§. 77.
Die römische Einheit blieb das unerreichte und unerreichbare Ideal
der karolingischen Welt. Sie konnte sich gegenüber den Regungen der
einzelnen Nationalitäten nicht halten; sie verlieh, als sie den neuen
nationalen Mächten wich, denselben und der ihnen entspriessenden
Bildung einen gemeinsamen Grundzug; der herrschende Ton in der Welt
des Staates aber, wie in jener der Kunst, ging von dem besonderen
Volksthume aus, welches nach Durchbrechung der karolingischen Hülle
in den einzelnen Landschaften zur allseitigen Geltung gelangte.
Drei Elemente bedingen und bestimmen seit dem Schlusse des 10.
Jahrhunderts die Kunstweise: die römische Tradition, die Kirche, in
deren Händen für längere Zeit die Kunstübung ruht, ohne dass letztere
desshalb zur byzantinischen Erstarrung herabgedrückt würde, und die
Eigenthümlichkeit des Nationalcharakters. Je nach dem Vorherrschen
des einen oder des anderen Elementes nähert oder entfernt sich
die Kunst von dem im ersten Jahrtausende herrschenden Style. Wir
beobachten diesen Vorgang zunächst an der Baukunst,[56] welche vom
11.-13. Jahrhundert (1000-1250) den Namen des %romanischen% oder
Rundbogenstyles führt, um die bis dahin noch immer gültige römische
Bautradition hervorzuheben. Die altchristliche Basilika bleibt die
Grundlage des romanischen Styles; das Langhaus gliedert sich in ein
erhöhtes Mittelschiff und die niedrigen Seitenschiffe, im Westen wird
dasselbe von der Vorhalle, östlich von dem halbkreisförmigen Altarraume
begrenzt. Modificirt wird diese Grundlage im Grundrisse dadurch, dass
die Vorhalle auch als Thurmhaus dient, zwischen Langhaus und Chor ein
Querschiff sich einschiebt, der Altarraum über einer mehr oder weniger
ausgedehnten Krypta sich erhebt. Die Seitenschiffe erstrecken sich bald
nur bis zum Querschiffe, bald setzen sie sich jenseits des letzteren
fort und schliessen zur Seite des Hauptchores in einer geraden Linie
oder mit einer kleineren Apsis ab. In einzelnen Fällen bilden sie einen
Umgang um den Altarraum und werden ihrerseits von einem Kapellenkranze
umschlossen, so dass mindestens sechs Haupttypen (Fig. 67) aufgezählt
werden, ganz abgesehen von den zahlreichen Varietäten des Grundrisses,
welche die verschiedenen Baubezirke und in diesen wieder die einzelnen
Kirchen darbieten. Hierher ist zu rechnen: die Abrundung des
Querschiffes bei rheinischen Kirchen, der geradlinige Chorabschluss
vieler Cistercienserkirchen, die Theilung der Kirchen in zwei Schiffe,
welche bei der Einführung des Predigerordens in Frankreich (Paris,
Agen, Toulouse) versucht wurde u. s. w.
[Illustration: Fig. 67. Grundrisstypen romanischer Kirchen.]
Zur Trennung der Schiffe und zum Tragen des Oberbaues dienen stets
isolirte Stützen, entweder Säulen, oder Pfeiler, oder ein Wechsel von
Säule und Pfeiler. Dieselben sind stets durch Rundbogen verbunden,
die Bogen aber nicht selten doppelt übereinander geschlagen, so dass
über den Bogen, welche die unmittelbar nebeneinander stehenden Pfeiler
oder Säulen verbinden, noch ein weiterer Bogen mit Ueberspringung
eines Pfeilers gespannt wird. Die Oberwand ist durch die anfangs
einzeln, später in Gruppen von zwei und drei angeordneten Bogenfenster
durchbrochen, unterhalb der Fenster manchmal eine Empore in der
Tiefe der Seitenschiffe, oder ein blosser Laufgang in der Tiefe
der Mauer des Mittelschiffes angebracht. Geschlossen werden die
Kirchen in der ältesten romanischen Zeit, mit Ausnahme der gewölbten
Altarnische, regelmässig mit einer flachen Holzdecke. Eine tiefere
Eigenthümlichkeit, als in der allgemeinen Anlage, offenbart der
romanische Styl in der Ausbildung der einzelnen architektonischen
Glieder.
[Illustration: Fig. 68. Romanische Basen.]
[Illustration: Fig. 69. Basis mit Eckblatt.]
Die Säule, selten kannelirt, verliert das Ebenmaass, welches sie im
Alterthum auszeichnet; weder das Verhältniss der einzelnen Theile
untereinander, noch die Höhe und die Dicke der meist stark verjüngten
Säule bewahrt eine regelmässige Einheit. Als Basis dient gewöhnlich die
attische Form, bald steiler, bald flacher gebildet (Fig. 68). Seit der
Mitte des 12. Jahrhunderts kommt ein eigenthümliches Schmuckglied an
der Säulenbasis vor. Um den Uebergang zwischen dem runden Pfühle und
der eckigen Platte zu vermitteln, steigt von der Kante der letzteren
ein Knollen oder ein Blatt, das %Eckblatt% empor (Fig. 69), welches
sich an den Pfühl anlegt und dem regen ornamentistischen Sinne des
Zeitalters mannigfache Gelegenheit sich zu üben bietet. Das durch
einen Ring mit dem Stamme verbundene Kapitäl wechselt in den Formen.
Grobe Nachahmungen des korinthischen Kapitäls erhalten sich durch die
ganze Periode; die gewöhnlichste Form aber bleibt das Würfelkapitäl
(Fig. 70), im 11. Jahrhundert rundlich, im 12. eckiger gebildet.
Woher es stammt, in welcher Landschaft es zuerst in den Gebrauch kam,
ist noch nicht ermittelt. Dem byzantinischen Style waren ähnliche
Kapitälbildungen nicht unbekannt; wahrscheinlicher ist aber seine
selbständige Entstehung in germanischen Ländern. In der letzten Zeit
des romanischen Styles treten wieder die kelchartigen Blätterkapitäle
(Fig 71) in den Vordergrund, selten sind aber die Blätter
naturalistisch ausgearbeitet; in den meisten Fällen bleibt es bei der
groben Anlage und massenhaften Behandlung. Bei den Pfeilern, welche
nicht immer den quadratischen Grundriss beibehalten, sondern durch die
Kreuzform, durch Ecksäulen u. s. w. eine reichere Gliederung erfahren,
ersetzt ein einfaches Gesims das Kapitäl (Fig. 72). Auch hier wechselt
die Profilirung in den einzelnen Jahrhunderten und verschiedenen
Landschaften, und verliert sich allmälig die antike Reminiscenz, welche
den Pfeilergesimsen des 11. Jahrhunderts noch häufig anklebt.
[Illustration: Fig. 70. Würfelkapitäl.]
[Illustration: Fig. 71. Blätterkapitäl.]
[Illustration: Fig. 72. Pfeilergesimse.]
[Illustration: Fig. 73. Romanische Dekoration.]
[Illustration: Fig. 74. Bogenfries.]
Die innere Ausschmückung der romanischen Kirchen war der Malerei als
Aufgabe vorbehalten, an der Aussenseite lieferte aber die Architektur
selbst die Dekoration. In vertikaler Richtung wurde der Bau durch
vortretende Mauerbänder oder Lisenen unterbrochen (später erhoben sich
an ihrer Stelle Pilaster und Halbsäulen durch ein gerades Gebälke
oder durch Bogen verbunden). In horizontaler Richtung gliederten den
Bau Gesimse, hart am Boden das Sockelgesims, mit jedem Jahrhundert
höher, kräftiger und reicher gebildet, und unter dem Dache das
Kranzgesims. Aus concav und convex gezogenen Gliedern, aus Pfühlen und
Kehlen wurde es zusammengesetzt, mit Blättern in zierlichster Weise
gestaltet, Halbkreisen, kleinen Cylinderstücken (Fig. 73), Würfeln,
Kanten, Sternen, Nagelköpfen, Rollen u. s. w. geschmückt. Unterhalb
des Kranzgesimses zog sich der Rundbogenfries (Fig. 74) hin, von
kleinen Consolen getragen und in grösseren Abständen von den Lisenen
auslaufend. Auch die anfangs nur abgeschrägten Fenster wurden durch
skulptirte Bänder, Halbsäulen belebter gestaltet, mit dem glänzendsten
Schmucke aber das in Abstufungen sich vertiefende Portale bedacht.
[Illustration: Fig. 75. Romanisches Widerlager.]
[Illustration: Fig. 76. Kreuzgewölbe.]
Die Mehrzahl der romanischen Kirchen erscheint gegenwärtig überwölbt.
In Wahrheit war aber der Gebrauch der Wölbung in der romanischen
Periode weder allgemein, noch die Wölbekunst ohne mannigfache
Uebergänge, Ansätze und Versuche gleich systematisch ausgebildet. Bei
vielen Bauwerken zeigt die Form der Wölbung ihre spätere Entstehung,
nicht selten wurden aber noch im Laufe der romanischen Periode selbst
Kirchen umgebaut, und aus Basiliken in Gewölbebauten umgewandelt.
Man kann diese Thatsache von allen Kirchen, die sich aus dem
11. Jahrhundert erhielten und mit Gewölben versehen sind, behaupten, ja
man kann sogar noch weiter gehen und beinahe in jeder alten Kirche die
ursprüngliche Gestalt hinter und unter der gegenwärtigen Form verborgen
vermuthen. Den Raum und die Zeit zu bestimmen, wo die Wölbekunst
ausgebildet, wann sie als vollendete Thatsache angenommen wurde,
hat unüberwindliche Schwierigkeiten. Das Bedürfniss der Wölbung lag
überall gleich dringend vor; es zu befriedigen, konnte daher auf den
verschiedensten Punkten gleichzeitig in Angriff genommen werden, zumal
auch die Tradition des römischen Gewölbebaues überall fortlebte; auf
der anderen Seite herrschte unter den romanischen Bauschulen, welche
durchgängig von der Kirche abhängig waren, ein enger Zusammenhang, und
der an einem Orte gewonnene Fortschritt konnte leicht durch geistliche
Vermittlung in die Ferne verpflanzt werden. Die grösste Energie, den
Gewölbebau zu entwickeln, die mannigfachsten Ansätze zu demselben
gewahren wir im Schoosse der französischen Bauschulen. Die erste Stufe
zeigt noch über dem Mittel- und Seitenschiffe den offenen Dachstuhl;
nur der Altarraum ist mit einer Halbkuppel, der Umgang um denselben und
die Flügel des Kreuzschiffes mit Tonnengewölben bedeckt. Am raschesten
erhielten die Seitenschiffe die Wölbung, und zwar Kreuzgewölbe; das
Mittelschiff blieb ungewölbt oder wurde mit einem von Querbogen
gestützten Tonnengewölbe versehen. Um dem letzteren eine grössere
Festigkeit zu verleihen, wurde über der Empore der Seitenschiffe
noch ein halbes Tonnengewölbe im Viertelkreise gespannt (Fig. 75,
_a_). S. Stephan zu Nevers, die Notredamekirche zu Clermont-Ferrand,
Abbaye d. h. in Caen, die Kirche zu Grandson bei Neufchâtel u. a. sind
Beispiele dieser Constructionsweise. Anderwärts (Poitou) liess man die
Nebenschiffe bis zum Beginne des mittleren Tonnengewölbes emporsteigen
und auf diese Art dasselbe stützen, allerdings auf Kosten des Lichtes,
welches nun bloss durch die Seitenschiffe in die Kirche drang (S. Savin
bei Poitiers). Oder man wölbte die Seitenschiffe in Tonnenform,
richtete aber das Tonnengewölbe perpendiculär auf die Langenaxe
des Schiffes, wodurch der Druck auf die Pfeiler des Mittelschiffes
verringert und das mittlere Tonnengewölbe überdies durch Mauern, die
sich über den Schwibbogen der Seitenschiffe erhoben, entlastet wurde
(Limoges, Chatillon sur Seine, Fontenay). Alle diese Versuche, die
sich durch das ganze 11. Jahrhundert hindurchziehen, führten nicht
zum Ziele. Das Tonnengewölbe verlangte eine Unterstützung auf jedem
Punkte und übte einen starken Druck und Schub, der weder durch aussen
vorgelegte Pfeiler, noch durch seine Zuspitzung (_Autun_, _Beaune_,
_Saulieu_) aufgehoben wurde. Der richtige Weg wurde eingeschlagen, als
man das Kreuzgewölbe (Fig. 76) auch für das Mittelschiff anwendete
(_Vézelay_). Durch zwei sich durchschneidende Tonnengewölbe gebildet,
deren Scheitelpunkte allein zusammenfallen, bedarf es nur der
Unterstützung seiner Endpunkte durch Pfeiler, um dasselbe zu sichern,
zumal auch sein Seitenschub verringert ist. Eine doppelte Schwierigkeit
blieb allein noch zu besiegen, nachdem die romanischen Kreuzgewölbe
eingeführt waren. Die im Rundbogen gezogenen Kreuzgewölbe konnten
schwer anders als über einem quadratischen Raume gespannt werden;
über einem Rechtecke errichtet, durchschneidet der kürzere Bogen den
weiteren unter seinem Scheitelpunkte. Weil aber das Gewölbe nur auf
isolirten Stützen ruhte, war es rathsam, diese näher aneinander zu
rücken. Die rechte Abhülfe gab erst das Spitzbogengewölbe, welches
über jedem Plane mit gleicher Leichtigkeit construirt werden kann.
Weiter war das ältere romanische Kreuzgewölbe noch zu wuchtig, nicht
selbsttragend genug. Dieser Mangel wurde dadurch beseitigt, dass man
ein Gewölbegerippe, Lang- und Quergurten und Rippen aus Hausteinen
bildete, und die dreiseitigen Zwischenräume, ebenso viele isolirte
Gewölbe, mit leichtem Stein- oder Ziegelwerk ausfüllte. Auch dieser
Fortschritt fällt schon ausserhalb des romanischen Styles und wird
erst in der folgenden Bauperiode des 13. Jahrhunderts vollkommen
verwirklicht.
[Illustration: Fig. 77. Romanische Travée.]
Um wieder auf den romanischen Gewölbebau des 12. Jahrhunderts
zurückzukehren, so bedarf es keines besonderen Beweises, wie sehr
dadurch das Wesen des bis dahin noch immer gültigen Basilikenstyles
verändert wurde. Nicht alle Pfeiler erhalten nun einen gleichen
Werth; jene, welche das Gewölbe stützen, müssen nothwendig kräftiger
gebildet werden und mehr in die Augen springen, als die anderen, welche
bloss den Schwibbogen tragen. Nicht alle Pfeiler werden aber als
Gewölbestützen verwendet, sondern bloss die ein Quadrat begrenzenden.
So entwickelt sich ein eigenthümlicher Rhythmus im Grundrisse und in
der Pfeilerbildung, welcher auch auf die Gestalt des Oberbaues, die
Anordnung der Fenster einen grossen Einfluss übt. Es kommt ein neues
Bauglied zur Geltung: die %Travée% (Fig. 77), worunter man eben eine
Gewölbeabtheilung mit dem ihr zugehörigen Pfeilersysteme begreift.
Im romanischen Gewölbebaue sind einer Travée gewöhnlich zwei Arkaden
untergeordnet.
§. 78.
Indem der romanische Styl den Gewölbebau annahm, wurde er von einer
Consequenz zur anderen getrieben, als deren letzte das Aufgeben
des eigenen Principes, das Eingehen in eine neue, theilweise ganz
entgegengesetzte Bauweise erscheint. Von dem Widerspruche, der an
dem romanischen Style als Gewölbebau haftete, wurde derselbe erst im
%gothischen% oder germanischen Style befreit. Dieser ist das endgiltige
Resultat, die Frucht der romanischen Architektur, daher auch die
letztere unfähig, sich neben dem gothischen Style als gleichgeltend
zu behaupten. Aus dem romanischen Gewölbebaue ging der gothische Styl
hervor, oder noch bestimmter aus der Tendenz: den Gewölbebau aus jeder
Gebundenheit zu reissen, die constructiven Funktionen auf einzelne
isolirte Glieder zu concentriren, alles Uebrige als blosse Füllung zu
behandeln, den Massenbau in einen Pfeilerbau zu verwandeln. Doch auch
dies Letztere ist nur ein Korollar, die Hauptsache bleibt die Befreiung
des Gewölbes von allen bindenden Schranken, welche dadurch erreicht
wurde, dass man das Gewölbe im Spitzbogen spannte, die massiven Rippen
an demselben ausschliesslich funktioniren liess, den einzelnen Rippen
einzelne Pfeiler als Stützen unterstellte, und das Stützensystem durch
die äusseren Strebepfeiler und Strebebogen vervollständigte. Aus dem
Gesagten ergibt sich das Müssige der Untersuchung über das Alter des
Spitzbogens zu dem Zwecke, dadurch über das Wesen des germanischen
Styles Licht zu verbreiten. Der Spitzbogen macht den letzteren
keineswegs aus, das Wesentliche sind die Streben, die singulären
Stützen, die ogives in der Schweizer Maurersprache,[57] auf welche alle
Tragkraft reducirt wird.
Von dem Einflusse, welchen der Gewölbebau auf die Gesammtanlage der
Kirchen seit dem 13. Jahrhundert nahm, gibt gleich die Aenderung im
Grundrisse der gothischen Kirchen Zeugniss.
Der romanische Styl trennte noch Apsis und Schiff, der gothische Styl
kennt nur das die Wölbung schliessende Chorhaupt (Fig. 78), wodurch
auch die perspektivische Wirkung kräftig gehoben wird. Die Pfeiler
rücken im Kreise zusammen, die Gewölberippen vereinigen sich in einem
Mittelpunkte, um das Chorhaupt setzen sich die Seitenschiffe als Umgang
fort; ein Kapellenkranz endlich schliesst bei reichen Anlagen das Ganze
nach aussen ab. Eine weitere Folge des engeren Anschlusses des Chores
an das Schiff ist das Wegfallen der Krypta, die geringe Erhöhung des
ersteren über das letztere.
[Illustration: Fig. 78. Chorhaupt vom Kölner Dome.]
[Illustration: Fig. 79. Gewölbeprofil.]
[Illustration: Fig. 80. Pfeilerdurchschnitt.]
Das Grundprincip des gothischen Styles, die constructiven Funktionen
von der Masse auf einzelne Glieder zu übertragen, und in isolirten,
selbständigen Organen auszudrücken, kommt natürlich auch im Besonderen
zur Geltung. Gleichwie nicht mehr die ganze Wölbung gleichmässig
lastet, so ist auch die Tragkraft nicht gleichmässig vertheilt. Sie
concentrirt sich in den Pfeilern, welche im Inneren der Kirche bis zum
Gewölbeanfange emporsteigen. Aber auch diese werden nicht als Masse
behandelt, sondern in einen lebendigen Pfeilerbündel aufgelöst. Nur die
Gewölbegurten und Rippen verlangen eine Unterstützung; da dieselben
aber selbst in stärkere und schwächere Glieder zerfallen (Fig. 79),
so folgen auch die Pfeiler dem gleichen Zuge. Dem Pfeilerkerne
treten etwas ausgezogene, durch tiefe Kehlen getrennte Halbsäulen
oder Dienste vor, welche mit dem entsprechenden Gewölbetheile in
Verbindung stehen, und gleich diesem eine grössere oder geringere
Stärke besitzen (alte und junge Dienste) (Fig. 80). Nur der den
ganzen Pfeilerbündel umfassende polygone Sockel drückt die Einheit
des Pfeilers aus; am Kapitäl oder Knaufe aber zeigt der lose um den
Dienst gelegte, scharf ausgearbeitete Blätterkranz, welcher, wo der
Kern des Pfeilers zum Vorschein kommt, unterbrochen wird, an, dass
nicht der ganze Pfeiler, sondern nur die einzelnen Dienste eine
Geltung haben. Den inneren Pfeilern entsprechen an der Aussenseite die
%Strebepfeiler%, abgestumpfte, oben mit einem Giebel, einer Schräge
oder mit einem lastenden Thürmchen geschlossene Mauervorlagen (Fig.
81, _a_), welche bei mehrschiffigen Kirchen und weit über die Abseiten
emporragendem Mittelschiffe vermittelst des %Strebebogens% (Fig. 81,
_b_) an das Gewölbe sich anlehnen und den Seitenschub des letzteren
aufhalten. Namentlich an französischen Kathedralen kann man wieder den
Entwicklungsgang beobachten, welchen die Bemühung, die massive Mauer
zu durchbrechen und durch einzelne Streben zu ersetzen, nahm. Dass
diese Widerlager keineswegs erst mit dem gothischen Style aufkamen,
wurde bereits früher erwähnt, vollendet wurde aber allerdings erst
das System derselben nach zweihundertjährigem fruchtlosen Suchen im
13. Jahrhundert, wo an den eben errichteten Riesendomen ein doppeltes
System der Strebepfeiler und Bogen zur Anwendung kommt.
[Illustration: Fig. 81. Strebepfeiler und Strebebogen.]
Nachdem auf solche Weise das feste Steingerippe des gothischen Domes
gebildet war, konnten alle übrigen Theile als leichtes Füllwerk
behandelt und dem Geiste der Zeit gemäss mit der üppigsten Dekoration
ausgestattet werden. Namentlich war jetzt für eine grossartige
Fensterarchitektur Raum gewonnen, und eine solche Fülle des Lichtes
in das Innere geleitet, dass es rathsam wurde, sie durch Glasmalerei
zu dämpfen. Ueber den Pfeilerarkaden, welche die Schiffe trennen,
erhebt sich in der Tiefe der Mauer ein Laufgang oder %Triforium%,
nach dem Mittelschiffe offen und von kleinen Pfeilerarkaden getragen,
die Rückwand in vielen Fällen mit einem Fenster ausgesetzt; der
übrige Raum über dem Triforium bis zum Gewölbe wird von den Fenstern
ausgefüllt, deren gewaltige Grösse natürlich ihre innere Gliederung
bedingt. Den Fensterraum umspannt, auf Pfosten ruhend, ein Spitzbogen,
innerhalb desselben werden kleinere Spitzbogen geschlagen, und diese
Unterordnung ein-, zweimal wiederholt. Auch hier bleibt der Gedanke,
nur die einzelnen Stützen kräftig zu bilden, alles Uebrige als leichtes
Füllwerk zu behandeln, gültig. Der Raum unter dem Bogenscheitel zeigt
eine durchbrochene Steinarbeit, sogen. %Maasswerk%: Kreise in drei oder
vier Blättern (Pässen) gegliedert (Fig. 82, _a_), die Lücken (_b_)
zwischen den Kreisen und den Bogen werden mit kleinen sphärischen
Dreiecken (Nasen) ausgefüllt, das Ganze so gedacht, als ob sich das
Blattwerk von den Bogen ablöste. Der äussere Fensterbogen schliesslich
wird von einem spitzigen Giebel, auf dessen Ecken kleine Pyramiden
(Fialen) emporsteigen, oder von einem Wimperge belastet, der zuoberst
mit dem gewöhnlichen gothischen Schlussornamente, der Kreuzblume,
endigt und bis über den Dachrand sich erhebt. Dass die Bildung des
gothischen Ornamentes nicht unmittelbar aus den constructiven Gliedern
abgeleitet werden kann, ist schon aus der Thatsache ersichtlich,
dass das gothische Bauwerk aus zwei selbständigen Theilen, dem
organischen Baugerippe und dem Füllwerke besteht, diesem letzteren
aber vorzugsweise das Ornament angehört. Dennoch liegt auch dem
gothischen Ornamente ein klares und durchgreifendes Princip zu Grunde.
Es wiederholt sich an demselben im Kleinen der Grundzug der gothischen
Architektur überhaupt. Pfeilerbündel im Spitzbogen geschlossen
bedecken die Wandflächen und bilden das Gerippe auch der kleineren
und kleinsten Bautheile, die inneren Räume werden durch Maasswerk
ausgefüllt, mit durchbrochenem Maasswerke auch die Galerien, die auf
die Strebebogen gelegten Mauerstücke zur Ableitung des Wassers, die
Thurmpyramiden versehen. Die Stelle, wo diese dekorativen Glieder
angebracht sind, ändert ihre Gestalt nicht, sie bleiben im grössten
und kleinsten Raume einander gleich, am riesigsten Dome, am kleinsten,
der kirchlichen Architektur nachgebildeten Schmuckkästchen bewahren
sie dieselben Formen; insofern kann man das mechanische Element in
der gothischen Verzierungsweise nicht abläugnen; wenn jedoch von dem
Walten schrankenloser Willkür in demselben, von seiner gänzlichen
Gleichgültigkeit zur Struktur und materiellen Bestimmung der Bauglieder
gesprochen wird, so trifft dieser Vorwurf erst das 15. und 16.
Jahrhundert. Der spätgothische Styl ist an zwei Merkmalen vorzugsweise
bemerkbar: Er übertreibt die technischen Erfolge der gothischen
Bauweise in der Befreiung des Gewölbebaues, indem er die Gewölbe in
ein Netz, eine Sternfläche, auflöst, den Stützen jede Selbständigkeit
raubt, die Gurten und Rippen unmittelbar aus den Diensten hervorgehen
lässt, die Pfeiler durch concave Einschnitte gliedert; er hebt weiter
das organische Verhalten der dekorativen Glieder auf, indem er zum
Füllwerke willkürlich ersonnene Formen, z.B. die sogen. Fischblase
(Fig. 83), anwendet, die einzelnen dekorativen Glieder mechanisch
aneinander knüpft, die Rundstäbe an den Pfeilern durch spielendes Stab-
und Zweigwerk ersetzt, von der ursprünglichen Bogenform abweicht und in
geschweiften oder niedergedrückten Linien (Eselsrücken, Frauenschuh,
Tudorbogen) sich ergeht. Bei dem Urtheile über die unorganischen
Formen des spätgothischen Styles darf aber nicht der Umstand vergessen
werden, dass er den kirchlichen Charakter der älteren gothischen Weise
aufgegeben hatte, und vorzugsweise an weltlichen Gebäuden zur Anwendung
kam, wo die wuchernde Dekoration, das leichte, aber oberflächliche
Formenspiel jedenfalls eine grössere Berechtigung ansprechen konnte,
als etwa an grossen Kathedralen.
[Illustration: Fig. 82. Fenster vom Kölner Dome.]
[Illustration: Fig. 83. Fischblase.]
[Illustration: Fig. 84.]
Wir können uns nun mühelos ein Gesammtbild einer gothischen Kathedrale
(und nur unter grossartigen Raumverhältnissen übt der gothische Styl
seine volle Wirkung) entwerfen. Den Glanzpunkt des äusseren Baues
bildet die Façade, als mächtiges Giebelhaus geformt, zu beiden
Seiten von Thürmen eingefasst; über dem vertieften und mit reichem
Bildschmucke bedachten Portale erhebt sich eine strahlende Rose
oder ein Langfenster und darüber der Giebel, die Kanten mit den
eigenthümlichen Knollen oder Krabben geschmückt, das Ganze mit der
symbolischen Kreuzblume gekrönt. An den Langseiten baut sich über den
Abseiten das System der Strebepfeiler und Strebebogen kühn empor, die
einzelnen Abtheilungen durch die Schrägen und tief unterschnittenen
Gesimse (Fig. 84) scharf und kräftig geschieden. Hat man die
Thurmhalle durchschritten und das Innere betreten, so geniesst man
den Reiz perspektivischer Wirkung, sowohl in der Richtung der Höhe,
wie in jener der Länge, wo man die lebendigen Kreuzgewölbe im Chore
abgeschlossen und in der Einheit zusammengehalten gewahrt. Nicht wenig
erhöht wird dieser Augenreiz durch die gleichsam aus Sonnenfäden
gesponnenen durchsichtigen Teppiche, in welche die Fenster durch die
Glasmalerei verwandelt werden, und durch den polychromen Schmuck der
wichtigsten Bautheile, wie der Kapitäle u. s. w. Die Bildnerei ist
eigentlich in der Baukunst aufgegangen; nicht der Maurer, sondern der
Steinmetz errichtet den gothischen Dom; aber auch der selbständigen
Skulptur ist in den Portalen, an den Pfeilern, am %Lettner% --
dem bühnenartigen Schranke, welcher das Schiff vom Chore scheidet
u. s. w., ein überreicher Raum gegönnt. Auf alles Kirchengeräthe:
Kelche, Monstranzen, Kreuze, Reliquienkästen, auf die kleineren
Architekturen der Kanzeln, Taufsteine, Altäre, Orgelbühnen u. s. w.
wirkte der gothische Styl befruchtend, Allem verlieh er den Stempel
seiner eigenthümlichen Grösse und Zierlichkeit. Und nicht allein in
der kirchlichen Welt kam er zur Herrschaft, auch das ritterliche
und städtische Leben fand in ihm den vollendeten architektonischen
Ausdruck, namentlich das letztere, welches gerade während der
Blüthe des gothischen Styles seinen höchsten Aufschwung nahm, und
nun denselben bei der Anlage der Rathhäuser, der Kaufhallen, der
städtischen Wachthürme, sowie bei den Privatbauten verwendete. Die
Wartburg, das Schloss zu Gelnhausen, Goslar, die Burg zu Reichenberg
am Rhein, noch aus der romanischen Periode, das Schloss Marienburg,
Meissen u. a. aus der der gothischen Zeit, dann die Reihe prunkvoller
Rathhäuser in Belgien und Nordfrankreich, das Kaufhaus Gürzenich zu
Köln, die malerischen Stadt- und Brückenthürme zu Prag, die Rathhäuser
so vieler deutscher Städte, die zahlreichen Brunnen (Nürnberg, Ulm),
Hochkreuze (Godesberg), die Privatarchitekturen zu Köln, Münster,
Frankfurt a. M., Ulm, Nürnberg, die reizenden Holzbauten am Harz
(Halberstadt) mögen als nächstgelegene Beispiele für alle anderen
dienen.
§. 79.
Nicht allein die Hauptländer Europas, romanischen, germanischen und
slavischen Stammes, sondern in diesen wieder die einzelnen Bezirke,
ja selbst ganz enge begrenzte Lokalitäten, haben ihre eigene, oft
ganz selbständige Baugeschichte. Eine vollständige Erkenntniss der
Schicksale der mittelalterlichen Baukunst kann nur durch das Studium
der verschiedenen Lokalarchitekturen gefördert werden, wozu glücklicher
Weise der Stoff tagtäglich sich mehrt. Die Mannigfaltigkeit der
baugeschichtlichen Gruppen wird aber überdies durch den Zusammenhang
zwischen den Kirchen der einzelnen Mönchsorden vermehrt, auf welchen
zu achten erst die jüngste Zeit sich angelegen sein liess. Von
den Benediktinerkirchen wissen wir, dass wenigstens das Kloster
zu Cluny für weite Kreise das architektonische Vorbild abgab; die
Cistercienserkirchen haben beinahe alle die gleiche Signatur, und
so weite Räume sie auch vom Mutterkloster trennen mögen, überall
stossen wir auf französische Bautraditionen, die eben jene des Ordens
waren; auch die Dominikanerkirchen und jene der Bettelmönche besitzen
unter einander eine grosse Verwandtschaft. Nach dem Gesagten ist es
begreiflich, dass eine vollständige und erschöpfende Darstellung der
mittelalterlichen Baugeschichte vorläufig den frommen Wünschen der
Wissenschaft beigezählt werden muss.
In %Frankreich% scheidet sich scharf der römische vom germanischen
Boden. An der Rhone und Saône blieb die römische Kultur traditionell,
die römische Baukunst in einer grossen Zahl von Denkmälern erhalten.
Hier bewahren daher auch die romanischen Kirchen das antike Gepräge
(K. zu Thor, Venasque, Pernes, die Portale von Notre-Dame zu Avignon,
S. Trophime zu Arles und S. Gilles), welches in einzelnen Fällen mit
byzantinischen Elementen, wie z. B. mit einem Kuppelbau, versetzt wird
(Poitiers, Angers). Die gothische Architektur wird auf diesem Boden
entweder sehr spät oder gar nicht (Auvergne, Provence) heimisch; die
baugeschichtliche Entwicklung überspringt den gothischen Styl und geht
aus dem romanischen unmittelbar in den neueren, gleichfalls der Antike
nachgebildeten Renaissancestyl über. Erklärt wird diese auffallende
Thatsache ausser aus der lebendigen antiken Tradition auch aus den
Religionskriegen, welche im 13. und 14. Jahrhundert Südfrankreich
verheerten und alle Bauthätigkeit hemmten. Diesen Unruhen ist auch
das militärische Aussehen so mancher Kirchen- und Klosteranlagen
Südfrankreichs (Alby, Béziers, Narbonne), die geringe Fensterzahl, die
versteckten Seitenthore, die Zinnenthürme zuzuschreiben. Der Gewölbebau
wird in mannigfacher Weise angebahnt; in der Provence (Kathedrale
von Marseille, Fréjus, Alby) ist das Mittelschiff von Kreuzgewölben
bedeckt, welche nach innen gezogene Strebepfeiler stützen; in Auvergne
sind Tonnengewölbe heimisch, Poitou lässt die Seitenschiffe beinahe die
Höhe des Mittelschiffes erreichen.
Viel regsamer und selbständiger ist der germanische Norden Frankreichs.
Die Einfalle der Normannen machten seit dem 11. Jahrhundert neue
Kirchenbauten zum Bedürfniss. Von keiner festhaftenden Tradition
beengt, konnten der germanische Formensinn in den Ornamenten, die
Bemühungen um ein ausgebildetes Gewölbesystem im reichsten Maasse sich
entwickeln. Die Pfeiler sind durch vorgelegte Halbsäulen gegliedert,
die Kreuzgewölbe auf einem quadratischen Plane aufgeführt, den
einzelnen Travéen zwei oder drei Arkaden untergeordnet. Auch an der
äusseren Architektur sind interessante Neubildungen bemerkbar. Mit der
Façade werden gewöhnlich zwei schlanke Thürme enge verbunden, über der
Mitte der Kirche überdies ein massiver Hauptthurm emporgeführt. Die
Kirche zu Bernay, Jumièges, Cerisy aus dem 11., jene zu Bocherville,
die Kirche S. Etienne, Nicola und Trinité zu Caen und schliesslich
die teppichartig im Innern dekorirte Kathedrale von Bayeux sind die
wichtigsten Denkmäler des normannischen Styles, aus welchem der ältere
englische und theilweise der belgische Baustyl (Tournay) als Nebenreis
hervorgehen.
Die französische Architektur des 12. Jahrhunderts besitzt ihren
Mittelpunkt in der königlichen Domäne (Isle de France u. s. w.). Hier
namentlich wurde der Gewölbebau mit Macht in Angriff genommen und in
ununterbrochener Entwicklung bis zur Feststellung des gothischen Styles
fortgesetzt. Die volkreichen Städte der Domäne verlangten bei den
Kirchenbauten eine besondere Bedachtnahme auf angemessen ausgedehnte
Raum Verhältnisse, auf die sorgfältige Benützung aller Räumlichkeiten,
helle Erleuchtung u. s. w. Gewölbte Galerien über den Seitenschiffen
kommen in den Kirchen der königlichen Domäne zahlreich vor, frühzeitig
werden luftige und weite Oberfenster angeordnet; auch der Spitzbogen an
der Wölbung war unter den mannigfachen Wölbungsversuchen in Gebrauch
gekommen. Als nun am Schlusse des 12. Jahrhunderts fast gleichzeitig
die grossen Kathedralen des Nordens (Paris, Chartres, Bourges, Laon,
Meaux, Noyon, Amiens, Cambrai, Coutances, Rouen) in Angriff genommen
wurden, konnte es nicht fehlen, dass für alle die erwähnten Bedürfnisse
der passende architektonische Ausdruck gewonnen und gleichzeitig aus
der Hülle der mannigfachen romanischen Bauformen der gothische Styl
herausgeschält wurde. Rasch folgen die architektonischen Entdeckungen
seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aufeinander, rascher, als
es die nicht gleichmässig fortgeschrittene und nun mit eilfertiger
Hast betriebene Maurertechnik eigentlich verstattete. Ein Blick auf
die wechselnde Gestalt der Stützen, des Grundrisses, namentlich im
Chorumgange, der Höhengliederung der Widerlager seit dem Baue der
Pariser Kathedrale (1163) bis zur Errichtung der Kathedrale von Amiens
(1220-1288) überzeugt von dem reichen Erfindungsgeiste der Baumeister.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kann man acht Bauschulen
des nördlichen Frankreichs unterscheiden. Diese Gliederung bezieht
sich aber nicht auf die Verschiedenheit der Lokalstyle, sondern auf
die raschere oder langsamere Aufnahme der gothischen Bauweise. Die
Provincialschulen, welche in der romanischen Periode eine so lebhafte
Thätigkeit entwickeln, verschwinden seit der Feststellung der Gothik
vom Schauplatze und machen einem allgemein gültigen Nationalstyle Raum,
als dessen wichtigste Merkmale das längere Beharren auf der Säule
als Gewölbestütze, eine flache Bogenprofilirung, der Kapellenkranz
um das Chorhaupt, eine mehr in horizontaler als in vertikaler Linie
angelegte Façadendekoration (Rosen über dem Portale, Nischenreihen,
Galerien) hervorgehoben werden. Die hervorragendsten Monumente der
französisch-gothischen Baukunst liegen in einem verhältnissmässig engen
Umkreise beisammen. An die Kathedrale von Paris und die Kathedrale zu
S. Denys reihen sich die Kathedralen von Soissons (1175), Meaux, Laon,
Rouen (1200), Auxerre (1213), Rheims (1216), Bourges, Amiens (1220),
Chartres, Beauvais, die _sainte chapelle_ im Pariser Justizpalaste
(1242) an, welchen für die spätere Zeit die Kathedrale S. Ouen zu Rouen
(1318), die Kathedrale von Brou (1511) und jene von Orleans (1601)
hinzuzufügen sind.[58]
In verwandter Weise, wenn auch unabhängig von den baugeschichtlichen
Mittelpunkten Frankreichs, entwickelte sich die mittelalterliche
Architektur in den Bisthümern von %Genf%, %Lausanne% und %Sion%.
Die Kirche zu %Romainmôtier% tritt uns als eine Säulenbasilika mit
Tonnengewölben, einem schweren Mittelthurme und primitiv roher
Dekoration entgegen. Nach der äusseren Architektur zu schliessen,
fällt ihre Bauzeit in das 11. Jahrhundert. S. Philibert zu %Tournus%,
durch zwei Säulenreihen in drei Schiffe getheilt, mit einfacher
aber wirksamer Parade, S. Johann zu %Grandson% mit Tonnen- und
Halbtonnengewölben, S. Pierre zu %Clages% (Sitten) mit einer Kuppel und
Kreuzgewölben, Notredame zu %Neufchâtel%, die Abteikirche zu %Payerne%
mit fünf Apsiden und einem Tonnengewölbe über dem Mittelschiffe sind
weitere Beispiele des romanischen, die Kathedralen von %Genf% und
%Lausanne% des frühgothischen Styles auf diesem wenig bekannten, aber
kunstreichen Boden.[59]
§. 80.
Abhängiger von der französischen Kunst, nebenbei mit maurischen
Einflüssen versetzt, gestaltete sich die mittelalterliche Baukunst
in %Spanien%.[60] Französische Bischöfe und normannische Baumeister
werden als verdient um die Einführung des romanischen Styles angeführt.
Noch aus dem 10. Jahrhundert stammen die Kathedrale S. Pablo del Campo
und S. Pere de las Puellas zu %Barcelona%; die alte Kathedrale von
Salamanca (1102) und jene von %Zamora% wurden von einem französischen
Bischofe, _Geronimo_, dem Beichtvater des _Cid_ errichtet und nach
romanischem Muster erbaut, von welcher letzteren Bauweise auch
andere Kirchen von Salamanca in der Dekoration Spuren aufweisen.
Die Kathedrale zu %Avila% (1107) erhielt durch die Zinnenbekrönung
am Chore und Thurme ein schlossartiges Aussehen, die Kathedrale %S.
Pedro% ebendort, aus dem Schlusse des 12. Jahrhunderts, besitzt
eine ähnlich reiche Pfeilergliederung wie der Dom zu Salamanca,
und am Portale das den meisten spanischen Kirchen eigenthümliche
Zickzack- und Kugelornament. An der Spitze der gothischen Bauwerke
steht die Kathedrale von %Burgos% (1221), deren Thürme und Façade
im 15. Jahrhundert ein deutscher Baumeister, _Johann_ von Köln,
emporführte. Deutscher Arbeit verdankt auch das Südportal und
der Glockenthurm von S. Peter zu %Valencia% (1418), das Kloster
%Miraflores% bei Burgos (1488) und angeblich auch die Façade der
Kathedrale von %Barcelona% (1444), deren Arkaden noch im Rundbogen
geschlossen sind, obgleich der Bau erst 1298 seinen Anfang nahm, ihre
Entstehung. Die Façade von %S. Maria del Mar% zu Barcelona (1318) ist
derjenigen von Arles offenbar nachgebildet, also auch in dem Zeitalter
der germanischen Kunst der französische Einfluss neben dem deutschen
bestehend. Der späteren Zeit gehören die Kathedrale von %Toledo%
(1300-1492) an, sowie jene von Sevilla (1480-1519), fünfschiffig,
von auffallender Breite, da sie den Raum einer Moschee bedecken
sollte, deren Bauformen wohl auch die fast gleiche Höhe aller Schiffe
bewirkten, die neue Kathedrale von Salamanca 1513, von Segovia 1525
u. a. In Portugal ist die Klosterkirche zu Batalha (1385) wegen ihrer
zierlichen und harmonischen Bildung besonders hervorzuheben.
§. 81.
Ohne Zweifel besassen die %brittischen Inseln%,[61] England sowohl
wie Irland, schon im vorigen Jahrtausend eine ausgebildete Baukunst,
und fehlt es dem erstgenannten Lande ebensowenig an der Kenntniss
römischer Bauformen, als der irischen Insel an einer eigenthümlichen
architektonischen Ornamentik, deren Wesen wir nach Analogie der
Miniaturen und nach einzelnen Bauresten zu schliessen, in flachen, aber
reich verschlungenen Linien vermuthen. Doch ist von der altirischen
und angelsächsischen Architektur nichts bekannt; die wenigen Reste,
die der letzteren zugeschrieben werden: der Thurm von Wearmouth
(Durham), die Krypten von Ripon und Hexham, die Kirche in Brixworth,
Kirkdale (Yorkshire), Deerhurst (Gloucester) u. a., sowie die
schriftlichen Nachrichten von dem römischen Steinbau, den gallische
Handwerker hier einführten, von dem heimischen schottischen Holzbaue
sind nicht geeignet, uns über den angelsächsischen Styl näher zu
belehren. Wenn wir von der alten sächsischen Bauweise absehen, so
erhalten wir über die Entwicklung der englischen Architektur seit dem
11. Jahrhundert durch folgende zwei Thatsachen ein genaueres Licht:
Sowohl der romanische, als auch der gothische Styl wurden in England
durch französische Baumeister eingeführt. Es gibt wenige englische
Kathedralen, von welchen nicht die Chroniken die Wiederherstellung
oder den Neubau durch die ersten normannischen Bischöfe anführten und
weiter bemerkten, dieselben wären in einer neuen Bauweise errichtet.
Die Männer, an welche die erhöhte Bauthätigkeit im 11. Jahrhundert
sich knüpft: _Lanfranc_, _Gundulph_, _Ernulph_, _Roger Poor_, sind
sämmtlich Normannen, aus Caen gebürtig. Aber auch das älteste gothische
Werk in England, die Canterburykathedrale, wurde nach dem Brande
von 1174 durch den Franzosen _Wilhelm_ von Sens nach dem Muster der
Kathedrale von Sens neu erbaut. Diesen äusserlichen Ursprung kann auch
die englische Architektur keineswegs verläugnen. Die älteren Kirchen
zeigen ein sehr schlechtes Mauerwerk, wie es überall vorkommt, wo die
schaffende und ausübende Thätigkeit nicht Hand in Hand geht; plötzlich
und ohne Uebergänge wird ein weiterer Fortschritt im Bauwesen, z. B.
die Gewölbeanlage, angenommen und an zahlreichen Punkten gleichzeitig
eingeführt; die Richtung geht nicht auf die organische Durchbildung des
Baues, dieser bleibt vielmehr roh und schwerfällig, sondern auf die
reiche Dekoration.
Die Geschichte der einzelnen englischen Bauwerke bedarf fast
durchgängig einer kritischen Revision. Aus dem 11. Jahrhundert
hat sich schwerlich ein vollständiger Bau erhalten. Die meisten
Denkmäler des englisch-romanischen oder normannischen Styles rühren
aus dem 12. Jahrhundert her, in welcher Zeit das System bereits
eine gleichmässigere Ausbildung erreicht hatte. Die Kathedralen von
Rochester (1080), Peterborough (1117), Ely haben alle ein ungewölbtes
Mittelschiff; die Kathedrale von Norwich (1096), mit dem seltsam
dekorirten Mittelthurme, jene von Gloucester, Oxford, Durham sind durch
die schwerfällige Anlage (die massiven Rundpfeiler) charakterisirt,
die letztere übrigens in glänzender Weise verziert. Unter den
germanischen Bauten, welche die unorganische Anordnung der Pfeiler
und des Fenstermaass- und Stabwerkes, die Anlage eines mächtigen
Mittelthurmes und eines doppelten Querschiffes zu unterscheidenden
Merkmalen haben, ragen nebst den ältesten Bauwerken: dem Chor von
Canterbury und der Londoner Templerkirche (h. Grabkirche), 1185
gegründet, hervor: die Kathedrale von Salisbury (1220-1258), Wells,
Exeter (1280), Lincoln, die Londoner Westminsterabtei (1270), die
Kathedrale von York (1291), mit Ausnahme des späteren Chores und
der Façade, die Abtei Melrose, Bristol u. s. w. Die brittischen
Archäologen haben für jedes Jahrhundert einen besonderen Stylnamen
erfunden, und dem 14. Jahrhundert den zierlichen, dem 15. den
perpendikulären Styl zugeeignet. Der letztere ist in der That eine
Eigenthümlichkeit der englischen Architektur, und durch glänzendere
Denkmäler vertreten, als sonst die Verfallzeit der Gothik aufzuweisen
hat. Den Charakter des Perpendikulärstyles deutet schon der Name an.
Namentlich an den Fenstern macht sich die perpendikuläre Richtung
der Gliederung bemerklich; dazu kommt die niedergedrückte Form des
Bogens (Tudorbogen), die complicirten, palmenartigen, mit hängenden
Zapfen versehenen Gewölbe, an deren Stelle wohl auch das zierliche
offene Dachwerk tritt, und die Ueberfülle der Dekoration. Die Kapelle
_Heinrichs VII._ in Westminster, die New-College-Kapelle zu Oxford
(1380), die Halle des Christ-Church-College ebendort, die Kapelle des
Kings-College in Cambridge, die Bauten dieser beiden Universitätsstädte
überhaupt sind die wichtigsten Beispiele dieser Bauweise, die erst
unter der Regierung der Königin _Elisabeth_ italienischen Formen wich.
§. 82.
Eine selbständige Bauregion im Mittelalter bildet %Deutschland%,
obgleich die energische Bemühung um die Entwicklung des Gewölbebaues
keineswegs so kräftig an den Tag tritt, wie in Frankreich, und die
Resultate jenes Strebens wahrscheinlich als eine fertige Thatsache aus
dem letztgenannten Lande übernommen wurden; denn was als der sogenannte
Uebergangsstyl (am Rheine) bezeichnet wird, zeigt mehr eine freie,
ungebundene Handhabung der romanischen Formen, als den ernsten Ansatz
zur Begründung des gothischen Stylprincipes. Das 11. Jahrhundert zeigt
die Form der Basiliken, sei es der Pfeiler- oder der Säulenbasilika,
allgemein giltig; im 12. Jahrhundert wird der Gewölbebau in Angriff
genommen und in übereinstimmender Weise so durchgeführt, dass über
quadratischen Plänen Kreuzgewölbe gespannt werden. Natürlich kommt
der quadratische Raum der Seitenschiffe jenen des Mittelschiffes
nicht gleich, was zur Folge hat, dass ein Gewölbefeld des letzteren
zwei Travéen der Seitenschiffe in sich begreift, erst jeder zweite
Arkadenpfeiler des Mittelschiffes als Gewölbeträger fungirt. Die
Bauschulen sondern sich nach den Landschaften ab und bilden, mit
Ausnahme einzelner Ordenskirchen, z. B. der Cistercienserkirchen,
welche regelmässig nach dem Muster des Mutterklosters Citeaux den
Chor in einer geraden Linie abschliessen lassen, und auch sonst eine
eigenthümliche Stylweise entwickeln, fest zusammenhängende Gruppen.
In den %sächsischen% Ländern waren bereits im 11. Jahrhundert
zahlreiche Kulturstoffe angesammelt, um schon jetzt eine zierliche
Gliederung und consequente Anlage der Basiliken zu versuchen. Dieselben
besitzen regelmässig ein Querschiff und einen verlängerten Chor; diesem
gegenüber an der Westseite eine doppelgeschossige Empore; Pfeiler
wechseln mit Säulen; der Gewölbebau tritt nicht in den Vordergrund;
dagegen erhält sich in den Detailbildungen die antike Tradition, und
reift im 12. Jahrhundert der Formensinn, bezüglich des plastischen
Schmuckes, einer staunenswerthen Vollendung entgegen. Zunächst sind
die Schlosskirche zu Quedlinburg zu nennen (997-1021, nach Andern
1070-1129) und die ihr verwandten Kirchen zu Wester-Gröningen bei
Halberstadt, Gernrode, Frose und Gandersheim. Der rhythmische Wechsel
von Säulen und Pfeilern kommt bei den letztgenannten Kirchen, reicher
ausgebildet und organischer bei den Kirchen von Hecklingen, Heiningen
bei Wolfenbüttel, Ilsenburg (1087 gew.), Drübeck und Huysburg (1121
gew.) bei Halberstadt vor. In dem kunstreichen %Hildesheim% wird
der sächsische Basilikenbau festgehalten, aller Nachdruck dann auf
die architektonische Dekoration der Kapitäle, Gesimse u. s. w.
gelegt. Ausser der verbauten Moritzkirche sind der Dom, vorzüglich
aber die Godehards- und Michaelskirche (Fig. 85), beide aus dem 12.
Jahrhundert, hervorzuheben. Als kleine Pfeilerbasiliken erscheinen in
Halberstadt die Liebfrauenkirche (grösstentheils 12. Jahrhundert) und
Burkhardskirche; dann die Wipertikirche bei Quedlinburg, Ulrichskirche
zu Sangerhausen; eine weitere Entwicklung zeigen die Schlosskirche zu
Wechselburg (1184) und Thalbürgel bei Jena. Schon ursprünglich auf
den Gewölbebau angelegt finden wir die Katharinenkirche (1173) und die
Martinikirche in Braunschweig, während derselbe bei der prachtvollen
Abteikirche von Königslutter (1135) und den Pfeilerbasiliken von
Riddagshausen und Loccum (1145 und 1240) erst später angefügt wurde.[62]
[Illustration: Fig. 85. Michaeliskirche in Hildesheim.]
Die zweite deutsche Bauschule entwickelt sich am %Rheine%.[63] Von
Bauten, welche über das 11. Jahrhundert hinausgehen, haben sich nur
geringe Beste erhalten (Trierer Dom, S. Pantaleon [Vorhalle] und Gereon
[Unterbau des Polygons] in Köln). Selbst das 11. Jahrhundert ist
durch vorhandene Denkmäler karg vertreten, an den meisten Bauwerken
im 12. Jahrhundert, nach Einführung des Gewölbebaues, eine gründliche
Umwandlung vor sich gegangen. Die Adalbertskirche in Aachen (1005), die
Georgskirche in Köln (1067) bewahren noch am besten ihre Basilikenform;
auch der Westchor von S. Gereon und des Bonner Münsters verrathen an
der äusseren Architektur ihren Ursprung im 11. Jahrhundert. Derselben
Zeit gehört auch, mit Ausnahme der Gewölbe und der Gewölbestützen, die
Kirche Maria auf dem Kapitol (1049) an. Dem durch Pfeiler gegliederten
Schiffe ist ein mächtiger Chor- und Querbau vorgestellt; die schon
ursprünglich auf ein Kreuzgewölbe berechneten Nebenschiffe werden
als Umgang um jene herumgeführt, und eine verwandte Anordnung bei
der Apostelkirche (u. 1150) und der Martinskirche wiederholt. Aus
einer einzigen Bauzeit stammt, mit Ausnahme der S. Cunibertskirche
(1248 gew.), kein einziger Kölner Bau; bei den meisten bemerken wir
Baureste aus dem 11. Jahrhundert (die deutlichsten Spuren gewahrt
man gewöhnlich an der alten Fensteranordnung), welche aber im
folgenden Jahrhundert durch den Pfeilern vorgesetzte Halbsäulen,
durch ein erhöhtes Mittelschiff, eine andere Fenstereintheilung, und
den Gewölbebau in allem Wesentlichen verändert wurden (Spuren der
älteren äusseren Architektur: an S. Gereon, Aposteln, Maria im Cap.,
S. Ursula, Bonner Münster u.s.w.). Durch einen strengen Organismus
und eine einheitliche Gliederung zeichnet sich die gewölbte %Laacher%
Abteikirche aus, fünfthürmig mit doppeltem Chore und Querschiff (1156
voll.). Das Triersche Gebiet besitzt in der westlichen Erweiterung des
Domes durch Bischof _Poppo_ (1049) und in der Abteikirche S. Willibrord
zu Echternach (mit korinthischen Säulenkapitälen) Denkmäler des 11.
Jahrhunderts; etwas jünger ist die Pfeilerbasilika S. Matthias zu
Trier (1148). Am %Mittelrheine% nahm die baugeschichtliche Entwicklung
eine andere Richtung, als in der Kölner Schule. Während diese auf die
Ausbildung der Kuppelform über der Vierung hinstrebt, geht dort die
Tendenz auf die Durchführung des Gewölbebaues innerhalb der romanischen
Grenzen und eine ungewöhnliche Steigerung der räumlichen Verhältnisse.
Auch am Mittelrheine bildet die Basilika den Ausgangspunkt: Limburg
an der Haardt (1030-1042), Justinuskirche in Höchst (1090), durch
die Neubildung der antiken Tradition bemerkenswerth, u. a. Nach den
neuesten Untersuchungen bildeten die Dome zu Mainz (1009 zum erstenmal
geweiht), zu Speier (1030 gegr.) und zu Worms (1016) gleichfalls
ursprüngliche Pfeilerbasiliken, welche später (Mainzer Dom jedenfalls
nach 1081, der Speyrer Dom 1137 oder 1195, der Wormser bis 1181),
im Laufe des 12. Jahrhunderts, nach einer gemeinsamen Grundidee
umgebaut wurden. Dieses gemeinschaftliche Element offenbart sich in
dem Grundrisse, in dem Kuppelbaue zu beiden Seiten des Langhauses,
in der Höhengliederung und in der Travéenanlage. Die hier gegebenen
Anregungen zum Gewölbebaue wirkten in weiten Kreisen nach; die
Kirche in Arnsburg in der Wetterau, Otterberg bei Kaiserslautern,
Eberbach (1186 gew.), die Martinskirche in Worms zeigen eine verwandte
Anordnung der Travéen und des Grundrisses. Auch Elsass und Lothringen
befolgen im Allgemeinen den rheinischen Typus. Die Aufklärungen,
welche neuerlich über die Geschichte der mittelrheinischen Dome
gegeben wurden,[64] sind, abgesehen von ihrer Wichtigkeit für die
lokale Baugeschichte, auch dadurch von grösstem Werthe, dass sie
die Beruhigung der deutschen Kunst bei dem romanischen Style, das
Nichtvorhandensein jener zahlreichen constructiven Versuche, aus den
Grenzen des romanischen Styles herauszukommen, unzweifelhaft aufweisen,
welche an der älteren französischen Architektur bemerkt werden.
Dafür sprechen auch die Eigenthümlichkeiten des sogen. deutschen
%Uebergangsstyles%. Im westlichen Theile von Deutschland, sonst aber
auch in Sachsen, Thüringen und Franken, werden seit dem Beginne des
13. Jahrhunderts zahlreiche Bauwerke errichtet, welche einzelne
Merkmale des germanischen Styles, also namentlich den Spitzbogen in
den Arkaden und im Gewölbe, an sich tragen, und auf solche Weise die
Gothik vorzubereiten scheinen. Sieht man aber genauer zu, so gewahrt
man nur die Auflösung des romanischen Bauorganismus, das Streben nach
reicheren, dekorativen Formen, aber nicht das nähere Eingehen auf die
Grundlagen der gothischen Architektur. Die runde Apsis verwandelt
sich in eine polygone; die Fenster erweitern sich, nehmen die Form
von Fächern an, oder stellen sich zu grösseren Gruppen zusammen; die
Arkaden gewinnen an Höhe, die Pfeiler an Gliederung, die Säulen an
Schlankheit; aber es bleibt in vielen Fällen die Trennung des Schiffes
durch den Triumphbogen von der Apsis, in anderen die %quadratische%
Grundlage der Wölbung; es bleibt die Thurmanlage neben der Apsis, die
Ueberkuppelung der Vierung, die Dekoration der äusseren Wände durch
Felder u. s. w. Neben diesen wesentlich romanischen Eigenschaften
verschwindet das vereinzelte Merkmal des Spitzbogens, also auch das
Verdienst, den gothischen Styl begründet zu haben, der überdies schon
früher festgestellt war, als die meisten dieser sogen. Uebergangsbauten
datiren. Die wichtigsten derselben sind: Eine Gruppe am Niederrhein,
von der kölnischen Bauschule abhängig; S. Cunibert, S. Andreas (Schiff)
in Köln, das Langhaus des Bonner Münsters, S. Quirin in Neuss (1209),
die Kirchen zu Sinzig, Remagen, Heimersheim, Andernach, Bacharach
u. a.; dann die Domkirche zu Limburg an der Lahn, die Kirche zu
Gelnhausen, das Basler Münster, der Bamberger Dom, das Schiff der
Sebalduskirche in Nürnberg, die Kirche zu Memleben, und theilweise der
Dom zu Naumburg und die Kirche in Freyburg an der Unstrut u. a.
Andere Bauschulen von minder allgemeiner Bedeutung finden sich in
Westfalen, Schwaben, Bayern und Böhmen. In %Westfalen% ist das zähe
Festhalten am romanischen Typus bis spät in das 13. Jahrhundert, die
frühe Ausbildung des Gewölbestyles, der geringe dekorative Reichthum
auffällig, die Vorliebe für gleich hohe Schiffe (Hallenkirchen) schon
in der romanischen Periode bemerkbar. Den Anknüpfungspunkt für die
westfälische Kunst bildet gleichfalls die karolingische Bauweise
(Corvey, westlicher Unterbau). Säulenbasiliken kennt man u. a. in
Paderborn (Bartholomäuskirche), alle Schiffe unter einem Dache, mit
romanischen Spitzbogen und tonnengewölbter Vorhalle, Neuenheerse,
Harthausen; Pfeilerbasiliken: Die Dome in Soest, Osnabrück, Paderborn,
die Ludgerikirche in Münster, Marienkirche in Dortmund, alle in der
Folgezeit verändert und überwölbt; den sächsischen Stützenwechsel zeigt
die Petruskirche in Soest; ganz oder fast gleich hohe Schiffe und ein
fensterloses Mittelschiff: die Marienkirche in Lippstadt, Herforder
Münster, Maria auf der Höhe in Soest, Johanneskirche in Osnabrück, die
Kirche zu Methler bei Dortmund u. a. Die in Deutschland und namentlich
in Böhmen nicht seltenen Rundbauten (Kapelle auf dem Krukenberge in
Hessen, Matthiaskapelle bei Kobern [sechseckig], Loning, Steingaden in
Bayern, Tulln, Znaim, Groitsch, Prag) werden in Westfalen durch die
zwölfeckige Kapelle zu Drüggelte bei Soest vertreten.[65]
Die %schwäbische% Architektur und jene der Donauebene[66] überhaupt
zeigt keine besondere Eigenthümlichkeit. Bauwerke des 11. Jahrhunderts
kommen nur sehr selten vor, jene des folgenden Jahrhunderts halten
sich nicht auf gleicher Stufe mit den früher genannten Landschaften,
und nehmen den Gewölbebau in sehr später Zeit an. Nicht durch
Formschönheit, wohl aber durch den räthselhaften Inhalt anziehend
sind mehrfach die plastischen Ornamente der Kirchen (Belsen und
Schwärzloch bei Tübingen, die Portale der Jakobskirche in Regensburg
aus dem 13. Jahrhundert). Unter den Beispielen von Säulenbasiliken
heben wir hervor, jene zu Hirschau (1071), Kleinkomburg, Faurndau
(12. Jahrhundert), Alpirsbach (1098), Konstanz (1052), Heilsbronn
bei Nürnberg (12. Jahrhundert), S. Jakob in Regensburg und Bamberg;
Pfeilerbasiliken sind der Augsburger Dom in seiner ursprünglichen
Gestalt (1065), S. Michaelskirche in Altenstadt bei Schongau und
in Bamberg (1121), Sindelfingen (1083), Denkendorf, Maulbronn
(1178) mit ausgedehnten Klosteranlagen, das verwandte Stift von
Bebenhausen u. a. Den schwäbischen Bauten schliessen sich jene der
Nordschweiz (Schaffhausen u. a.) enge an. Stützenwechsel kommt im
Süden Deutschlands nur ausnahmsweise vor: Burkhardikirche in Würzburg,
Rossheim und Lauterbach im Elsass.
Der skandinavische Norden sondert sich bereits durch das Material
von dem Kunstkreise anderer Länder ab. Die hiesigen %Holz%kirchen
können wohl im Allgemeinen dem Basilikenschema sich unterordnen, die
besondere Formenbildung ist aber nothwendig vom Holzmateriale abhängig,
wozu noch die verschiedene (byzantinische) Tradition bestimmend
einwirkt. Die Kirchen (Urnes, Borgund, Hitterdal, Tind, Wang, 1842 nach
Brückenberg in Schlesien übertragen u. a.) sind von Portiken umgeben,
mit einem Brettergewölbe bedeckt, der Chor durch eine Bretterwand
vom Langhause getrennt, dieses durch Säulenarkaden gegliedert, die
ganze Anlage durch treppenartiges Aufsteigen der verschiedenen Giebel
thurmartig behandelt. Unter den Steinbauten Skandinaviens hat der Dom
zu %Drontheim% die grösste Wichtigkeit. Er ist im lateinischen Kreuze
errichtet, im Osten mit einem achtseitigen Kuppelbaue unorganisch
abgeschlossen, und mit demselben die ältere Klemenskirche verbunden,
welche, wie die Kreuzflügel des Domes, noch den Rundbogen aufweist,
während die übrigen Theile mit dem Spitzbogen geschlossen sind, und in
Wahrheit schon in die folgende Bauperiode gehören. Dass das Ornament
hier wie anderwärts dem normannischen verwandt ist, bedarf keines
Beweises.[67]
§. 83.
Nach dieser Abschweifung zur Baugeschichte Deutschlands zurückkehrend,
haben wir die Verbreitung des gothischen Styles und seine Schicksale
auf deutschem Boden zu schildern. Dass derselbe bereits als eine
fertige Thatsache bekannt war, als er in Deutschland eingeführt
wurde, dafür spricht der Umstand, dass mehrere der ältesten Bauten
(Liebfrauenkirche in Trier 1227-1244, Gereonsdom 1212-1227) ihn auf
ältere Grundformen anwenden; für das specielle französische Vorbild der
deutschen Gothik (welche aber keineswegs als mechanische Nachahmung
angesehen werden darf, die französischen Motive vielmehr rasch in
selbständiger Weise zu entwickeln lernt und einen eigenthümlichen,
streng deutschen Styl schafft, wie dies die Elisabethkirche zu Marburg
1231-83 bereits darthut), lassen sich die Gründe aus der verwandten
Anlage des Magdeburger Domes (1211-1363) und des Kölner Domes (Amiens),
so wie aus dem in Deutschland gebräuchlichen Namen: französischer Styl
(_opus francigenum_) ableiten. An der Spitze der deutsch-gothischen
Bauten, ja der germanischen Architektur überhaupt, steht der %Kölner
Dom%.[68] Durch Erzbischof _Konrad_ von Hochstaden wurde 1248 der
Grundstein zum Chorbaue gelegt; der alte Bau blieb bis in das 14.
Jahrhundert unversehrt und dem gottesdienstlichen Gebrauche gewidmet,
und wurde erst nach der Vollendung und vorläufigen Abschliessung des
Chores (1322) allmälig niedergerissen, um dem langsam vorrückenden
Baue des Langhauses zu weichen, woran sich zuletzt der Bau der
Querschiffe anschliessen sollte. Bei dem einen derselben kam es nicht
einmal zur Grundsteinlegung. Das Langhaus selbst wurde im 14. und 15.
Jahrhundert bis zur Höhe der Seitenschiffe vollendet, die nördlichen
Seitenschiffe eingewölbt, der südliche Thurm auf ein Dritttheil seiner
Höhe gebracht. Die lange Bauzeit selbst, dann die innere Entwicklung
der Gothik konnten nicht anders als in den einzelnen Bauformen
Veränderungen hervorrufen: die Pfeilerbündel im Chore haben noch nicht
das lebendige Profil der Schiffspfeiler, die Knäufe der letzteren einen
reicheren Schmuck; die gleiche Verschiedenheit bemerkt man im Stab- und
Maasswerke des nördlichen Seitenschiffes und der unteren und oberen
Fenster des Chores; dieser selbst ist in seinem Oberbaue glänzender
angelegt, als es ursprünglich wohl beabsichtigt war. Der Entwurf der
Façade und der Thürme, der sich durch einen glücklichen Zufall im
Originale erhalten hat, ist nicht im 13., sondern im 14. Jahrhundert
(von Meister _Johann_?) geschaffen, ja selbst die hässlichen Formen
der spätesten Gothik haben sich an dem ersten nördlichen Strebepfeiler
verewigt. Dennoch ist die Grundeinheit der Anlage vollkommen gewahrt
und der Gedanke zu dem Riesenbau unstreitig eine That des 13.
Jahrhunderts. Wer diesen Gedanken zuerst in seinem Kopfe getragen,
darüber ist kein Licht verbreitet. Als erster Werkmeister angeführt
zu werden, hat noch immer _Gerhard_ von Rile das grösste Anrecht. Die
Maasse des Kölner Domes sind für die Gesammtbreite und Höhe 161' (köln.
Maass), jene auf das Mittelschiff und vier Seitenschiffe vertheilt, und
für die äussere Länge und die Thurmhöhe 532'.
In Köln selbst wird der frühgothische Styl durch die ernste
Minoritenkirche (1260), die spätere Weise durch das Schiff der
Severinskirche (1394) und den Chor von S. Andreas (1414) vertreten.
Nach dem Muster des Kölner Domes, nur einfacher gehalten, wurde die
Cistercienserkirche zu %Altenberg% bei Köln (1255-1379) errichtet. Die
übrigen wichtigeren gothischen Bauwerke der Rheinlande sind folgende:
Der Dom zu %Xanten% 1263, im 16. Jahrhundert vollendet; der Münsterchor
zu %Aachen%, im glänzenden Style des 14. Jahrhunderts (1353); die
Stadtkirche zu %Ahrweiler% 1260; die Katharinenkirche zu %Oppenheim%
1262-1317, im Stabwerke schon dem dekorativen Style genähert; der Dom
zu %Frankfurt% (1315 bis in das 16. Jahrhundert); das %Strassburger%
Münster, dessen Schiff noch die einfachen Formen des 13. Jahrhunderts
zeigt, während die von _Ervin_ von Steinbach 1277 entworfene Façade
französische Baumotive in der glänzendsten Weise verarbeitet. Der
südliche Thurm wurde von _Johann Hültz_ aus Köln 1439 in den damals
üblichen Formen vollendet. Das Münster zu Freiburg vom 13.-15.
Jahrhundert (die Thurmpyramide stammt ans dem 14. Jahrhundert); das
Basler Münster (1363 wieder hergestellt) u. a.
In %Westfalen% herrscht die Hallenform vor, das Mittelschiff, selbst
im Falle der Ueberhöhung, entbehrt der selbständigen Beleuchtung; die
Aufnahme der gothischen Bauweise geschieht nur zögernd; erst im 14.
Jahrhundert gewinnt sie eine allgemeine Gültigkeit. Der Dom zu Minden
mit drei gleich hohen Schiffen gehört zu den ältesten gothischen Bauten
Westfalens; die Johanniskirche zu Osnabrück, ebendort die Marienkirche
(1306-1420) und Katharinenkirche; die Ueberwasser-, Liebfrauen- und
Lambertikirche (1335) zu Münster, die Dominikanerkirche zu Dortmund
(1354), die Wiesenkirche zu Soest (1337) u. a.
Die %Niederlande%, theilweise von Frankreich, theilweise von
Deutschland abhängig, entwickelten den gothischen Kirchenstyl mit
verhältnissmässig geringem Glücke. Durch die Anlage hölzerner
Scheingewölbe ging das eigentliche Wesen der Gothik verloren, und
auch sonst wurde der nüchterne Formensinn selten überwunden. Die
regsamste Bauzeit fällt in das 14. und 15. Jahrhundert. Prachtbauten
sind: S. Gudula in Brüssel (1220), der Dom zu Antwerpen (1352-1411),
S. Johann in Bois le Duc, S. Peter zu Löwen (15. Jahrhundert),
S. Michael zu Gent 1440 u. a. Desto glänzender gestaltet sich die
bürgerliche Baukunst in den Beffrois (Tournay, Gent, Brügge u. a.),
in Rathhäusern und Kaufhallen (Ypern, Brügge, Brüssel (1401),
Löwen(1448-1463), Gent, Audenarde (1530) u. s. w.).
Im %inneren und östlichen Deutschland% hatte die gothische Baukunst
gleichfalls erst im 14. Jahrhundert ihren vollen Glanz entwickelt.
Die hervorragendsten Dome: Ulmer Münster mit sechseckigen Pfeilern im
Mittelschiffe, dienstlosen Säulen in den Seitenschiffen, niedrigem
einschiffigen Chore und reich dekorirter Vorhalle (1377-1507); der
%Stephansdom% in Wien, mit drei gleich hohen Schiffen im Chore und
einem fensterlosen Mittelschiffe, und dem über Verdienst gepriesenen
432' hohen Thurme, in den Haupttheilen von 1359-1519 gebaut; der
%Prager% Domchor zu S. Veit (1343-1385); der Regensburger Dom, mit
Ausnahme des älteren Chores, im 14. und 15. Jahrhundert errichtet, der
Meissner Dom u. a. stammen alle aus verhältnissmässig späterer Zeit.
Neben den genannten Kirchen sind noch anzuführen: Die Lorenzkirche
in Nürnberg von 1280-1447; die Frauenkirche und Sebalduschor aus dem
14. Jahrhundert; die Stiftskirche von Wimpfen im Thale (1262); der
Dom zu Halberstadt im 13. und 14. Jahrhundert; die Martinskirche in
Landshut (1392-1478), ein Backsteinbau in Hallenform; die Frauenkirche
in München (1468); die hallenförmige Stiftskirche in Stuttgart (1444);
die Liebfrauenkirche in Esslingen (der Thurm vom Jahre 1440); der Dom
zu Erfurt (Chor 1349, Langhaus 1456); die Marktkirche in Halle a. d. S.
(16. Jahrhundert); die gleichbenannte zu Hannover, beide Hallenkirchen;
die fünfschiffige Petri-Paulikirche in Görlitz (1423) und zahlreiche
andere, die grösstentheils dem späteren gothischen Zeitalter angehören,
und bald als roher Massenbau, bald als überzierlicher Dekorationsbau
erscheinen. Die später beliebte Hallenform wich nicht allein von
der ursprünglichen Constructionsweise ab, sondern veränderte auch
wesentlich die ästhetische Wirkung der Bauwerke; es werden die
Verhältnisse der einzelnen Bautheile anders bestimmt; was der Bau im
Innern an Helle, Uebersichtlichkeit gewinnt, geht an dem lebendigen
Aufbaue wieder verloren. In dem Absehen von der traditionellen
Gliederung, von der architektonischen Hierarchie, kann man mit Recht
eines der ersten Zeichen der beginnenden Geisteskämpfe vermuthen.
Die norddeutsche Ebene trat erst spät in den romanischen Kunstkreis
ein.[69] Nicht früher als in der Mitte des 12. Jahrhunderts regt
sich die Bauthätigkeit, welche durch den Mangel an einer bindenden
Bautradition und das eigenthümliche Backsteinmaterial zu selbständigen
Formen gelangt. Nur die Grundform der Basilika wird beibehalten, die
Details aber, wie das Säulenkapitäl (eckige statt runder Formen), der
Bogenfries, dem Backsteinmaterial entsprechend verändert. Noch aus der
romanischen Periode rühren die Pfeilerbasiliken: Dom zu Brandenburg
(1179), die Kirchen zu Dobrilugk, Jüterbog, Arendsee, der Dom zu Lübeck
und die Säulenbasiliken zu Jerichow. Den norddeutschen gothischen
Styl charakterisirt die vereinfachte Dekoration, das Verschwinden
der Strebebogen, welche bei den Hallenformen nothwendig wegfallen,
des Maasswerkes, der durchbrochenen Galerien, die Anordnung nackter
achteckiger Pfeiler im Innern, ferner das Streben, die Monotonie der
mechanischen geformten Glieder durch wechselnde Farbenschichten zu
brechen und (für das preussische Ordensland wenigstens giltig) der
gerade Abschluss des Chores. Innerhalb dieses gemeinsamen Kreises
entwickeln sich mehrere Lokalschulen: die niederrheinische, pommersche,
preussische; die nähere Bekanntschaft mit Hausteinkirchen lässt
in einzelnen Fällen vom schlichten Backsteintypus abweichen und
reichere Dekorationsformen ersinnen (Katharinenkirche in Brandenburg
(1401), Marienkirche in Stargard, Jakobikirche in Thorn (1309)); im
Ganzen bleibt aber die baugeschichtliche Bewegung auf einen engen
Kreis beschränkt, und die hier gewonnenen Resultate greifen auf die
allgemeinen Schicksale der Baukunst nicht ein. Die Hauptdenkmäler
sind: Am Niederrheine die Kirche von Calcar und Cleve (1354); ferner
die Marienkirche zu Lübeck (1276-1310), in der Form eines Kreuzes
mit niedrigen Seitenschiffen; der Dom zu Schwerin (1350-1370), von
ähnlicher Anlage; die Marienkirche zu Rostock (1398-1472); die
Cistercienserkirche zu Dobberan (1368), abweichend vom landesüblichen
Typus; der Dom zu Stendal (1461); die Klosterkirche zu Berlin (1290);
die fünfschiffige Marienkirche zu Frankfurt a. d. O. (u. 1350);
die Marienkirche zu Prenzlau (1340-1375), in Einzelnheiten die
Hausteinarchitektur nachbildend; die Nikolaikirche zu Stralsund (1311);
die fünfschiffige Hallenkirche (Marienkirche) in Colberg (1316-1410);
die Marienkirche zu Danzig (1343-1502) u. a.
Den eigentlichen Glanzpunkt der norddeutschen Architektur bilden
die preussischen %Ordensschlösser%, deren Typus im 14. Jahrhundert
festgestellt wurde. Die Mitte des quadratischen, von Eckthürmen
flankirten Baues, nimmt gewöhnlich ein geräumiger Hof ein. Denselben
umgibt ein bedeckter, gegen den Hof offener Kreuzgang in zwei bis
drei Geschossen übereinander. Diese Galerien sind aus Holzwerk, mit
einer flachen Decke versehen (Rastenburg, Gollub), und zur Stütze der
letzteren Steinpfeiler, durch Bogen verbunden, aufgerichtet (Rossel)
oder im Kreuzgewölbe geschlossen (Marienburg 1309, Marienwerder,
Rheden, Regnitz, Heilsberg). In der Fensterbildung ist die horizontale
Richtung herrschend, die Gewölbe der Refektorien und Kapitelsäle
breiten sich palmenartig aus, das kriegerische Aussehen ist mit
glänzender Pracht glücklich verbunden.
§. 84.
Während die germanischen Stämme mit steigendem Erfolge nationale
Grundlagen der Kunst feststellten und die Ausdrucksmittel der
heimischen Kunstweise vermehrten, lastete auf Italien die
unverwischbare antike Tradition.[70] Sie konnte nicht mehr zu einem
frischen und reinen Leben gebracht werden, und liess doch für
Neuschöpfungen keinen Raum. So kam es, dass das Zeitalter vom 11. bis
zum 13. Jahrhundert in Italien verhältnissmässig nur eine geringe
Kunstthätigkeit aufweist, zumal in der Architektur, welche seit der
Begründung des gothischen Styles sich im schärfsten Gegensatze zur
Antike bewegte. Die romanische Baukunst stand Italien nicht fern,
in ihrem Kreise wurden auch grössere Erfolge erzielt; aber der
gothische Styl blieb jenseits der Alpen eine unbegriffene Grösse,
der man einzelne äusserliche Merkmale, den dekorativen Theil, absah,
deren Grund und Wesen jedoch unbekannt blieb. Nicht wenige unter den
gothischen Bauwerken Italiens verdanken nordischen Meistern ihre
Errichtung, aber selbst im Angesichte trefflicher Vorbilder bewahrte
die italienische Gothik keine Reinheit und sank zum Dekorationsbaue
zurück.
Ober- und Mittelitalien entwickeln die grösste, Rom die geringste
Rührigkeit in der Baukunst. In der %Lombardei% erfuhr der Gewölbebau
eine consequente Anwendung, wie frühe, ist noch nicht ermittelt, wie
denn überhaupt die italienische Baugeschichte gar sehr im Argen liegt;
doch ist dafür die grösste Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass er auf
römischen Reminiscenzen weiter entwickelt wurde. Auf die Longobarden
kann er in keiner Weise zurückgeführt werden, wohl aber nahmen auf
die Detailbildung, auf das Dekorative die germanische Phantasie und
nordischer Formensinn Einfluss. Während das Innere der lombardischen
Kirchen über doppelten Rundbogenarkaden schwere Kreuzgewölbe zeigt, den
Chor im Halbkreise abschliessen lässt und über der Vierung eine Kuppel
spannt, erscheint der Façadenbau als eine einfache, mit einem Giebel
geschlossene Wand, welche die innere Kirchengliederung nothdürftig
verrathet. Zierlich gewundene Säulen bezeichnen die Scheidung in
mehrere Schiffe; offene Arkaden durchschneiden in horizontaler
Richtung die Façade; über dem mittleren, in Rundbogen geschlossenen
oder mit einem Giebel bedeckten Portale ist eine mächtige Fensterrose
angebracht; der Giebel steigt in Stufen empor und hat bald einen
Bogenfries, bald offene Arkaden (Arkadengalerien am Aussenbaue kommen
häufig vor) zum Schmucke.
Die meisten Kirchen, welche wir der romanischen Periode zuschreiben,
werden gewöhnlich, aber grundlos, in das altlongobardische Zeitalter
versetzt: S. Michele in Pavia, durch schwerfällige Pfeilermassen
in drei Schiffe gegliedert; S. Ambrogio in Mailand von verwandter
Anlage, die gegenüberstehenden Pfeiler durch Spitzbogen verbunden;
S. Zeno in Verona, wie alle lombardischen Kirchen mit einem isolirten
Glockenthurme; S. Fedele in Como. In das zwölfte Jahrhundert fällt
die Errichtung der Dome von Piacenza (1122 begonnen), Parma, Modena,
Cremona, Lucca u. a. Die zahlreichen, bald runden, bald polygonen
Taufkirchen in der Lombardei (Parma, Bergamo, Brescia) folgen im
Allgemeinen dem für diese Bauwerke giltigen Typus.
Die Basilikenform ist auch in Mittelitalien maassgebend. Am
grossartigsten und reichsten entwickelt sie der Dom zu Pisa. Das
fünfschiffige Langhaus wird von einem dreischiffigen Querbaue
durchschnitten, über dem Durchschneidungspunkte eine Kuppel gewölbt,
das Mittelschiff ist flach, die Seitenschiffe mit einem Kreuzgewölbe
eingedeckt. Die Säulen der Doppelarkaden sind römischen nachgebildet,
wodurch ebenso, wie durch die Detailgliederung in der benachbarten
Kirche S. Piero in grado, die Lebendigkeit der antiken Tradition
bewiesen ist, die Aussenseiten durch Wechsellagen von schwarzem und
weissem Marmor, Säulen- und Pfeilerarkaden dekorirt. Der isolirte Thurm
(1174 von dem Pisaner _Bonanno_ und _Wilhelm_ aus Innspruck errichtet)
hat, wie der Unterbau des Baptisteriums, von _Diotisalvi_ 1153
erbaut, einen ähnlichen Arkadenschmuck. Seine schiefe Stellung wurde
wahrscheinlich durch anfängliches Ungeschick und späteren Starrsinn
hervorgerufen, und fand, von der Liebe zum Seltsamen freudig begrüsst,
auch anderwärts (Bologna, Ferrara) Nachahmung. Noch entschiedener
als in Pisa und den verwandten Bauten von Pistoja und Volterra zeigt
sich die Anlehnung an die Antike in florentinischen Bauten: im
Baptisterium, S. Apostoli und der Basilika S. Miniato aus dem Ende
des 12. Jahrhunderts. Das musivische Täfelwerk spielt auch hier eine
Hauptrolle; die Gesimsprofile, die Kapitäle, das gerade Gebälke über
den Pilastern und der Façade sind in römischen Formen durchgeführt.
Gleiches gilt von S. Maria in Toscanella (1206) in Bezug auf die innere
Gliederung; dagegen ist das rundbogige Portal in rein romanischer Weise
angeordnet und geschmückt. Für die Fortdauer der antiken Tradition auch
im 13. Jahrhundert sprechen die brillanten Kreuzgänge von S. Paul und
S. Lorenzo bei Rom. Zwar können der musivische Schmuck, die Skulpturen
in den Bogenzwickeln, die mannigfach gewundenen Säulen nicht auf diese
Quelle zurückgeführt werden, wohl aber ist die Form des Gebälkes in
römischer Weise gebildet; die übrigen Kirchenbauten Roms vom 11. bis
13. Jahrhundert (S. Bartolomeo, Quattro santi, S. Maria in Trastevere,
S. Lorenzo) wiederholen den altchristlichen Basilikentypus mit geringen
Modifikationen.
Als im 13. Jahrhundert der germanische Styl in Italien eindrang,
wurde die bis dahin übliche Bauweise in den Hintergrund gedrängt,
aber keineswegs überwunden. Ja es ist überhaupt fraglich, ob die
Uebung der romanischen Architektur jemals auf längere Zeit in Stocken
gerieth. Der früheste bis jetzt bekannte gothische Bau in Italien
ist die Klosterkirche zu %Assisi%, 1218 von einem deutschen Meister
_Jakob_ erbaut. Noch aus dem 13. Jahrhundert stammen der Dom zu Siena
mit doppelfarbigem Façadenschmucke, aber Rundbogen im Innern, der
formverwandte Dom von Orvieto (1290), der Dom von Arezzo; in Florenz
die Kirche S. Maria Novella (1279), S. Croce und der Dom (1296). Als
Baumeister der beiden letztgenannten Kirchen wird _Arnolfo_, Sohn des
_Cambio_ aus Colle, angeführt. Weder die Anordnung des Grundrisses,
die gewaltige Breite des Mittelschiffes, noch die Anlage der Kuppel
über dem Chore geschah im Geiste des gothischen Styles, welchem nur
die in ein glänzendes Spiel übertragenen dekorativen Formen der
Aussenseite entlehnt sind. Der isolirte Glockenthurm von ähnlicher
Beschaffenheit, nämlich nur oberflächlicher Gothik, ist ein Werk des
Malers _Giotto_ im 14. Jahrhundert. Pisa besitzt in Campo santo, in der
kleinen Kirche S. Maria della Spina und dem Oberbaue der Taufkirche
gothische Bauwerke. In Norditalien nimmt der Dom zu Mailand, 1386
von einem Deutschen gegründet, die erste Stelle ein. Den kolossalen
Verhältnissen und der glänzenden Dekoration entspricht schlecht die
schwächliche Gliederung der Pfeiler. Einen günstigeren Boden fand die
gothische Architektur in Venedig (ai frari [1250], S. Giovanni e Paolo
[1246-1430]), die geringste Pflege dagegen in Rom (S. Maria sopra
Minerva, 14. Jahrhundert) und Unteritalien.
Das vorherrschende dekorative Element in der mittelalterlichen
Architektur Italiens hinderte einerseits den Aufschwung der kirchlichen
Baukunst, andererseits wirkte es aber auf die zierliche und elegante
Ausbildung des weltlichen Baustyles unendlich belebend. Für die
romanische Periode sind namentlich einzelne Palastbauten in Venedig
(Fondaco dei Turchi, Pal. Loredan) hervorzuheben; ebendort hat der
gothische Styl in dem Dogenpalaste (u. 1350 von _Filippo Calendario_
errichtet), in den kleineren Palästen Foscari, Sagredi, Ca' d'Oro u. a.
die anziehendsten und reichsten Musterbilder weltlicher Architektur
geschaffen. Auch der Backsteinbau wurde in Oberitalien heimisch und in
Mailand (das grosse Hospital des Antonio Filarete 1456), Bologna u. a.
in der glücklichsten Weise geübt. In Florenz entwickelte sich unter
dem Einflusse der Gothik im eigenthümlichen Hallen- und Palaststyl:
die sogenannte Loggia dei Lanzi, 1374 von _Andrea Orcagna_ erbaut, die
alten Paläste in Florenz und Siena, deren Motive, des schwerfälligen
Charakters entkleidet, auch nach dem Verlassen der germanischen
Bauweise mannigfach benützt wurden. Rom und Unteritalien bewahrten
in dem sogenannten Hause Cola Rienzis, in dem Palaste Friedrichs II.
zu Foggia und seiner Burg Castel del Monte die wichtigsten Reste
frühmittelalterlicher Privatarchitektur.
§. 85.
Die dekorative Architektur war namentlich in der gothischen Periode
nicht allein auf den Hauptbau beschränkt, sondern auch im Innern der
Kirchen im reichsten Maasse angewendet. Wir rechnen zu diesen kleineren
Architekturen: Die Ciborien und Baldachine über den Altären, die
Sakramentshäuschen, Ambonen, Kanzeln, Lettner, Orgelbauten u. s. w.
Altarbaldachine sowohl romanischer wie gothischer Art trifft man in
Deutschland in Hamersleben und Fredelsloh (Niedersachsen), im Dome
zu Regensburg, im Stephansdome, besonders häufig aber in Italien an,
in Rom z. B. in S. Lorenzo, S. Clemente, S. Paolo vor den Mauern,
im Lateran, S. Cecilia u. s. w. Diese letzteren Werke werden an den
Namen der _Cosmaten_ angeknüpft, eine in mehreren Generationen thätige
römische Künstlerfamilie des 13. Jahrhunderts, welcher auch die Anlage
der reichen Klosterhöfe von S. Paul, im Lateran, in Subiaco, die
Vorhalle in Civita Castellana verdankt wird. Den Sakramentshäuschen
verlieh der gothische Styl eine thurmartige Form; das 14. und 15.
Jahrhundert brachte sie in allgemeine Aufnahme. Weltberühmt ist das
Sakramentshäuschen _Adam Krafts_ in der Lorenzkirche zu Nürnberg, 64'
hoch, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts; neben diesem sind noch die
Tabernakel zu Kaschau in Ungarn, in den Domen zu Ulm, Regensburg,
Fürstenwalde, in S. Severin zu Köln, in Löwen (S. Peter), Courtrai
u. a. nennenswerth. Die mit einer Empore versehene Scheidewand zwischen
Chor und Schiff, der sogenannte Lettner (_lectorium_), erhielt
gleichfalls erst in der gothischen Periode ihre grösste Verbreitung.
Romanische Lettner sind selten (Maulbronn, Zell im Pinzgau, Ostchor
in Naumburg); gothische Lettner dagegen waren namentlich vor den
Zerstörungen, welche das vorige Jahrhundert in mittelalterlichen
Kirchen verübte, in grosser Zahl vorhanden (Naumburg, Halberstadt,
Basel, Münster, Wetzlar, Löwen, Troyes u. s. w.). Kanzeln in der Form
der alten Ambonen haben sich ausserhalb Italien nur an wenigen Orten
(Wechselburg) erhalten; auch hier wie bei den Orgelbauten (Strassburg),
bei den emporartigen Einbauten an der Westseite (S. Pantaleon in
Köln) war für die Gesammtanlage und für die besondere Dekoration das
gothische Formgefühl maassgebend, und namentlich die spätgothische
Zeit von dem grössten schöpferischen Reichthume. Das zierliche Spiel,
zu welchem die letztere die architektonische Grundform vereinigte,
musste sie für die kleinere Architektur nicht wenig geschickt, und
diese besonders beliebt machen, daher denn auch die architektonische
Einrichtung der Kirchen so häufig die Kunstthätigkeit des 14. und 15.
Jahrhunderts ausfüllt. Man muss, um den dekorativen Reichthum der
späteren Gothik vollkommen zu übersehen, ausser den früher genannten
Gegenständen, namentlich auch das Chorgestühl betrachten, an welchem
die Rückwand, die Seitenlehnen und die Sitzklappe (an der unteren
Seite) die reichste Gelegenheit zur Befriedigung der dekorativen
Phantasie, und in einzelnen Fällen auch des plastischen Sinnes,
boten. Das Chorgestühl im Ulmer Dome, von _Georg Syrlin_ d. Aelt.
1469-1474 gearbeitet, besitzt den weit verbreiteten Ruhm, neben ihm
jenes im Stephansdome zu Wien, Altenburg an der Pleisse, Blaubeuren
und Geisslingen in Schwaben, Apostel- und Pantaleonskirche in Köln,
Kathedrale von Amiens u. s. w. Es kann keinem Zweifel unterliegen,
dass in diesen dekorativen Werken die üppigen, ausschweifenden Formen
der späteren Gothik eine viel grössere Berechtigung besitzen, als in
den grossen Monumentalbauten, obgleich auch dort das Uebermaass der
Dekoration (Taufstein der Severinskirche in Erfurt) betäubend wirken
kann, und zuletzt in ein ermüdendes flaches Spiel sich verliert.