3. Rom.

§. 56.

Die römische Kunst, soweit sie in die geschichtliche Entwicklung der

Kunst überhaupt eingreift, beginnt in Wahrheit mit der Plünderung der

sizilischen und griechischen Kunstschätze und ihrer Ansammlung als

Trophäen in Rom. Die Plünderung und Zerstörung von Korinth bezeichnet

den Höhepunkt dieses prahlerischen Strebens (146 v. Chr.). Nicht

lange dauerte es aber und diese, dem Barbarenstolze entsprungene

Raubsucht wich einem ästhetischen Sammelgeiste, der die schöpferische

Unfähigkeit durch die Ueberfülle des Genusses zu ersetzen suchte, und

conservativen Staatsmännern frühzeitig für den politisch-kräftigen

Geist der Bevölkerung Gefahr drohend dünkte. In der That wurde auch

in der Cäsarenzeit die Kunst als Zähmungsmittel des Volkes verwendet,

also auch jetzt wieder die Kunst ihrem eigentlichen Zwecke entfremdet.

Das Entstehen einer Kunstkennerkaste, die sich stolz über die übrigen

Idioten erhob, konnte diesen Mangel eines gesunden Bodens nicht

ersetzen, und so bleibt bei aller Grösse, die den Zeugnissen des

römischen Kunstgeistes sonst anklebt, und welche namentlich in der

Architektur ganz unläugbar ist, die innere Nothwendigkeit vermisst,

und der Luxus als eine wesentliche Quelle der künstlerischen Thätigkeit

fühlbar. Auf der anderen Seite freilich erhielt sich eben dadurch

die griechische Kunst länger lebendig und in ihrer Eigenthümlichkeit

unangetastet, und vollends für die äussere Verbreitung der

Kunstbildung, für die Weltgültigkeit der antiken Kunstformen hat gerade

das raublustige, plündernde, sammelnde, naschende römische Volk das

Grösste geleistet. Es hiesse aber mehr behaupten, als begründet werden

kann, wollte man Rom in der letzten Zeit der Republik und in der

ersten Kaiserzeit alle selbständige Kunstthätigkeit abstreiten. Sie

ist in der Architektur sowohl, wie in den übrigen bildenden Künsten

vorhanden. Der Klage, dass der organische griechische Säulenbau

in Rom verunstaltet und verdorben würde, was sich an zahlreichen

Gliedern nachweisen lässt, z. B. in den Eckmetopen, in der Anwendung

ionischer Voluten auch bei Pilastern, in dem schwächlichen Gebälke,

den wulstigen, plumpen Gesimsprofilen, den schlechten Verhältnissen

u. s. w. stellt sich als Gegengewicht der Fortschritt der Architektur

zum Gewölbebaue entgegen. Die organische Gliederung der griechischen

Baukunst wird zur Dekoration: dekorativ ist das schwere prunkvolle

römische Säulenkapitäl, zum erstenmale am Titusbogen angewendet und von

dem korinthischen durch die derben Voluten, welche dem Blätterkranze

entspringen, unterschieden, dekorativ die Säule selbst, nicht

selten dem Hauptbaue vortretend und keineswegs zum Tragen bestimmt

(Triumphbogen des _Septimius Severus_), dekorativ die _sima_, nicht

mehr nämlich zur Regenrinne ausgehöhlt u. s. w.; aber im Gegensatze zu

diesem Spiele erscheint der Massenbau nirgends so ausgebildet und in

der Wirkung vollendet, als gerade wieder in Rom.

In der Bildnerei kann man den Römern die unreine Vermischung der Götter

mit den Cäsaren, die grosse Zahl leerer allegorischer Gestalten, der

_virtus_, _honor_, _fides_, _aeternitas_ u. s. w., vor Allem die

Einführung fremdartiger Götter, wie der Isis, des Mithras in den

Kunstkreis, und die Versuche, materiell pantheistische Vorstellungen

plastisch zu verkörpern, vorwerfen. Es darf aber der markige

Realismus der Porträtstatuen (_Marc Aurel_), die scharf ausgeprägte

Individualität in der Auffassung, die Naturwahrheit in den beinahe

vollgebildeten Reliefdarstellungen auch nicht vergessen werden. Die

Denkmäler der römischen Malerei sind nicht so mannigfaltig, als dass

man einen allgemein gültigen Schluss auf ihren Zustand ziehen könnte;

aber eine Gattung wenigstens, die zierlich-heitere Dekorationsmalerei,

schuf schwer zu übertreffende Muster und wusste durch Reichthum

und Schönheit zu fesseln, ohne ihre enggezogenen Schranken zu

überschreiten. Die Unterschätzung der römischen Kunst tritt stets ein,

wenn man die einzelnen Perioden nicht scharf auseinander hält und die

Zeit von der Zerstörung Korinths bis auf _Hadrian_ zusammenfallen lässt

mit der folgenden Periode, in welcher allerdings das Ausleben der

antiken Stoffwelt mit dem Verfalle der Formen gleichen Schritt hält,

und nur das kulturgeschichtliche Interesse an den Denkmälern noch rege

bleibt.

§. 57.

Nur wenige Baudenkmäler aus der Zeit der Republik entgingen der

maasslosen Baulust besonders der ersten Imperatoren.[34] Doch hat

sich von jenen wenigstens ein bedeutender Rest erhalten, nämlich der

Unterbau des Capitols, das %Tabularium%, von _C. Lutatius Catulus_

erbaut, eine innere Galerie, welche die Strebepfeiler des Oberbaues

birgt, durch eine flach gewölbte Treppe mit dem Forum verbunden und

darüber ein von dorischen Halbsäulen getragener Portikus. Nirgends

erscheint vielleicht die Constructionskunst der Römer grösser als

hier. Auch das Tempelsystem in S. Nicola in Carcere, drei Tempel so

angeordnet, dass ihre Façaden in einer Linie zu stehen kommen, reicht

in die Zeiten der Republik zurück. Sie führen den Namen der _Pietàs_

(191 v. Chr.), _Spes_ (254 v. Chr.) und _Juno sospita_ (167 v. Chr.)

und sind mit Ausnahme des letztgenannten dorischen Peripteros im

ionischen Style erbaut. Der sogen. Tempel der _Fortuna virilis_ (S.

Maria egiziaca) mit einem falschen Säulengange an den Langseiten, d. h.

mit halbvermauerten Säulen, ist charakteristisch durch die Anwendung

bloss inländischen Materiales: Tuff, Peperin und Travertin, und die

Terracottadekoration des Frieses; _Servius Tullius_ soll ihn gegründet

haben.

[Illustration: Fig. 47. Grundriss des Tempels in Tivoli.]

Mit _Augustus_ beginnt die Blüthezeit der römischen Architektur. Man

begnügte sich nicht mit der Ausführung von Einzelbauten, sondern

legte gleich neue gewaltige Stadttheile an, baute Fora, von einer

zusammenhängenden Architektur eingeschlossen (Fora des _Augustus_,

_Nerva_, _Trajan_), Lager (Tiber) und verlieh selbst den Einzelanlagen

(wie Thermen, Amphitheatern) eine kolossale Ausdehnung. Nebst

_Augustus_ stehen _Nero_, _Vespasian_ und _Trajan_ im Vordergrunde der

römischen Baugeschichte. Dem Wanderer durch Rom sind die malerischen

Tempelruinen am Forum und anderen Orten wohlbekannt. Sie hier alle

namentlich aufzuzählen, ist nicht zulässig, und die Auswahl der durch

Eigenthümlichkeit der Formen ausgezeichneten, aus mehrfachen Gründen

gerechtfertigt. Charakteristisch sind zunächst die Rundtempel, meist

als Vestatempel angeführt; das zierlichste Beispiel eines solchen

bildet der %Vestatempel zu Tivoli% (Fig. 47), mit griechischem

Stylgefühle in den Einzelheiten ausgeführt. Der Kuppelbau in seiner

ganzen Majestät tritt uns im %Pantheon% des Agrippa, ursprünglich

zum Abschlusse einer Thermenanlage bestimmt, entgegen (Fig. 48).

Die tiefe Vorhalle, die Form des Hauptbaues verbergend, ist, ganz

abgesehen von neueren Verunstaltungen, ein entschieden ungünstiger

Zusatz, dagegen das Innere des Rundbaues mit der 70' hohen Wölbung

von grossartiger Wirkung. Zur Entlastung der Mauern sind aussen

Reihen sogenannter Constructionsbogen angebracht, im Innern in die

20' dicke Mauern acht Nischen gewölbt. Sechs derselben sind mit

kostbaren Säulen ausgesetzt, und über ihrem Gebälke eine kleinere

Pfeilerstellung angeordnet (Attika). Die Wölbung selbst (Fig. 50) ist

mit einem der flachen Decke entlehnten Ornamente, den Kassetten,

geschmückt. Da das kostbare Material (_giallo antico_) zu allen Säulen

nicht ausreichte, so wurde bei sechs derselben durch eine Beize der

gelbe Farbenton hervorgebracht, überdies die Attika mit farbigen

Marmortafeln verkleidet. Für die Kenntniss der Polychromie ist der

Verlust der letzteren sehr zu beklagen, wie denn überhaupt der seit

dem 7. Jahrhundert in eine Marienkirche verwandelte Bau Gegenstand

wiederholter Beraubung und Verunstaltung wurde.

[Illustration: Fig. 48. Grundriss des Pantheon.]

[Illustration: Fig. 49. Kuppel des Pantheon.]

[Illustration: Fig. 50. Isometrische Darstellung eines Tonnengewölbes.]

Ein weiterer für den Wechsel der Bauformen charakteristischer Bau

ist der Doppeltempel der Roma und Venus, von _Hadrian_ nach eigenem

Plane erbaut. Eine korinthische Säulenhalle, selbst wieder von einem

ausgedehnten Vorhofe umgeben, umzog den Tempel, der in zwei mit den

Nischen gegeneinanderstossende Cellen getrennt war. Dieser Abschluss

der Cella mit einer halbkuppelförmigen Nische und die Ueberwölbung

der ganzen Cella bilden wie die Kuppelwölbung des Pantheon (Fig. 49)

folgenreiche Neuerungen in der antiken Architektur. Die consequente

Verbindung des Bogens mit der Säule musste bereits den Organismus der

von Griechenland überlieferten Bauweise lockern; man begnügte sich aber

nicht mit der blossen Lockerung; man ging sogar bis zur ausgesprochenen

Missform, wenn sich die neuen Elemente in die alte Gliederung nicht

fügen wollten, z. B. bei der verlassenen K. S. Urbano bei Rom, einem

ehemaligen Tempel oder Grabbaue. Da das Innere desselben mit einem

Tonnengewölbe (Fig. 50) überdeckt war, so musste auch der Aussenbau

eine Erhöhung erhalten. Man half sich auf die Weise, dass man zwischen

Fries und Giebel eine hohe Backsteinmauer zog, welche zwar dem Zwecke

entspricht, aber die Harmonie des Baues vollständig zerstört.

§. 58.

[Illustration: Fig. 51. Basilika des Maxentius.]

Nicht in den Tempelbauten liegt die Grösse und Eigenthümlichkeit der

römischen Architektur der Kaiserzeit, sondern in den für praktische

und öffentliche Zwecke bestimmten Bauanlagen, mit welchen namentlich

die Kaiser des ersten Jahrhunderts u. Z. die Hauptstadt der Welt

bevölkerten, und welche dann auch in den reicheren Provinzialstädten

eine mannigfache Nachahmung fanden. Hierher gehören die %Basiliken%

(die erste von _Cato_ 568. s. E. R. errichtet), nach aussen

abgeschlossene Hallen, bestimmt, die Verhandlungen der Geschäftsleute

dem Lärmen des Forums zu entziehen, später auch als Gerichtshallen

verwendet und mit einem erhöhten Tribunale für die Richter versehen.

Ihre Einrichtung bildet noch gegenwärtig den Gegenstand hartnäckigen

Streites.[35] Schwerlich darf man von den älteren Basiliken (Fulvia,

Julia, Aemilia) die gleiche Bauform, wie sie die Basiliken von Byzanz,

Antiochia u. a. besassen, voraussetzen. Die Fragmente des antiken

Stadtplans von Rom zeigen die Säulen, welche eine Empore trugen,

auf allen vier Seiten umlaufend, also das in der Form einer Nische

gewöhnlich gedachte Tribunal jedenfalls von der Säulenhalle getrennt.

Die Ausgrabungen der fünfschiffigen Basilika Ulpia auf dem Prachtforum

des Trajan geben über den Schluss derselben keine Aufklärung, da

sie sich bloss auf die Mitte des Bauwerkes beschränken. Dagegen hat

sich die grosse Basilika des Maxentius und Constantin bei dem Forum

theilweise erhalten, und beweist wenigstens für dieses Zeitalter den

nischenförmigen Abschluss der einen Schmalseite (Fig. 51).

Auch hier zeigt sich die Wölbekunst der Römer auf einer sehr hohen

Stufe der Ausbildung, da die Spannweite der Mittelwölbung jener

vielbewunderten der Peterskirche gleichkommt. (Die Nische oder Apsis

bei _a_ ist ein späterer Zusatz, welcher die Form der Basilika in jene

eines Kreuzes verwandelte.)

Unter den Schaubühnen, deren Ausrüstung und Standhaltung zu den

politischen Geschäften des Kaiserreiches gehörte, verdienen wegen ihrer

Grösse und wenigstens theilweisen Erhaltung das Theater des _Marcellus_

und das flavische Amphitheater oder Colosseum eine namentliche

Erwähnung. Hier, wie bei den übrigen Amphitheatern zu Pola, Nimes,

Verona u. s. w. macht sich in der Uebereinanderstellung dorischer,

ionischer und korinthischer Halbsäulen ein klar verständliches System

geltend, welches auch sonst häufig zur Anwendung kam. Mit Recht führt

der Bau _Vespasians_, der 80,000 Zuschauer fasste, und dessen allein

erhaltene Mauerschale alle neueren Bauanlagen zwerghaft erscheinen

lässt, den Namen des Kolosseums, und dennoch machen ihm in Grösse und

Glanz die %Thermen% noch den Rang streitig, vor allen jene _Caracallas_

(217) und _Diokletians_. Die erstgenannten nehmen den Raum von

124,140 Quadratmetres ein, und umfassen eine fast unübersehbare Fülle

von Hallen, Sälen, Bädern (1600), offenen Anlagen, Palästen, eine

Bibliothek, Museum. Von grossartiger Wirkung musste namentlich der

Kuppelsaal sein, welcher die Warmbäder bedeckte. Um die Pracht der

Ausstattung begreiflich zu machen, mag eine Anschauung der Mosaikboden

und die Erinnerung, dass hier die beste Fundgrube plastischer Schätze

vorhanden war, genügen. Von den Thermen _Diokletians_, gleich

jenen _Caracallas_, auf mächtigen Substruktionen ruhend, hat sich

der Hauptsaal als Kirche S. Maria degli Angeli und ein Rundbau,

jetzt S. Bernardo, erhalten. Eine andere Gattung architektonischer

Monumente bilden dann die Ehrendenkmäler, theils in Form von Säulen

(Trajanssäule, Säule des _Marc Aurel_) von einem Skulpturbande

umwunden, theils als Triumphthore gebildet (in Rom: Triumphbogen

des _Titus_, des _Constantin_, aus Fragmenten des Trajanbogens

zusammengesetzt, des _Septimus Severus_ u. a.).

Schliesslich sind noch die römischen Grabmäler zu erwähnen. Auch ihre

Form wechselt mannigfach, ohne dass es stets gelingt, die Besonderheit

der Anlage einem allgemeinen Typus zu unterordnen, da auch die Laune

des Verstorbenen, wie z. B. des ehrsamen Bäckers _Eurysaces_, die

Gestalt mitbestimmte, oder wie bei Cestius exotische Formen (Pyramide)

beliebt waren. Dass die Via Appia von Grabmonumenten begrenzt wird,

und zwischen ihr und der Via Latina eine riesige Gräberstadt angelegt

war, ist bekannt. Einzelne Gräber, wie jene der Cäcilia Metella,

eines Cotta, der Plautier u. A. haben das alterthümliche Element des

Grabthurmes zur Grundlage; nur in das Riesige erweitert finden wir

dieselbe Form bei den Mausoleen des _Augustus_, _Hadrian_. Unterirdisch

dagegen sind viele Gesellschaftsgräber angelegt, als ein gemauerter

Gewölbebau; in die Wände wurden Nischenreihen eingelassen, welche

kleine Aschenkisten, Tempelchen u. s. w. bergen. (Columbarium bei der

Porta Latina, zwei neuentdeckte in der vigna Codini u. s. w.)

§. 59.

[Illustration: Fig. 52. Grundriss des Palastes zu Salona.]

Schon unter _Hadrian_ macht sich ein Eklekticismus der Bauformen

bemerklich, der am Schlusse der Kaiserzeit, besonders im Oriente,

immer mehr um sich greift, und die Einheit der antiken Architektur

gänzlich zerstört. Grösse der Anlage, ein kühner Gebrauch der Bogen,

ein malerischer Wechsel in der Gliederung lässt sich den Bauwerken

nicht absprechen, aber auch die sinkende Technik und die geistlose

Trockenheit in der Profilirung nicht abstreiten. Die Ruinen von

Baalbek und Palmyra (Heliopolis und Tadmor) sind im Oriente die

besten Beispiele dieser üppig überladenen, in ausschweifenden Linien

sich gefallenden Bauweise; im Occidente lernen wir das Absterben der

Architektur besonders deutlich am Schlosse _Diokletians_ zu Salona oder

Spalatro kennen (Fig. 52), welches einem Kriegslager nachgebildet,

selbst wieder den Palastbauten des ersten christlichen Jahrtausends zum

Vorbilde diente. Eine breite Strasse, von Portiken umgeben, durchkreuzt

den Vorbau, welcher die Wohnungen des Gefolges in sich schloss.

Jenseits der Querstrasse zu beiden Seiten des Portikus lagen Tempel;

am Ende der Hauptstrasse _a_ erschloss sich das Vestibulum (_c_),

hinter welchem erst die eigentliche Wohnung des Kaisers, leider aber

am schlechtesten erhalten, sich erhob. Von der Rohheit der Profilirung

mag Fig. 53 überzeugen, ebenso wie die Ansicht des Hauptthores (_porta

aurea_) über die Barbarei der Bauformen belehrt. Die Säulen, die auf

schwachen Consolen stehen und kurze, über Fenstern und Nischen gewölbte

Bogen tragen, sind aus Hauptträgern des Baues eine blosse Dekoration

geworden.

[Illustration: Fig. 53. Gesimsprofil von Salona.]

§. 60.

Die üppige Genusssucht der Römer begnügte sich nicht mit dem Sammeln

griechischer Kunstwerke, sondern ging auch an die Reproduktion

derselben. Von ihrer Massenhaftigkeit kann man sich nur annähernd

einen Begriff machen, wenn man die Summe der vorhandenen Werke zieht

und zu derselben die viel grössere Summe des Verlorenen und Zerstörten

hinzufügt. Der grösste Theil der erhaltenen Antiken hat nur das

Vorbild in Griechenland, die Ausführung selbst fällt in die römische

Zeit, welche bis auf _Nero_ wenigstens die überlieferte virtuose

Technik und die dramatisch wirkungsvolle Darstellung festzuhalten

verstand. Werke, wie die Kolosse auf dem Monte Cavallo, der %Apollon

vom Belvedere% (Fig. 54), die ihm in der Bildung verwandte Diana

zu Versailles, zahlreiche Venusstatuen u. s. w. mögen den Beweis

von der verhältnissmässigen Höhe der römischen Kunst liefern. Auch

selbständigere Werke, wie die Personifikation von Flüssen (Nil,

Tiber) athmen einen frischen Geist, und die Kindergruppen, die sich

um den gewaltigen Nilstrom beschäftigen, zeigen eine Fülle reizender

Motive. Da aber doch die Mehrzahl der Werke mehr oder weniger frei

behandelte Kopien nach älteren Meistern sind, kann die Kärglichkeit

in der Angabe von Künstlernamen nicht auffallen. Es werden namentlich

angeführt: _Decius_, der eine Kolossalbüste auf dem Kapitole fertigte

(697. s. E. R.); _Arkesilaos_, von Cäsar beschäftigt; _Pasiteles_

aus Grossgriechenland, ein Zeitgenosse des Pompejus, und seine

Nachfolger: _Stephanos_ und _Menelaos_, von welchem die berühmte

Gruppe des Orestes und der Elektra in der Villa Ludovisi stammt,

die meisten dieser Künstler theils durch ihre Werke, theils durch

Anekdoten als Naturalisten charakterisirt; _Dioskorides_, der berühmte

Gemmenschneider unter _Augustus_ (nächst den Cameen der Ptolemäer sind

jene aus der ersten Kaiserzeit, z. B. die _gemma augustea_ in Wien

u. a. am höchsten geschätzt); _Zenodorus_, der Schöpfer des grössten

Erzkolosses (_Nero_) im Alterthum u. a.

[Illustration: Fig. 54. Apollo vom Belvedere.]

Specifisch römisch sind die zahlreichen Porträtskulpturen und die

historischen Reliefbilder an den öffentlichen Denkmälern. Von den

ersteren besitzen selbstverständlich die Bildnisse aus der Zeit des

_Augustus_ und seiner nächsten Nachfolger die grösste Vollendung,

(Statuen der Agrippina, Livia), besonders in den Köpfen, weniger in der

überkünstlichen Draperie und den durchscheinenden Gewändern; aus der

späteren Zeit ragen das Musterbild einer Reiterstatue: _Marc Aurel_ und

die Idealporträte des _Antinous_, das letzte Produkt der selbständigen

antiken Phantasie hervor.

Die technische Eigenthümlichkeit der historischen Reliefs wurde bereits

oben angeführt, ihr künstlerischer Werth ist je nach ihrer frühen oder

späteren Entstehung verschieden. Die Bildwerke am Titusbogen zeigen

bei handwerksmässiger Ausführung noch viel Erfindungsgeist und klaren

Formensinn; bei dem Reliefband, welches sich um die dem Trajanus 114

errichtete Säule herumschlingt und in 2500 Figuren die Kriegsgeschichte

des Kaisers enthält, beginnt bereits das malerische Princip den

echten Reliefstyl zu verdrängen. Diese Anordnung der Figuren über und

hintereinander tritt dann noch viel stärker an der Säule _Marc Aurels_

und am Triumphbogen des _Septimius Severus_ hervor. Bemerkenswerth

bleibt aber die historische Treue der Darstellung; glücklich und den

Geist der römischen Kunst bezeichnend sind alle Barbarenbildungen.

Unter _Constantin_ geht die bildende Kunst der Römer wieder auf ihre

Anfänge zurück und kann sich nur durch die Beraubung älterer Monumente

ernähren. Was sie selbständig schafft (Triumphbogen des _Constantin_,

soweit er nicht aus den Resten des trajanischen besteht), hat selbst

die äussere Aehnlichkeit mit den antiken Schöpfungen verloren.

Seit dem Zeitalter der Antonine werden auch die Sarkophagreliefs

zahlreich. Für die Geschichte der antiken Ideenwelt, wie die

Trostlosigkeit und schmerzliche Sehnsucht hereinbricht und die Ahnungen

der Unsterblichkeit immer mächtiger anschwellen, dann auch für die

Stofflehre, da sie nicht selten ältere Bilder wiederholen, sind die

römischen Sarkophage von grosser Wichtigkeit; auf formelle Vollendung

aber machen sie, meist fabrikmässig gearbeitet und von Handwerkern

ausgehend, nicht den geringsten Anspruch. Luna und Endymion, die

Entführung der Kora, Amor und Psyche, Orestes Schicksale, Niobe,

Phädra und Hippolyt, Prometheus bilden den gewöhnlichen, symbolisch

bedeutsamen Gegenstand der Darstellung.

§. 61.

Verhältnissmässig frühe und theilweise von heimischen Kräften wird die

Malerei bei den Römern betrieben. Neben den Griechen _Theodotos_ und

_Demetrios_ und dem Halbgriechen _Pacuvius_ stossen wir, und zwar im

3. Jahrhundert v. Chr., auf _Fabius Pictor_, welcher den Tempel der

Salus mit Bildern schmückte, und erfahren weiter von der praktischen

Bedeutung der Malerei im römischen Volksleben, insofern sie bei

den Triumphzügen mit benützt wurde, in lebendigen Zügen Zeugniss

abzulegen von der Heldenkraft und der politischen Macht Roms. Seit

Mummius Zeiten wurden die Römer auch mit griechischen Malerwerken

bekannt, und der griechische Styl wie in allen übrigen Kunstgattungen

hier heimisch; doch sank das äussere Ansehen der Kunst und galt die

Beschäftigung mit der Malerei keineswegs für besonders ehrenvoll. In

_Cäsars_ Zeitalter sind _Timomachus_ aus Byzanz (Ajax, Medea, Orestes

und Iphigenia), _Dionysios_, _Arellius_ und die Porträtmalerin _Lala_

die uns bekannten Träger der Malerei; in der älteren Imperatorenzeit

_Ludius_, _Fabullus_ (der Maler des goldenen Hauses), _Ascius

Priscus_ (der Maler des Tempels des Honos und der Virtus) u. v. A.;

im zweiten Jahrhundert n. Chr. _Aetion_ (_Alexander_ und _Roxane_

mit _Eroten_), _Eumelos_, _Aristodemos_; noch später _Hilarius_ aus

Bithynien. An diese äussere Künstlergeschichte, ärmlich wie sie ist,

reihen sich noch ärmlichere Nachrichten über die innere Entwicklung.

Der Dekorationsstyl erscheint vorherrschend, die historische Malerei

neben der Zimmermalerei -- nur dass die letztere unendlich hoch über

der modernen gleichnamigen Kunstgattung steht -- unbedeutend; über

das Haschen nach recht auffälligen Effekten, über das Streben nach

drastischen Wirkungen wird schon von gleichzeitigen Schriftstellern

geklagt. Dass das architektonische Stylgefühl bei dem Anblicke der

leichten luftigen Architekturmalerei, welche die Säulen schilfrohrartig

in die Höhe führt, das Gebälke durch zierlich geschlungene Gewinde

ersetzt, alle Glieder spielend behandelt, vielfach verletzt werden

konnte und hie und da eine barocke Auffassung durchscheint, muss

wohl zugegeben werden, ohne dass jedoch das Verdammungsurtheil des

pedantischen Vitruv über die Skenographie gerechtfertigt werden soll.

Dies verwehrt die Betrachtung der pompejanischen Zimmerdekoration,

deren Studium überhaupt für die Erkenntniss der antiken Malerei von

der grössten Wichtigkeit ist. Rom selbst bewahrt im Vergleiche zu den

in Pompeji und Herkulanum ausgegrabenen (und theilweise im Museum

zu Neapel aufgestellten) Monumenten nur unbedeutende Reste, da die

Wandgemälde in den Thermen des _Titus_, in der Pyramide des _Cestius_

u. a. beinahe völlig erloschen sind. Das Hauptwerk bleibt noch immer

hier die sogen. Aldobrandinische Hochzeit (_Dionysos_ Vermählung

mit _Kora_) in der vatikanischen Bibliothek, eine mittelmässige

Reproduktion eines überaus fein und geistreich gedachten Werkes, woran

sich sodann zahlreiche Fragmente von Mosaikfussboden (Tauben des

_Sosus_ im kapitolinischen Museum, das Asaraton des _Heraklitos_ im

lateranischen Museum, die Landschaft mit dem Löwen in der vatikanischen

Bibliothek u. a.) reihen. Dagegen ist die Fülle der pompejanischen

Bildwerke wahrlich unübersehbar, und ein unsterbliches Zeugniss von der

Tiefe und dem Reichthum der antiken Phantasie, welche noch in späten

Zeiten, in einer wenig bedeutenden Provinzialstadt so kräftig lebte, um

selbst den Produkten eigentlich nur handwerksmässig gebildeter Geister

einen mannigfachen künstlerischen Reiz zu sichern. Die allgemeine

Anordnung zeigt über dem Sockel das in kräftigen Farben: Roth, Gelb,

Blau, Schwarz gemalte Hauptfeld, welches durch die schon oben erwähnte

arabeskenartig behandelte Architektur belebt wird und in der Mitte

einen Raum für die eigentlichen Gemälde lässt. Eigenthümlich ist, dass

häufig die unteren Flächen lichter gefärbt sind als die oberen, selten

eine dominirende Farbe (Casa di Nerone) vorkommt, und auch das reine

Schwarz als Grundfarbe gebraucht wird. Die Wandgemälde selbst umfassen

alle Gattungen der Malerei, und haben mythologische Scenen (Diana und

Aktäon in der Casa di Atteone, Achill und Briseis, Mars und Venus u. a.

im Museum zu Neapel), Schilderungen des Alltagslebens (knöchelspielende

Mädchen; Wer kauft Liebesgötter?), landschaftliche und architektonische

Ansichten zum Gegenstande. Bei der Beurtheilung derselben darf man

ihren dekorativen Charakter nicht ausser Acht lassen. So erklärt sich

die Malerei der Landschaften im durchgehenden grünen und braunen

Tone, der mit Rücksicht auf den Farbenton der gesammten Wandfläche

gewählt ist, das geringe Eingehen in die Detailschilderung, die bloss

andeutende Angabe des Hintergrundes. Eigentliche Coloritwirkungen

im modernen Sinne wurden nicht angestrebt, auch die Perspektive hat

eine elementare Beschaffenheit, die entfernteren Figuren erscheinen

wie auf erhöhtem Plane, die einzelnen Gestalten werden gern

auseinandergehalten, Einzelfiguren und kleinere Gruppen gelingen

am besten (Tänzerinnen, Amorinen, tanzende Satyren, Niobiden). Die

Fähigkeit reicher malerischer Gruppirung darf jedoch der antiken

Kunst desshalb nicht abgesprochen werden. Ihre hohe Begabung auch in

dieser Hinsicht beweist das 1831 in der Casa del fauno ausgegrabene

Mosaikbild: die Alexanderschlacht, welches mit Recht den berühmtesten

historischen Compositionen der neueren Zeit zur Seite gestellt wird,

bei geringen malerischen Mitteln (weisser Hintergrund) die höchste

dramatische Kunst entwickelt, und die Grenzen des Reliefstyles,

innerhalb welcher man die Malereien des Alterthumes gewöhnlich bannte,

weit überschreitet.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 12 / 33 题