3. Die Bildnerei und Malerei.[71]

§. 86.

In den Händen der Kirche ruhte die Baukenntniss, ihrer Pflege waren

auch die Künste der Malerei und Bildnerei anvertraut. Neben den

Gegenständen, welche das religiöse Bewusstsein der künstlerischen

Phantasie zuführte, traten alle übrigen in den Hintergrund zurück,

ebenso wurde die Auffassung, die formelle Seite der Phantasie, von

dem christlichen Geiste geregelt, und schliesslich auch die Technik

vorzugsweise in geistlichen Kreisen bewahrt, und fortgebildet. Kam

auf solche Art, namentlich in die frühmittelalterliche Kunst, eine

lebendige Einheit, so fehlte es dennoch nicht an einer Mannigfaltigkeit

des Styles, an scharfen Gegensätzen der verschiedenen Kunstkreise.

Auch wurden die verschiedenen Gattungen der bildenden Künste

nicht überall mit dem gleichen Erfolge geübt, vielmehr eine fast

ausschliessliche Vorliebe bald der einen, bald der anderen Kunstgattung

zugewendet. Zunächst muss die italienische Kunst von der deutschen

oder germanischen überhaupt streng geschieden werden. Dort ist

gerade diejenige Periode, welche in der germanischen Kunstwelt an

selbständigen Bestrebungen den grössten Reichthum entwickelt, die

Zeit vom 11.-13. Jahrhundert, ohne alle grössere Regsamkeit, getheilt

zwischen byzantinischen Einflüssen und einem verwilderten einheimischen

Style. Der letztere macht sich besonders in den Hochreliefs

(Bronzethüren in Trani von _Barisanus_, in Monreale von _Bonannus_,

einem Pisaner, 1186, im lateranensischen Baptisterium von _Hubertus_

und _Petrus_ aus Piacenza 1203 gefertigt) und in Steinskulpturen

geltend. Diesseits der Alpen hat das grössere oder geringere Festhalten

an der römischen Tradition, das verschiedene Maass byzantinischer

Einwirkungen, der Einfluss hervorragender kirchlicher Persönlichkeiten,

welche Kunstweisen der einen Landschaft in die andere verpflanzten, und

schliesslich die höhere oder niedere Kunstbegabung der einzelnen Stämme

eine grosse Zahl von Kunstschulen geschaffen, deren Entwicklung und

nähere Geschichte leider noch in das grösste Dunkel gehüllt ist.

Ob auch auf dem Gebiete der Bildnerei und Malerei in %Frankreich%

der Norden und der Süden scharf gesondert sind, und in der letzteren

Landschaft eine lokale byzantinische Schule sich behauptet, ist nicht

genauer nachgewiesen, aber sehr wahrscheinlich. Für die letztere

Thatsache spricht namentlich der Umstand, dass in Limousin, dem

Hauptsitze byzantinischer Architektur, sich die Emailmalerei als

besondere Specialität entwickelte, deren Pflege bekanntlich Byzanz sich

angelegen sein liess, und welche durch Venedigs Vermittlung leicht in

Limousin heimisch werden konnte. Für zwei Gattungen der Emailmalerei

wenigstens: für die _émaux de niellure_ (Ausfüllung der vertieften

Umrisse durch einen schwarzen Schmelz) und für die _émaux cloisonnés_

(Zwischenfäden aus Gold zwischen den Farben) muss das byzantinische

Vorbild festgehalten werden.[72] Auch darüber sind wir im Unklaren,

in wie weit die anderen Hauptstätten der Email- und Goldschmiedkunst:

Nanzig und Köln, von Limoges abhängig sind, und ob die byzantinischen

Vorbilder hier überall eine altbestehende Kunstübung nur auffrischten

(denn die Emailmalerei war bereits den Aegyptern bekannt) oder den

Kunstzweig neu schufen; dagegen ist die selbständige Entwickelung der

nordfranzösischen Kunst und der grosse Reichthum nordfranzösischer

Kirchen an bildnerischem und malerischem Schmucke eine unbestrittene

Thatsache. Unmittelbar an karolingische Werke reihen sich die

Wandgemälde von Auxerre, S. Venne, Rheims, Clugny, S. Savin, und

weiter S. Denys, Vezelay, Charlieu, S. Jean in Poitiers, Alby u. s. w.

an. Die Fülle plastischer Werke, namentlich an den französischen

Kathedralen (Chartres, Paris, Amiens, Rheims u. a.), aus dem 13. und

14. Jahrhundert trotzt jedem Versuche einer vollständigen Aufzählung.

Die mittelalterliche Kunst in %England% ist, mit Ausnahme der

Architektur, noch keiner näheren Untersuchung gewürdigt worden. Wie

überall, so gab auch hier der gothische Styl den Impuls zu einer

erhöhten bildnerischen Thätigkeit, und wurden seit dem 13. Jahrhundert

die Kathedralen mit Statuen und Reliefs geschmückt. Es scheint

jedoch die Bildnerei nicht ausschliesslich aus heimischen Wurzeln

sich entwickelt zu haben, vielmehr werden besonders unter _Heinrich

III._ italienische Künstler in England thätig angeführt. Ausser

Lincoln, Wells, Salisbury, Canterbury ist die Westminsterabtei für

die Erkenntniss der altenglischen Bildnerei von grosser Wichtigkeit

(Grabstatuen König _Heinrichs III._ und der Königin _Eleonore_ von

_William Forel_, jene _Eduards III._ und die Skulpturen in der Kapelle

_Heinrichs VIII._). Für die spätere Zeit des Mittelalters (14. u. 15.

Jahrhundert) sind als charakteristisch die gravirten Bronzeplatten

auf Gräbern anzuführen, deren bekannte Zahl bereits mehrere Hundert

übersteigt, und welche sämmtlich so gearbeitet erscheinen, dass die

figürlichen und ornamentalen Theile im äusseren Umrisse ausgeschnitten,

in einen steinernen Grund eingelassen werden.[73] Ganz die gleiche

Technik ist am Rheine üblich, mit der einzigen Ausnahme, dass statt

Bronze Marmor angewendet ist, welcher gleichfalls in eine andere

steinerne Platte eingelegt wird (Maria im Capitol, Bonn u. s. w.),

während die nicht minder zahlreichen Metallplatten Norddeutschlands

(Verden, Lübeck, Schwerin Grabplatte Bischof _Friedrichs_ [v. J. 1315],

Stralsund, Thorn, Wismar, Lüneburg, Leubus a. d. Oder und ähnliche in

Dänemark und Schweden [Aker im Upland, Dom in Upsala bei Abo]), ein

solches Einlassen nicht kennen.[74] Von der Meinung, als hätten diese

gravirten Grabplatten, welche auch in Frankreich (Paris und Umgebung)

zahlreich vorkommen (Fig. 86), den Bilderdruck und Kupferstich

vorbereitet, ist billig abzusehen, der Gebrauch gravirter Zeichnungen

auf Metall auch um mehrere Jahrhunderte älter, als die oben angeführten

Metallplatten. Als Beispiele seien hier angeführt, die gravirte

Rückseite eines goldenen Kreuzes des Bischofs _Bernward_ in Hildesheim

(Magdalenenkirche) aus dem 11., und die 16 gravirten Tafeln an dem

Kronleuchter, welchen _Friedrich Barbarossa_ in das Aachener Münster

schenkte, aus dem 12. Jahrhundert.

[Illustration: Fig. 86. Gravirte Grabplatte (XIII. Jahrh.) in Reims.]

Von englischen Wandgemälden des 12. und 13. Jahrhunderts haben sich

Reste in der Grafschaft Norfolk erhalten; andere wurden in Penally

(bei Tenby), Stedham aufgedeckt. Die Westminsterabtei bewahrt die Reste

eines Altarbildes aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, auf Goldgrund

musivisch ausgelegt, aus welchen Angaben wenigstens die regsame Pflege

der Malerei erhellt, wenn auch über den Werth dieser Werke und die

Entwicklung der Schule nichts Näheres bekannt ist.

Aehnlich, wie in Limousin, begegnet uns auf wallonischem Boden, in

%Dinant% bei Namur, eine Spezialität: der Metallguss. Nicht allein die

Technik war hier in hohem Grade entwickelt, auch der Formsinn zeigt

eine Vollendung, wie sie nur bei inniger Bekanntschaft mit der antiken

Tradition erreicht werden konnten (Taufbecken in S. Barthélemy zu

Lüttich vom Jahre 1112, von _Lambert Patras_ aus Dinant angefertigt).

Wandgemälde sind bis jetzt in den Niederlanden in geringer Zahl

aufgedeckt worden (Hôpital de la Biloque zu Gent (13. Jahrhundert),

Schloss zu Nieuport, Gorkum); ihr Styl und die Darstellung soll jener

von Glasgemälden entsprechen. In Holland kennt man Wandgemälde in der

Petrikirche zu Löwen, in Botsward, in der Buurkerke zu Utrecht u. a.

Ueber die %deutschen% Kunstschulen des tieferen Mittelalters gilt im

Allgemeinen Folgendes: Am %Rheine% zeigt die Bildnerei keineswegs die

antike Tradition so lebendig, als man auf diesem mit römischer Kultur

gesättigten Boden vermuthen sollte. Für die barbarische Rohheit des

Pfarrthores zu Remagen aus dem 11. Jahrhundert muss das Ungeschick des

Künstlers einstehen. Dagegen können wohl die fast rund gearbeiteten

Reliefs (das Leben Jesu) an der Holzthüre in Maria auf dem Kapitol (u.

1050) als ein Beispiel des damals gültigen Styles dienen. Sie zeigen

das Studium des menschlichen Körpers in gröbster Weise vernachlässigt,

und selbst das Ornament in den primitiven Zustand zurück versetzt. Auch

die Relieffigur der Plektrudis an der Aussenseite derselben Kirche

eingemauert (12. Jahrhundert) ist von keinem individuellen Leben

durchweht. Wunderbar gross und vom reinsten Formengefühle durchdrungen,

erscheint daneben die Wandmalerei. Der Aberglaube, als wäre das tiefere

Mittelalter in der Malerei gänzlich unfruchtbar geblieben, schwindet

immer mehr im Angesichte der täglich wachsenden Entdeckungen alter

Wandgemälde des 12. und 13. Jahrhunderts. Die Liebfrauenkirche zu

%Halberstadt%, die Klosterkirche %Neuwerk% bei Goslar, die Krypta

der Stiftskirche in %Quedlinburg%, der Dom zu %Bamberg%, jener zu

%Braunschweig%, die Decke in S. Michael zu %Hildesheim%, Methler bei

Dortmund, der Kapitelsaal in %Brauweiler%, ehemals %Ramersdorf% bei

Bonn, zeigen mehr oder weniger gut erhaltene Reste monumentaler Malerei

aus der romanischen und gothischen Periode. Als das vorzüglichste

Werk müssen aber die erst jüngst gänzlich aufgedeckten Wandgemälde

in der Unterkirche zu %Schwarzrheindorf% bei Bonn, aus der zweiten

Hälfte des 12. Jahrhunderts, gelten. Sie haben hinsichtlich der

Gedankenfülle und der Einheit der Composition gleichen Rang mit den

Brauweiler Fresken, überragen sie aber noch in der Reinheit der

Zeichnung und Lebendigkeit des Ausdruckes. Ueber den Ursprung und die

Entwicklung dieser rheinischen Malerschule, mit deren Werken sich weder

gleichzeitige italienische, noch spätere deutsche Werke messen können,

haben wir eben so wenig eine nähere Kunde, als über die Bildnergruppe

in Sachsen aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, welche mit Unrecht

von italienischen Meistern abgeleitet wurde. Den ältesten Werken

der sächsischen Bildhauerschule sind beizuzählen die Reliefs in der

Liebfrauenkirche zu Halberstadt: Madonna, Christus und die 12 Apostel

in einer Gypsmasse gearbeitet, dann die Hochreliefs über den Kapitälen

der Seitenschiffe und an der Mauer, welche den Chor von den Querflügeln

trennt, in S. Michael zu Hildesheim, die Engel über den Bogenarkaden

in Hecklingen, die Reliefs im Dome zu Bamberg (Georgschor). Die

vollendetsten Werke sind aber nicht in Niedersachsen, sondern

östlicher in %Wechselburg% und %Freiberg% im Erzgeb. zu suchen.[75]

Die Reliefs an der Kanzelbrüstung zu Wechselburg (eigentlich Kloster

Zschillen), deren Entstehung ungefähr in das Jahr 1184 fällt, stellen

Christus thronend und von den Evangelistenthieren umgeben vor, ihm zur

Seite Maria und Johannes, in den andern Feldern Abrahams Opfer, die

Aufrichtung der ehernen Schlange, und unter dem letzteren Bilde das

erste Brandopfer Abels und Kains. Die geringe Kenntniss des Nackten

erscheint ebenso auffallend, als die Schönheit der Motive in den

Köpfen und Gewändern. Nur wenig jünger ist die %goldene Pforte% in

Freiberg. Zwischen den Säulen des Portals erheben sich freie Statuen:

Noah, David, Salomon, Daniel, Johannes d. T. u. s. w.; in der Lunette

ist die Anbetung der heiligen drei Könige (Fig. 87) dargestellt, und

auch die Bogenwölbungen mit Figurenreihen ausgefüllt. Composition und

Ausführung des früher vergoldeten und bemalten Werkes ist von gleicher

Vortrefflichkeit, der Styl der Gewänder im Geiste vollendeter Plastik.

Das gleiche Lob gilt von einem überlebensgrossen Kruzifix (aus Holz),

von Maria und Johannes umgeben, im Museum für mittelalterliche Kunst

in Dresden, von den Reliefs am Altare zu Wechselburg u.a. Wie wenig

aber diese lokale Kunstblüthe geeignet ist, den allgemeinen Zustand der

deutschen Bildnerei zu versinnlichen, zeigen die %Externsteine% bei

Horn im Lippischen aus dem Anfange des 12. Jahrhunderts (Kreuzabnahme

und der Sündenfall, in den lebendigen Felsen gemeisselt), und die

überaus barbarischen Reliefs am Portale von S. Jakob in %Regensburg%,

welche in die gleiche Zeit mit den Freiburger Skulpturen fallen,

im Inhalte wie in der Form aber einer ganz verschiedenen Kunstwelt

angehören. Ueber den Styl des neuentdeckten Reliefs im Georgskloster zu

Prag (1150) fehlen nähere Nachrichten.

[Illustration: Fig. 87. Skulptur von der goldenen Pforte in Freiberg.]

§.87.

Der kirchlichen Einheit, welche die mittelalterliche Kunst durchweht,

wurde die Mannigfaltigkeit der National- und Lokalschulen gegenüber

gestellt. Mit jener Einheit ist aber noch keineswegs der gemeinsame

Charakter, namentlich der Bildnerei des Mittelalters, erschöpft. Als

durchgreifend bemerkt man auch noch die Abhängigkeit der letzteren von

der Architektur und die Identität der Gesetze, welche hier wie dort den

Entwickelungsgang bestimmen. Die Abhängigkeit von der Architektur zeigt

sich darin, dass der Bildnerei selten eine selbständige Stelle gegönnt,

ihre Werke grossentheils als architektonischer Schmuck behandelt

werden. Die Bedeutsamkeit des architektonischen Raumes, wie z. B. des

Portales, wird in den Bildwerken näher erklärt, jener liefert den Stoff

und die Motive für die letzteren. Zum architektonischen Organismus

gehörig, erhalten die Skulpturen auch eine architektonische Form;

als Bildungsgesetz gilt eine allgemeine Regelmässigkeit, gleichsam

ein geometrisches Schema, ohne Bedachtnahme auf die besonderen

Gesetze der plastischen Leiblichkeit. Auch dies ist ein Ausfluss des

architektonischen Verhaltens, dass die Formenbildung zuweilen an das

Ornamentale streift. Bei diesem engen Zusammenhange war es natürlich,

dass die Schicksale der Baukunst in dem Fortgange der Bildnerei und

Malerei sich treu und deutlich abspiegeln. Die der romanischen Baukunst

anhaftende antike Tradition taucht auch und in noch viel stärkerem

Grade in den Schwesterkünsten auf, und kommt hier sowohl in zahlreichen

symbolischen Vorstellungen, wie in äusseren Formen nach. Die strenge

Gebundenheit in den romanischen Bauformen kommt in den bildenden

Künsten als Mangel an freiem Natursinne vor, und charakterisirt

namentlich die Bildwerke des 11. Jahrhunderts. Der Aufschwung der

deutsch-romanischen Architektur am Schlusse des 12. Jahrhunderts theilt

sich der Bildnerei mit, besonders ist beiden Kunstgattungen in dieser

Periode der nähere Anschluss an die Antike gemeinsam. Diese Identität

des Entwicklungsganges der Architektur und der anderen Künste lässt

sich sogar in den einzelnen Landschaften nachweisen, wie z. B. in

Sachsen, in der rheinischen, süddeutschen Kunst. Die Blüthe der Plastik

in der erstgenannten Landschaft wurde durch die Richtung, welche der

romanische Baustyl daselbst nahm, wirksam vorbereitet; die geringe

Bedeutung der Plastik am Mittelrheine erklärt sich aus dem Charakter

der dortigen Architektur, der ausschliesslichen Entwickelung des

Gewölbebaues, ohne Rücksicht auf die Durchbildung des Details und die

dekorative Schönheit. Im 13. Jahrhundert tritt ein neues Bauprincip die

Herrschaft an; demselben entsprechend, verändert sich der Formenkanon

der Malerei und Bildnerei. Die Gestalten werden gestreckter,

schärfer in den Bewegungen, individueller im Ausdrucke; ein freier

Natursinn vermehrt nicht nur die Motive, die nun zur künstlerischen

Darstellung gelangen, und lässt auch weltliche Gegenstände die

Phantasie bevölkern, sondern bringt auch in die Körperformen, in die

Gewandung, in die Köpfe der Gestalten ein neues, individuelles Leben.

Dies gilt nun freilich nicht von allen Kunstwerken der gothischen

Periode (1250-1400); im Gegentheil ist die Mehrzahl derselben in der

Ausführung von keinem erheblichen Werthe; es trifft aber bei den mit

der Architektur unmittelbar verbundenen Skulpturen häufig zu (Naumburg,

Meissen, Bamberg, Liebfrauenkirche in Trier, Kölner Dom, Strassburger

Münster, Nürnberger Lorenzkirche). Die einzelnen Werke dieser Periode

einzeln vorzuführen, ist nicht zulässig; die Angabe der Gattungen,

in welchen sich der Kunstsinn der gothischen Periode vorzugsweise

bethätigte, muss genügen. Dass die Portale, die Nischen der Façade,

die Tabernakel an den krönenden Thürmchen mit statuarischem Schmucke

reich bedacht waren, wurde bereits oben erwähnt. Auch im Innern der

Kirchen fanden Statuen an den Pfeilern eine passende Stelle. Um sie

in Harmonie mit dem Farbenreichthume der architektonischen Glieder zu

bringen -- denn auch das Mittelalter kannte und übte die Polychromie

in der Architektur -- wurden dieselben vollständig bemalt, bei der

Bemalung aber nicht das Hervorheben der plastischen Formen, sondern

die Annäherung an die natürliche Wirklichkeit zum Gesetze genommen.

Die reichsten und glänzendsten Beispiele %polychromischer Skulptur%

liefern die Statuen an den Chorpfeilern im Kölner Dom und Aachener

Münster aus dem 14. Jahrhundert; die ersteren besitzen noch die

andere Bedeutung, dass sie Zeugniss ablegen für die hohe Blüthe

der Goldschmiedkunst und Emailmalerei im alten Köln. Nur wo diese

Künste blühen, konnte die an den Gewändern der Statuen bemerkte

Technik: Glasflüsse auf Goldgrund u. s. w., angewendet werden. Der

Holzschnitzerei bot sich in den grossen %Altarwerken% des späteren

Mittelalters ein weiter Spielraum dar. Sie wurden als Flügelschreine

gebildet, das Innere mit Relieftafeln ausgefüllt, die Aussenseiten

mit Gemälden geschmückt. Die Composition ging stets über die Grenzen

der Plastik hinaus, und schweifte in das Gebiet der Malerei hinüber.

Sie legte einen Hintergrund an, ordnete die Figuren über und hinter

einander, und verlieh auch den einzelnen Gestalten in der Haltung

und im Ausdrucke einen malerischen Schein. Die Rücksicht auf das

Holzmaterial, auf die architektonische und malerische Umgebung, und

das immer stärker auftauchende realistische Kunstprincip führte zur

durchgängigen Bemalung der Altarschreine. Derartige Holzskulpturen sind

besonders seit dem 14. Jahrhundert in allen deutschen Landschaften

heimisch; zu vorzugsweiser Vollendung scheinen sie aber in Pommern[76]

gelangt zu sein. Als das bedeutendste Werk wird der Altarschrein in

Tribsees (Regierungsbezirk Stralsund) genannt, aus dem Ende des 14.

Jahrhunderts, die symbolische Verherrlichung der Transsubstantiation

darstellend, roh in den Gedanken, von grosser Schönheit jedoch in

Linien und Formen. Andere Schreine sind in Treptow a. d. R., in der

Nikolaikirche zu Stralsund, in Stargard u. s. w. vorhanden. Von älteren

Werken dieser Gattung bleibt noch der Clarenaltar im Kölner Dome aus

dem 14. Jahrhundert zu erwähnen.

Auch %Grabsteine% bildeten einen reichen Stoff für die bildnerische

Thätigkeit. Jene der gothischen Periode unterscheiden sich von

der romanischen vorzugsweise durch den verschiedenen Formenkanon

an den figürlichen Gestalten, dann aber auch durch die grössere

Einförmigkeit des Stoffes: Sandstein und Metall, während in den

früheren Jahrhunderten auch emaillirte Grabplatten (S. Maurice in

Angers 1149, Abtei Fontevraud, jetzt Museum in Mans, 1190) und

musivisch ausgelegt (jene des Laacher Abtes _Giselbert_ im Bonner

Museum) vorkommen, und später wenigstens durch die gleichmässige

Anlage: ein Sarkophag mit gothischer Dekoration, auf welchem die fast

rund gearbeitete Gestalt des Todten ausgestreckt ruht. Die Bemalung

der Figuren ist keineswegs auf die gothische Periode beschränkt;

man kennt polychromisch behandelte Grabplatten auch aus dem 12.

Jahrhundert: Grabstein des Grafen _von Gleichen_ und seiner Frauen im

Dome zu Erfurt; die Porträtstatue auf dem Grabe des _Richard Löwenherz_

in Fontevraud u. s. w. Die wichtigsten gothischen Grabdenkmäler

befanden sich im Dome zu Köln (_Konrad_ von Hochstaden aus Erz), Mainz

(Erzbischof _Siegfried_ und _Peter_), Elisabethkirche zu Marburg, Dom

zu Bamberg, Vincenz- und Kreuzkirche zu Breslau (Grab _Heinrichs II._

und _Heinrichs IV._ aus gebranntem Thone), Münster zu Basel (Königin

_Anna_), Reinhardsbrunn, Frankfurter Dom, S. Denys, Dom zu Amiens,

Narbonne u. s. w.

Unter den Gattungen der Malerei erscheint die %Glasmalerei%[77]

im innigsten Zusammenhange mit der Architektur. Dieselbe war zwar

schon im 10. Jahrhundert in Deutschland (Tegernsee) bekannt, und

schon im Anfange des 13. Jahrhunderts wird die dabei anzuwendende

Technik systematisirt (_diversarum artium schedula_ des _Theophilus

Presbyter_). So lange man sich aber damit begnügte, die Fenstergemälde

aus farbigen Gläsern musivisch zusammenzusetzen, und bloss die

Contouren mit Schwarzloth zu zeichnen, konnte die Glasmalerei

vorzugsweise nur in ihren dekorativen Theilen einen grossen Kunstwerth

beanspruchen. Darin leistete sie aber auch, wie namentlich die

zahlreichen französischen Glasmalereien des 13. und 14. Jahrhunderts,

und in Deutschland die gemalten Fenster in S. Cunibert und im Dome zu

Köln, im Strassburger Münster, an der Elisabethkirche zu Marburg u. a.

darthun, Ausserordentliches. Nicht allein die Gluth der einzelnen

Farbentöne, auch die Zusammenstellung der Farben, ihr reicher Wechsel

und die Verbindung heller mit dunkeln Farben ist der grössten

Bewunderung werth und zeugt von einem ausgebildeten Schönheitssinne. Im

15. Jahrhundert wurde die Technik zur grössten Vollkommenheit gebracht,

grössere Scheiben, zahlreichere Farben angewendet, die Kunst, mehrere

Farben auf einer Scheibe zu schmelzen erfunden, der figürliche Theil

besser bedacht, doch ging darüber das echte und alte Princip, welches

in den Glasgemälden nur durchscheinende Teppiche, nicht ausgeführte

Bilder schaffen wollte, bald verloren.

Alle oben angeführten Werke der Bildnerei und Malerei haben den

architektonischen Hintergrund gemeinsam, von welchem sie sich zwar

abheben, aber keineswegs zur Selbständigkeit ablösen. Isolirte

Bildwerke, wie sie die spätere Antike und die neuere Zeit so überaus

reichlich vorbringt, waren dem Mittelalter verhältnissmässig fremd.

Selbst der seit dem Ende des 10. Jahrhunderts wieder emporblühende

Erzguss wurde selten zur Darstellung selbständiger Statuen und

Bildwerke verwendet (Bernwardssäule zu Hildesheim, eine verjüngte

Nachahmung der Trajanssäule) (11. Jahrhundert), der eherne Löwe auf

dem Domplatze in Braunschweig (12. Jahrhundert), die Georgsstatue auf

dem Domplatze in Prag (1373); desto häufiger aber bei der Anfertigung

von Taufbecken (Dom in Hildesheim, 11. Jahrhundert), Grabplatten

(die älteste in Merseburg: Grabmal _Rudolphs_ von Schwaben u. 1080)

und Thürflügeln (Mainz 1007, Hildesheim 1015, Augsburg 1070, Gnesen,

Nowgorod) geübt.

Die grösste Betriebsamkeit herrscht jedoch in jenen Zweigen der

Kunst, wo auf dem technischen Theile das Schwergewicht ruht, und das

Handwerk die grössere Hälfte der Arbeit übernimmt. Von dieser innigen

Verbindung des Handwerkes mit der Kunst haben wir den rechten Begriff

verloren; für die künstlerische Würdigung des Mittelalters aber ist

gerade dieser, aus den damaligen Kulturverhältnissen leicht erklärliche

Umstand von der grössten Bedeutung. Hierher sind zu rechnen, die

zahllosen Werke der Goldschmiedkunst, sowohl in getriebener Arbeit,

wie mit Emailschmuck versehen. Altartafeln (jene König _Heinrichs II._

aus dem Basler Münster, jetzt im Museum Clugny, später umgearbeitet),

Antependien (Komburg in Schwaben), Reliquienkästen (überaus zahlreich

in den Rheinlanden: Aachener Münster, Kölner Dom, S. Ursula,

Andreas u. s. w. in Köln, Deutz, Siegburg, Kaiserswerth, Trier; in

Hildesheim, Marburg, Maastricht, Jouarre, Namur u. s. w.), Kronleuchter

(Aachen, Hildesheim), kleine Kandelaber, Kruzifixe, Monstranzen,

Kelche, Bischofsstäbe, Bücherdeckel u. a. beschäftigten reichlich

die im Dienste der Kirche thätigen Goldschmiede. Dazu kommen die

Elfenbeinschnitzereien, die Teppichweberei und Stickerei, die letztere

in Klöstern und von Frauen betrieben, und in England und Deutschland zu

besonderer Vollendung gebracht. Die Schatzkammern vieler Kirchen bergen

noch in Fülle derartige Werke (Halberstadt, Aachen u. s. w.), doch

mögen nur wenige die Grösse des Teppiches erreichen, welchen angeblich

die Königin _Mathilde_ zum Andenken an die Eroberung Englands durch

ihren Gemahl, _Wilhelm_, sticken liess, und welcher zu Bayeux bewahrt

wird. Er misst in der Höhe nur 19 Zoll, in der Länge aber 210 Fuss.

Schliesslich kommt noch die %Miniaturmalerei%[78] in Betracht. Es hat

zwar dieselbe nur in wenigen Fällen einen schöpferischen Formensinn

aufzuweisen, und überschreitet selten die Grenzen des zur Zeit

üblichen Kunststyles, ja hinkt vielfach demselben nach; doch bildet

sie wegen der festen Zeitbestimmung der einzelnen Handschriften den

grössten Urkundenschatz der Kunstgeschichte, ganz abgesehen von dem

Verdienste, welchen sie sich um die Bewahrung der künstlerischen

Tradition und die Erweiterung des Darstellungskreises erwirbt. Im

11. und 12. Jahrhundert nehmen die deutschen Miniaturen den ersten

Rang ein, und in Deutschland selbst wieder bilden bayrische Klöster

(Tegernsee) den wichtigsten Schauplatz künstlerischer Thätigkeit. Noch

fehlt es aber an einem ausgebildeten Formensinne, an einer frischen

Auffassung der Wirklichkeit. Wie alle übrigen Künste, so nähert sich

auch die Miniaturmalerei am Ende der romanischen Periode der Vollendung

und knüpft enger an die antike Tradition an. Daneben kommt auch die

Wirklichkeit im Kostüme, in den Waffen und Gerätschaften zu grösserem

Rechte; die noch mangelnde dramatische Belebung wird durch eine

eigenthümliche Geberdensprache, eine festgestellte überaus kräftige

Mimik, besonders der Hände, ersetzt, im ornamentalen Theile, z. B.

bei den Initialen, ein seltener Reichthum der Phantasie offenbar. Das

Machwerk ist übrigens äusserst mannigfach, jeder Grad der technischen

Ausführung von einfachen Umrisszeichnungen bis zu förmlichen Malereien

vertreten. Die wichtigsten Denkmäler der deutschen Miniaturkunst des

11. und 12. sind in Berlin (_Werinher's_ Gedicht vom Leben der Maria

aus Tegernsee, _Veldecks Eneidt_, gleichfalls aus Bayern stammend),

München (ausser mehreren Bamberger Missalen und Evangelarien des 11.

Jahrhunderts, ein Evangel. aus Kl. Niedermünster in Regensburg [12.

Jahrhundert] und das Evangelarium und Lectionarium des _Konrad_ von

Scheuern), Stuttgart (Weingartner und Zwiefaltner Codices), Trier

(Evangelarien aus _Kesselstadts_ Vermächtniss), Strassburg (_hortus

deliciarum_ der Herrad von Landsberg) u. s. w. aufbewahrt.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts gewinnt die Pariser Illuminirschule

den unbestrittenen Vorrang, sowohl hinsichtlich der Technik, wie in

Beziehung auf den Erfindungsgeist und die feinere Charakteristik

der Vorgänge, ohne aber die niederländischen Miniaturen des 14.

Jahrhunderts in der Naturwahrheit und in der kräftigen Färbung zu

erreichen. Von den deutschen Denkmälern des 14. Jahrhunderts ist

die Manessesche Minnesängerhandschrift (in Paris) unbedingt die

bedeutendste.

Als dasjenige Land jedoch, in welchem die Miniaturmalerei

verhältnissmässig die grösste Blüthe erreichte, muss %Böhmen%

bezeichnet werden. Nur die Anfänge dieser Kunst im 11. Jahrhundert

(Evangelarien in der Dom- und Universitätsbibliothek zu Prag)

weisen byzantinische Quellen auf; im 14. Jahrhundert machen sich

französisch-niederländische Einflüsse bemerkbar, sonst ging die

Entwicklung selbständig und namentlich von der deutschen Kunstweise

unabhängig vor sich. Die wichtigsten Monumente sind: die _mater

verborum_, 1102 von _Miroslav_ illuminirt, das Evangel. _Sobieslavs_

1060, _biblia pictorata_ (Bibl. des _F. Lobkowitz_ in Prag), die

Bibel von _Jaromierz_ 1258 (Maler _Bohusch_), das Passionale der

Abtissin _Kunigunde_ 1312 (Fig. 88) und dann die überaus zahlreichen

Codices aus der Zeit _Karl IV._, unter anderem zwei Gebetbücher des

Erzbischofs _Ernst_ 1350, der _liber viaticus_ des Bischofs _Johann_

von Leitomischl, das Missale des Bischofs _Johann_ von Olmütz, _Thomas

Stitnys_ Bücher von der christlichen Wahrheit 1376, sämmtlich mit

ausgeführten Gemälden und reichem Arabeskenschmucke. Die Zeichnung ist

frühzeitig entwickelt, scharf und lebendig, von besonderer Schönheit

jedoch das Colorit.[79] Der grösste Ruhm sammelt sich um den Namen des

_Sbisco_ von Trotina.

[Illustration: Fig. 88. Passionale d. Kunigunde.]

§. 88.

Die Betrachtung der formellen Entwicklung der mittelalterlichen Kunst

schob den Inhalt der Kunstvorstellungen in den Hintergrund. Irrthümlich

hält man denselben für unbedeutend und zerfahren, und meint sein

Wesen mit der Hinweisung auf das phantastisch-unklare Element in der

mittelalterlichen Kunstwelt ergründet zu haben. Das Fremdartige und für

uns Unverständliche sehr vieler künstlerischen Motive und Gestalten

kann nicht abgeläugnet werden, ebensowenig aber die Thatsache, dass

gerade nach dieser Seite die grösste Regsamkeit und das frischeste

Leben herrscht. Aus dem christlichen Geiste hervorgegangen, von

der kirchlichen Bildung gepflegt und getragen, nimmt die Kunst des

Mittelalters den %symbolischen% Zug in sich auf, und lässt diesen an

die Stelle der vollen historischen Realität treten. Symbolisch wird die

einzelne Gestalt aufgefasst, in der Schilderung über die leiblichen

Zustände hinausgegangen und das innere religiöse Seelenleben, so gut

es die beschränkten Mittel gestatten, dargestellt, symbolisch ist die

Geberdensprache der mittelalterlichen Kunst, ebenso wie der Nimbus,

die Glorie und Aureole. Ein symbolisches Gesetz bestimmt ferner die

Gruppirung und Anordnung der Einzelgestalten und durchweht selbst

ausgedehnte Bilderkreise. Der noch ungebrochene Zusammenhang mit der

altchristlichen Zeit und durch diese mit der Antike bringt eine ganze

Welt selbsterschaffener Gestalten allegorischer Natur besonders in

die romanische Kunst, welche sie weiter bearbeitet und vermehrt. Es

behalten noch bis in das 14. Jahrhundert die einzelnen historischen

Scenen ihre symbolische Geltung, und wird namentlich das alte Testament

als Vorbild des neuen Bundes dargestellt (Wandgemälde in Emaus zu

Prag, 14. Jahrhundert). Eine reiche, eigenthümliche Symbolik tritt

in der Darstellung der Thierwelt auf, deren Verständniss aber noch

sehr mangelhaft ist. Die mystische Zoologie des Mittelalters, in

den sogenannten Bestiarien niedergelegt, und bereits im 11. und 12.

Jahrhundert in Deutschland und Frankreich (nach einem griechischen

Originale) verbreitet, gibt in manchen Fällen die richtigen Fingerzeige

zur Erklärung der symbolischen Thiergestalten. Die Löwen und Basilisken

sind Masken des Teufels und werden demgemäss auch in Portalskulpturen

von den Füssen des Heilandes getreten. Der Phönix bedeutet wie das

Einhorn und der Pelikan Christus, die Eule (_niticorax_) Juden

u. s. w. In den meisten Fällen muss man aber auf den altgermanischen

Natursinn zurückgehen und in der deutschen Mythenwelt die Bedeutung

der mittelalterlichen Thiergestalten suchen. Auf dieselbe Quelle,

nur weniger unmittelbar, muss auch die humoristische Auffassung der

Thierwelt zurückgeführt werden, die bekanntlich in der germanischen

Poesie noch kräftiger auftritt, als in den bildenden Künsten, hier

aber, besonders in der späteren Zeit, eine derbe satyrische Färbung

annimmt (Brandenburg, Freiburg, Strassburg u. s. w.). Wie sehr dieser

symbolische Charakter der mittelalterlichen Kunst die Idealität des

Styles befördern musste, liegt auf der Hand; auf der anderen Seite

freilich lag die Gefahr einer Verwilderung der Gedanken, einer Willkür

in der Feststellung symbolischer Beziehungen nahe, welche auch seit dem

14. Jahrhundert vielfach bemerkt wird.

§. 89.

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bereitet sich im Kreise der

bildenden Künste ein Umschwung vor, welchen wir zunächst, allerdings

nur an äusseren Zeichen: Vortritt der Tafelmalerei, Entstehung von

Malerschulen, erkennen, welcher sich aber auch an wesentlichen inneren

Merkmalen: Ablösung der Malerei und Plastik von der Architektur,

Verfeinerung der Formen, Streben nach idealer Schönheit u. s. w.

kundgibt. Dieser Umschwung geht in Italien und Deutschland beinahe

gleichzeitig vor sich, verfolgt aber hier und dort verschiedene Wege.

Italien kann es nicht vergessen, dass Natur und Geschichte ihm die

Antike als heimathliche Kunst bestimmen; es nimmt die antike Tradition

nicht als ein einzelnes Bildungsmoment an, sondern sieht in der

Rückkehr zur antiken Formenwelt das Ziel seiner Entwicklung; es macht

mit der plastischen Auffassung der Natur und des Christenthums Ernst

und bindet auch die Malerei an plastische Gesetze. Die Idealgestalten

des Glaubens, nicht die in inniger Verehrung beharrende gläubige

Gemeinde, sind der gewöhnliche Vorwurf der italienischen Kunst; für

die Zeichnung der einzelnen Gestalten, für die Gewandung, den Ausdruck

der Köpfe gilt vorzugsweise das plastische Maass, die Linie herrscht

vor der Farbe vor, die Freskotechnik, welche mehr zeichnet als malt,

ist hier zu Hause, ebenso wie der sogen. Styl in der Malerei, d.h.

das Beharren auf einer allgemein giltigen Bildung der Gestalten, das

Absehen von der zwar farbenreichen, aber zufälligen Individualität,

das Begrenzen des Bildwerkes durch architektonische Gesetze. Die

nordische Kunst dagegen hat schon ursprünglich eine streng malerische

Richtung; wo sie ideal auftritt, geschieht dies nicht aus bewusstem

plastischen Formensinne, sondern durch das Vorheben seelenhafter

Innigkeit und durch die schüchtern-naive Formengebung. Der Idealismus

ist für die nordische Kunst am Schlusse des Mittelalters ein blosser

Durchgangspunkt; das rasch erreichte, aber nicht haltbare Ziel wird

in der malerischen Schilderung der realen Wirklichkeit gefunden, die

selbst dort nicht ausbleibt, wo der Gedanke des Kunstwerkes ein ideales

Vorgehen bedingte.

§. 90.

Die älteste zusammenhängende Künstlergruppe im Norden bildet die

%Prager Schule% des 14. Jahrhunderts. Der Stiftungsbrief der Prager

Malerzeche datirt vom Jahre 1348. Wir besitzen wohl einzelne Namen:

_Theodorich_ von Prag, _Nikolaus Wurmser_ von Strassburg, beide

auf der Burg Karlstein thätig, _Kunz_, _Thomas_ von Mutina (aus

Italien eingewandert), ohne aber im Stande zu sein, die zahlreich

genug vorhandenen Werke (Fresken und Tafelbilder auf Karlstein, die

Wandgemälde im Kloster Emaus, Tafelbilder in anderen Prager Kirchen und

Prager und Wiener Galerien) auf die einzelnen Künstler zu vertheilen.

Mit den gleichzeitigen deutschen Schulen ist kein Zusammenhang

ersichtlich, die übermässige Weichheit der Formen ohne Kenntniss der

Modellirung; der verhältnissmässig grosse Farbenschmelz, die Anmuth der

Frauenbilder und andere Eigenschaften lassen sich theilweise aus dem

reichen Betriebe der Miniaturmalerei erklären. Eine zweite Kunstschule

tritt uns in %Nürnberg% entgegen. Hier hatte um die Mitte des 14.

Jahrhunderts _Sebald Schonhover_ die germanische Bildnerei zu einer

eigenthümlichen Höhe herausgebildet, die weiche Formengebung mit einem

lebendigen Natursinne vereinigt (Vorhalle der Frauenkirche, der schöne

Brunnen). Die Malerei folgte dieser Richtung und verband mit der der

Bildnerei abgelernten scharfen Modellirung und sicherer Zeichnung ein

reges Streben nach idealer Schönheit der Köpfe und anmuthiger Bildung

der Gestalten. (_Tucher_'scher Altar in der Frauenkirche 1385, der

_Haller_'sche Altar in der S. Sebalduskirche, der _Imhof_'sche Altar

1420, der _Volkamer_'sche u. a. in der Lorenzkirche.)[80]

Die sonst in Deutschland aus dem 14. Jahrhundert geretteten Malerwerke

in Schwaben, Norddeutschland lassen sich nicht auf bestimmte Schulen

zurückführen; auch tritt ihr Werth gegen die Werke der %Kölner% Schule

gewaltig in den Hintergrund. Hier hat die selbständige altdeutsche

Malerei seit dem letzten Dritttheile des 14. Jahrhunderts ihren

Hauptsitz aufgeschlagen, und die ältere ideale Richtung der deutschen

Kunst, durch das Milde und Seelische im Ausdruck, die weichen Formen

und Linien charakterisirt, ihre grösste Blüthe erreicht. Zu den zwei

Namen, die man früher ausschliesslich kannte: Meister _Wilhelm_ (von

Herle), in der Limburger Chronik zum Jahre 1380 angeführt, und Meister

_Stephan_ (Lothener), dessen Existenz _Dürers_ Tagebuch über seine

niederländische Reise uns bewahrte, haben neuere Forschungen[81]

zahlreiche neue Namen hinzugefügt, ohne aber unsere kunstgeschichtliche

Kenntniss im Geringsten zu vermehren.

Von den Wandmalereien an den Brüstungswänden des Domchores (u. 1320)

bis zu den Bildern, die nach allgemeiner Uebereinkunft Meister

_Wilhelm_ zugeschrieben werden, ist eine bis jetzt noch unausgefüllte

Lücke vorhanden. Die Vollendung seiner Arbeiten erscheint daher

unvorbereitet und unerklärlich. Dass wir es aber keineswegs mit

einer vereinzelten Erscheinung zu thun haben, vielmehr die gesammte

Kölner Schule am Ende des 14. Jahrhunderts an dem Ruhme Meister

_Wilhelms_ Theil nimmt, beweisen die Werke anderer Hände, die man

in Kölner Kirchen (Krypta S. Severin) und in Kölner Privatgalerien

(_Ruhl_, _Merlo_, _Fromm_, _Seydel_ u. s. w.) antrifft, und welche

unzweifelhaft der gleichen Zeit angehören. Als Werke Meister _Wilhelms_

werden genannt: Christus am Kreuze mit 6 Heiligen, Wandgemälde in der

Sakristei von S. Severin, das Wandgemälde über dem Grabe Erzb. _Kunos_

in S. Castor zu Koblenz, eine Madonna im Kölner Museum, der Clarenaltar

im Kölner Dome, die Veronika in der Münchner Pinakothek u. a.

Eigenthümlich ist Meister _Wilhelm_ der zarte Schmelz der Färbung,

eine rundliche Form der Köpfe, ein fliessender Faltenwurf, eine ruhige

Anmuth in der Haltung. Bilder, welche die Entwicklung der Kölner Schule

von Meister _Wilhelm_ zu Meister _Stephan_ (u. 1440) charakterisiren,

sind in grösserer Zahl vorhanden. Des Letzteren grösster Ruhm beruht

auf der Schöpfung des Dombildes: Anbetung der Könige als Mittelbild,

innere Flügel: die hh. Gereon und Ursula mit ihrem Gefolge, äussere

Flügel: die Verkündigung. Die Composition bewahrt die Ruhe der älteren

Werke; auch in den Frauenköpfen ist noch die alte rundliche Form und

durch sie die naive Anmuth erhalten; dagegen ist in den männlichen

Köpfen eine viel grössere Kraft und Individualität schon bemerkbar, das

Kostüme und alles Nebenwerk mit lebendiger Naturwahrheit gearbeitet.

Weniger Rühmliches lässt sich von der Carnation sagen. Ein zweites

Hauptwerk, welches Meister _Stephan_ zugeschrieben wird, wahrscheinlich

aber einem anderen Meister gehört, die lebensgrosse Madonna im

Priesterseminar (u. 1420), hält sich mehr an die ältere Weise, bildet

sie jedoch in eigenthümlich weicher Anmuth weiter. Im Dombild regt

sich zuerst der innere Zwiespalt zwischen dem naiven Idealismus und

dem lebendigen, echt malerischen Realismus. Der erstere, von keinen

plastischen Studien gestützt, muss dem letzteren weichen, damit geht

aber für die deutsche Malerei auch der selbständige Boden verloren. Sie

entwickelt den Realismus nicht unabhängig, sondern nimmt die Grundlage

für die weitere Kunstbildung von der niederländischen Malerschule an.

§. 91.

Die Geschichte der bildenden Künste in %Italien%[82] während des

tieferen Mittelalters (11. bis 14. Jahrhundert) wurde früher, um den

Zusammenhang nicht allzu sehr zu zerreissen, nicht erörtert, und mag

hier, als Einleitung zur Darstellung der italienischen Kunst ihre

Stelle finden. Das 11. und 12. Jahrhundert verging für Italien in

trostloser Barbarei. Es erscheint als Uebermuth, dass die Meister ihre

Namen auf ihren Werken verewigten, da dieselben fast durchgängig in

roher Formlosigkeit verharren, und in keiner Weise einen lebendigen

Kunstsinn verrathen.

Wir besitzen auf dem Gebiete der %Bildnerei% aus dem 12. Jahrhundert

die Namen eines _Wilhelm_ von Modena, _Nikolaus_ in Verona und Ferrara,

_Benedikt_ in Parma, _Robertus_ in Lucca, _Gruamons_ in Pistoja,

_Biduinus_ in Pisa und Lucca, bemerken aber erst im Beginne des 13.

Jahrhunderts, und zwar plötzlich und für uns wenigstens unvermittelt,

den Aufschwung zum Besseren. Denselben bewirkt der etwa 1200 geborene

_Nicola Pisano_. Ueber seine persönliche Entwicklung sind wir völlig

im Dunkeln. Von den Werken älterer Zeitgenossen konnte er wenig lernen

(_Benedict Antelami_ in Parma 1176, Kanzelbrüstung in S. Pietro in

Florenz); die allerdings wahrscheinliche Einwirkung der sächsischen

Schule lässt sich nicht beweisen, auch das Studium der Antike nur im

Allgemeinen vermuthen. Die sichergestellten Werke dieses vom Geiste

idealer Plastik tief durchdrungenen Meisters, den man für einen

unmittelbaren Vorfahren _Michelangelos_ halten möchte, sind das Relief

der Kreuzabnahme im Dome zu Lucca 1233, die Figuren und Reliefs an der

Kanzel im Baptisterium zu Pisa 1260, und an jener im Dome zu Siena

1266. Verloren ging der Altar im Dome zu Pistoja 1273; dagegen beruht

_Nicolas_ Betheiligung an dem Sarkophag des hl. Dominik in Bologna

auf einer irrigen Annahme, da derselbe 1267 unter der Mitwirkung des

_Fra Guglielmo da Pisa_ ausgeführt wurde. Die italienische Bildnerei

des 13. und 14. Jahrhunderts erhielt sich nicht auf der von _Nicola_

erklommenen Höhe; die an die Antike streifende Formenreinheit geht

wieder verloren und macht einem mehr germanischen Stylgefühle Platz.

Als bleibende Errungenschaft zeigt sich nur die Unabhängigkeit der

Skulptur von der Baukunst. Bemerkenswerth sind der Sohn _Nicola's_:

_Giovanni Pisano_ 1240-1320 (der Brunnen auf dem Domplatze in Perugia,

Kanzeln in Pisa und Pistoja); zwei Sienenser _Agostino_ und _Angelo_

(das Grab _Guido Tarlatis_ in Arezzo 1330); _Lanfrani_ in Bologna und

Imola; _Giotto_ (1276-1336), der zwar nicht häufig den Meissel führte,

aber dennoch auch in dem Fache der Bildnerei thätig auftrat und wie die

Architektur, so auch den Bilderschmuck für den Glockenthurm neben dem

Florentinischen Dome entwarf; _Andrea Pisano_ (1280-1345) _Giottos_

Gehülfe (Bronzethüren am Baptisterium in Florenz), seine Söhne _Nino_

und _Tommaso_, _Andrea di Cione_ (1329-1389) (Altaraufsatz in Or

S. Michele in Florenz), und neben diesen mittelitalienischen Meistern

mehrere Bildhauer in der Lombardei und in Venedig (_Fil. Calendario_ am

Dogenpalaste). Wenn die Nachfolger _Nicola Pisano's_ die Naturwahrheit

einseitig hervorheben, so wird dies durch das Streben begründet, sich

eine Sicherheit in der Formenbildung zu verschaffen, ohne welche eine

ideale Auffassung nur durch einen zufälligen glücklichen Griff, wie

dies bei _Nicola_ der Fall war, möglich ist.

§. 92.

Auch die italienische %Malerei% hebt sich aus der nationalen Barbarei

und der verkümmerten Nachahmung byzantinischer Vorbilder erst am

Anfange des 13. Jahrhunderts. Die Vergleichung römischer Mosaiken des

12. Jahrhunderts (S. Maria Trastevere, Clemente u.s.w.) mit jenen

des 13. in Florenz (Baptisterium von _Jacobus_ und _Andrea Tafi_)

spricht deutlich für diese Thatsache; doch selbst dann noch ist der

Fortschritt nur bedächtig, und der Ruhm, den einzelne Maler genossen,

wie z. B. _Giunta_ von Pisa, vom Lokalpatriotismus über Gebühr erhöht

worden. Gute Beispiele der italienischen Malerei im Anfange des 13.

Jahrhunderts bieten die Wandgemälde im Baptisterium zu Parma und jene

in S. Pietro in Grado bei Pisa. In %Florenz% und %Siena% sammelt sich,

wie schon die zahlreichen uns bewahrten Malernamen bekunden, die

grösste Kunstthätigkeit; namentlich die erstere Stadt wird für zwei

Jahrhunderte der Hauptsitz der italienischen Malerei. Wenn von den

alten Schriftstellern _Giovanni Cimabue_ (1240-1303) an die Spitze der

italienischen Maler gestellt wird, so kann dies keineswegs so gemeint

sein, als ob _Cimabue_ zuerst und allein einer neuen Richtung, welche

sich durch eine naturgemässere Behandlung der byzantinischen Typen,

eine flüssigere Färbung, im Gegensatze zur gestrichelten Pinselführung

der Byzantiner, und lebendigeren Ausdruck auszeichnet, Bahn gebrochen

hätte. So verdienstlich _Cimabue's_ Werke (Christus thronend zwischen

Maria und Johannes, Mosaikbild im Pisaner Dome, Madonna in S. Maria

Novella und in der Akademie zu Florenz, die Wandmalereien in der

Oberkirche zu Assisi [?]) in dieser Beziehung sind, so gross auch sein

Ruhm und sein Einfluss auf die näheren Zeitgenossen, z. B. römische

und florentinische Mosaicisten, erscheint, so gewinnt dennoch neben

_Cimabue_ und der florintinischen Schule die Gruppe gleichzeitiger

%Sienenser% Künstler die gleiche, wenn nicht grössere Bedeutung.

Ein _Guido_ von %Siena% wird bereits unter dem Jahre 1221 angeführt;

von anderen Malern, die in Siena im Laufe des 13. Jahrhunderts

thätig waren, sind wenigstens die Namen erhalten. Die höchste Stelle

gebührt aber dem _Duccio di Buoninsegna_, von 1282-1311 in Siena

thätig.[83] Sein Hauptwerk, eine auf beiden Seiten bemalte Altartafel

(Vorderseite: Madonna von Heiligen umgeben, Rückseite: 24 Tafeln aus

der Passionsgeschichte) zeigt ihn hinsichtlich der lebendigen Umformung

byzantinischer Motive mit _Cimabue_ auf gleicher Stufe, aber ihn

noch weit überragend in Beziehung auf die Kenntniss des Nackten, den

Fluss der Gewänder und die Schönheit der Linien. Aehnlich, wie es bei

_Nicola Pisano_ bemerkt wurde, halten sich auch die folgenden Maler

von Siena nicht auf _Duccios_ Höhe; sie bewahren aber gegenüber der

florentinischen Schule noch lange Zeit ihre volle Selbständigkeit.

Nebst _Ugolino da Siena_ ([+] 1339) steht an der Spitze der Sienenser

im 14. Jahrhundert _Simone di Martino_ (1276-1344). Dieser Meister will

nicht die Schranken der künstlerischen Tradition durchbrechen, er weiss

aber dieselbe durch einen idealen Schönheitssinn, eine bezaubernde

naive Innigkeit des Ausdruckes und eine ernste Ruhe der Haltung zu

verklären. Die Technik in seinen Temperabildern, der Fluss und Schmelz

der Farben bei scharfen Contouren und überaus feiner Zeichnung der

Haare, ist vollendeter als bei allen übrigen Zeitgenossen. Hauptwerke:

Fragmente eines grossen Altarwerkes von _Ernst Förster_ in Siena

entdeckt; ein Wandgemälde, die Madonna von Heiligen umgeben, im

Gerichtssaale von Siena (1330), die Heimkehr des 12jährigen Knaben

Christus zu seinen Eltern, in Liverpool (1342) und die Verkündigung,

von _Simone di Martino_ und _Lippo Memmi_ gemeinschaftlich gemalt, in

den Uffizi zu Florenz.

Nicht bei den Sienensern aber, sondern bei den Florentinern ist die

stetige Entwicklung der italienischen Kunst zu suchen. Die letzteren,

an ihrer Spitze _Giotto di Bondone_ (1276-1336), sind die Neuerer,

welche die Technik vernachlässigen, auf die Einzelheiten in der

Ausführung keinen Nachdruck legen, weder in der Zeichnung noch im

Colorite mit den Sienensern verglichen werden können, welche den Mangel

an Schönheitssinn gar häufig fühlen lassen, aber in der Composition

eine neue Bahn brechen, hier eine bis dahin wenig gekannte poetische

Schöpferkraft aufweisen, und die individuellen Gedanken, welche

sie ihren Werken zu Grunde legen, mit Rücksicht auf Lebenswahrheit

verkörpern. Nicht mit Unrecht wurde auf die gleichzeitige Blüthe

der italienischen Poesie hingewiesen und die Verwandtschaft, sowie

die Einwirkungen der letzteren auf die bildenden Künste erörtert.

Es ist derselbe Geist, welcher das Leben und Wirken des grossen

Nationalheiligen _Franz_ von Assisi und seiner Schüler, und die Werke

_Dantes_ durchweht, welchem auch _Giottos_ Schule dient. In allen

Künsten wohlerfahren, als Maler von Avignon bis Neapel hin thätig,

hat _Giotto_ einen allseitigen Einfluss auf die italienische Kunst

geübt, ausser der engeren florentinischen Schule auch in den anderen

italienischen Landschaften Schüler und Nachahmer hinterlassen. Die

Aufzählung der Werke _Giotto's_ sollte mit der kritischen Untersuchung,

welche von den zahllosen auf seinen Namen geschriebenen, _Giotto_

%nicht% gehören, beginnen. Da aber dieselbe uns zu weit führen würde,

so mag die Angabe der unzweifelhaften und sichergestellten Werke

genügen. Die bedeutsamsten sind die allegorischen Bilderkreise in der

Unterkirche zu Assisi: die drei Gelübde der Armuth, Keuschheit und des

Gehorsams, sowie die Apotheose des hl. Franciskus; in der Incoronata

zu Neapel die sieben Sakramente, in der Vorhalle der Peterskirche das

Schiff der Kirche (Mosaik). Gleicher Natur ist der früher erwähnte

Statuenkreis am Campanile zu Florenz, als dessen gemeinsamer Gedanke

die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Bildung angegeben wird.

Von den gleichfalls allegorischen Wandgemälden im Bargello zu Florenz

sind neuerdings Fragmente, darunter _Dantes_ Bildniss, aufgedeckt

worden. Das Hauptwerk _Giottos_ aus seiner Jugendzeit 1303 bilden die

Wandgemälde in der Kirche dell' Arena zu Padua: das Leben Christi

und der Madonna mit allegorischen Nebenscenen. Von Tafelbildern hat

sich nur Weniges erhalten: die Krönung der Madonna in S. Croce in

Florenz, Madonna mit Heiligen in Mailand, ein Parallelcyclus aus dem

Leben Christi und des hl. Franciskus, grösstentheils in der Galerie

der florentinischen Akademie bewahrt, und einige kleine Bilder im

Privatbesitze.

Gross ist die Zahl der Nachfolger _Giottos_, welche bald das

allegorische Element, bald die lebendige Naturwahrheit in der

Composition weiter entwickeln, wie _Taddeo Gaddi_ (Leben der Maria

in S. Croce), dessen Sohn _Angnolo_, _Giovanni da Melano_ (Assisi,

Temperabilder in Florenz), _Nicola di Pietro_ (Passion in S. Francesco

zu Pisa), _Giottino_ (Florenz und Assisi), _Lorenzo di Bicci_ u. A. Die

wichtigsten Werke aus der Nachfolge _Giottos_ sind in der spanischen

Kapelle an der Kirche S. Maria Novella zu Florenz und in den Hallen

des Pisaner Campo santo vorhanden. Dort ist an der Altarwand die

Passion Christi in epischer Breite vom Ausgange aus Jerusalem bis

zur Höllenfahrt geschildert, nach einer auch später beliebten Weise

die aufeinanderfolgenden Scenen räumlich nebeneinandergstellt. Nicht

weniger charakteristisch ist der Bilderschmuck der anstossenden Wände,

rechts die Beschreibung der kirchlichen Macht und Thätigkeit, links

der Triumph der christlichen Wissenschaft, mit besonderer Bezugnahme

auf die Verdienste des hl. Thomas von Aquino und der Dominikaner (als

gefleckte Hunde, _domini canes_, symbolisirt). Die Entstehung dieser

Bilder fällt ungefähr in das Jahr 1350, ihr Schöpfer ist ungewiss.

Um dieselbe Zeit wurden auch die Umgänge des Campo santo in Pisa mit

Wandgemälden geschmückt.[84] Für die ältesten Bilder gab die Bestimmung

des Raumes reiche und passende Motive: die Passion von _Buonamico

Cristofano_, genannt %Buffalmacco%, dessen Namen florentinische

Malerverzeichnisse zum Jahre 1351 anführen, der Triumph des Todes,

das Weltgericht und die (später übermalte) Hölle von _Andrea del

Cione_ oder _Orcagna_, von welchem beglaubigtere und in der Technik

vollendetere Werke in S. Maria Novella zu Florenz: Christus von

Heiligen umgeben in Tempera 1357, und das jüngste Gericht und das

Paradies als Wandgemälde vorhanden sind, und schliesslich das Leben der

Einsiedler von _Pietro Laureati_ (_Lorenzetti_?). Die anderen Bilder

haben das Leben der Pisaner Schutzheiligen und alttestamentarische

Scenen zum Gegenstande: das Leben des h. Ranieri (1360-1386) theilweise

von _Antonio Veneziano_ gemalt, das Leben der hh. Ephesus und Potitus

von _Spinello_ aus Arezzo, welcher im Palaste zu Siena 1348 die

Geschichte des Papstes _Alexander III._, und in S. Miniato bei Florenz

das Leben des h. Benedikt malte, die Schicksale Hiobs von _Francesco_

aus Volterra (1372) und die Genesis von _Pietro di Puccio_ aus Orvieto

(1390); diese letzteren dadurch berühmt, dass sie nicht in der bis

dahin üblichen Weise auf der trockenen Wand, sondern auf dem frischen

Kalke %al fresco% gemalt sind. Nicht wenige der aufgezählten Bilder

sind freie Erfindungen der Künstler, die meisten mit dem sichtlichen

Streben nach scharfer Charakteristik und lebenswahrer Auffassung

geschaffen. _Giotto's_ Richtung entsprach viel zu sehr der Zeitbildung,

als dass sie nicht auch ausserhalb Florenz Eingang gefunden hätte. So

sehen wir einen jüngeren Sienenser _Ambrogio Lorenzetti_ (1342 thätig)

in einem grossen Wandgemälde im öffentlichen Palaste zu Siena sich in

allegorischen Schilderungen der guten und der schlechten Regierung,

der glücklichen Folgen der friedlichen Ordnung und der Nachwehen

der Zwietracht und herrschender Laster ergehen, ohne desshalb alle

Eigenthümlichkeiten der Sienenser Schule aufzugeben, die in den Werken

des _Pietro di Bartolo_ (Leben der Madonna im öffentlichen Palaste

zu Siena [1407] u. a.) noch stärker vortreten. Auch in Oberitalien

siegt _Giotto's_ Richtung und bringt in _Aldighiero da Zevio_ und in

_d'Avanzo_ aus Verona (Georgskapelle in Padua 1377) höchst bedeutende

künstlerische Erscheinungen hervor.[85] Der letztere gehört, wie

_Nicola Pisano_, _Duccio_ zu den Pionieren der Kunst, welche ihrer Zeit

voranschreitend, neue Bahnen entdecken, zu deren stetigen Verfolgung

den nächsten Nachfolgern Muth und Geschick gebricht. _D'Avanzo_

unterscheidet sich durch die dramatische Auffassung, die tiefere

Färbung und die perspektivische Richtigkeit seiner Bilder überaus

günstig von seinen Zeitgenossen.

Neben der Hauptschule _Giottos_ erscheinen im 14. Jahrhundert

noch zahlreiche Lokalschulen in Italien, welche aber auf den

Entwicklungsgang der Kunst keinen wesentlichen Einfluss üben, wie z.B.

in Neapel, in der Mark Ancona (_Allegretto di Nuzio_), in Bologna,

Modena (_Thomas_ und _Barnabas_, dieser noch im byzantinischen Typus

befangen), Mailand, Verona, Venedig u. s. w.

Die Kunst des XV. und XVI. Jahrhunderts.

§. 93.

Die Umwälzungen in allen öffentlichen Verhältnissen Europas, welche

besonders seit der Mitte des 15. Jahrhunderts um sich greifen, blieben

auf den Entwicklungsgang der bildenden Künste nicht ohne Einfluss.

Die veränderte Organisation der Gesellschaft, die neue Bildung zogen

entsprechende Umwandlungen auf dem Gebiete der Architektur und der

anderen Künste nach sich, der engere Zusammenhang der einzelnen Länder

brachte neue Stoffe und Formen in Aufnahme, zerstörte die alten, aus

isolirten Kulturverhältnissen herausgewachsenen, oder vermischte

sie im besten Falle mit jenen. Das Nähere über diesen historischen

Prozess, über den Kultursieg Italiens, die Wanderung italienischer

Kunstformen über die Alpen, ihren Kampf hier mit der einheimischen

Kunstweise und die interessanten Folgen dieses Kampfes, namentlich in

Frankreich, muss an anderen Orten nachgelesen werden;[86] hier bleibt

bloss die innere Entwicklungsgeschichte der Kunst zu betrachten.

Das eigentliche Mittelalter hatte die bildenden Künste durch die

Stufen der allgemeinen, idealen Typen, und der symbolischen Formen

geführt, den Rechten der individuellen Phantasie einen immer grösseren

Spielraum gegeben; es war die freie Erfindung der Motive, die schärfere

Auffassung der Natur, die genauere Schilderung der Seelenzustände in

der Kunst heimisch geworden. Auf diesem Wege fortschreitend, konnte

nur ein doppeltes Ziel erreicht werden. Entweder wurde die reale

Schilderung bis zur letzten Consequenz fortgesetzt, die Welt der

äusseren Erscheinungen mit liebender Innigkeit und treuem Fleisse

geschildert, oder es wurde der Nachdruck auf die Ausbildung der schönen

%Form% gelegt, der traditionelle Idealismus festgehalten, aber mit

Hülfe vollendeter Formenkenntniss verkörpert. Jenes führt zum streng

malerischen, dieses zum plastischen Style, der malerische Realismus

bildet das Wesen der germanischen, der plastische Idealismus den

Mittelpunkt der italienischen Kunst. Dort schafft die neue Richtung

ein neues Ausdrucksmittel: die Oelmalerei. Obgleich der Gebrauch

des Oeles als Bindemittel der Farben schon längst bekannt war,[87]

so wurde dasselbe doch erst in der niederländischen Schule zuerst

praktisch verwerthet, und erhielt erst hier die Oelmalerei, welche

an die Stelle der früher üblichen Temperamalerei (Bindung der Farben

mit Harz, Eiweiss, Feigenmilch, Wachs, Pergamentleim und Harz) trat,

eine ästhetische Bedeutung. In Italien behält die Wandmalerei, in der

nothwendig idealisirenden Freskotechnik ausgeführt, ihre Geltung;

dazu gesellt sich, als bestimmendes Merkmal des italienischen

Kunstcharakters, das bewusste Studium der %Antike% als des vollendeten

Formenkanons. Hier theilt aus begreiflichen Gründen die Bildnerei

gleichmässig mit der Malerei die Blüthe, während im Norden unbedingt

die Malerei die wichtigste Stelle einnimmt.

Für die gerechte Würdigung der neueren Kunstgeschichte sind noch

folgende Thatsachen entscheidend. Die nordische Kunst entfernt sich im

15. Jahrhundert weiter von der mittelalterlichen Kunsttradition als

die italienische; sie kommt überdies durch das energische Herauskehren

des Realismus theilweise in Widerspruch mit der Natur der Ideen und

Gestalten, deren Verherrlichung sie übernimmt. Das Streben, den Schein

der unmittelbaren Wirklichkeit ihren Bildwerken zu verleihen, bringt

die nordischen Künstler in Gefahr, den christlichen Ideenkreis nur als

äusseren Rahmen für einen ihm fremdartigen Inhalt (die Schilderung

der unmittelbaren Umgebung) zu benützen, wozu sich das weitere

Uebel gesellt, dass dem einbrechenden derben Naturalismus und der

phantastischen Formlosigkeit keine feste Schranke gezogen ist. Die

italienische Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts bricht weder mit der

Vergangenheit, noch stellt sie einen Gegensatz gegen den christlichen

Ideenkreis auf. Die antike Tradition fand in Italien stets eine

ungestörte Heimath und blieb hier der christlichen Kunst niemals fremd.

Die natürliche Folge dieser Verhältnisse ist, dass die italienische

Kunst sich einer ununterbrochenen Entwicklung bis zu ihrer Vollendung

erfreut, und als die wahrhafte Erfüllung des mittelalterlichen

Kunststrebens auftritt, dass sie weit über ihre nationalen Grenzen

hinaus eine Allgemeingültigkeit erwirbt, während die germanische Kunst

trotz ihrer nationalen Grundlage und der vielfachen Schönheitszüge

im Angesichte der vollendeten italienischen Kunst plötzlich in

ihrer geraden Richtung abbricht, umbeugt und in dieser ihr Vorbild

verehrt. Die Architektur, die bis jetzt unbesprochen blieb, drückt den

Umschwung der künstlerischen Verhältnisse vielleicht am schärfsten

aus, verliert aber am meisten von ihrer früheren Geltung. Sie stützt

sich nicht auf ein neues Constructionsprincip, bildet den Styl also

auch nicht mit organischer Nothwendigkeit aus dem letzteren heraus;

sie wird zum Gegenstande berechnender Reflexion und schliesslich

ganz im Widerspruche zu ihrer Natur dahin gebracht, ihre Wirkung und

ihren Ausdruck den anderen Künsten abzulauschen, malerische Effekte

anzustreben und ihre eigenthümlichsten Gesetze zu übertreten.

A. Die italienische Kunst.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 19 / 33 题