4. Das christliche Alterthum.

§. 62.

Während die antike Ordnung die unbestrittene Berechtigung des Daseins

noch genoss, und in scheinbar unverlöschlichem Glanze prunkte,

bereitete sich bereits unvermerkt und geheimnissvoll ihr Sturz und die

Herrschaft einer neuen Weltordnung vor. Die Umwandlung der antiken in

die christliche Welt geht ausserhalb des kunstgeschichtlichen Kreises

vor sich; die Kunstgeschichte kann den inneren Prozess nicht stetig

verfolgen und muss wie bei dem Beginne eines jeden neuen Zeitalters

ihre Voraussetzungen der allgemeinen geschichtlichen Betrachtung

entlehnen. Sie kann um so weniger den scharfen Gegensatz zwischen

der alten und neuen Welt aufdecken, als gerade auf ihrem Gebiete der

Antike eine längere Dauer gestattet ist. Das Festhalten an der Antike

als künstlerischer Tradition hat nichts Befremdendes, da einestheils

die künstlerische Bildung noch an dem alten, vom griechisch-römischen

Geiste tief getränkten Boden haftet, und aus diesem Grunde sich nicht

plötzlich von den gewohnten Anschauungen und Bildern lossagen kann, und

da anderentheils die antiken Kunstformen genugsam abgeschliffen und

mechanisirt sind, um ohne Verletzung der neuen Ueberzeugungen verwendet

zu werden. Die Zahl antiker Vorstellungen, welche ihres Inhaltes wegen

von der altchristlichen Kunst gebraucht werden, ist äusserst gering

(Orpheus mit der Lyra); dagegen wandert allerdings nebst der Technik

das ganze äussere Formengerüste in die christliche Welt. Merkur

als Widderträger, Helios im Aufgange, die Viktorien, Genien, die

Andeutungen des Raumes durch Personifikationen der Flüsse, Berge u. a.

sind solche formelle Typen, welche etwa wie antike Versarten in der

christlich-lateinischen Poesie sich auch dann noch erhielten, nachdem

der Geist, der sie geschaffen hatte, schon verblichen war. Wenn sich

schon in diesen Dingen offenbart, wie die Gewohnheit die altchristliche

Zeit den Fusstapfen des Alterthums nachgehen liess, so ist vollends

die Autorität des letzteren in den rein äusserlichen Formen, in der

Anordnung und Stylisirung eines Bildes, in der Gewandung, in der

Profilirung der Köpfe unangetastet geblieben. Das Gleiche gilt von

der Architektur, welche die Säulenformen, die Gebälkeglieder u. s. w.

der römischen Kunst ohne Bedenken festhielt, und für den neuen

Anschauungskreis auch einen neuen architektonischen Ausdruck zu

schaffen erst einer späteren Zeit als Aufgabe aufbewahrte. So bildet

das erste christliche Jahrtausend, dessen Kultur überhaupt noch von

den alten Trägern der Weltgeschichte bestimmt wird, gleichzeitig einen

kunsthistorischen Abschluss und Uebergang. Noch besitzt die Antike

eine unmittelbare Geltung, noch bedarf es keiner Reflexion wie im 15.

Jahrhundert, um in ihr einen Formenkanon zu schauen; sie ist noch immer

ein Theil des Lebensbodens für die Kunst, ihr absolutes Ende erst

mit dem Schlusse der altchristlichen Periode gegeben; diese bereitet

aber auch in allen Richtungen die Kunst des eigentlichen Mittelalters

vor; sie setzt den Stoffkreis der christlichen Kunst fest und schafft

die Typen der wichtigsten Gestalten. In dieser letzteren Beziehung

erscheint als eine der folgereichsten Thaten die Schöpfung des Typus

für den historischen Christus (mit getheiltem, herabwallendem Haare,

länglich gezogenem Kopfe, kurzem Kinnbarte) im fünften Jahrhundert

an der Stelle des jugendlichen symbolischen Typus, welcher früher

vorherrschte und aus dem Bilde des guten Hirten hervorgegangen war.

§. 63.

In den römischen Katakomben, nicht den einzigen (Neapel, Syrakus), aber

den ausgedehntesten und wichtigsten unterirdischen Grabstätten der

altchristlichen Zeit, sucht und findet man auch die ältesten Denkmäler

der christlichen Kunst.[36] Diesseits und jenseits der Tiber gelegen,

bilden sie einen ziemlich fest geschlossenen Ring um die ewige Stadt.

Die Katakomben am Vatikan reichen die Hand jenen bei der via Aureliana

und weiter des S. Pontianus an der porta Portuense. Am anderen

Tiberufer befinden sich Katakomben an der via Ostiensis, Ardeatina,

Appia, Latina, Labicana, Praenestina, Tiburtina, Nomentana und

Salaria. Die einzelnen führen nach den Hauptheiligen, deren Grabstätte

man hier verehrt, noch besondere Namen. Ihrer Gestalt nach sind sie

unterirdische Gänge, in Tuf ausgehauen, unregelmässig in Richtung

und Grundfläche, gewöhnlich von geringer Weite, doch häufig auch von

grösseren Räumen, sogen. Grabkapellen oder Oratorien unterbrochen,

auch wohl in mehreren Stockwerken übereinander angelegt. Die Oratorien

wechseln in Grösse und Form, sind drei-, vier-, fünf- und achteckig;

in ihnen wurden die Verstorbenen nicht allein in Nischen, wie in

den Grabgängen, sondern auch in Sarkophagen beigesetzt. Die meisten

Katakomben stehen mit einander in Verbindung; über ihren Ursprung

einigt man sich jetzt entschieden dahin, sie nicht als verlassene

Steinbrüche -- es soll bereits die Natur des hier gegrabenen Tufsteines

den Gebrauch zu Bauzwecken ausschliessen, sondern als von den alten

Christen selbst, und zwar mit der Bestimmung, als Begräbnissplatz,

_coemeterium_, zu dienen, angelegt zu betrachten.

In den Oratorien vermuthen Viele die Grundform der altchristlichen

Kirchen oder Basiliken. Doch kann sich dies nur auf die innere

Einrichtung, namentlich auf die Anordnung des Altarraumes beziehen. Für

die äussere Architektur und den Grundriss konnten diese unterirdischen,

unter sich vielfach abweichenden Kapellen unmöglich das Vorbild

abgegeben haben. Ist nun auch der architektonische Werth der Katakomben

untergeordnet, so bilden sie doch wegen der Fülle des bildnerischen

und malerischen Schmuckes, den sie bergen, wegen der zahlreichen

Geräthschaften und Inschriften (die älteste bis jetzt bekannte ist aus

dem Jahre 111), welche in ihnen gefunden wurden, eine reiche Quelle

kunstgeschichtlicher und archäologischer Belehrung.

Die Sarkophage, gewöhnlich älter als die Wandgemälde (Sarkophag des

_Junius Bassus_ 359, des _Probus_ 395), schliessen sich in Styl und

Arbeit den spätrömischen Werken enge an. Die Gestalten sind gedrückt,

der Faltenwurf handwerksmässig angedeutet, die Reliefs beinahe rund

gearbeitet; die einzelnen Gestalten und Gruppen stehen entweder

ungetrennt neben einander, oder werden durch Säulen gesondert.

Rieselungen in der Form eines S bilden das gewöhnliche Ornament. Der

Inhalt der Darstellungen ausser den Brustbildern der Verstorbenen

ist: Christus lehrend, mit der Schriftrolle in der Hand, auf dem

Firmamente stehend, oder auf dem Berge, dem die vier Flüsse des

Paradieses entspringen, von Aposteln umgeben, diese, sowie Christus

selbst auch wohl durch Lämmer angedeutet, und dann Scenen aus dem

alten und neuen Testamente, welche stofflich mit den Darstellungen

der Wandgemälde zusammenfallen. Die Malereien der Decke sind durch

Halbkreise und Kreise in Felder getheilt, das Mittelfeld gewöhnlich von

Orpheus oder dem guten Hirten eingenommen. Die Wandgemälde besitzen den

mannigfachsten Inhalt. Wir finden einzelne Betende (mit ausgebreiteten

Händen), Noah, Moses den Felsen schlagend, Isaaks Opferung, Daniel in

der Löwengrube, Hiob, Adam und Eva, Susanna zwischen den beiden Männern

(ein Schaf zwischen zwei Füchsen mit den Inschriften Susanna und

Senirris), Christus am Brunnen, die Speisung der 5000, die Auferweckung

des Lazarus, das letzte Abendmahl, Liebesmahle u. a. Im Unterschiede

zu späteren Darstellungen sind die meisten Männer unbärtig gebildet;

lange weisse oder rothbraune zierlich gesäumte Tuniken bilden das

gewöhnliche Gewand. Besonders merkwürdig wegen der Mischung heidnischer

und christlicher Vorstellungen ist ein Wandgemälde in der Katakombe

S. Praetextatus: _Abreptio Vibies et Descensio_. Pluto, Proserpina,

Merkur, die Parzen werden in Verbindung mit Engeln gebracht, der

heidnischen Hölle der Aufenthalt der Seligen (_septem pii sacerdotes_)

im Himmel gegenübergestellt. Hinsichtlich der Anordnung, der Zeichnung,

der Farbentechnik stehen die Katakombenbilder mit den spätantiken

Darstellungen auf völlig gleicher Stufe.

§. 64.

Seit dem vierten Jahrhundert, nachdem der christliche Cultus die

öffentliche Anerkennung erlangt und im römischen Kreise die Herrschaft

errungen hatte, erhoben sich auch öffentliche, ausgedehnte Gebäude zum

Zwecke des Gottesdienstes. Ihre nähere Beschaffenheit und Einrichtung

wurde natürlich durch die Bedürfnisse des Cultus bedingt. Eine

andere Form erhielten die Ekklesien, in welchen sich die Gemeinde

versammelte, eine andere jene Baudenkmale, welche über einer heiligen

Stätte (Grab Christi, Himmelfahrtsstelle u.s.w.) sich erhoben, zu

Ehren der Heiligen (Apostelk. in Byzanz) errichtet wurden, also mehr

den Votivkirchen entsprechen oder nur zu einem bestimmten Theile des

Gottesdienstes, z. B. zur Taufe, dienten. Ein oblonger Raum war dort,

eine Rotunde hier die natürliche Folge. Für die Annahme der Rundform

bei Denkmalkirchen und Taufkirchen sprach ohnehin die Tradition. Bei

den eigentlichen Kultuskirchen verlangte wieder die Trennung des Klerus

von den Laien, und die Absonderung der Katechumenen, das Geheimniss

des Opfers, die verschiedenen Theile des Gottesdienstes, die Lesung

z. B. der heiligen Schriften, besondere Anordnungen. Dass sich an die

Kultuskirchen die Entwicklung der christlichen Baukunst namentlich im

Abendlande beinahe ausschliesslich knüpft, ist wohl begreiflich. Auch

herrscht über diesen Punkt nicht der geringste Zweifel, wohl aber über

ihren Ursprung. Sind die altchristlichen Basiliken,[37] denn diesen

Namen führen die Kirchen des ersten christlichen Jahrtausends, den

römischen Basiliken nachgebildet oder eine selbständige Schöpfung der

neuen Lehre? Der Streit darüber harrt noch seiner endgültigen Lösung.

Der gleiche Name darf nicht bestechen, da er noch andere Ableitungen

als jene von den römischen Gerichtshallen zulässt, um aber aus der

Identität oder Verschiedenheit des Styles die Entscheidung zu schöpfen,

dazu fehlt es an einer genaueren Kenntniss der römischen Vorbilder,

von welchen allerdings die jüngsten aus der constantinischen Periode

eine Verwandtschaft mit den altchristlichen Bauwerken verrathen,

aber eben wegen ihrer Gleichzeitigkeit mit den letzteren schwerlich

als Musterbilder angenommen werden können. Das sogen. Schiff der

Kirche, welches mit der Säulenhalle der römischen Basilika die gleiche

Bestimmung hatte, ist auch architektonisch gleich gebildet, verschieden

dagegen, als eine selbständige Schöpfung des christlichen Kunstgeistes,

erscheint die Anlage des Chores und der Abschluss an dem einen

Schmalende durch eine gewölbte Nische. Diese nämlich tritt hier in eine

unmittelbare Verbindung mit dem Langhause, während sie in der römischen

Basilika durch einen Portikus von ihm getrennt, viel selbständiger

angelegt war.

Die durchschnittliche Baugliederung einer altchristlichen Basilika

war folgende: Eine kleine Pforte führte in einen von bedeckten Hallen

umgebenen viereckigen Hofraum (_atrium_, _paradisus_), dessen Mitte

der Reinigungsbrunnen (_cantharus_) einnahm. Die östliche Halle (die

Orientation der Kirchen wurde allmälig eine allgemeine Regel) bringt

zu dem Eingange in die Kirche, welchem zunächst der Narthex für die

Katechumenen, durch eine Schranke wahrscheinlich vom eigentlichen

Schiffe getrennt, sich befand. Das Langhaus für die Gemeinde zerfiel

in das erhöhte Mittelschiff und zwei oder vier nicht immer gleich

breite Seitenschiffe. Säulen durch Bogen verbunden oder noch nach

älterer Sitte mit geradem Gebälke überdeckt (die alte Petersk.,

S. Maria Maggiore, S. Lorenzo, S. Prassede) trugen den Oberbau des

Mittelschiffes und schieden dasselbe von den Seitenschiffen, über

welchen sich zuweilen eine nach dem Mittelraume geöffnete Empore zur

Aufnahme der Frauen (Bas. zu Tyrus [313], S. Lorenzo, S. Agnes in Rom)

erhob. Der dem Altarraum zunächst gelegene Theil des Mittelschiffes

wurde durch Schranken (_cancelli_) abgesperrt und diente als Chor

(Fig. 55) für die Sänger. Zwei erhöhte Pulte (Ambonen) waren in

demselben zum Vortrag des Evangeliums und der Epistel angebracht.

Jenseits des Chorstandes, auf mehreren Stufen erhöht, häufig über

einer kleinen Krypta stand der Altartisch. Ein tempelartiger Aufsatz

(_ciborium_), von vier Säulen getragen, krönte denselben, Vorhänge

zwischen den Säulen befestigt (später durch verschliessbare Thüren

ersetzt) verbargen ihn und das auf ihm verrichtete Opfer den Augen

der Laien. In der Tiefe der Apsis endlich, im Presbyterium, befand

sich der Bischofsthron, _cathedra_, umgeben von den Bänken für die

niedere Geistlichkeit. Wo sich zwischen die Apsis und das Langhaus

ein Querschiff (S. Paul bei Rom) einschob, erhielt die Basilika in

dem Triumphbogen, jenem Bogen nämlich, welcher über dem Eingange des

Querschiffes gespannt wird, einen neuen bedeutsamen Schmuck. Gewölbe

kamen nicht zur Anwendung. Entweder wurde eine flache kassettirte Decke

über die Schiffe gelegt, oder es blieb der reichverzierte, bemalte

Dachstuhl offen. Wenn man die nicht selten (S. Pietro in Vincoli,

Araceli, Maria in Cosmedin u. a.) älteren Denkmälern entlehnten Säulen

ausnimmt, entbehren die altchristlichen Basiliken des reicheren

architektonischen Schmuckes, der mannigfaltigen Gliederung. Als Ersatz

treten Teppiche, Mosaikmalereien u.s.w. ein.

[Illustration: Fig. 55. Chor in S. Clemente.]

§. 65.

Ungeachtet der Verlegung des Kaisersitzes von Rom nach Byzanz behielt

dennoch die erstere Stadt für die christliche Baukunst ihre volle

Wichtigkeit. Bereits im 4. Jahrhundert erhoben sich hier kirchliche

Prachtbauten, angemessen in ihrem Glanze der Würde, welche Rom in der

kirchlichen Welt einnahm; doch hat gerade diese ältesten Bauten (die

vatikanische Basilika 330, und die Paulskirche an der Via Ostia 386)

die grösste Ungunst des Schicksals getroffen. Die erstere wurde bei

dem Neubaue der Peterskirche im 15-17. Jahrhundert niedergerissen,

die andere ging 1823 durch Feuer zu Grunde. Beide Basiliken waren

fünfschiffig, mit einem Querschiffe versehen, in der Paulskirche

überdies die Säulen bereits durch Bogen, die unmittelbar auf der

Deckplatte des Kapitäls aufsitzen, verbunden. Die chronologische Reihe

der übrigen römischen Basiliken ist folgende:

Aus dem 5. Jahrhundert stammen: S. Sabina (425) im 16. Jahrhundert

modernisirt, S. Pietro in vincoli (442) zu wiederholten Malen erneuert,

in beiden Kirchen antike Säulen verwendet; S. Maria Maggiore (432)

im 12. und 16. Jahrhundert mehrfach umgebaut, der Osttheil am besten

erhalten; aus dem 6. Jahrhundert: die Hinterkirche von S. Lorenzo (580)

mit antiken Säulen, nach der Erweiterung der Kirche im 8. Jahrhundert

als Chor benützt; S. Balbina aus dem 7. Jahrhundert: S. Agnes (Fig. 56)

(625) gleich S. Lorenzo mit einer Empore als Weiberschiff versehen;

S. Giorgio in Velabro (682) an den Bogen der Goldschmiede angebaut, wie

häufig mit verschiedenartigen Säulen.

[Illustration: Fig. 56. Basilika S. Agnes.]

Aus dem 8. Jahrhundert: S. Maria in Cosmedin (790) noch mit den alten

Ambonen und den Spuren der oben beschriebenen Choranlage; unter der

Kirche eine geräumige Krypta; aus dem 9. Jahrhundert: S. Nereus et

Achilleus (800); S. Prassede (817) mit geradem Gebälke, S. Clemente

(872), welche Kirche trotz ihres geringen Alters und späterer

Restaurationen die innere Anordnung altchristlicher Basiliken am

treuesten wiedergibt.

Von der alten Lateranensischen Basilika, ursprünglich einem

constantinischen Baue, aber im 10. Jahrhundert neu errichtet, stehen

seit der Erneuerung der Kirche im 16. Jahrhundert nur die Grundmauern;

von anderen Basiliken, deren architektonische Beschaffenheit ein

hohes Alter verräth (wie S. Saba u. a.), ist die Bauzeit unbekannt.

Im Uebrigen beweist namentlich diese letztere Kirche, wie lange die

antiken Bautraditionen in Rom sich lebendig erhielten. Die Kapitäle an

den ionischen Säulen der Vorhalle haben der antiken Constructionsweise

ganz entsprechend, aber gegen die mittelalterliche Uebung, ihre Polster

nach vorne gewendet.

§. 66.

[Illustration: Fig. 57. Ravennatischer Bogen.]

Neben Rom spielt keine italienische Stadt eine so grosse Rolle in

der Baugeschichte, als %Ravenna%,[38] die Residenz der letzten

abendländischen Kaiser, der ostgothischen Könige und der byzantinischen

Exarchen. Weniger unmittelbar von antiken Einflüssen berührt, in der

späteren Zeit mit Byzanz in reger Verbindung, brachte Ravenna neue

Entwicklungsglieder in die christliche Kunst. Neue Bauformen werden

angenommen, die vorhandenen weiter gebildet. Gilt schon die Verbindung

der Säulen durch Bogen bei den römischen Basiliken als Fortschritt,

so ist die Erhöhung des Bogens durch Verdoppelung des Kapitäls

oder das Einschieben eines keilförmigen Gliedes zwischen Bogen und

Kapitäl (Fig. 57) als die weitere Consequenz davon zu betrachten.

Auch der reichere Schmuck der Aussenseiten durch flache Arkaden ist

ein Verdienst der ravennatischen Baumeister. Von den ravennatischen

Basiliken aus dem Beginne des 5. Jahrhunderts (eccl. Ursiana, Petriana,

bas. S. Giovanni, S. Agata und Francesco) haben sich geringe Reste

erhalten; vortreffliche Muster des Basilikenstyles im 6. Jahrhundert

bieten dagegen die K. Apollinare nuovo und Apollinare in classe (549),

letztere mit drei polygonen Apsiden. Auch die Klasse der Denkmalkirchen

findet sich in Ravenna reich vertreten. Das altchristliche Rom liefert

zu dieser Baugattung die Mausoleen der Helena (_Torre pignattara_) und

Costanza, beides Rotunden, die letztere mit einer von 24 Doppelsäulen

getragenen Kuppel; in Ravenna erscheint die Grabkirche der Galla

Placidia (450) in der Form eines Kreuzes; der Kuppelbau aber erhebt

sich bedeutsam über der Mitte der Kirche, an jener Stelle, wo sich

die Kreuzarme durchschneiden. _Theodorichs_ Mausoleum wieder, eine

Doppelkirche, setzt auf die massive, zehneckige Gruft als zweites

Stockwerk einen Rundbau, welcher mit einer Felskuppel bedeckt wird.

Taufkirchen oder %Baptisterien%, von welchen Rom seit der Erneuerung

des achteckigen lateranensischen Bapt. kein altchristliches Muster mehr

besitzt, finden sich in Ravenna in den K. S. Giovanni in fonte und

S. Maria in Cosmedin vor. Letztere ist der erstgenannten nachgebildet,

diese als ein Achteck in zwei Geschossen angelegt und die Wände durch

grössere und kleinere Bogenstellungen belebt.

Die Stellung, welche das ostgothische Reich zur römischen Bildung

einnahm, macht die Zähigkeit der antiken Bautradition begreiflich.

Nur in der Bildung der Detailglieder offenbart sich ein neuer, roher

Formensinn, sonst bleiben noch immer die alten Vorbilder bestehen, so

z. B. bei dem Palaste Theodorichs, von welchem sich einige wenige Reste

erhalten haben, die ziemlich deutlich auf den Palast Diokletians, als

das nachgeahmte Muster, hindeuten. Die ravennatischen Bauten sind ein

wichtiges Entwicklungsglied in der christlichen Kunst; sie bringen in

den Basilikenstyl Ordnung und Regel, aber bis zum Durchbrechen und

Verlassen des antiken Kunstkreises gelangen sie nicht. Am weitesten

entfernt sich von demselben eines der jüngsten ravennatischen

Bauwerke, die %K. S. Vitale% (526-547). Sie führt uns in den zweiten

altchristlichen Bautypus, den %Centralbau%, ein.

§. 67.

Obgleich Rom kein Denkmal im Style der Centralbauten besitzt, so

muss doch ihre technische Grundlage auf Rom, auf die Kuppelbauten

der Thermen zurückgeführt werden, mit dem Unterschiede allerdings,

dass sich die Kuppelsäle der Thermen in der Fülle nebengeordneter

Bauwerke verlieren, während sie in der altchristlichen Zeit als

architektonischer Mittelpunkt herrschen, und ihre Umgebung in

strengster Unterordnung unter sich halten. Es kann kaum einem Zweifel

unterliegen, dass die ältesten Centralanlagen nicht dem regelmässigen

Gottesdienste gewidmet waren, sondern eine ausserordentliche

Bestimmung, z. B. als Palastkirchen, besassen.

Im Grundrisse weisen sie den Gegensatz zu dem lebendigeren,

langgestreckten Langbaue der Basiliken, also das Quadrat, Polygon,

oder den Kreis auf; der bedeutsamste Bautheil wird die Mitte, über

welcher die Kuppel emporsteigt, die Nebenschiffe erscheinen als

Umgang, die Apsis sinkt zum untergeordneten Anbaue herab. Die schwere

Wucht des Kuppelbaues duldet nicht mehr schlanke Säulen als Träger,

an ihre Stelle treten massive Pfeiler, die Säulen werden nur bei

Zwischenstellungen und in den oberen Stockwerken verwendet Neben der

Kuppel ist für flache Decken kein Raum übrig; auch die Nebenräume

werden gewölbt, als Halbkuppeln, Tonnengewölbe gebildet. Der tiefere

Reiz perspektivischer Wirkung ging bei diesen Anlagen natürlich

verloren; als Ersatz konnte der kühn in die Höhe emporgeführte Bau und

der glänzende malerische Schmuck, zu welcher die grossen Wandflächen

einluden, gelten.

Gleichzeitig treten uns in Ravenna und Byzanz die Musterbilder des

Centralbaues entgegen, so dass es schwer fällt, die abgeleiteten von

den Originalwerken zu trennen. Die grösste Wahrscheinlichkeit spricht

aber für den Ursprung im Oriente, wo bereits das constantinische

Zeitalter in der Grabkirche zu Jerusalem, in der Hauptkirche zu

Antiochia, in der Georgskirche zu Salonich, in der Eliaskirche

ebendort, in der Apostelkirche zu Byzanz verwandte Bauten kannte, ohne

desshalb den Basilikenstyl vollkommen auszuschliessen. (Geburtskirche

in Bethlehem, Bas. zu Tyrus, die alte Sophienkirche, jene der

Blachernen und des _Johannes Studius_ in Constantinopel.) Noch nicht

vollständig entwickelt erscheint der Kuppelstyl in S. Vitale zu

Ravenna. Auf acht Pfeilern, deren Zwischenräume mit einer doppelten

Säulenstellung ausgefüllt werden, ruht die Kuppel, kreisrund gewölbt

und aus Thongefässen gebildet. Verwandt mit S. Vitale sind die

verbaute S. Lorenzokirche in Mailand (römisch?) und S. Sergius und

Bacchus in Constantinopel.[39] Die Mittelkuppel ruht gleichfalls auf

acht Pfeilern, die Zwischensäulenstellungen bilden zurücktretende

Halbkreise, aber die äussere Umfassungsmauer ist nicht mehr wie bei

S. Vitale im verwirrenden Vielecke, sondern im ruhigen Quadrate

gezogen. Zum Abschluss und zur höchsten Vollendung gelangt der

Centralbau in der Sophienkirche zu Constantinopel (Fig. 58), nach dem

Brande der älteren unter _Justinian_, seit 530 durch _Isidor_ von Milet

und _Anthemius_ von Tralles erbaut.

Die Kuppel (_a_) in einem Durchmesser von 108' steigt, von vier

Pfeilern getragen, bis zu einer Höhe von 169' über den Boden,

Halbkuppeln (_b_), die theils auf den Hauptpfeilern, theils auf je zwei

Nebenpfeilern ruhen, lehnen sich an die mittlere Kuppel an und werden

wieder ihrerseits von gewölbten Nischen (_c_) durchschnitten. Vorhallen

und Seitenschiffe umgeben allseitig den mittleren, im Grundriss beinahe

elliptisch gebildeten Raum.

[Illustration: Fig. 58. Grundriss der Sophienkirche.]

Mit der Ausbildung des Centralbaues stockt die Bewegung der

christlichen Architektur, welche in der unmittelbaren Tradition

der Antike ihren Ausgangspunkt nahm, und es hört die gleichfalls

unmittelbare Einwirkung der letzteren auf.

§. 68.

Dass Werke der höheren Skulptur in der altchristlichen Periode

spärlich angetroffen werden, hängt theils von dem heidnischen

Geruche der antiken Plastik, theils von der eigenthümlichen Natur

der christlichen Lehre ab, welche gleich ursprünglich in der Malerei

ihre vollendetste künstlerische Verkörperung ahnte. Ausser den

Sarkophagreliefs vertreten die altchristliche Bildnerei vorzugsweise

die %Diptychen%, elfenbeinerne Schreibtäfelchen zum Zusammenklappen

und an der Aussenseite mit Reliefs geziert, und die Prachtgeräthe in

den Kirchen. Dagegen entwickelt sich in den %Mosaikgemälden%, welche

die Wände, Wölbungen und Kuppeln der altchristlichen Kirchen bedecken,

ein selbständiger, überaus wichtiger Malerstyl. Das Material (farbige

und vergoldete Glasstifte) brachte es mit sich, dass man von einem

naturwahren Hintergrunde, von reichen, ineinandergreifenden Gruppen

und lebendiger Composition absah, und sich mit Einzelgestalten und

Gestaltenreihen begnügte, welche dafür durch die einfache Grösse der

Umrisslinien, die würdige Ruhe der Haltung, den glänzenden Schimmer der

Farbe sich auszeichnen. Es bilden die Mosaikbilder den kirchlichen,

typischen Styl, welcher nicht bis zur individuellen Charakteristik,

zur dramatischen Schilderung herabsteigt, die erklärenden Beischriften

schwer vermisst, aber innerhalb dieser engen Grenze die strengste

Erhabenheit athmet. Wie sich bald ein scharf abgegrenzter Styl

ausbildete, so erhielt auch die äussere Anordnung der musivischen

Bilder frühzeitig ihre Regeln. Die Tiefe der Apsis zeigt den thronenden

Erlöser, von Aposteln oder den Kirchenheiligen umgeben, kräftig

hervortretend aus dem goldenen oder mit Ranken gezierten Hintergrunde.

Der Triumphbogen war gewöhnlich apokalyptischen Darstellungen

gewidmet: die Evangelistenthiere, die 24 Aeltesten, die sieben Lämmer

und Leuchter u. s. w. füllen den Bogen, der oben mit dem Brustbilde

Christi oder seinem symbolischen Zeichen, dem Lamme mit dem Kreuze, dem

apokalyptischen Stuhle schliesst. Die Wände des Schiffes waren dann

mit historischen Scenen, aus dem Leben Christi, mit Zügen heiliger

Männer und Frauen u. s. w. geschmückt. Die Basiliken Roms (S. Maria

Magg., S. Paul, S. Cosmas und Damian, Lorenzo, Sabina, Pudenziana),

die ravennatischen Kirchen (vorzüglich schön die musivischen Bilder

in S. Nazario e Celso, S. Giov. Ev., S. Vitale, Apollinare nuovo),

die leider wenig durchforschten Kirchen in Byzanz liefern zahlreiche

Musterbilder des Mosaikstyles. Die römischen Kirchen setzten die

Mosaikkunst das ganze Jahrtausend fort; aber auch auf diesem Gebiete

zeigt sich am Schlusse der Periode eine gänzliche Erstarrung und das

völlige Verschwinden des antiken Einflusses, welcher bei den älteren

Werken in Zeichnung, Gewandung u. s. w. deutlich vorherrscht.

Die Geschichte eines anderen Kunstzweiges, die Verzierung der

Handschriften durch Miniaturbilder, hat den gleichen Verlauf.[40] Die

älteren Handschriften (Genesis in Wien, Buch Josua, nach einem älteren

Werke im 9. Jahrhundert kopirt, im Vatikan, die Predigten des Gregor

v. Nazianz, ein Psalterium in Paris, mehrere andere Handschriften im

Vatikan) lehnen sich nicht allein in der Composition, in den Formen,

in der Behandlung des Details an die spätantike Kunst an, sondern

greifen auch in den zahlreichen Personifikationen und Allegorien

in den traditionellen Kunstkreis zurück. Berge, Wälder und Flüsse

erhalten die menschliche Gestalt, die Melodie, die Stärke u. a. werden

personificirt. Dieser Einfluss der Antike beschränkt sich nicht etwa

auf Rom, sondern ist in Byzanz, das ja kein selbständiges nationales

Element in der ersten Zeit in sich barg, im Gegentheile von den Resten

der althellenischen Kultur im nahen Griechenland sich nährte, wie z. B.

die Behandlung des architektonischen Details in altbyzantinischen

Kirchen beweist, in gleichem Maasse vorherrschend. Eine durchgreifende

Scheidung der christlichen Kunst in eine orientalische und occidentale

ist erst gegen das Ende des Jahrtausends zulässig, wo dann die

abendländische Kunst von frischen Völkern getragen, neue Bahnen

einschlägt, die orientalische, ihres antiken Ursprunges nicht mehr

erinnerlich, im engen conventionellen Kreise sich bewegt.

Die Kunst des Mittelalters.

A. Der Orient.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 13 / 33 题