

Bauten zu Grunde legen will. Aus Vicenza stammt auch der dritte

Hauptmeister der venetianischen Baukunst, _Vincenzio Scamozzi_, durch

seinen römischen Aufenthalt 1579 in der Liebe zur Antike befestigt, ein

scharfsinniger Erklärer des _Vitruv_ und eifriger Geschichtsschreiber

seiner Kunst, dessen Bauentwürfe auch in Deutschland (Salzburg,

Prag) gesucht wurden. Die neuen Prokuratien in Venedig zeigen ihn,

einen Schüler _Sansovinos_, glücklicher darin, was er dem Meister

nachbildete, als worin er selbständige Formen versuchte. Noch

zahlreicher als _Bramantes_ ist die Schule _Palladios_, und wenn auch

im Allgemeinen das Schicksal der Architektur theilend, so hält sie doch

länger an reinen Linien und geschmackvoller Einfachheit fest.

[Illustration: Fig. 90. Grundriss der Kirche il Redentore zu Venedig.]

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 20 / 33 题